Fagan | Game of Noctis - Spiel um dein Leben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Fagan Game of Noctis - Spiel um dein Leben


25001. Auflage 2025
ISBN: 978-3-646-94003-9
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-646-94003-9
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein rasantes Abenteuer mit einer mutigen, eigenwilligen Heldin, die um ihr Leben spielen muss!  Ein magisches Abenteuer steht Pia bevor. Zusammen mit dem Team der Seefüchse macht sie bei Noctis mit, dem wichtigsten und zugleich gefährlichsten Spiel in ganz Dantessa. Dort müssen Pia und ihre Freunde gegen andere Teams antreten, ohne vorher zu wissen, welche Aufgaben auf sie warten. Werden sie unter Wasser oder über den Dächern der Stadt kämpfen, mit Degen oder vielleicht mit Marshmallows? Auf alles müssen sie sich vorbereiten und entdecken dabei ganz unerwartete Verbündete und auch, wer eigentlich hinter den Spielen von Dantessa steckt - eine wilde Jagd durch die Stadt und ein Kampf Gut gegen Böse beginnt. Spannende Middle Grade-Fantasy für Mädchen und Jungen ab 10 - riesengroßer Lesespaß! Packend erzählt, intelligent und warmherzig!

Deva Fagan ist die Autorin einer ganzen Reihe von Fantasy-Romanen für junge Leser*innen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund in Maine. Wenn sie nicht schreibt, verbringt sie ihre Zeit mit Lesen, Videospielen, Geometrie und viel Tee trinken.
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1


Laut dem Buch der Spiele gab es 8684 offiziell anerkannte Spiele. Das sollte eigentlich ausreichen, vor allem für eine so kleine Insel wie Dantessa, die so winzig war, dass man meinen könnte, sie sei ein Fehler – nur ein Klecks Tinte, der aus der Feder eines besonders schlampigen Kartografen getropft war.

Trotzdem lief ich seit einer Stunde hinter Großvater her, jede nach Schimmel riechende Gasse im Klammen Viertel hoch und wieder runter, über weit mehr als ein Dutzend Brücken, kreuz und quer durch das Labyrinth von Kanälen, die uns als Straßen dienten. Es war schon fast sieben Uhr abends, und wir hatten noch immer nicht die fünf mickrigen Segna gewonnen, die wir brauchten, um uns etwas zum Abendessen zu kaufen.

Eine klapprige Sammlung von Schubkarren und schiefen Tischen stand dicht gedrängt auf dem schmalen Kai. Die über ihnen schwebenden Fischlampen tauchten alles in ein ungesundes grünes Licht. Hier und da leuchteten hellere Flammen von den Feuerschalen auf, an denen Imbissverkäufer geröstete Kastanien in Papiertütchen und rauchige Spieße mit Tintenfisch verkauften. Mein Bauch rumorte bei ihrem Anblick. »Je einen Segna, Liebes«, säuselte mir eine Frau zu, die jede Menge Spieße drehte.

Unwillkürlich schlossen sich meine Finger um den Beutel an meinem Gürtel – um den einzelnen Segna darin.

»Nicht mehr lange, Pia.«

Schuldbewusst riss ich meinen Blick von den Essensständen los. Großvater stand auf der nächsten Brücke und beobachtete mich, die buschigen grauen Augenbrauen wölbten sich über seinen sanften blauen Augen. Ich eilte hinter ihm her, hüpfte über Pfützen auf die wenigen noch trockenen Steinplatten. Nicht ohne Grund wurde dieser Teil der Stadt Klammes Viertel genannt. Wenn die Flut in ein paar Stunden ihren Höchststand erreicht hatte, würde man überall nasse Füße bekommen.

»Ich muss nur ein paar Runden Piepser gegen den Albernen Angelo gewinnen und schon haben wir wieder volle Bäuche«, sagte Großvater aufmunternd. Aber in seinem Lächeln schwang noch mehr mit. Zweifel?

Schnell schob ich den Gedanken beiseite. Seit meiner Geburt kümmerte sich Großvater um mich. Ich liebte ihn mehr als alles andere auf der Welt, und das nicht nur, weil er die einzige Familie war, die ich hatte. Ich liebte ihn, weil er so sehr über seine eigenen Witze lachte, dass er sie nie zu Ende erzählen konnte. Weil er sich immer die Zeit nahm, streunende Katzen und Hunde zu streicheln. Weil er traurige Lieder summte, wenn er fröhlich war, und fröhliche Lieder, wenn er traurig war.

Und weil er Spiele genauso sehr liebte wie ich. Er hatte mir schon früh Schnapp’s-dir beigebracht, bei dem meine stummeligen, weichen Babyfinger nach seinen starken ledrigen Händen griffen. Als ich älter wurde, brachte er mir Piepser, Feuerteufel und Mathemagie bei und all die anderen raffinierteren Spiele. Er zeigte mir, wie viel Spaß es machte, den richtigen Spielzug zu erkennen, wie aufregend es sein konnte, die verschiedenen Möglichkeiten zu entwirren, um den Weg zum Sieg zu finden.

Mein Bauch schlug einen Purzelbaum. »Oder ich spiele«, bot ich an. »Ich bin jetzt auch eine Spielerin.«

Ich streckte meine Hand aus und wackelte mit den Fingern. Knapp über meiner Handfläche leuchtete in der Dunkelheit eine Zahl auf, als wäre sie von einem unsichtbaren Schreiber mit einem in Gold getunkten Pinsel gezeichnet worden.

45

Ich schob mein Kinn vor. Die Zahl zeigte meine Platzierung im Großen Spiel an. Sie lag immer zwischen 1 und 100 – eine hohe Zahl war gut, eine niedrige schlecht. Mehrere Spieler konnten auf demselben Rang landen, die meisten lagen irgendwo in der Mitte, so wie ich. Sollte meine Platzierung jemals auf null fallen, wäre ich keine Spielerin mehr, sondern eine Magd. Ich müsste für eine der großen Spielerfamilien arbeiten, als Haushälterin oder Küchenhilfe. Harte Arbeit, dafür immer noch besser als die Alternative: auf die Gesindeinseln geschickt zu werden. Ich war noch nie dort gewesen, hatte aber schon viele Geschichten gehört: von stundenlanger Arbeit auf den Feldern, von Kälte und Feuchtigkeit.

Aber das Schlimmste daran wäre, nie wieder spielen zu dürfen. Das machte mir am meisten Angst.

Spiele waren mein Leben. Es gab nichts Besseres, als darin einzutauchen, sämtliche Taktiken in meinem Kopf herumwirbeln zu lassen und mich in einem Meer von Strategien zu bewegen wie Delfine im Kielwasser eines schnellen Handelsschiffs. Abgesehen von Großvater war Spielen das Einzige, was ich auf dieser Welt noch liebte. Na gut, vielleicht auch diese Käseknödel, die man in dem winzigen Laden im Maskenviertel kaufen konnte.

Fünfundvierzig war eine wirklich respektable Platzierung, vor allem wenn man bedachte, dass ich erst seit meinem zwölften Geburtstag vor einem halben Jahr dabei war. Und die Zahl könnte noch höher sein, wenn Großvater mich öfter spielen ließe. Ich war gut – ich kannte meinen Wert und war stolz darauf. Auch Großvater wusste, wo ich stand. »Ich kann es schaffen«, sagte ich. »Ich möchte helfen.«

Einen Moment lang wurde seine Miene sanft. »Du bist ein liebes Mädchen, Pia. Und eine kluge Spielerin. Aber das hier unterliegt meiner Verantwortung. Du bist erst zwölf.« Er griff nach meiner noch immer ausgestreckten Hand, schloss sie behutsam und verbannte damit die schimmernde Zahl. Dann setzte er seinen Weg fort, über die Brücke auf einen dreieckigen Platz zu, der von Teegeschäften und Spielklubs gesäumt war.

Während ich ihm folgte, suchte ich nach einem Argument, mit dem ich ihn vom Gegenteil überzeugen konnte. Die Plakate an den Hauswänden halfen mir dabei. »Ich bin alt genug, um Noctis zu spielen«, sagte ich und zeigte auf die Aushänge.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete Großvater die hellblaue Meerjungfrau auf einem der Plakate. Die aufwendige silberne Schrift darüber verkündete den Teamnamen: die Sirenen. Und es gab noch andere Motive: einen springenden Delfin, einen stolzen Sturmadler. Die Bekanntmachungen waren in der ganzen Stadt zu sehen, schließlich würde das Turnier in nur einer Woche beginnen.

Dantessa galt als Insel der Spiele, aber keines war so berühmt wie Noctis. Nur mithilfe dieses Spiels hatte unsere Stadt die große Pest vor drei Jahrhunderten überstanden: Eiterbläschen hatten zu Fieber und Schmerzen geführt und schließlich zu einem Schlaf, aus dem die wenigsten erwacht waren. Die Prinzessin von Dantessa hatte die dunkle Fee des Todes höchstpersönlich zu einem Spiel herausgefordert und ihr eigenes Leben als Preis eingesetzt. Gewann die Prinzessin, würde die Stadt von der Krankheit verschont bleiben. Verlor sie, würde die Todesfee ihr das Leben nehmen.

Die Prinzessin gewann, Dantessa war gerettet. Seitdem fand jedes Jahr ein Noctis-Turnier in der Großen Arena statt, zu Ehren des damaligen Handels und für Dantessas Sicherheit. Laut dem Buch der Spiele mussten alle Teilnehmer jünger als sechzehn sein – so alt wie die Prinzessin damals, als sie die Todesfee herausgefordert hatte. Heute war sie allen in Dantessa als die Letzte Prinzessin bekannt.

Mit meinen zwölf Jahren war ich also alt genug, um der Todesfee ins Auge zu sehen – was doch mit Sicherheit hieß, dass ich auch den Albernen Angelo zu Piepser herausfordern konnte.

Aber Großvater hatte sich bereits abgewandt. »Das ist etwas anderes«, sagte er kopfschüttelnd.

Mir war klar, was er damit meinte. Jedes Jahr hatten wir uns das Noctis-Turnier gemeinsam angesehen, hatten unser Lieblingsteam angefeuert und gespannt darauf gewartet, welche Überraschungen die Arena diesmal bereithielt. Die Herausforderungen waren nie dieselben. Standen die Teams in einem der Spiele während des Turniers in einem Wald voller sich windender giftiger Schlingpflanzen, so könnte die Arena im nächsten Spiel einem riesigen Becken gleichen, das mit explodierenden Marshmallows gefüllt war. Um Noctis zu gewinnen, musste man schlau, schnell und auf alles vorbereitet sein. Außerdem reich genug, um sich die Startgebühr leisten zu können.

Ich erfüllte alle Kriterien – bis auf eines.

Ich riss meinen Blick von den Plakaten los und eilte Großvater hinterher zum Rand des nahe gelegenen Kanals. Mehrere dunkle schmale Gondeln lagen am Kai, über ihnen funkelten die Spielstände in der Luft. Großvater hatte sich zu einem Boot am Ende der Reihe hinuntergebeugt und sprach mit dem Mann, der am Bug hockte.

»Luciano Paro!«, rief Angelo grinsend. »Lust auf eine Partie Piepser? Ja? Dann komm.«

Ich verzog das Gesicht, als Großvater in die Gondel stieg. Dass Angelo darauf bestand, auf seinem Boot zu spielen, gefiel mir nicht. Es war ein dreister Trick, um die Spielsteuer zu umgehen, die angefallen wäre, wenn sie an Land gespielt hätten. Aber Großvater mochte Angelo, deshalb biss ich mir auf die Zunge und zwang ein Lächeln in mein Gesicht, als er zu mir sah.

»Ah, und das ist die kleine Pia? Inzwischen gar nicht mehr klein, sondern eine echte Spielerin, was? Du bist also die Nächste, die mich herausfordert, nehme ich an?«

»Nein«, sagte Großvater und warf mir einen strengen Blick zu. »Nicht heute.«

Angelo zuckte mit den Schultern. »Also dann. Fünf Segna?« Er zog eine Handvoll Goldmünzen aus der Tasche seines abgenutzten Hemdes.

Großvater hustete und holte seine letzten drei Münzen hervor. »Wie wäre es mit drei?«

Ich hielt den Atem an. Angelo nickte.

In der Luft über ihnen...



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