E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Fagan / Durrani Klima. Mensch. Geschichte.
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-440-50665-3
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Für die Zukunft von unseren Vorfahren lernen
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-440-50665-3
Verlag: Kosmos
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sämtliche Zivilisationen in der Geschichte litten unter Klimainstabilitäten. Für einige der mächtigsten Hochkulturen bedeuteten sie sogar den Untergang. Was können wir daraus lernen? Meteorologie und Archäologie können heute sowohl die Klimageschichte als auch die Reaktionen der Menschen darauf im Detail nachzeichnen. Die Lektion ist klar: Die vorausschauend planenden Gesellschaften hatten die größten Überlebenschancen. Dieses Buch zeigt eindrucksvoll, wie unsere Vorfahren mit chaotischem Klima zurechtkamen und welche Strategien wir daraus ableiten können, um im Kampf für eine bessere und sichere Zukunft zu bestehen.
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VORWORT
Nekhen, Oberägypten, ca. 2180 v. Chr. Anchtifi war ein sehr mächtiger Mann in einem von Zwist und Hunger geplagten Ägypten. Er war ein Nomarch, der höchste Beamte eines Verwaltungsbezirks (Gau), und somit zumindest theoretisch ein Untergebener des Pharaos, de facto jedoch einer der einflussreichsten Männer des Staates. Schritt er in feierlicher Prozession zum Tempel des Sonnengottes Amun, umgaben ihn schwer bewaffnete Leibwächter. Dabei war er ganz in Weiß gekleidet, trug eine perfekt frisierte Perücke und Ketten aus Halbedelsteinen um seinen Hals. Im hellen Sonnenlicht schaute der Staatsmann weder nach links noch nach rechts. Dabei schien er die Menschenmassen zu ignorieren, die sich entlang des Weges versammelt hatten. Er trug seinen langen Amtsstab und die zeremonielle Keule (Streitkolben) in Händen sowie einen reich verzierten, geknüpften Gürtel um die Taille. Unaufhörlich ließen die ihn begleitenden Wachen ihre Blicke nach vorn und nach hinten schweifen, stets auf der Hut vor Speeren und Messern. Die Menschen hatten leere Mägen, denn die Lebensmittelrationen, die sie bekamen, waren äußerst dürftig. Diebstahl und andere kleine Gewalttaten nahmen zu. Ein Horn ertönte, als der mächtige Mann den Tempel mit dem dunklen Schrein betrat, in dem der Sonnengott ihn bereits erwartete. Stille kehrte ein, als der Nomarch Amun seine Opfergaben darbrachte und für eine gute Überschwemmung betete, um die Not der letzten Jahre zu mildern.
So war es schon seit vielen Generationen, länger als viele Bauern dieser Region sich erinnern konnten. Unten am Nilufer hatten Priester den Fluss seit Tagen beobachtet und seinen Pegel an den Stufen des Flussufers markiert. Einige von ihnen waren der Verzweiflung nahe, denn sie erkannten, dass die Flut zurückging. Doch sie blieben voller Hoffnung, denn sie glaubten daran, dass die Götter den Fluss und die Fluten lenkten, die ihn flussaufwärts nährten. Anchtifi war ein starker, geradliniger Mann, der seinen Verwaltungsbezirk mit eiserner Hand führte. Er rationierte die Nahrungsmittel, überwachte die Bewegungen der Menschen und schloss die Grenzen zu seinem Gau – dies alles jedoch mit der tief im Herzen verwurzelten Überzeugung, dass sie alle der Gnade der Götter ausgeliefert waren. Schließlich war es schon immer so gewesen.
Gemeinsam mit seinen Zeitgenossen lebte Anchtifi in einer ägyptischen Welt, die vom Nil beherrscht wurde. Es war ein Leben in unruhigen Zeiten, in denen die erhofften Überschwemmungen oft gering und die Hungersnöte groß waren – nicht wesentlich anders, als wir es heute erleben. Die Klimaherausforderungen, denen wir uns gegenwärtig stellen müssen, sind global und von noch nie da gewesenem Ausmaß. Unzählige Menschen, von Politikern über religiöse Führer bis hin zu Aktivisten und Wissenschaftlern, verkünden, dass die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel steht. Viele Experten ermahnen uns, dass wir noch immer eine Chance haben, um unseren Kurs zu korrigieren und das mögliche Aussterben zu verhindern. Obwohl dem tatsächlich so ist, haben wir dennoch das gewaltige Erbe weitgehend vergessen, das wir Menschen im Zusammenhang mit dem Klimawandel angetreten haben.
In weiten Kreisen herrscht die Überzeugung, dass die menschlichen Erfahrungen mit den Klimaveränderungen der Vorzeit für die heutige industrialisierte Welt irrelevant seien. Doch nichts könnte weniger der Wahrheit entsprechen. Sicher können wir die Lehren der Vergangenheit nicht direkt auf unser Leben heute übertragen. Dank jahrelanger archäologischer Forschung haben wir aber mehr über uns selbst als Individuum und als Gesellschaft gelernt. Zudem ist unser Wissen über die Anpassung an Klimaveränderungen über lange Zeiträume hinweg deutlich gewachsen.
Erschreckenderweise schreitet unsere vielfältige Abhängigkeit von fossilen Energieträgern (Kohle, Erdöl, Erdgas), bei deren Verbrennung Kohlenstoffdioxid (CO2) entsteht, praktisch unvermindert fort. Ein niederschmetternder Beweis für die Bedrohung, die der vom Menschen gemachte Klimawandel ist, sind beispielsweise die katastrophalen Waldbrände, die im Jahr 2020 den amerikanischen Westen heimsuchten. Anhaltende globale Erwärmung, immer häufiger auftretende Wirbelstürme und andere Extremwetterereignisse, der steigende Meeresspiegel, beispiellose Dürren und rekordverdächtige Temperaturen: Die Liste der Bedrohungen scheint nicht enden zu wollen. Eine außerordentlich hohe Anzahl wissenschaftlicher Studien hat mittlerweile zweifelsfrei bewiesen, dass wir Menschen den hohen CO2-Gehalt in der Atmosphäre verursachen.
Ungeachtet dessen haben sich Heerscharen von Klimaleugnern zusammengefunden. Häufig verteidigen sie genau jene Industrien, die sie finanzieren und die verkünden, dass die globale Erwärmung, der Anstieg des Meeresspiegels sowie die immer häufiger auftretenden Extremwetterereignisse Teil eines natürlichen Kreislaufs sind. Diese „Skeptiker“ geben viel Geld für aufwendige Desinformationskampagnen aus und machen selbst vor jenen Verschwörungstheorien nicht halt, die die Wissenschaft in Misskredit bringen. Sie sind derart überzeugend, dass ein erheblicher Prozentsatz der Erdbevölkerung glaubt, sie sprächen die Wahrheit. Doch auf welcher Grundlage beruhen ihre Schlussfolgerungen? Wir wollen uns hier mit den bahnbrechenden Wissensfortschritten befassen, mit denen der Mensch dem Klimawandel in den vergangenen 30 000 Jahren begegnet ist. Wie sind die Menschen mit den Unwägbarkeiten des Wetters und des Klimas umgegangen? Welche ihrer Maßnahmen waren erfolgreich und welche sind gescheitert? Welche Lehren können wir aus ihren Entscheidungen für unser Leben ziehen, um daraus für unsere eigene Zukunft zu lernen? Die Behauptungen der Klimaleugner haben in diesen Diskussionen keinen Platz.
Noch vor einem Vierteljahrhundert wäre es unmöglich gewesen, diese Geschichte zu erzählen. Unter allen historischen Wissenschaften ist die Archäologie einzigartig in ihrer Fähigkeit, die Entwicklung und den Wandel menschlicher Gesellschaften über extrem lange Zeiträume hinweg zu erforschen. Denn die historische Perspektive der Archäologen reicht viel weiter zurück als bis zur Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten oder zum Römischen Reich. Die rund 5100 Jahre unserer Geschichtsschreibung sind nicht mehr als ein Wimpernschlag im Vergleich zu den 6 Millionen Jahren menschlicher Erfahrung. Auf den folgenden Seiten werden wir unser historisches Teleskop auf den Menschen und den Klimawandel innerhalb eines ganz bestimmten Abschnitts dieser langen Chronik richten: auf die letzten 30 000 Jahre, vom Höhepunkt der Letzten Eiszeit bis zur Neuzeit – eine Periode bemerkenswerter Wandlung in der menschlichen Gesellschaft. Ebenso einschneidende wie auch revolutionäre Erkenntnisse über den Klimawandel der Vorzeit verdanken wir der Paläoklimatologie. Sie untersucht und rekonstruiert historische Klimaverhältnisse anhand von Messungen, Analysen und sogenannten Proxiedaten aus Klimaarchiven wie Eisbohrkernen und Baumringen. Ein Großteil der aktuellen Forschung ist hoch spezialisiert, auf dem neuesten Stand der Technik und äußerst rasant voranschreitend. Im Wochentakt erscheinen neue bedeutende Studien. Hier den Überblick zu behalten und alle neuen Informationen zu bewältigen, ist ein gewaltiges Unterfangen, das nur wenige Laien anspricht. Anstatt unsere Geschichte im Morast wissenschaftlicher Einzelheiten versinken zu lassen, haben wir daher ein Prolegomenon – eine Art Vorrede – zur Klimatologie geschrieben, das die Seiten 27 bis 44 umfasst. In dieser Vorrede geben wir einen Überblick über die wichtigsten Klimaphänomene (z. B. den El Niño und die Nordatlantische Oszillation), sowie die am häufigsten verwendeten Methoden zur Erforschung des Klimas der Vorzeit. Wir halten eine vorangestellte Erörterung dieser Themen für sinnvoll, damit wir nicht von der Kernaussage unserer Schilderung abkommen, die in erster Linie archäologisch und historisch begründet ist.
Erst jetzt können wir Archäologen und Historiker damit beginnen, die Geschichte des Klimawandels der Vorzeit zu erzählen. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Anpassungsstrategien unserer Vorfahren an lang- und kurzzeitige Klimaveränderungen von unmittelbarer Bedeutung für die heutige, vom Menschen verursachte (anthropogene) globale Erwärmung sind. Warum? Weil wir aus den Lektionen der Vergangenheit lernen können: Wie haben unsere Vorfahren die schwierigen Lebensbedingungen bewältigt, die der Klimawandel mit sich brachte, oder warum sind sie gescheitert? Wie der US-amerikanische Astrophysiker Carl Sagan schon 1980 sagte: „Man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen.“
KLIMA. MENSCH. GESCHICHTE. stützt sich nicht nur auf die neuesten Erkenntnisse aus der Paläoklimatologie, sondern ebenfalls auf die sehr innovative, weit gefächerte Forschungsliteratur der Geistes- und Humanwissenschaften, darunter die Anthropologie, Archäologie, Ökologie und Umweltgeschichte. Wir bringen in diesem Buch auch Beiträge ans Tageslicht, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihr Dasein im Verborgenen von Fachzeitschriften und Universitätsbibliotheken fristeten, denn sie geben tiefe Einblicke in den Zusammenhang zwischen menschlichem Verhalten und Klimaverhältnissen der Vorzeit. Wir haben diese Archive durchforstet, um die Reaktionen des Menschen auf die Extremwetterereignisse der Vergangenheit lebendig werden zu lassen.
EINE 30 000 JAHRE WÄHRENDE ERZÄHLUNG
Dies ist kein Fachbuch über die Geschichte des Klimas der Vorzeit; es ist die Erzählung darüber, wie sich unsere Vorfahren an die unzähligen kleinen und großen Klimaschwankungen angepasst haben. Die Wissenschaft des Klimawandels bildet den Hintergrund...




