E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Rabenjagd
Farley Rabenjagd (Band 2): Finstere Nacht
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-03896-278-6
Verlag: Sternensand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 352 Seiten
Reihe: Rabenjagd
ISBN: 978-3-03896-278-6
Verlag: Sternensand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jamie L. Farley wurde 1990 in Rostock geboren. 2010 zog er nach Leipzig und machte dort eine Ausbildung zum Ergotherapeuten. Schnell merkte er jedoch, dass das nicht der richtige Job für ihn ist, weshalb er sich entschlossen hat, Pokémontrainer zu werden. Er ist in Leipzig geblieben und wohnt zusammen mit seiner besten Freundin Anika, einer Ente namens Dave und dem Hauszombie Bradley in einer WG. Neben der Schreiberei gehören Videospiele zu seiner liebsten Freizeitbeschäftigung. Nach dem Veröffentlichen von zwei Kurzgeschichten erschien sein Debüt ?Adular (Band 1): Schutt und Asche? Anfang 2019 im Sternensand Verlag.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1 - Clay
Es war früher Samstagmittag. Clay hatte sich zusammen mit seinen Freunden Danny und Dawn bei ihr zuhause getroffen. Während die beiden noch einmal durchgingen, was sie in letzter Zeit über Vampire und die Jagd gelernt hatten, hatte Clay seinen Skizzenblock rausgeholt. Dannys Golden Retriever Farin lag neben ihm und döste schnarchend.
Vor einer Woche waren sie zuletzt bei dem Vampirjäger John im Haus gewesen, um ihm von den Ereignissen zu berichten, die sich am vorherigen Abend zugetragen hatten. Yve, eine ehemalige Klassenkameradin von Dawn und Clay, hatte die beiden auf dem Heimweg attackiert und ihn bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Er hatte eine geprellte Schulter, einige Hämatome und eine Platzwunde an der Wange davongetragen, die hatte genäht werden müssen. Wesentlich interessanter für John war jedoch die Tatsache gewesen, dass Krátos ihnen geholfen hatte. Ausgerechnet der Mann, den sie als rachsüchtigen und blutrünstigen Mörder kennengelernt hatten. Egal wie gründlich Clay darüber nachdachte, er konnte sich dieses Verhalten nicht erklären. Eventuell war es wirklich eine Manipulationstaktik, wie der Jäger behauptete.
Ich kann mir aber vorstellen, dass er sich … in gewisser
Weise in dir wiedererkennt. Möglicherweise sieht er in dir einen
Verbündeten? Johns Worte verfolgten ihn seither wie ein böser Geist. Es kann sein, dass er dich nicht tötet, wenn er dich in die Fänge bekommen sollte. Sondern, dass er dich in einen Vampir verwandelt.
Seitdem hatten sie John nur ein weiteres Mal gesehen. Das letzte Treffen hatte gestern in den Ruinen im Wald stattgefunden und es war anders gewesen als die zuvor.
Clay konnte nicht genau beschreiben, was sich verändert hatte. Vielleicht war es nur ein Gefühl. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass er abermals mit Yve konfrontiert gewesen war und so tun musste, als hätte sie ihn letzte Woche nicht in die Notaufnahme geprügelt. Die frischen Narben in ihrem Gesicht hatten furchtbar ausgesehen. Laut John habe Krátos ihr diese Wunden zugefügt als Strafe dafür, dass sie Clay angegriffen hatte.
»Mein neuer Lieblings-Fun-Fact über Vampire is’ ja der: Das Haar von Vampiren wächst nach der Verwandlung nich weiter«, sagte Danny. Er strich sich mit einer Hand durch den grünblau gefärbten Iro. »Schneidet man es ab, wächst es zwar nach, aber nur bis zur ursprünglichen Länge.«
Clay schielte von seiner Zeichnung zu ihm.
»Das heißt, würdest du jetzt zum Vampir werden, müsstest du für den Rest deines Lebens mit dieser Frisur rumlaufen«, bemerkte Dawn. Sie hob eine kupferrote Strähne vor ihre Augen und musterte sie nachdenklich. »Ich würde meine Haare vorher mindestens bis zur Hüfte wachsen lassen. Falls ich mir im Laufe meiner Unsterblichkeit doch mal wünschen sollte, arschlange Haare zu haben.«
»Und ich müsste nich ständig mit der Haarmaschine die Seiten nachbearbeiten«, erwiderte Danny. »Also, ich fänd’s cool.«
»Meinst du?« Dawn klang wenig überzeugt. »Ich glaube, nach dreihundert Jahren bist selbst du aus der Punk-Phase rausgewachsen.«
Danny schnaubte. »Du klingst fast wie meine Mutti. Einmal Punk, immer Punk. Und zur Not greift man halt auf Perücken zurück.«
›Die beiden sind sich ziemlich nahegekommen, oder?‹
Ein Gedanke, der sich wie eine fremde Stimme aus seinem Verstand erhob. Es war ein garstiges und gleichzeitig sanftes Flüstern.
Clay runzelte die Stirn. Im ersten Moment störte ihn das nicht. Aber manchmal verselbstständigten sich seine Gedanken, schweiften ab. Wenn er ihnen den Freiraum ließ, klangen sie in seltenen Fällen wie ein Hörspiel, das exklusiv in seinem Kopf lief. Natürlich waren Dawn und Danny enger zusammengewachsen, nachdem Stan gestorben war …
›Stan ist nicht einfach gestorben‹, unterbrach die Stimme seine Gedanken. ›Er wurde ermordet. Krátos hat ihn bis auf den letzten Blutstropfen ausgesaugt.‹
In dem Verlies unterhalb der Ruinen im Talinnger Wald, in dem sie vor einem Jahr den Sarg gefunden hatten.
›Und das konnte er nur tun, weil du den Sarg geöffnet und den Bann gebrochen hast. Dawn weiß das auch. Kein Wunder, dass sie Danny mittlerweile lieber mag als dich. Sieh dir an, wie sie sich anfassen!‹
Er warf seinen Freunden einen Blick zu. Dawn tätschelte Danny gerade kopfschüttelnd die Schulter. Selbst im Sitzen war er, der stehend über einen Meter neunzig maß, fast einen halben Kopf größer als sie. Hatte Clay einen Witz verpasst? Sie wirkte amüsiert. Ein flaues Gefühl verbreitete sich wie ein Ölfilm in seiner Magengegend.
So ist Dawn eben, antwortete er seinem Gedanken. Sie stellt gerne Körperkontakt her.
Clay stützte das Kinn auf die linken Fingerknöchel und führte den Bleistift vorsichtig über die Seite. Er hatte versucht, den Vampir zu zeichnen. Nach Dawns Beschreibung und seinen Skizzen, die er von Krátos angefertigt hatte, als er ihn vor knapp einem Jahr in einem Sarg gefunden hatte.
Krátos war mit vielleicht Mitte dreißig verwandelt worden. Er hatte ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem spitzen Kinn. Seine Züge waren scharf geschnitten, ein gestutzter Bart bildete mit dem zerzausten schwarzen Haar einen auffälligen Kontrast zu der marmornen Haut.
›Wieder eine Paralelle zu dir‹, flüsterte die Stimme. ›Die gleiche Haarfarbe, blass und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. Nur dass Krátos natürlich um ein Vielfaches attraktiver ist als du. Aber wenn du es genau nimmst, ist das fast jeder.‹
Clay hatte möglichst detailliert gearbeitet. Gerade die Gesichter von Menschen übten in ihrer Vielfältigkeit seit jeher eine gewisse Faszination auf ihn aus. Er hatte im Laufe der Zeit ein gutes Gedächtnis dafür entwickelt.
Er legte den Bleistift zur Seite. Bisher hatte er nur eine Büste gezeichnet und dachte darüber nach, sich an einem Ganzkörperporträt zu probieren. Dawn hatte Krátos’ Körperbau als schlank und sehnig beschrieben. Mit feingliedrigen Händen, die vornehm und zugleich außergewöhnlich kräftig wirkten.
Seine Augen seien betörend gewesen, hatte sie gesagt. Klar, wachsam und leuchtend grün. Sie haben regelrecht aus der Dunkelheit geglommen.
Clay ließ seine Finger über einer Auswahl an grünen Buntstiften schweben. Für Dawns Augenfarbe würde er sich an frischem Moos orientieren. Welcher Ton passte wohl zu Krátos?
Smaragd? Oder etwas Giftiges?
»Würd’s helfen, wenn ich mein T-Shirt ausziehe?«, fragte Danny.
Clay blinzelte irritiert und sah zu den beiden. »Bitte?«
Dawn schüttelte grinsend den Kopf. »Wenn du das Bedürfnis dazu hast, nur zu.«
Danny zog sich sein T-Shirt, auf dem Johnny Cash dem Betrachter den Mittelfinger zeigte, über den Kopf.
»Braucht ihr einen Moment für euch?«, fragte Clay amüsiert.
»Kannst gerne mitmachen«, antwortete Danny und zwinkerte.
»Wir erledigen gerade unsere ›Hausaufgaben‹, die John uns gestern aufgetragen hat«, erklärte Dawn. »Das Herz auf Anhieb finden. Je sicherer wir wissen, wohin wir stechen müssen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir im Notfall darauf zurückgreifen können.« Stirnrunzelnd musterte sie Dannys nackte Brust. Man sah ihm an, dass er dem Sport eher ab- und Pizza zugeneigt war. Er war nicht dick, hatte aber bestimmt zwei, drei Kilo zu viel auf den Rippen. Während man die von Clay einzeln zählen konnte, weil er zu dünn war. »Auch wenn die Chance gering ist. Vampire sind schneller und stärker als wir. Es kostet Überwindung, jemanden mit einem Messer zu stechen. Und dann ist es sehr gut möglich, dass wir im Eifer des Gefechts nicht treffen.«
Clay dachte an Johns erste Lehrstunde zurück. An die Vampirin, die er ihnen vorgeführt hatte.
Dawn drückte den Zeigefinger gegen Dannys Brust und warf einen prüfenden Blick in das Anatomiebuch auf ihrem Schoß. »Dritte Rippe rechts … um zirka vierzig Grad zur Seite geneigt … Da sollte es sein.«
»Glaubt ihr … Denkt ihr, John wird uns bald dazu drängen, einen Vampir zu pfählen?«, fragte Clay leise.
Ihm gefiel schon der bloße Gedanke nicht. Er wollte niemanden verletzen, der wehrlos gefesselt vor ihm lag. Erst recht nicht, wenn derjenige nichts anderes verbrochen hatte, als ein bisschen mehr Zahnschmelz zu haben.
›Und wenn Krátos vor dir sitzt?‹, flüsterte es in sein Ohr. ›Würde es dir dann leichter fallen?‹
Möglicherweise wäre es so. Wenn es bedeutete, dass sie danach alle sicher waren, würde Clay sich dazu überwinden können.
In seinem Fall wäre es Notwehr … oder?
»Zuzutrauen is’ es ihm«, murrte Danny. »Werde ich aber nich machen. Da kann er sich auf’n Kopp stellen, und Dracula zitieren. Ich ramme niemandem ein Messer in die Brust.«
Dawn spielte mit dem Stecker in Form...




