E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Fagerholm Wer hat Bambi getötet?
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7017-4679-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4679-8
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Monika Fagerholm, geboren 1961 in Helsingförs, zählt zu den bedeutendsten skandinavischen Autorinnen der Gegenwart. Sie studierte Psychologie und Literaturwissenschaft an der Universität Helsinki und machte 1987 ihren Abschluss. Sie publizierte zahlreiche Kurzgeschichten, der literarische Durchbruch gelang der finnlandschwedischen Autorin mit ihrem ersten Roman 'Wunderbare Frauen am Wasser' (1994), für den sie den Runeberg Preis erhielt. Für 'Das amerikanische Mädchen' wurde sie 2005 mit dem August-Preis ausgezeichnet und für 'Wer hat Bambi getötet?' mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates 2020.
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Gusten am Wasser, 1
Man kann hier anfangen. Ein Morgen im September 2014.
Gusten Grippe geht hinunter ans Wasser. Kaltsee, Villenviertel: Allein ist er hier nicht gewesen, seit langem nicht mehr. Damals, vor vielen Jahren, zog er aus dem Villenviertel weg, in dem er aufgewachsen war, und schwor sich, nie zurückzukehren. Was macht er dann jetzt hier, just an diesem Septembermorgen zu Beginn eines Herbstes, der ihn zu dem zurückführen wird, was er einst verlassen hat? Richtige Antwort: nichts. Kein Gedanke, kein Anliegen. Ist nur irgendwie hier gelandet auf seiner morgendlichen Joggingrunde. Ja, es passiert ihm immer noch manchmal, dass er durch das Villenviertel läuft, mit dem Auto aus dem Vorort in der Nähe kommt, wo er mittlerweile wohnt, schick, in einer luxuriösen Junggesellenbude auf zwei Etagen (Gusten hier ist Immobilienmakler, , sagt man, es ist sein Spitzname, weil er so gut ist). Vielleicht ist das ein Omen, ein Zeichen, ein bisschen sechster Sinn. Höchstwahrscheinlich nur Zufall, ironisches Zusammenspiel.
Aber damals, als Gusten ein Kind war, ist das hier seine Welt gewesen: Villenviertel, Kaltsee, die Ufer ringsum, , der kleine Wald und der mit Holzspänen bedeckte Wanderpfad, der um den schlammigen Flusslauf herumführt, der weder tief noch kalt oder gefährlich oder auch nur ein bisschen geheimnisvoll ist, wie Gusten es sich so gern hatte einbilden wollen, als er klein war – genauso wie sein gleichaltriger Spielkamerad Nathan. Als sie gemeinsam hier standen, mit identischen Basecaps. Die Augen zusammenkniffen und sich was ausdachten, sich Geschichten erzählten über alles mögliche Aufregende, was gewissermaßen sein KÖNNTE, selbst hier, aber die Geschichten blieben unvollendet, hingen in der Luft, lose Fäden. Und wenn man die Augen wieder aufmachte, sah man außerdem: bloß Fantasien, Spinnereien, ohne Resonanz im Wirklichen – und seicht das Wasser, braun vor Erde. Und – Gustens Mama war es, die die Gewohnheit hatte, das hier, auf diesem Pfad, auszurufen, wo sie und ihr Sohn ihre Morgenspaziergänge machten, ein bisschen wie in einer Show, denn so war sie. Oder so ist sie: wie aus der Oper, direkt von der Bühne, schon bevor sie zur Bühne kam. Würde man heute eine Biografie über Angela Grippe schreiben, würden diese Episoden aus Gustens früher Kindheit im Villenviertel zum ersten Kapitel gehören, das »Vorbereitung« heißen und von den Jahren handeln würde, in denen der künftige Opernstar – allerdings für einen ziemlich begrenzten Kreis von Schöngeistern, – zielstrebig ihre Stimme im Hinblick auf ihr Debüt ausbildete. Sie hörten nicht auf, um den See herumzulaufen, sie und ihr Sohn, der vier, fünf oder sechs Jahre alt war (jetzt ist Gusten sechsundzwanzig). Und plötzlich, während er hier steht, genau jetzt, heute, merkt er, dass das für ihn noch so lebendig ist, als wäre es gestern gewesen: , ruft Angela auf dem Wanderpfad und weist mit dem Zeigefinger in alle Richtungen, über die unförmigen, dicht mit Schilf bewachsenen Ufer hinweg. Womit sie sagen will, dass einmal, vor Urzeiten, alles Land um den See ihrem Geschlecht und ihrer Familie gehörte – etwas, von dem Gusten, als er klein ist, nicht weiß, ob es wirklich stimmt oder ein Witz ist oder – auch darin ist sie gut, Mama Angela – nur eine Art, eigentlich etwas anderes zu sagen, denn die tatsächlichen Gegebenheiten in Gustens Kindheit liefern kaum Beweise für einen Familienbesitz von solchen Ausmaßen. So lange Gusten sich erinnern kann, haben er und Angela allein in derselben kleinen Zweizimmerwohnung in einem Hochhaus im Zentrum des Villenviertels gewohnt – das einzige Hochhaus, das es zu jener Zeit überhaupt gab (im wohnt man selbstverständlich in einer , das ist schön), und irgendeine Verwandtschaft hat er nie getroffen oder kennengelernt. Aber trotzdem, ihm gefällt das Spiel, er ist mit von der Partie. Mutter Angela auf dem Pfad, wie sie auf die Ufer zeigt und lacht, und er lacht, so geschieht es wieder und wieder, denn es handelt sich um eine Anekdote, die sich immer auf dieselbe Weise an genau dieser Stelle wiederholt, eine Öffnung im Schilf mit einem Felsen, auf den man klettern kann und von dem aus man einen freien Blick auf See und Ufer hat. Und natürlich weiß er, was als Nächstes kommt: Angela lässt den Zeigefinger auf dem gegenüberliegenden Ufer landen, etwa in der Mitte zwischen dem Geisterschiff – dem Haus der Häggerts – und dem langen Badesteg vor dem Grawellschen Kinderheim für Mädchen (beides übrigens die einzigen sichtbaren Bauwerke am See), auf einem fast dschungelartig dicht bewachsenen Erlenhain … Woraufhin sie die Stimme zu einem deutlich hörbaren Flüstern senkt, in das man sich hineinfallen lassen kann wie in einen alten Kinderreim, wenn man möchte: – eine theatralische Pause, zwinkerzwinker zu Gusten:
Und da, genau in diesem Augenblick, auf dem Wanderpfad, ist Geraschel in den Büschen zu hören, das Geräusch von Schritten und Stimmen, die sich nähern, und Angela lauscht und ihre Miene hellt sich auf. , rufen sie beide gleichzeitig. »Annelise« – wie eine Beschwörung; denn der Witz an der Sache ist, dass sie tatsächlich oft gerade in diesem Augenblick auftaucht, Annelise Häggert, seit vielen Jahren Mamas Freundin. Kommt ihnen auf dem Pfad aus der anderen Richtung mit Sohn Nathan im Schlepptau entgegen, und dann folgen viele fröhliche Begrüßungen, , Küsschen rechts, Küsschen links auf die Wangen beider Frauen, denn der Punkt ist natürlich, dass Angela Grippe und Annelise Häggert sehr gute Freundinnen sind, ehemalige Klassenkameradinnen aus dem Villenviertel, obwohl ihre beruflichen Laufbahnen sie in unterschiedliche Richtungen geführt haben, , worüber sie auch öfter reden, und zwar genau auf diese Weise. Aber zu jener Zeit, in Gustens früher Kindheit, ist es Annelise, die als Dozentin um die Welt reist und Vorträge auf Symposien und Konferenzen hält – sie ist Unternehmensjuristin und Wirtschaftswissenschaftlerin und Führungsprofi, die bereits einen Leitungsposten innehatte, obwohl sie erst 27 ist, und außerdem neuernannte Professorin für Wirtschaftswissenschaften an einer der besten Universitäten des Landes. Während Angela eher ortsgebunden ist. Sie hat einen großen internationalen Gesangswettbewerb in klassischer Musik gewonnen, aber danach ist nicht so viel passiert, was jedoch genau so ist, wie es sein soll. Denn eine Opernstimme muss, um ihr volles Potential zu erreichen, zuallererst jenseits von Scheinwerfern und Rampenlicht reifen und sich entwickeln und ausgebildet werden; das bedeutet zu Hause bleiben und unter der geschickten Anleitung von Pädagogen üben, üben zur Vorbereitung auf die Opernbühne. Wo sie später zu Ruhm gelangen wird, vor allem als Interpretin postmoderner Traditionen, beispielsweise der Werke des experimentellen Komponistenduos Schuck & Gustafson. Eben gerade jetzt, JETZT also, im Herbst 2014, hat Angela Grippe Erfolg in der Hauptrolle der Uraufführung von in einem der kleinen Opernhäuser in Wien. Wo Gusten sie übrigens am Wochenende selbst auf der Bühne gesehen hat – in Gesellschaft einer Freundin, Saga-Lill (die beste Freundin seiner Exfreundin Emmy Stranden, Saga-Lill, die er in eine ganz und gar nicht reibungslose – let’s face it – on/off sexuelle Beziehung gedrängt hat, nachdem Emmy ihn wegen eines anderen verlassen hat – vor nun bald drei Jahren, darüber ist er noch nicht hinweg).
Aber zurück zur Kindheit und zum Wanderpfad. Hinter Annelise ihr Sohn Nathan. Nathan Häggert, Annelises und Albinus »Abbe« Häggerts einziges Kind, so alt wie Gusten und folglich auch wegen der langen Freundschaft der Mütter Gustens Kindheitsfreund und Schulkamerad in all den Jahren im Villenviertel, bis zum Schluss, dem vorletzten Jahr am Gymnasium, das in einer Katastrophe endet.
Ja. Katastrophe. Keine Übertreibung – an der ganzen Sache gibt es auch nichts zu beschönigen oder zu verharmlosen. Alles kracht zusammen und geht kaputt. Für immer. Und, ebenso unausweichlich:...




