Falkner / Meine | Die verlorene Stradivari | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 244 Seiten

Falkner / Meine Die verlorene Stradivari


2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7481-2227-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 244 Seiten

ISBN: 978-3-7481-2227-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Uebersetzung des 1895 erschienen Buchs 'The lost Stradivarius' von John Meade Falkner. Eine teils malerische, teils gruselige Geschichte klaert uns darueber auf, dass ein Ueberkonsum anspruchsvoller, klassischer Musik aeußerst schaedlich für Geist und Koerper sein kann. Verschlimmert wird hier alles noch, wenn man dabei - obsessiv verliebt in ein besonders Stueck eines Komponisten - selbst zur Violine greift und dann auch noch, immer und immer wieder, die selbe Melodie aus einem Teil einer Suite spielt, was einem schließlich und unweigerlich, mit hoechst dramatischen Auswirkungen, zu Kopf steigen muss. Die Notenvorlage zu diesem Drama, soll Carlo Graziani geliefert haben, geboren um 1710 im piemontesischen Asti, gestorben im Jahre 1787 in Potsdam. Er hatte diese Art seiner Kompositionen eigentlich nur für Cello und Cembalo komponiert - er war selbst ein Cello-Virtuose. Es scheint dennoch wenig zu stoeren, wenn das hier stattdessen mit Geige und Klavier abgearbeitet wird, noch dazu von reichen und verwoehnten Collegestudenten in Oxford. Bei der Hauptfigur der Geschichte, aus wohlhabendem Hause, spielen Zeit und Geld nie eine Rolle, und so kann er sich, unbelastet von diesen banalen Dingen, in sein bald geistig umnachtetes Leben stuerzen. Dann kommt auch noch die verlorene Stradivari ins Spiel. Der Protagonist verliert dabei voellig seine guten englischen Manieren und die letzten Reste von ehrenhaftem Benehmen, spielt sich ins Delirium und reitet sich, wie auch sein Umfeld, immer tiefer und tiefer hinein in einen mit Katastrophen ueberladenen, gruseligen Psychostrudel. Oder steckt vielleicht doch etwas ganz anderes dahinter, und die edle Violine spielt nur die Begleitmusik in diesem mystischen Konstrukt zwischen Neapel und England?

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DIE GESCHICHTE DER SOPHIA MALTRAVERS
Dein Vater, John Maltravers, wurde 1820 in Worth geboren. Er war der Nachfolger von seinem wie auch meinem Vater, der verstarb, als wir noch kleine Kinder waren. John sollte bald nach Eton gehen, und später, im Jahre 1839, als er neunzehn Jahre alt war, wurde entschieden, ihn auch nach Oxford gehen zu lassen. Man hatte die Absicht, ihn zuerst am Christ Church College einzuschreiben, aber Dr. Sarsdell, der uns im Sommer 1839 in Worth besuchte, überredete Mr. Thorseby, unseren Vormund, ihn stattdessen zum Magdalen Hall College zu schicken. Dr. Sarsdell selbst war der Rektor dieser Institution und er glaubte, dass John, der zu diesem Zeitpunkt einige körperliche Schwächen zeigte, eine persönlichere Zuwendung unter seiner Obhut hätte, als er dies in einem größeren College, wie Christ Church, erwarten könnte. Mr. Thoresby, der stets um das Wohlergehen seines Schützlings besorgt war, verwarf nur allzu gerne andere Möglichkeiten zugunsten einer Übereinkunft, die er als förderlich für Johns Gesundheit betrachtete; folglich wurde er im Herbst 1839 am Magden Hall College immatrikuliert. Dr. Sarsdell hatte seine Versprechungen gehalten und kümmerte sich um meinen Bruder. Er verschaffte ihm ein exzellentes Zimmer auf der ersten Etage, mit angrenzendem Schlafzimmer, von wo er einen guten Blick auf die New College Lane hatte. Ich werde die ersten zwei Jahre des Aufenthalts meines Bruders in Oxford überspringen, denn sie haben mit dieser Geschichte nichts zu tun. Sie wurden, ohne Zweifel, in der üblichen Weise von Arbeit und Erholung verbracht, wie sie zu dieser Zeit in Oxford üblich waren. Von frühester Kindheit an war er der Musik leidenschaftlich zugetan und hatte sich ein beachtliches Können an der Violine angeeignet. Im Herbstsemester 1841 machte er die Bekanntschaft von Mr. William Gaskell, einem sehr talentierten Studenten am New College, der ebenfalls ein überdurchschnittlicher Musiker war. Die Ausübung von Musik war zu dieser Zeit weniger gebräuchlich, als es später der Fall war. Es gab auch noch keine dieser Vereinigungen, die heutzutage diesbezügliche Studien bei den Studenten fördern. Es war deshalb eine große Befriedigung für die beiden jungen Männer, die zu einer starken Freundschaft führte, als sie entdeckten, dass einer von ihnen eine große Zuneigung zum Klavier hatte und der andere zur Violine. Mr. Gaskell, obwohl er in auskömmlichen Verhältnissen lebte, hatte kein Klavier in seinen Räumen und war deshalb erfreut, ein hervorragendes Instrument des Herstellers D'Almaine benutzen zu können, das John in diesem Semester von seinem Vormund geschenkt bekam. Seit dieser Zeit waren die beiden Studenten eng befreundet, und im Herbstsemester 1841 und im Ostersemester 1842 übten sie eine Reihe von Musikstücken in John's Zimmer, wobei er den Geigenpart und Mr. Gaskell den Klavierpart übernahm. Ich denke, es war im März 1842, als John ein Möbelstück für seine Räume kaufte, das später dazu bestimmt war, eine wichtige Rolle in der Geschichte zu spielen, die ich gerade schildere. Es war ein sehr großer und niedriger Korbstuhl, in einer Form, wie sie zu dieser Zeit in Oxford in Mode kam und seither, so hat man mir gesagt, ein vertrauter Gegenstand in vielen Collegeräumen wurde. Er war mit einem knallbunten Baumwollstoff bezogen und wurde neu von einem Polsterer am Ende der High Street erworben. Mr. Gaskell wurde von seinem Onkel nach Rom mitgenommen, um dort mit ihm Ostern zu verbringen. Da er Sonderurlaub erhielt, um seine Reise verlängern zu können, kam er erst spät im Mai zurück, als bereits drei Wochen des Sommersemesters vorbei waren. Er war so ungeduldig gewesen, seinen Freund zu treffen, dass er noch nicht einmal den ersten Abend nach seiner Rückkehr vorbeigehen ließ, ohne bei den Räumen von John vorbeizugehen. Die beiden Männer saßen da, ohne Licht, bis spät in die Nacht hinein. Mr. Gaskell hatte viel zu erzählen über seine Reise und sprach ganz besonders von der wundervollen Musik, die er über Ostern in den römischen Kirchen gehört hatte. Er hatte auch einige Klavierstunden bei einem berühmten Professor des italienischen Stils genommen; besonders entzückt war er von der Musik der Komponisten des 17. Jahrhunderts, von deren Werken er einige Stücke, geschrieben für Violine und Klavier, mitbrachte. Es war bereits nach elf Uhr, als Mr. Gaskell ging, um zum New College zurückzukehren. Die Nacht war ungewöhnlich warm, und der Mond hatte fast seinen vollen Umfang erreicht. John saß einige Zeit auf einem gepolsterten Platz am Fenster vor dem geöffneten Flügelrahmen und dachte über das nach, was er über die italienische Musik gehört hatte. Er fühlte sich immer noch abgeneigt, schlafen zu gehen und steckte eine einzelne Kerze an. Dann begann er damit, in den Noten von einigen Werken zu blättern, die Mr. Gaskell auf dem Tisch zurückgelassen hatte. Seine Aufmerksamkeit wurde ganz besonders auf ein längliches, in schmutzigem Pergament gebundenes Buch gelenkt, auf dessen Rücken ein vergoldetes Wappen eingeprägt war. Es war die Kopie eines Manuskripts einiger früher Suiten von Graziani für Violine und Cembalo, das offensichtlich im Jahre 1744 in Neapel angefertigt worden war, viele Jahre nach dem Tod des Komponisten. Obwohl die Tinte gelblich geworden und verblasst war, war die Abschrift so akkurat verfasst, dass sie von einem fortgeschrittenen Musiker ohne große Mühen gelesen werden, trotz der veralteten Notenschrift. Vielleicht durch Zufall, oder vielleicht durch eine mysteriöse Fügung, die unser Verstand nicht fassen kann, wurden seine Augen auf eine Suite mit vier Sätzen gelenkt, mit einem basso continuo, einem fortlaufenden Bass, für das Cembalo. Die anderen Suiten in dem Buch waren lediglich nummeriert, aber diese hier hatte der Komponist mit dem Namen l'Areopagita gewürdigt. Fast mechanisch stellte John das Buch auf seinen Notenständer und nahm seine Violine aus dem Kasten. Nach ein paar Momenten des Instrumente Stimmens stand er auf und spielte den ersten Satz, ein lebhafter Coranto. Das Licht der einzelnen Kerze, die auf dem Tisch brannte, war gerade ausreichend die Seiten zu beleuchten; die Schatten hingen in den Knitterfalten der Blätter, die sich in diese welligen Falze verwandelt hatten, die man manchmal bei Büchern sehen kann, die aus dickem Papier gemacht wurden und lange geschlossen waren. Das machte es schwierig für ihn, die zu spielenden Noten zu sehen. Er fühlte aber den seltsamen Impuls dieser Musik aus der alten Welt, die ihn vorwärts drängte; er machte noch nicht einmal eine Pause, um die Kerzen anzuzünden, die in den Leuchtern auf der anderen Seite des Tisches bereitstanden. Dem Coranto folgte eine Sarabanda und der Sarabanda eine Gagliarda. Als mein Bruder spielte, stand er mit dem Gesicht zum Fenster hin und mit dem Zimmer und dem großen Korbstuhl, den ich bereits erwähnt hatte, hinter ihm. Die Gagliarda begann in einer kecken und lebhaften Weise, und als er die ersten Taktabschnitte davon spielte, hörte er hinter sich das Knarren des Korbstuhls. Der Klang war bestens vertraut – so, also würde jemand seine Hand auf beide Armlehnen legen, bevor er sich darin hineinsetzt. Dem folgte ein weiteres Geräusch, als würde es sich eine Person darin bequem machen. Mit Ausnahme der Töne, die von der Violine kamen, war alles herum still, aber das Knarren des Stuhls war seltsam deutlich. Die Illusion war so vollkommen, dass mein Bruder schlagartig aufhörte zu spielen. Er drehte sich um, in der Erwartung, dass ein ihn spät besuchender Freund, angezogen vom Klang der Violine, unerwartet hereingeschlichen war, oder dass Mr. Gaskell selbst zurückgekommen ist. Mit der Beendigung der Musik kam über alles eine vollkommene Stille; das Licht der einzelnen Kerze reichte kaum in die dunkleren Ecken des Raums, fiel aber direkt auf den Korbstuhl und zeigte, dass dieser vollkommen leer war. Halb amüsiert, halb verärgert über sich selbst, dass er seine Musik ohne Grund unterbrochen hatte, wandte sich mein Bruder wieder der Gagliarda zu. Ein Impuls veranlasste ihn jedoch, auch die Kerzen in den Leuchtern anzuzünden, die ein besseres, der Situation angepasstes Licht warfen. Die Gagliarda und der letzte Satz, ein Minuetto, waren vorüber und John schloss das Buch und wollte, da es nun schon recht spät war, zu Bett gehen. Als er die Seiten zuschlug, wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf ein Knarren des Korbstuhls gelenkt, und er hörte deutliche Geräusche, so, als würde sich eine Person aus einer Sitzposition erheben. Dieses Mal, weniger überrascht, konnte er sich in angemessenerer Weise den möglichen Ursachen dieser Umstände widmen. Er kam schnell zu dem Schluss, dass es in dem Korbstuhl Reaktionen der Weidenruten auf bestimmte Töne der Violine geben musste, wie man es bei Glasscheiben in Kirchenfenstern beobachten kann, die harmonisch mit bestimmten Tönen der Orgel vibrieren. Obwohl dieses Argument in sich selbst Sinn machte, war seine Fantasie nur halb...



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