E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Fajardo Mattie & Mercedes
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7348-0227-0
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kinderbuch ab 10 Jahren über Familie, Schwestern und Freundschaft
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7348-0227-0
Verlag: Magellan Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anika Fajardo wurde in Kolumbien geboren und wuchs in Minnesota auf. Ihr Debütroman What If a Fish wurde 2021 mit dem Minnesota Book Award ausgezeichnet. Ihr neuestes Buch Mattie & Mercedes (Originaltitel Meet Me Halfway) war Finalist für den Minnesota Book Award 2023. Anika Fajardo wurde von der Jerome Foundation, dem Minnesota State Arts Board und dem Loft Literary Center ausgezeichnet. Wenn sie nicht gerade schreibt, unterrichtet sie Kreatives Schreiben an der Augsburg University. Sie lebt mit ihrer Familie in Minneapolis.
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1
Mattie
Braune Augen mit bernsteinfarbenen Sprenkeln schauen mich an. Darüber liegen meine Augenbrauen, ein wenig buschiger als gewohnt. Da ist meine recht kleine Nase, die ich laut meiner Mom von meinem Vater geerbt habe. Ich drehe den Kopf, neige das Kinn. Doch das Gesicht, das ich betrachte, bewegt sich nicht.
»Was guckst du so?«, will das Mädchen wissen.
»Nur so«, murmle ich beschämt, weil ich dabei erwischt wurde, wie ich sie angestarrt habe. Aber ich kann es nicht lassen. Auf dem Jahrmarkt zuhause in Minnesota gibt es ein Spiegelkabinett, in dem jeder Spiegel so verzerrt ist, dass man größer oder dicker, kleiner oder dünner aussieht. In diesen Spiegeln sieht man sich selbst, aber anders. Während ich das Gesicht des Mädchens mir gegenüber betrachte, komme ich mir vor, als wäre ich in diesem Spiegelkabinett statt im Klassenzimmer der Siebten.
Sie trägt Jeansshorts und ein T-Shirt, auf dem Throw like a girl steht. Ihre Haare sind genauso braun wie meine, nur sind ihre weich und fallen ihr locker auf die Schultern, während ich meine Locken immer zu einem festen Pferdeschwanz binde. Sie sieht überallhin, nur nicht zu mir.
»Jungs und Mädchen«, verkündet die Sozialkundelehrerin. Der Trubel im Klassenzimmer der ersten Unterrichtsstunde legt sich. »Heute bekommen wir eine neue Mitschülerin.«
Es ist nicht der erste Schultag für die Poppy View Middle School, aber es ist mein erster Tag. Ich mache mich auf meinem Stuhl klein und wünsche mir, dass ich einfach verschwinden könnte.
»Stell dich doch bitte vor«, sagt die Lehrerin und winkt mich zu sich nach vorne.
Mein Magen verkrampft sich. Ich erhebe mich langsam von meinem Stuhl, schleiche nach vorne und vermeide allen Blickkontakt. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen, deshalb bin ich erleichtert, dass sich nur ein paar Schüler für mich zu interessieren scheinen. Die meisten kritzeln in ihren Heften herum oder schauen verstohlen auf ihre Handys.
»Ähm, hi.« Ich trete von einem Bein aufs andere.
In diesem Moment heben alle Kinder in meiner neuen Klasse die Köpfe und starren mich an, bis auf das Mädchen, das mir gegenübersitzt. Sie schalten ihre Handys aus. Sie legen ihre Bleistifte weg. Sie tuscheln miteinander. Sie nicken und zeigen auf mich. Meine Handflächen werden feucht. Meine Zehen kräuseln sich vor Scham.
»Ich bin Mattie«, krächze ich. Was habe ich falsch gemacht? Wollten sie noch mehr wissen? Hätte ich meinen vollen Namen sagen sollen? »Gómez«, füge ich ein wenig unsicher hinzu. Ich bin jetzt die einzige Gómez in meiner Familie. Als meine Mom am Labor-Day-Wochenende wieder geheiratet hat, hat sie Bobs Nachnamen Jasper angenommen und ihren alten Namen fallen lassen, als hätte er nichts bedeutet, als wäre damit nicht eine ganze Geschichte verbunden.
»Willkommen, Mattie. So, jetzt möchte ich, dass jeder …«
Die Lehrerin wird von einem Jungen unterbrochen, dessen Haare stachelig in alle Richtungen abstehen. »Mrs Ellingham«, ruft er, »warum sieht die Neue genauso aus wie Mercedes Miller?«
Es folgt noch mehr Gemurmel. Mrs Ellingham schaut mich an. Sie schaut das Mädchen an, das mir gegenübersitzt. »Mercedes und Mattie sehen sich wirklich sehr ähnlich«, stimmt sie zu.
Das Mädchen, das Mercedes Miller sein muss, begutachtet konzentriert ihre mintgrünen Fingernägel.
Mrs Ellingham betrachtet uns, als wären wir ihr ein Rätsel, und wippt nachdenklich mit ihrem grauhaarigen Kopf. Sie ist groß und wirkt durch das lange, wogende Kleid, das sie heute trägt, sogar noch größer. »Vielleicht sind die beiden verwandt«, schlägt sie vor.
Verwandt? Ich habe dieses Mädchen noch nie in meinem Leben gesehen. Aber in meinem Hirn spüre ich bei diesem Gedanken ein seltsames Zucken. Und obwohl die warme kalifornische Sonne durch die Fenster des Klassenzimmers scheint, läuft mir ein Schauer von den Zehen bis in die Fingerspitzen. Ich weiß nicht, ob es eine meiner Panikattacken oder etwas anderes ist.
Mrs Ellinghams leuchtend pinker Lippenstift wird beim Lächeln rissig. »Seid ihr zwei verwandt?«
»Nein«, sagen wir. Obwohl wir gleichzeitig sprechen, klingen unsere Stimmen verschieden. Meine ist schwach und ein bisschen quietschig. Ihre ist kräftig, nachdrücklich, als wäre der Gedanke, mit mir verwandt zu sein, die schlimmste Sache der Welt.
»Na ja«, sagt Mrs Ellingham und sieht von mir zu Mercedes. »Ich bin sicher, dass ihr beide beste Freundinnen werdet.« Wieder lächelt sie.
Sie ist die Einzige, die lächelt.
»Wie dem auch sei, jetzt machen wir mit dem Unterricht weiter.«
Ich husche zurück und setze mich wieder auf meinen Platz gegenüber von Mercedes. Die tut so, als würde ich nicht existieren, was so ziemlich das ist, was alle um mich herum in letzter Zeit machen. Meine neuen Stiefbrüder verhalten sich, als wäre ich ein Möbelstück, Bob läuft meiner Mom wie ein liebeskranker Welpe hinterher, und meine Mom kümmert sich um die drei, während sie unser Zeug auspackt und im neuen Haus verteilt.
»Wir starten heute unser Mythologie-Projekt«, sagt Mrs Ellingham. Sie schreibt das Wort »Mythologie« in geschwungenen Buchstaben auf das Whiteboard. »Die Mythologie einer Kultur offenbart ihre Geschichte und ihren Glauben.« Schwungvoll unterstreicht sie »Mythologie«. Darunter schreibt sie: »Griechen«, »Römer«, »Maya«, »Inka«, »Ägypter«. »Die Geschichten antiker Zivilisationen zu studieren, hilft uns dabei, unser eigenes Leben zu verstehen.«
Ich denke über mein neues Leben hier in Kalifornien nach. Ich bin ziemlich sicher, dass mir antike Zivilisationen nicht dabei helfen werden, irgendetwas davon zu verstehen.
»Hey!« Ich höre ein heiseres Flüstern hinter mir, während Mrs Ellingham weiter über Mythen spricht. »Hey, Mercedes und die Neue.«
Ich drehe mich um und sehe, dass sich der Junge mit den Stachelhaaren in seinem Stuhl zurücklehnt. »Ihr seid wahrscheinlich Doppelgängerinnen.«
»Doppel-was?«, flüstere ich zurück.
Mercedes starrt mich und den Jungen an.
»Ein Doppelgänger. Du weißt schon, jemand, der genauso aussieht wie du. Wie Zwillinge, nur anders.«
Zwillinge? Ich sehe Mercedes genauer an. Sie hat eine kleine braune Sommersprosse am Kinn, aber meins ist sommersprossenfrei. Ich habe eine Lücke zwischen den Schneidezähnen, ihre stehen eng zusammen. Ihre Haut ist einen Ton dunkler, meine Stirn ist etwas breiter. Trotzdem hat dieses Mädchen auf unheimliche Art etwas Vertrautes an sich. Obwohl sie Blickkontakt vermeidet, fühlt es sich an, als würde uns ein unsichtbares Band miteinander verbinden.
»Hey«, zischt der Junge wieder, »wusstet ihr, dass es Unglück bringt, seinen Doppelgänger zu sehen?«
Mein Magen wird so schwer, als hätte ich gerade Steine gegessen. Normalerweise bin ich nicht abergläubisch, aber ich frage trotzdem: »Inwiefern bringt es Unglück?« Davon hatte ich in letzter Zeit genug.
Der Junge sieht nach, ob Mrs Ellingham ihn beobachtet, und rückt dann mit seinem Stuhl näher an Mercedes und mich heran. »Manche Menschen sterben, nachdem sie ihren Doppelgänger gesehen haben.«
Meine Hände kribbeln und mein Herz klopft.
»Geht es dir gut?«, fragt er mich. »Wie hat es sich angefühlt, als du Mercedes zum ersten Mal gesehen hast? Deine Doppelgängerin?«
»Ähm«, erwidere ich. »Komisch, schätze ich.« Was ich nicht sage, ist, dass es sich nicht auf eine schlechte Art komisch anfühlt. Einfach nur komisch eben.
Mercedes beugt sich vor und zischt: »Halt die Klappe.«
Ich bin nicht sicher, ob sie mit ihm oder mit mir redet.
»Es ist nur ein Zufall«, fügt sie hinzu. Daran, wie sie ihre braunen Augen zusammenkneift, erkenne ich, dass sie entschieden hat, es auf schlechte Art komisch zu finden. »Es hat nichts zu bedeuten.«
»Jungs und Mädchen!« Mrs Ellingham klatscht in die Hände. Wir drei schrecken auf. Der Junge rutscht zurück an seinen Platz, als die Lehrerin sagt: »Schaut die Person an, die euch gegenübersitzt.«
Wir alle schauen. Außer Mercedes. Sie vermeidet es, mir in die Augen zu sehen.
»Sagt eurem Projektpartner Hallo!«, fordert Mrs Ellingham uns fröhlich auf.
Jetzt hebt Mercedes den Kopf. Sie starrt mich an. Ihre Wangen färben sich rot. Meine eigenen brennen. Wie habe ich es geschafft, mir ein Mädchen, das ich gerade erst kennengelernt habe, zur Feindin zu machen und ihre Partnerin bei unserem ersten großen Projekt zu werden? Und das alles an meinem ersten Tag in einer neuen Schule. Das muss dieses Doppelgänger-Pech sein.
»Schreibt eure beiden Namen auf das Arbeitsblatt und tauscht eure Handynummern aus. Ihr werdet Teile dieses Projekts außerhalb des Unterrichts erledigen müssen. Meine Tür wird euch auch nach Schulschluss immer offen stehen.«
Ein paar Stimmen jubeln, ein paar stöhnen. Mercedes gehört zu denen, die stöhnen. Dann stößt sie ein lautes Seufzen aus, das ausdrückt, wie wenig Lust sie hat, meine Partnerin zu sein.
»Wie heißt du noch mal?«, fragt sie, den Bleistift über dem Papier erhoben.
»Mattie.« Kann sie es spüren? Das Pech? »Mattie Gómez.« Nachdem ich zum zweiten Mal heute meinen Nachnamen gesagt habe, huscht ihr Blick für eine Millisekunde zu mir und dann zurück zum Papier.
»Wie schreibt man Mattie?« Sie betont die Ts hart und schroff. Ihr Blick bohrt sich in mich, als wäre ich nur auf...




