E-Book, Deutsch, 388 Seiten
Faber Aubrine: Erhebe deine Stimme
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95869-329-6
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 388 Seiten
ISBN: 978-3-95869-329-6
Verlag: Amrun Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ingrid Pointecker, geboren 1986, schreibt seit ihrem 10. Lebensjahr. Die ursprünglich aus Oberösterreich stammende Autorin lebt und schreibt in ihrer Wahlheimat Wien. Die Autorin, Verlegerin und Sprachwissenschaftlerin begeistert sich für Geschichte, Geschichten und das Leben zwischen vielen Büchern. Inspiriert wird sie dabei von Musik, einem sehr lustigen Freundeskreis und einer tollpatschigen Katze. Seit Ende 2015 schreibt sie nicht mehr unter ihrem bürgerlichen Namen Geschichten, sondern auch unter dem offenen Pseudonym Mia Faber.
Autoren/Hrsg.
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3: FREMDER
»Erdenzeit 8:15«, schnarrte die Computerstimme.
Aubrine öffnete die Augen. Sie konnte die Decke eines Raums sehen, der sich deutlich von dem unterschied, in dem sie das Bewusstsein verloren hatte. Sie saß in einem weichen Polstersessel, nicht gefesselt und mit einer Decke zugedeckt, die aus zerrissenen Wollfetzen bestand. Aubrine runzelte die Stirn und stellte fest, dass ihr jemand eine Art kalten Sack auf den Kopf gelegt hatte. Das Gefühl war durchaus angenehm und vertrieb die stechenden Kopfschmerzen, die sie zuvor noch gespürt hatte. Sie nahm sich vor, es sich nicht zur Gewohnheit zu machen, ständig das Bewusstsein zu verlieren.
Desorientiert blickte Aubrine sich in dem seltsamen Zimmer um, das wie ein Büroraum aus einem Museum wirkte, als sie hinter sich das Schnarren einer weiteren Computerstimme hörte.
»Guten Morgen, ich hoffe, es geht Ihnen gut«, sagte die verzerrte Stimme mit starkem russischen Akzent.
Erschrocken zuckte Aubrine in ihrem Sessel zusammen und sah in die Richtung, aus der die Stimme kam.
Sie blickte in die dunklen Augen eines sehr jungen Mannes, der auf einem Schemel hinter ihr saß. Was ihr allerdings das Blut in den Adern gefrieren ließ, waren weder die zerschlissene Kleidung des Mannes noch sein seltsam bunter Irokesenhaarschnitt, sondern der Anblick seines Gesichts. Über der unteren Hälfte lag eine Metallvorrichtung, die aussah, als wäre sie mit der umliegenden Haut verwachsen. Dort, wo eigentlich der Mund sein sollte, blinkten rote und gelbe Lichter, wenn der Mann sprach.
»Keine Angst, ich tue Ihnen nichts«, sprach der Mann und hob entwaffnend seine Hände. Während Aubrine den Mann mit der seltsamen Frisur unverhohlen anstarrte, erhob sich dieser und machte einen vorsichtigen Schritt auf Aubrine zu, die instinktiv immer tiefer in der Polsterung ihrer Sitzgelegenheit zu verschwinden versuchte.
»Mein Name ist Alex«, sagte der junge Mann und streckte ihr seine rechte Hand entgegen. An seinen Augen konnte Aubrine sehen, dass er lächelte.
Sie fasste sich ein Herz, packte seine Hand und nickte ihm zu. Sie konnte nicht sprechen und musste immerzu daran denken, ob ihr Gesicht wohl genauso schlimm aussah wie das ihres Gegenübers. Alex schüttelte ihre Hand mit festem Händedruck.
»Bewegen Sie sich nicht zu viel, Sie müssen große Schmerzen haben. Ich arbeite schon daran, dass auch Sie bald wieder sprechen können. Leider ist das aufgrund mangelnder Werkzeuge nicht so einfach.«
Alex setzte sich wieder auf seinen Schemel und nahm einen kleinen Schraubenzieher in die Hand. Er begann, sich an einem kleinen metallischen Konstrukt zu schaffen zu machen, an dem zwei Lichter abwechselnd blinkten. Aubrine, die versuchte, ihre hektisch kreisenden Gedanken zu ordnen, erkannte zumindest, dass es sich bei dem Ding, an dem Alex arbeitete, vielleicht um eine ähnliche Konstruktion handelte, wie sie sich auch in seinem Gesicht befand.
Alex blickte kurz von seiner Arbeit auf und sah Aubrine forschend an, die mit vor Schreck geweiteten Augen noch immer vor ihm saß.
»Ich weiß, es ist verwirrend, kurz nach dem Aufwachen. Aber die Erinnerungen kommen wieder. An manchen Tagen gute, an anderen schlechte, aber sie kommen wieder.«
Trotz ihrer Angst fiel Aubrine auf, dass die Hände des jungen Mannes zitterten, als er sich wieder seiner Arbeit widmete. Alex vermied es, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, und Aubrine fragte sich, was ihm wohl widerfahren war. Zum ersten Mal, seit sich in den letzten wachen Momenten Schrecken und Angst abgewechselt hatten, erlaubte sie sich, die Augen freiwillig zu schließen und tief durchzuatmen. Doch der Versuch eines tiefen Atemzugs erinnerte sie auf grausame Art und Weise an das, was mit ihrem Gesicht nicht in Ordnung war. Das Einatmen fiel ihr schwer. Fast schien es ihr, als wäre es so gewollt. Ganz so, als hätte man bei der Erfindung dieses Dings penibel darauf geachtet, dass sein Besitzer zwar Luft bekam, aber gerade so viel, dass es zum Überleben reichte.
Aubrine öffnete die Augen wieder. Alex arbeitete noch immer konzentriert an den kleinen mechanischen Teilen, die vor ihm lagen. Allerdings hatten seine Hände aufgehört zu zittern.
Außer den beiden Sitzgelegenheiten gab es in dem Raum noch Regale an den Wänden, die leer waren, und etwas, das einmal ein Schreibtisch gewesen sein mochte. Mit einem weiteren Blick konnte Aubrine den Grund für den erbarmungswürdigen Zustand des Möbelstücks feststellen. In der Ecke des Raumes loderte ein kleines Feuer auf dem Boden, das schwarze Rauchringe zur Decke schickte. Der Anblick des Feuers weckte eine Erinnerung in Aubrine, die sie kurz zusammenzucken ließ. Sie konnte dieses Gedankenbild nicht klar fassen, dennoch hatte sie das Gefühl, dass sie die lodernden Flammen mit etwas Negativem verband.
»Wenigstens ist es hier warm, Sicherheit hin oder her«, merkte Alex an, als er ihren Blick in Richtung des kleinen Lagerfeuers bemerkt hatte. Aubrine runzelte die Stirn.
»Ach stimmt, Sie erinnern sich ja nicht. Wissen Sie denn, wo Sie sind?«
Aubrine schüttelte den Kopf, mehr und mehr davon genervt, dass er sie siezte, ohne den genauen Grund für ihre Aufregung darüber fassen zu können.
»Wir sind auf dem Mond, Station 23 C. Herzlich willkommen!«
Die theatralische Geste, die Alex bei dieser Aussage vollführte, gepaart mit seinem schweren Akzent, hätten Aubrine in einer weniger seltsamen Situation wahrscheinlich zum Lachen gebracht. Nun aber begannen Erinnerungsfetzen auf ihren müden Geist einzustürmen wie wahre Sturzbäche.
Sie konnte eine Straße sehen, eine breite schmutzige Straße und eine große Menge schmutziger Menschen, die sie aus neugierigen Augen anstarrten wie ein Insekt, das sich in die Küche eines Nobelrestaurants verirrt hatte. Sie kamen auf sie zu und Aubrine hielt ihre Arme schützend vor ihr Gesicht. Sie konnte eine Stimme hören, die ihren Namen rief, eine vertraute Stimme. Doch sie konnte nur ihre Arme ansehen, die in so viel sauberer Kleidung steckten, als jene es war, die die Menschen um sie herum trugen.
»Hey, alles in Ordnung?«
Das Bild verblasste und machte dem jungen Mann mit dem Irokesenhaarschnitt Platz, der vor ihrem Gesicht mit den Fingern schnippte.
»Sie erinnern sich, nicht wahr?«
Aubrine brachte ein Nicken zustande und setzte sich aufrecht in den Sessel. Alex hielt ihr das blinkende Konstrukt vor die Nase, an dem er gearbeitet hatte.
»Ich weiß nicht, ob es sofort funktioniert. Mir fehlen einige Ersatzteile. Aber einen Versuch ist es wert. Keine Angst, es tut nicht weh.«
Aubrine beobachtete, wie sich Alex an ihrem Gesicht zu schaffen machte. Die Schmerzen in ihrem Kiefer ließen nach, sobald es ihr gelang, ihre Muskeln zu entspannen. Mit einem kleinen Werkzeug hantierte Alex an dem Gegenstand, der ihre untere Gesichtspartie bedeckte. Sie nutzte die Gelegenheit, um ihr Gegenüber und die Maske in seinem Gesicht näher unter die Lupe zu nehmen. Er konnte kaum älter als zwanzig Jahre sein und seine Augen leuchteten in hellem Blau. Aubrine konnte allerdings nicht genau sagen, wie alt er wohl sein mochte. In diesem Moment bemerkte sie zum ersten Mal, was für ein wichtiger Teil der Mund eines Menschen war, um einen Gesamteindruck von seinem Gesicht zu bekommen. Instinktiv versuchte Aubrine zu seufzen und die Anspannung ihrer Gesichtsmuskeln jagte einen unangenehmen Stich durch ihren Unterkiefer.
»Nicht bewegen. Ich glaube, Sie haben die Maske noch nicht lange. Es dauert eine ganze Weile, bis die Narben heilen. Dann spüren Sie sie kaum noch.«
Wut flackerte in Aubrines Augen, als sie versuchte, den Worten ihres Gegenübers keinen Glauben zu schenken. Sie wollte diese Maske nicht akzeptieren, dieses Konstrukt nicht behalten. Sie verstand auch nicht, was für einen Sinn dieses Ding in ihrem Gesicht haben sollte.
»Das kleine Gerät, das ich anbringe, zeichnet minimale Bewegungen von Gesicht und Lippen auf und übersetzt diese Bewegungen in gesprochene Sprache. Eigentlich wurde es ursprünglich mit Zungenbewegungen gesteuert, aber na ja ...«
Alex verstummte und Tränen stiegen in Aubrines Augen. Selbst wenn sie die Maske loswerden könnte, wäre sie nicht mehr fähig, normal zu sprechen. Sie hatte längst bemerkt, dass man ihr die Zunge geraubt hatte. Und wenn ihre eigene Maske so befestigt war wie die von Alex, würde ihr Gesicht wahrscheinlich entstellt bleiben, wenn diese fort war.
»So, jetzt versuchen Sie einmal, vorsichtig zu sprechen.«
Alex legte seine Werkzeuge zur Seite und sah Aubrine mit erwartungsvollem Blick an.
»Hallo?«
Aubrine erschrak, als sie die zwar weibliche, allerdings verzerrte Computerstimme hörte, mit der sie nun sprechen musste. Alex hingegen verfiel in helle Begeisterung.
»Es funktioniert!« Er klopfte ihr auf die Schulter und strahlte sie mit den unschuldigen Augen eines Kindes an, das gerade ein Geschenk bekommen hat. »Es funktioniert!«
Trotz ihres vorherigen Zorns musste Aubrine bei diesem Anblick lächeln oder versuchte es zumindest. Alex freute sich wirklich und angesichts der seltsamen Umstände, in denen sich die beiden befanden, gab es auf dieser Station allem Anschein nach nur äußerst selten Grund zur Freude.
»Warum sind wir hier?«, brachte Aubrine mit ihrer neuen Sprechstimme heraus.
Sie konnte sehen, wie die Freude in Alex’ Augen erstarb wie ein Feuer im Regen. Er setzte sich wieder auf seinen Schemel und schien nach den richtigen Worten zu suchen.
»Das ist eine lange Geschichte, und zwar keine sehr angenehme. Zumindest, falls Sie aus ähnlichen Gründen hergekommen sind wie alle anderen hier.«
»Andere? Wir sind hier nicht allein?«
Alex holte tief Luft und warf einen Blick zur Decke....




