E-Book, Deutsch, 307 Seiten
Farris DER UNGEBETENE GAST
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-7009-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Horror-Roman
E-Book, Deutsch, 307 Seiten
ISBN: 978-3-7438-7009-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Spät an einem verschneiten November-Nachmittag hat Barry Brennan einen Auto-Unfall. Und von Anfang an ist alles mysteriös: Der junge Mann, den sie angefahren und leicht verletzt hat, kennt seinen Namen nicht, kann nicht sprechen und hat sein Gedächtnis verloren. Und: Er hat verblüffende Ähnlichkeit mit Barrys Verlobtem, Ned Kramer. Doch dieser ist vor einem Jahr bei einem Unfall ums Leben gekommen. Es hat beinahe den Anschein, als hätten Barrys Liebe und Sehnsucht nach Ned diesen jungen Mann ins Leben gerufen... John Farris beschreibt in seinem erstmals im Jahr 1982 erschienenen Roman Der ungebetene Gast einen zutiefst verstörenden Fall von Psychoterror, Stalking und Obsession, der sich langsam steigert und schließlich in rauschhafter Gewalt eskaliert. 'Ein wunderbares Buch! Gruselig und aufregend. Ich habe es in einem Zug gelesen.' - Stephen King
Autoren/Hrsg.
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Draven
22. Am zweiten Dienstag im Mai verließ Dr. James Edwards zeitig das Krankenhaus und fuhr mit seinem Porsche nach Tuatha de Dannan. Die Forsythien kümmerten schon dahin, aber nun blühten Hartriegel und Azaleen, Wellen von Rosa und Weiß und flammendem Rot an der Straße durchs hügelige Land. Oberhalb der überdachten Brücke (sie hatte einen neuen Anstrich bekommen) sprudelte silbern der hohe Wasserfall. Im Vorbeifahren betrachtet, schien er stillzustehen und zu klingen wie eine unendlich lange ausgehaltene Note. Das Tor von Tuatha de Dannan war offen. Edwards fuhr bis vors Haus und parkte hinter einem Chevrolet-Kleinlaster. Mit penetrantem Läuten brachte er Mrs. Aldrich dazu, dass sie die Eingangstür öffnete, wenn auch nur einen Spaltbreit. Die Haushälterin hatte eine scharfe Nase und ein energisches Gebaren. Sie trug eine Schürze. Sie roch nach Küchendünsten. Und sie hatte eine hohe, heisere Stimme. »Barry ist nicht da - sie ist in der Stadt, beim Einkäufen. Tom ist oben und schläft. Wie, sagten Sie, war doch noch mal Ihr Name?« »Dr. James Edwards. Ich habe Mark im Krankenhaus behandelt. Ich wollte ihn nur mal kurz sprechen.« »Das wird sich wohl machen lassen. Er ist da hinten im Garten.« Mrs. Aldrich holte zu einer ausgreifenden Handbewegung aus, deutete in die entsprechende Richtung und entschwand dann wieder in die Küche, aus der hallend und schallend die Titelmelodie einer schmalzigen Familienserie drang. Edwards ging ums Haus. Er blieb kurz stehen, um die streng unterteilte Spiegelwand des Ateliers zu bewundern, in der die heitere Landschaft, der blaue Himmel, die weißen Wolken surrealistisch verdoppelt waren. Edwards (er liebte die Malerei) musste an Magritte denken. Die Kuppe, auf der das Haus und die Scheune standen, senkte sich ab zu Feldern und Weidengehölzen. Dahinter ein Teich. In der Nähe des Hauses befand sich ein Stück unbebautes Land, eine sanft geneigte Hügellehne - gerade zog ein Wolkenschatten darüber eingezäunt mit nagelneuem, in der Sonne funkelndem Maschendraht. An einem Zaunpfahl hing ein Kassettenrecorder und dröhnte Vivaldi. Gemeinheit erhob sich sofort, als Edwards nahte. Mark, der zerlumpte Shorts trug (einstmals eine lange Bluejeans), pflanzte Tomatenstauden. Er reagierte nicht so schnell wie der Hund, drehte erst nach einer Weile den Kopf. Sein Rücken war rot und verschwitzt, sein Haar lang im Nacken. »Mark? Jim Edwards.« Der junge Mann richtete sich geschmeidig auf, und Edwards, der ihn seit Ende Februar nicht mehr gesehen hatte, empfand eine gewisse Nervosität, eine Art Knick in der Optik, das Gefühl, nicht klar zu sehen im grellen Licht. Marks Körperbeschaffenheit verblüffte ihn. Er war immer schon gut gebaut gewesen, athletisch wie ein Sportler. Doch jetzt traten die wichtigsten Muskelgruppen noch deutlicher, ausgeprägter, massiver hervor. Und die Leibesmitte glich einem Band aus Stahl. Offensichtlich hatte er mit Gewichten trainiert. Er schien auch größer zu sein, obwohl er keine Schuhe anhatte - sieben bis zehn Zentimeter größer. Mark kam Edwards entgegen. Und nun merkte der Arzt, dass er sich nicht geirrt hatte: der Junge war tatsächlich größer. Edwards fühlte sich ziemlich verwirrt. Als hätten ihn die Krankenhauswände, der Anblick leidender oder zumindest noch nicht gesunder Menschen allzu lange beengt. Dieser Tag mit seiner Weite, der Frühling, der Geruch der umgegrabenen Erde - all das hatte eine benebelnde Wirkung. Der Doktor schüttelte den Kopf, wie um etwas Unangenehmes loszuwerden. Mark kam ihm nicht mehr wie ein Junge vor. Sein Gesicht war um zehn Jahre gealtert, ein wenig gezeichnet sogar, aber auf eine gute, männliche Art - es entwickelte Charakter. Er hätte Edwards' älterer Bruder sein können: viel reifer allerdings als Edwards, und seine schwarzen Augen waren wie Brunnen der tiefsten Erfahrungen und Erkenntnisse, die ein Mensch machen kann. »Dr. Edwards? Was ist?« Sein Lächeln war strahlend und hinreißend wie immer. Edwards gewann sein inneres Gleichgewicht wieder. »Nichts weiter. Sie - Sie sehen sehr gut aus.« »Ich fühle mich auch so.« Mark hielt die lehmigen Finger hoch. »Kann Ihnen leider nicht die Hand geben - ich habe den ganzen Tag im Garten gearbeitet. Könnten Sie mir mal bitte den Schlauch da reichen?« Edwards griff nach dem Gartenschlauch, der an einem Leitungshahn vor der Scheune angeschlossen war und sich in langen Windungen von dort bis zum Zaun ringelte. Mark richtete den Wasserstrahl auf sich, wusch seine Hände, Beine und Füße. Er zog ein T-Shirt über und bog ein Stück Zaun zurück. Durch diese Lücke waren er und Gemeinheit in den Garten geschlüpft. »Wie geht's?«, fragte er den Doktor mit einem raschen Seitenblick. Es klang ungezwungen, ja familiär. Bei ihrer letzten Begegnung war er noch hie und da über ein Wort gestolpert, hatte so behutsam formuliert wie jemand, der eine ihm fremde Sprache zu meistern versucht. Eine gewisse Zurückhaltung hatte Mark freilich nicht aufgegeben - Vorsicht vielleicht. Es war sein Wunsch gewesen, nicht mehr ins Krankenhaus zu kommen, keine Tests mehr mit sich durchführen zu lassen, auch solche nicht, die ihm möglicherweise zur Erinnerung an seine Vergangenheit verholten hätten. Edwards hatte widerwillig zugestimmt und insgeheim gehofft, sein Patient werde es sich bald anders überlegen. »Danke«, sagte Edwards. »Mir geht es gut. Ich war gerade hier in der Gegend - und ich wollte ja mit Ihnen in Kontakt bleiben. Wie läuft's mit dem Lesen? Kommen Sie voran?« Mark nahm den Kassettenrecorder vom Zaunpfahl und schaltete ihn aus. »Ein schweres Wetter im Leib/Ist feucht und trocken; die Lebenden, die Toten/Sie huschen wie Gespenster vor dem Aug'.« »Hört sich an wie Dylan Thomas.« »Genau.« »Ihr Gedächtnis scheint also einwandfrei zu funktionieren. Bis auf einen Punkt.« »Ja, bis auf einen Punkt«, bestätigte Mark gleichgültig. »Kommen Sie mit ins Haus - zischen wir ein Bierchen. Barry wird bald zurück sein. Ich weiß, dass sie Sie gern sehen würde.« Mark ließ Edwards und den Hund im Wohnzimmer zurück, rief Mrs. Aldrich etwas zu, ging pfeifend die Treppe hinauf und erschien nach ein paar Minuten wieder. Er hatte sich die Haare gebürstet und ein frisches, gestreiftes Hemd angezogen. Und er forderte den Doktor sofort zu einem Darts-Match auf. Er schien wirklich zu bersten vor Vitalität. Mit flüssigen, natürlichen Bewegungen warf er seine Pfeile und traf viermal ins Schwarze. Dann sank er zufrieden in einen Sessel an einem Lesetisch, auf dem stapelweise Bücher lagen. Die Fenster waren offen, eine leichte Brise wehte herein, die ganze Üppigkeit eines Maiennachmittags. Gemeinheit tappte zu Mark und legte sich ihm zu Füßen. Mark kraulte ihn hinter seinen großen, wie ausgefranst wirkenden Ohren. Gemeinheit ließ zufrieden einen fahren. »Oh dieser Hund!«, sagte Mark gutmütig. »Haben Sie Ihrem Arzt etwas zu berichten?«, erkundigte sich Edwards. »Wie steht's mit dem Appetit? Schlafen Sie gut?« »Aber sicher. Zwei Stunden pro Nacht.« »Was? Sie schlafen nur zwei Stunden?« »Mehr brauche ich nicht. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich noch mein halbes Leben verpennt. Und ich will so viel machen, dass ich nicht weiß, woher ich die Zeit nehmen soll.« Mrs. Aldrich brachte ein Tablett mit zwei Krügen und zwei Flaschen Bier mit Schnappverschluss. Edwards vermerkte staunend, dass sie lächelte. »Mark, mögen Sie gegrillte Pilze? Wenn Sie Hunger haben, mach ich welche.« »Das wäre riesig.« Er drehte die Augen zu ihr, dann den Kopf, spielerische Manieriertheit eines Bilds von Mann, aber da war auch noch etwas anderes - eine gerissene Art von beiläufigem Sexappeal, und sie schien richtig dafür zu schwärmen. »Danke, Mrs. Aldrich.« »Wenn Sie sonst noch was brauchen«, meinte sie, öffnete eine Flasche und schenkte den beiden Männern Bier ein, »dann sagen Sie mir Bescheid.« Edwards stand gegen den Kaminsims gelehnt und hob sein Glas auf Marks Wohl. Mark prostete ihm zu und nahm einen tiefen Schluck. »Da sieht man mal wieder, wie man sich irren kann«, sagte der Doktor. »Ich hatte befürchtet, dass ich Sie vielleicht in einer etwas depressiven Verfassung an treffen würde.« »Wieso?« »Weil Menschen, die an Gedächtnisschwund leiden, oft eine Art zweites Trauma erleben, die sogenannte Depersonalisation.« Mark runzelte die Stirn. »Das ist ein Gefühl der Unwirklichkeit, die Anmutung, nicht zur Welt zu gehören.« »Aha.« Mark stand auf, stieg über den Hund, schnappte sich unruhig die Pfeile und warf sie wieder nach der Zielscheibe. »Es stört mich nie«, sagte er nach einem kurzen Schweigen. »Ich meine, dass ich nicht weiß, wer ich war und woher ich komme. Ich weiß, wo ich jetzt bin, und das genügt mir.« Als er keine Pfeile mehr in der Hand hatte, beugte er sich über den Lesetisch und ging die Bücher durch, die mit Merkzeichen - von Notizblöcken abgerissenen Papierstreifen - gespickt waren. Schließlich hatte er gefunden, was er suchte. Er schlug das Buch auf, ließ den Blick über die Zeilen wandern, die er schätzte, und las eine von ihnen vor. »Ich lebe nicht in mir, jedoch ich werde/ein Teil von dem was um mich ist.« Er legte das Buch aus der Hand und lächelte Edwards an. »Barry und ich haben neulich Byron gelesen. Der helle Wahn. Mögen Sie die Romantiker?« »Ja. Aber ich bin in letzter Zeit kaum zum Lesen gekommen. Nun - äh -, ich habe von einem neuen Verfahren gehört, bei dem es unter anderem um die Synthese von Gehirnproteinen geht. Und das könnte...




