E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Farin Heimat?
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-948675-04-2
Verlag: Hirnkost
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-948675-04-2
Verlag: Hirnkost
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
"Heimat ist nur ein Gefühl", meint Herbert Grönemeyer. Aber was für ein Gefühl – bzw. welche Gefühle – löst das Wort Heimat in unseren Köpfen aus? Steht es für Sicherheit, Geborgenheit, Natur und Liebe oder wirkt es als Drohung, Ausschluss? Geht "Heimat" auch ohne Nationalismus? Welche Bedeutung hat "Heimat" für Menschen, die das Land ihrer Kindheit und Jugend verlassen mussten? Unterscheiden sich west- und ostdeutsche Heimat-Sichten? 25 Schriftsteller*innen spüren in diesem Buch literarisch und essayistisch ihren autobiografischen Heimat-Erinnerungen und der politischen Ambivalenz der Heimat-Renaissance nach. Mit Beiträgen von Olufemi Atibioke, Rudolph Bauer, Reimer Boy Eilers, Klaus Farin, Bernd-Ingo Friedrich, Ruth Fruchtman, Caritas Führer, Dorle Gelbhaar, Axel Görlach, Günther W. Hornberger, Mieste Hotopp-Riecke, Roman Israel, Root Leeb, Isobel Markus, Wahid Nader, Gerd Puls, Ute Scheub, Werner Schlegel, Leonhard F. Seidl, Armin Steigenberger, Sybil Volks, Siegfried von der Heide, Ahmed Yussuf u. a.
Autoren/Hrsg.
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Vorwort
„Heimat“ ist ein derzeit überall präsentes und diskutiertes Thema, vom „Heimatministerium“ bis zum Punk-Song, über Mode- und Biermarken bis zu Jugendprojekten. Zumeist in scheinbar unauflöslicher Verbundenheit mit dem Wort Liebe. Doch so einfach scheint das mit der „Heimatliebe“ nicht zu sein. Denn offenbar verstehen nicht alle Menschen das Gleiche darunter. Und natürlich melden sich auch jene fleißig zu Wort, denen wir die Deutungshoheit über „Heimat“ nicht unwidersprochen gestatten sollten. „Wir dürfen das Thema Heimat nicht den Rechten überlassen“, plädierte auch Robert Habeck, Schriftsteller und Parteivorsitzender, neulich im .1
„Heimat ist nur ein Gefühl“, meint Herbert Grönemeyer, der im Ruhrgebiet aufwuchs, wo „Heimatliebe“ zumeist regional, nicht national, gelebt wird und auch im 21. Jahrhundert noch eng mit dem großstädtischen Bergbau- und Arbeitermilieu verbunden ist, während nur fünfzig Kilometer weiter, im Rheinland, sich überwiegend Angehörige der gehobenen Mittelschichten zusammenfinden, um sich in „Heimat- und Bürgervereinen“ für ihre Region und ihre Mitbürger*innen zu engagieren. Landwirte fordern zum Schutz ihrer Heimat und ihrer eigenen Existenz endlich effektive Maßnahmen gegen die menschlichen Ursachen der Klimakatastrophe, während andere ihre Heimat eher durch eine sechzehnjährige Schwedin und deren Mitstreiter*innen bei den Fridays for Future gefährdet sehen. Während Geflüchtete und andere Migrant*innen versuchen, in Deutschland eine zweite Heimat zu finden, sind manche Eingeborene – in einigen Bundesländern gar über fünfzig Prozent – der Meinung, die gehören sowieso nicht zu ihrer Heimat. „Heimat“ ist eines der emotionalsten Themen überhaupt, erst recht in Zeiten, in denen politische Interessengruppen es ideologisch aufladen und für ihre Zwecke zu missbrauchen versuchen. Denn unsere Perspektive auf „Heimat“ – Wer gehört dazu? Wer nicht? – ist nicht nur durch unterschiedliche weltanschauliche Standpunkte bestimmt, sondern vor allem durch unsere eigenen autobiografischen Erinnerungen und Erfahrungen geprägt.
Welche Gefühle löst das Wort Heimat also in unseren Köpfen aus? Steht es für Sicherheit, Geborgenheit, Natur und Liebe oder wirkt es als Drohung, Ausschluss, soziale Kontrolle? Geht „Heimat“ auch ohne Nationalismus? Welche Bedeutung hat „Heimat“ für Menschen, die das Land ihrer Kindheit und Jugend verlassen mussten? Unterscheiden sich west- und ostdeutsche Heimat-Sichten? In diesem Buch spüren 25 Schriftsteller*innen literarisch und essayistisch ihren eigenen, autobiografischen Heimat-Erinnerungen und der politischen Ambivalenz der Heimat-Renaissance nach.
„Heimat, das ist der Ort, wo Sprache durch ungenaues Gefühl ersetzt werden darf …“ – Diese Anthologie unternimmt den Versuch, diese Gefühle zu fokussieren, den Blick – und die Sprache – ein wenig zu schärfen, ohne die Widersprüche aufzuheben. Es ist nicht das Ziel, eine einheitliche Sicht auf „Heimat“ zu entwickeln; das wird auch nicht möglich sein. Aber die folgenden Beiträge illustrieren, wie multiperspektivisch, facettenreich, dramatisch, humorvoll und lehrreich „Heimat“ sein kann.
Das oben aus dem Zusammenhang gerissene Zitat von Siegfried Lenz verfälscht eigentlich den konkreten Sinn des wohl berühmtesten Heimatromans des 20. Jahrhunderts. erzählt von den Versuchen, das Wissen um die Geschichte, Kultur und Traditionen Masurens zu bewahren. Das autobiografisch geprägte Werk war durchaus als Liebeserklärung des Autors an seine Heimat gedacht, die so nicht mehr existierte. So wie der Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla in seinem Museum persönliche Zeugnisse, Alltagsgegenstände und andere Artefakte sammelt, um eine bereits in der Moderne und natürlich in der Folge des Zweiten Weltkriegs untergehende Welt für die Nachgeborenen zu erhalten, so erweckt auch Siegfried Lenz mit der ausführlichen Präsentation der Menschen, ihrer Bräuche und der Landschaft der ehemaligen preußischen Provinz im Norden Polens Masuren literarisch meisterhaft wieder zum Leben. Und in der angesprochenen Szene, die vor fast einem halben Jahrhundert niedergeschrieben wurde und dabei doch so wirkt, als wäre sie ein Kommentar zur aktuellen Diskussion, verteidigt Lenz‘ Alter Ego seine Heimat-Sicht:
Anders als Siegfried Lenz scheitert der Ich-Erzähler Zygmunt Rogalla am Ende, in der Bundesrepublik Deutschland angekommen, an der politisch-gesellschaftlichen Realität, und er sieht keine andere Chance, seine Heimat-Erinnerungen vor dem Missbrauch zu retten, als das komplette Museum zu verbrennen.
„Wer also versucht, einen progressiven oder linken Heimatbegriff zu kreieren, ist zum Scheitern verurteilt“, schlussfolgert auch Leonhard F. Seidl pessimistisch in seinem, diesen Band eröffnenden Beitrag „Schlachtet die Heimat!“. „Heimat ist im Kern eine völkische Idee, denn sie verwechselt Menschen mit Bäumen und spricht ihnen einen natürlichen und angestammten Platz in der Welt zu. Aber wer Menschen verwurzelt, entmündigt sie und ordnet sie der Natur und dem Kollektiv unter, macht sie zu Sklav_innen der Gerüche und Geschmäcker ihrer Kindheit“, schreibt Thorsten Mense im Vorwort zu Thomas Ebermanns fulminanter Anti-Heimat-Suade 3 Und auch Isobel Markus teilt in ihrem Beitrag für dieses Buch „Heimat ist ein Tomatenbrotschnittchen“ nicht Zygmunt Rogallas Utopie von Heimat als Ort, an dem man jederzeit wiedererkannt wird.
„Heimat ist ein Ort nicht als der, der er ist, sondern als der, der er nicht ist“, fasste Bernhard Schlink einmal in einer Rede in der American Academy in Berlin kurz vor Weihnachten 1999 einen zentralen Topos der Heimat-Wahrnehmung zusammen. „Heimat“ existiert vor allem in unseren Köpfen. „So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat – letztlich hat sie weder einen Ort noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort. Heimat ist Utopie. Am intensivsten wird sie erlebt, wenn sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh. Die Erinnerungen und Sehnsüchte machen die Orte zur Heimat.“4 – Oder verhindern, dass die Orte der Kindheit und Jugend jemals als „Heimat“ angesehen werden können, wie Werner Schlegel in seinem Beitrag „Phantasia oder Die Heimat der Heimatlosen“ erzählt.
„Heimat ist Utopie. Am intensivsten wird sie erlebt, wenn sie einem fehlt.“ – Vielleicht erklärt sich so die Enttäuschung, die viele Menschen erleben und Autor*innen beschreiben, wenn sie nach Jahren des Exils in die Stadt ihrer Kindheit zurückkehren. Wie könnte die reale Welt, im Laufe der Jahre immer utopischer aufgeladen und sich gleichzeitig im Wandel der Zeit immer stärker von den konservierten Bildern der Kindheit absetzend, gegen eine imaginierte und weichgezeichnete Phantasmagorie kindlicher Idylle bestehen? „Ich fühle mich nirgends so einsam wie in der Stadt, in der ich geboren bin“, notiert Ludwig Marcuse im Juli 1949 nach seiner Rückkehr in seine Geburtsstadt Berlin nach...




