Farsaie Die gläserne Heimat
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-943941-57-9
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 210 Seiten
ISBN: 978-3-943941-57-9
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fahimeh Farsaie wurde 1952 in Teheran geboren. Als Redakteurin, Film- und Literaturkritikerin war sie im Iran für mehrere Zeitungen tätig. Wegen ihrer Leidenschaft für engagierte Kunst und Literatur war sie unter dem Schah-Regime 18 Monate im Gefängnis. Unter der Khomeini-Regierung wurde sie ebenfalls, wegen einer Erzählung gegen den Krieg, verfolgt. Seit 1983 lebt sie in Deutschland, arbeitet als freie Journalistin für Hörfunk und Zeitungen (taz, Freitag, Deutsche Welle, Saarländischen Rundfunk). Fahimeh Farsaie engagiert sich für Migrantinnen und setzt für Antidiskriminierung in Deutschland ein. Sie erhielt den iranischen Fernsehpreis Tamascha für junge Autoren, den Barans-Fond-Preis für die Literatur im Exil sowie diverse Literatur- und Drehbuchstipendien in Deutschland. Veröffentlichungen neben zahlreichen Essays: Das giftige Grün (Theaterstück, Westfälisches Landestheater), 2012 Eines Dienstag beschloss meine Mutter Deutsche zu werden (Roman), 2006 Asche der Liebe (Drehbuch), 2004 Hüte dich vor den Männern mein Sohn,(Roman), 1998 Die Flucht und andere Erzählungen, 1994 Vergiftete Zeit, (Roman), 1991 Das Warten (Hörspiel), 1990 Die gläserne Heimat, (Erzählungen), 1989 (auch in englischer Sprache erschienen).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
SIEBEN BILDER
Gleich kommen die Beamten, und ich hab’ noch nichts erledigt. Ich möchte ja schließlich nicht meine Sachen von dieser und jener Straßenseite auflesen müssen. Alles muss ich ordentlich zusammenpacken.
(Gol, meine Gute! Ich bitte dich, quängle nicht ewig und lauf mir nicht zwischen den Füßen rum! Du in deinem unansehnlichen Aufzug. Ach!)
Schön wär’s, wenn ich wüsste, wie ich diese Bilder in all meinem alten Kram verstauen soll, dass sie nicht zu Schaden kommen. Ein Leben lang hab’ ich sie mit größter Hingabe gehütet, und jetzt will ich nicht, dass sie unter die Rubrik »Räumungsschäden« fallen.
(Gol, dich mein’ ich! Lass mich doch zum Nachdenken kommen! Du allein genügst schon, dass ich mich hinlegen und sterben möchte … Geh mir aus dem Weg!)
Auch zu Herrn Nossrat hatte ich gesagt: »Das heißt also, ich soll mich hinlegen und sterben?«
Und er, mit seinem glattrasierten, bleichen Gesicht, hatte das rechte Ende seines langen, dichten Schnurrbarts gezwirbelt und im Ton eines Richters, der im voraus sein Urteil gefällt hat, erwidert: »Das habe ich nicht gesagt.«
Während er diesen Satz mit kalter Stimme von sich gab, hielt er die Augen geschlossen, als hätte er vergessen, dass er mich noch vor ein paar Minuten fixiert und gesagt hatte: »Meine Dame, Sie sind hier überflüssig!«
Ich fragte nur: »Was soll das heißen?« und blickte dabei auf die Wand hinter seinem Kopf, wo sich eine helle Stelle von der Größe eines Bilderrahmens abzeichnete.
Herr Nossrat hatte gleichgültig geantwortet: »Das heißt, dass wir für Sie nichts mehr zu tun haben!«
Und mir war plötzlich eingefallen, dass dieses saubere Viereck an der Wand die leere Stelle vom Bild des Schahs war, und ich begriff, dass mein Hin- und Hergeschobenwerden zu diesem Amt und zu jener Abteilung nur stattgefunden hatte, um das Terrain vorzubereiten.
Sie hatten mich als Rechtsberaterin der Organisation eingestellt, doch die einzige Tätigkeit, die mir nicht anvertraut wurde, war das Beraten. Aus dem einfachen Grund, weil die Akten, die ich anlegte, ausnahmslos zu Ungunsten der Arbeitgeber waren: Arbeitgeber, die sich in den meisten Fällen entweder mit dem Sprecher der Provisorischen Regierung den Besitz ein und derselben Immobilie teilten oder mit dem Erdölminister bei einem Hypothekengeschäft Bekanntschaft geschlossen hatten oder Blutsverwandte dieses Kraftmeiers waren, der dem Fernsehen vorstand und für den eben diese Arbeitgeber und die Basarkaufleute Unterschriftensammlungen veranstalteten.
Jeden Morgen ließ mich der Vorgesetzte in sein Büro rufen, machte mir Vorwürfe, weil das Tippfräulein »ablenen« statt »ablehnen« geschrieben hatte, und sagte, ich hätte nicht die juristische Kompetenz, gegen den und den Arbeitgeber eine Klageschrift aufzusetzen, was er folgendermaßen begründete:
»Wie kann jemand, der nicht weiß ob ›ablehnen‹ mit oder ohne h geschrieben wird, beurteilen, ob Herr Soundso, der ein ehrbarer Mann ist und erst gestern 100.000 Toman als die vom religiösen Gesetz vorgeschriebene Armensteuer entrichtete, es abgelehnt hat, die Versicherungsprämien für die Arbeiter seiner Fabrik zu bezahIen?«
Ich zog die Nase kraus und sagte: »Was diese Dinge miteinander zu tun haben, ist mir unklar!«
(Gol, mein Liebes! Hab’ ich dir denn nicht grade eine Flasche voll Tee mit Kandis gegen dein Wehweh gegeben? Ist’s meine Schuld, dass keine Milch zu haben ist? Wie oft soll ich dich unter den Arm klemmen und von Apotheke zu Apotheke ziehen? … Ich bitte dich, plärr nicht ständig!)
Obwohl ich mir Mühe gab, jeden Tag noch mehr Umsicht als am vorhergehenden Tag in meinem Auftreten und meiner Tätigkeit walten zu lassen, fanden die zunächst zweimal wöchentlich sich abspielenden Zusammenkünfte mit dem Herrn Vorgesetzten bald jeden zweiten Tag und danach täglich statt, und ich beantragte schließlich, um ihm seltener meine Aufwartung machen zu müssen, zwanzig Tage Urlaub.
Noch war keine Woche vergangen, da stellten sie mir durch einen meiner Kollegen den Bescheid über meine Entlassung zu: Das Säuberungs-Komitee hatte mich für »konterrevolutionär« befunden.
Als ich mich Herrn Nossrat gegenübersetzte, legte ich absichtlich meine rechte Hand, deren Haut vom Verbrennen mit Zigarettenglut verschrumpelt ist, auf den Tisch und fragte wütend: »Konterrevolutionär?!«
Ich zeigte ihm das Führungszeugnis, das ich für meine Einstellung von der Polizeibehörde erhalten hatte. Darin stand: »Die Genannte ist wegen Aktivitäten, die gegen die Sicherheit des Kaiserreiches gerichtet waren, zu drei Jahren Haft verurteilt gewesen.«
(Ja doch … ja doch … ja doch … Gleich steh’ ich auf und koche dir Kartoffeln … Ich bitt’ dich nur, weine nicht so und steh mir nicht immerzu im Weg, Gol!)
Und ich zeigte ihr das Bild »Die Kartoffelesser«:
(Sieh mal, alle essen sie Kartoffeln! Die Kartoffeln haben sie eigenhändig gepflanzt, mit diesen Händen: mit denen sie jetzt essen.)
Mir schien, dass das spärliche Licht, das die Bildatmosphäre erhellte, mit jedem Augenblick trüber und die bekümmerten, nachdenklichen, knochigen Gesichter der Kartoffelesser mit jedem Augenblick hagerer wurden. Ich blickte Gol in die Augen und fand diese Gesichter in ihren hellen Pupillen widergespiegelt, nur kleiner …
Es war mir klar, dass sie den Sinn meiner Worte nicht begriff. Sie starrte nur mit ihren gleichmäßig grünen Augen auf das dunkle Grün des Bildes und sah es sich aufmerksam an, und Staunen, Neugierde und oberflächliches Wahrnehmen bewirkten, dass ihre Augenbrauen sich zusammenzogen.
(Wie sehr sie in dieser Verfassung Hosseyn gleicht!)
Bei diesem Gedanken zog sich meine Nase kraus. Auch als Hosseyn Abschied nahm und fortging, hatte ich aus lauter Verzweiflung die Nase kraus gezogen. Als er am Morgen Brot kaufen gegangen war, hatten sie ihn in der Schlange vorgelassen. Er erzählte: »Was für eine lange Schlange! Aber sowie die Leute meine Uniform sahen, sagten sie: Herr Offizier, … bitte gehen Sie vor! Ihr seid das Licht unserer Augen …« Und vor Freude und Stolz lachte er von Herzen.
Als ich fragte: »Und was soll mit mir werden?« fragte er: »Fängst du wieder damit an?« Mir schien, dass er das mit dem gleichen grundlosen Zorn sagte wie meine Tante damals, als sie zum ersten Mal diesen Satz aussprach.
Ich hatte einen Zipfel meines Blusensaums gefasst und stopfte ihn mir immer wieder zwischen die Zähne. Ich hatte nicht die geringste Lust, meiner Tante in ihr haariges Gesicht zur blicken. Auch wenn ihr Gesicht nicht behaart gewesen wäre, hätte ich sie nicht anblicken mögen! Die Fingerspitzen brannten mir. Von heißem Fett kann man ja nichts andres erwarten! Das wusste ich selbst auch; aber ich hatte einfach nicht anders gekonnt. Meine Tante musste jeden Augenblick auftauchen, deshalb schob ich die Finger unter das größte Hackfleischbällchen, das gerade im Fett brutzelte, und steckte es, obwohl ich dabei schreckliche Qualen litt und es zerbröckelte, in die Tasche meines grauen Schulkittels. Um den brennenden Schmerz zu lindern, steckte ich die Finger in den Mund. Meine Tante kam mit der Schüssel Reis zurück, um die ich sie gebeten hatte, und heftete ihren Blick gleich auf die Tasche meines Kittels. Ich senkte den Kopf. Ich wollte so schnell wie möglich diese verdammte Schüssel Reis an mich nehmen und die Flucht ergreifen. Seit zwei Tagen hatten wir nichts Ordentliches gegessen.
Meine Tante sagte: »Was ist das da in deiner Tasche?!«
Ich stellte mich taub, und während meine Finger noch brannten und der Schmerz mir die Tränen in die Augen trieb, erhob ich mich auf die Zehenspitzen und reckte die Arme, um ihr die Schüssel abzunehmen.
Ich sagte: »Mutter lässt dir sagen: Vergelt’s dir Gott!«
Die Schüssel noch höher haltend, sagte meine Tante: »Gott vergelt’s auch deiner Mutter – die mit ihrer Kindererziehung … Ich hab’ dich gefragt, was du da in der Tasche hast!«
Ich schielte auf die Tasche meines Kittels und sah, dass sich ringsherum ein Fettfleck ausgebreitet hatte.
Ich hob den Zipfel vom Blusensaum hoch und stopfte ihn mir immer wieder zwischen die Zähne. Vom Geschimpfe meiner Tante kriegte ich nichts mit. Ich dachte über die Beobachtung nach, dass Fett genauso wie Wasser durchsickert!
Immer noch zeterte meine Tante und machte mich und meine Mutter und ihre eigenen Verstorbenen und die meiner Mutter schlecht. Am Ende schrie sie: »Sag mal, fängst du wieder damit an, he? Fängst du wieder damit an?!«
(Du quälst mich, Gol! Da sind noch viele Dinge,...




