E-Book, Deutsch, 800 Seiten
Feber Die letzten Tage von Tsingtau
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-492-98927-5
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 800 Seiten
ISBN: 978-3-492-98927-5
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carlo Feber arbeitet als freier Schriftsteller, Creative Writing-Dozent, Script Doctor und Schreib-Coach. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Paris war er zunächst als Arbeitswissenschaftler und Projektmanager im Medienbereich tätig. Seit 1995 schreibt er Kriminal- und historische Romane.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 2
Marinekreuzer Scharnhorst, auf See in Sichtweite von Tsingtau – 26. Januar 1911
Die Maschine im Rumpf der Scharnhorst ließ Dampf ab, das Schiff drehte zur felsigen Küstenlinie bei. Claas spürte jede Bewegung, die der Stahl unter ihm vollführte, bis in den Magen. Das flache Kanonenboot war an die fünfzig Meter lang. Trotz der Kälte war Kojendienst an Deck beordert, auch wenn das Blauzeug im Januarwind nicht richtig warm hielt. Nicht einmal einen Schal durften sie über dem Matrosenkragen tragen.
»Steht da an der Reling und glotzt in die Nebelbänke zum Hafen. Träumst du wieder?« Harms fingerte die Nitzel seines Kojenzeugs aus dem verknüllten Überzug.
Claas träumte gern. Er fühlte, dass seine Wangen glühten, trotz des eisigen Seewinds. Schnell bückte er sich nach den Enden der Wolldecke. »Ob du’s glaubst oder nicht, ich schau mir unser deutsches Tsingtau gern von der Seeseite an, schon die ganze Übungsfahrt.« Er hatte auf einmal das Gefühl, dass er Harms’ schmales Friesengesicht noch nie richtig betrachtet hatte, obwohl sie beide seit der Abfahrt aus Kiel schon wochenlang zusammen auf Koje lagen. »Sind die wunden Stellen auf der Backe vom Wind?«
Harms zog den Mundwinkel hoch. »Der Sanitäter hat nur gesagt: ›Junge, gewöhne dich besser dran. In zwei Monaten bist du abgehärtet, und die Entzündung ist weg.‹ Ich soll mir abends ein nasses Tuch auf den Kopp tun. Der hat gar nicht richtig hingeguckt. Die Sanitäter sind für die Offiziere da, nicht für uns.«
»Wie kommst du denn da drauf?«
»Die ganze Marine ist doch nur für die Vons-und-Zus-und-Heldenhaft.« Harms hob die Schultern. »Um uns Arbeiter kümmert sich doch kein Schwein.«
»Warum hast du dich dann zur Marine gemeldet?«
»Was meinst du wohl?«
Claas konnte Harms’ Blick unter den dichten blonden Brauen gegen das Licht nicht deuten. Die paar fleischrosa Stellen auf den verbrannten Wangen mussten ziemlich wehtun. »Weil du die Welt sehen willst, den deutschen Platz am Chinesischen Meer, Pagoden, Männer mit Zöpfen und Schlitzaugen …«
»Claas, du Träumer! Weißt du, was man als Segelmacherlehrling im Takelagewerk in Altona verdient? Das zählt mehr nach Pfennig als nach Mark. Vierzehn Stunden in schlechtem Licht und Dampf. Deshalb wollte ich raus. Ich habe nicht das Glück, aus einer Fischräucherei zu kommen.« Harms lachte leise. »Obwohl, richtig fett bist du nicht gerade.«
Warum er ihm den Laden der Eltern nur immer vorhielt? »Großvater und meine Mutter arbeiten auch den ganzen Tag. Was für dich der Dampf, war für mich die Räucherei. Und ich wollte den Strand von Alsen gegen den dort tauschen.« Claas zeigte auf Tsingtau und die Küste. »Sieh mal! Über dem Nebel ragt die Christuskirche am Signalberg hervor.« Jeden Abend betete er, dass er wieder heil nach Hause kam, bevor sein kranker Großvater starb. Aber die Eltern hatten Claas in Sonderburg bis zur Einschiffung nicht verraten, was der Arzt wirklich gesagt hatte.
»Verschon mich mit den Weihrauchschwenkern«, brummte Harms.
Claas konnte kaum den Fuß auf die Planken setzen, weil alle Matrosen ihre Matratzen zum Lüften an Deck geschafft hatten. Er knotete einen Schlippsteg durch das Auge eines Bändsels. »Ohne die Missionare säßen wir Deutschen doch gar nicht in Tsingtau. 1897 sind in einem Dorf nachts drei Missionare von dreißig Chinesen überfallen und zwei ermordet worden. Hast du bei den Vorträgen auf dem Truppentransporter nur geschlafen?«
»Wie denn, du Spaßvogel? Ein ganzer Monat in engen Kojen. Mann, war ich froh, nach dieser Höllenüberfahrt Ausgang an Land zu kriegen.« In Harms’ hellblauen Augen glitzerte es wie Kiesel an einem vom Wasser überspülten Strand. »Du glaubst wohl alles, was dir ein Vorgesetzter erzählt? Der Überfall auf die Missionare war nur ein Vorwand.« Er nickte zum Wasser hin. »Das Reich hat vorher schon eine Kreuzerdivision an die Küsten geschickt, um China einen Vertragshafen abzupressen. Die Chinesen wollten ihre Kiautschou-Bucht aber nicht freiwillig hergeben. Die wissen genau, dass es die Natur hier ideal für einen großen Hafen eingerichtet hat.«
In der Marine durfte nicht agitiert werden. Claas sah sich rasch um. »Wenn dich ein Maat so reden hört, bekommst du Arrest.«
»Ich sage nur, was ich weiß.« Harms schnippte einen Fussel vom Ärmel.
»Woher weißt du so was überhaupt?«
»Von einem Reichstagsabgeordneten der SPD, der hat im Arbeiterbildungsverein in Altona gesprochen.«
»Zu den Roten gehst du hin?«
»Klar. Habe ich etwa Häuser, Grund und eine Fabrik? Ich bin ein Arbeiter. Genau wie du im Grunde, auch wenn deinen Eltern der kleine Fischladen in Sonderburg gehört.«
»Lass mich mit Politik in Ruhe.« Das sagte Vater auch immer, wenn Mutter ihm aus der Alsener Zeitung vorlas.
Harms brach in Lachen aus.
Der rothaarige Hössling starrte von der anderen Seite herüber und wuchtete mit seinen dicken Pranken seine Matratze herum. »Haltet das Maul! Sonst haben wir Storrek auf dem Hals.«
Harms ruckelte am Band des Überzugs, er bekam es auf Anhieb glatt, im Gegensatz zu ihm. Mit Segeltuch kannte der sich aus, gelernt war halt gelernt. Das Schiff drehte wieder bei, Claas spürte es im Magen. Auf dem Truppentransporter hatte er sich schon hinter Suez dran gewöhnt, aber das Kanonenboot lag mehr auf dem Meer und pflügte nicht wie ein Dampfer durch die Wellen. Er fror in der Brise an Deck.
»Platz da!«, bellte Unteroffizier Storrek. Er stützte sich an die graue Stahlwand und stieg über die Matratze von Harms.
»Wollen wir mal sehen, was es hier an Bord für euch zu lachen gibt.« Storrek strich sich über die Schnurrbartenden, bevor er brüllte: »Was ist denn das? Gemeiner Claas, wozu hast du die Namensläppchen?«
Claas sprang auf, mühte sich um eine stramme Haltung. Dabei kam er mit dem Stiefel auf ein Matratzentuch. Er fing einen bösen Blick von Hössling auf. »Damit ich mein Kojenzeug sofort wiedererkennen kann.«
Storrek deutete mit der Stiefelspitze zum Überzug. »Und wie willst du was erkennen, wenn du das Läppchen nicht lesen kannst? Ein letztes Mal, Gemeiner Claas. Sichtbar, sauber. Wiederhole das!«
»Jawohl. Sichtbar und sauber.«
Storrek kniff die Lippen zusammen. »Wenigstens Strammstehen hast du schon gelernt. Weitermachen.«
Hinter einem Vorsprung am Schiffsaufbau verschwand der Unteroffizier vorbei an Hössling. Sofort packte der Claas an der Schulter und riss ihn herum. »Schau dir das an, du Idiot.« Seins Gesichtsfarbe war so rot wie seine Haare. Auf dem Matratzenschoner zeichnete sich die Sohle von Claas’ Stiefel ab. »Die Schuhwichse wäschst du raus!«
Claas stieß den Arm von Hössling weg. »Nee.« Mit Kernseife ging das schwer raus. »Musst du halt dein Bettzeug aus dem Weg räumen. Wir haben alle keinen richtigen Platz hier.« Er beugte sich zu seiner Matratze.
Hössling trat sie weg und packte Claas so fest am Blauzeug, dass die Nähte knirschten. Seine Augen funkelten ihn an. »Du wirst mir die schwarzen Flecken da rausscheuern, sonst schlag ich dich so blau wie deine Jacke.«
Die Nähte unter den Achseln schnürten Claas ein, er konnte kaum einen Arm dazwischenkriegen. »Lass mich los!« Hössling hatte bei der Überfahrt dreimal in Arrest gesessen, weil er sich geprügelt hatte. Die Jungs hatten ihm dann doch lieber die beste untere Koje gelassen, damit Ruhe war. Claas holte mit dem linken Bein aus und trat ihm mit aller Kraft gegen das Schienbein. »Lass mich sofort los!«
Die Kameraden schauten einfach zu. Harms stand drei Schritt neben ihnen und fasste die Nitzel an seiner Matratze ein. Es zuckte nur ein bisschen in seinen vom Wind verbrannten Wangen.
Hössling lachte und schleuderte Claas mit dem Kreuz gegen den Rand einer Luke. Der Schmerz überstrahlte alles …
»Hössling, das ist Stahl. Willst du ihm das Kreuz brechen?« Harms ließ sein Schlafzeug fahren, die schwarzen Bändchen an seiner Mütze umflatterten das kurze weißblonde Haar. Er packte Hössling an der Schulter, legte den rechten Arm um dessen Gurgel und quetschte ihm den Hals in der Beuge ein. »Bist du völlig bekloppt?«
Hössling ließ los. Claas tastete nach Halt am kalten Metall, schluckte...




