E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Federmann Das Himmelreich der Lügner
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7117-5481-3
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-7117-5481-3
Verlag: Picus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Reinhard Federmann, 1923 in Wien geboren, 1976 dort gestorben, war freier Schriftsteller und Journalist. Zahlreiche Romane, Hörspiele und Erzählungen, Herausgeber der Kulturzeitschrift »Die Pestsäule«, Mitglied der Gruppe 47. Im Picus Verlag erschienen die Romane »Barrikaden«, »Chronik einer Nacht« und der Erzählband »Die Stimme« sowie die gemeinsam mit Milo Dor verfassten Romane »Und wenn sie nicht gestorben sind ...«, »Und einer folgt dem anderen« und »Internationale Zone«.
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1
Jetzt, nach mehr als zwanzig Jahren, kann ich nicht beschwören, ob alles so gewesen ist. Manchmal scheint mir, als sei ich seither nicht viel älter geworden. Dann wieder kommt mir der Mensch, den ich da in Erinnerung habe, unbegreiflich kindisch vor, überhaupt unbegreiflich. Eine Trübung stellt sich ein, sobald ich gewisse Situationen schärfer betrachten will. Eben waren mir die Ereignisse jenes Tages noch selbstverständlich, nun beginnt alles in einem unbestimmten Licht zu zittern. Die einfachsten Dinge entfallen mir. Ich sitze bei Olga, in ihrem Zimmer. Das Zimmer weiß ich noch. Es war prunkvoll eingerichtet und sehr hell. Für eine größere Summe kann man sich zu jeder Jahreszeit eine ganze Menge Helligkeit kaufen, selbst Tageslicht. Es war ein trüber Tag im Vorfrühling; ich habe ihn als hell in Erinnerung. Das kommt, weil die Fenster riesengroß waren. Die ganze Wohnung war überdimensional. Wäre es nach mir gegangen, ich hätte darin vier Arbeiterfamilien einquartiert – nur hätte ich dann Olga aus ihrer Wohnung vertreiben müssen. Ich hatte damals viel gegen die Reichen. Olga nahm ich aus. Nicht, weil sie mir Geld gab. Sie gab mir Geld, sooft ich sie besuchte, sie steckte es mir heimlich zu.
So weit erinnere ich mich. Aber etwas stimmt schon hier nicht. Wie konnte sie mir heimlich Geld zustecken? Als ob ein Mensch, dessen Taschen immer leer waren, nicht gemerkt hätte, wenn sich plötzlich ein Zwanzigschillingschein darin fand! Die Sache war offenkundig. Wir sprachen nur nicht darüber. Es geschah wortlos wie alles Wichtige im Leben. Aber das ist eine These, und mit Thesen muss ich vorsichtig sein. Die meisten Thesen, zu deren Anhänger ich mich machen ließ, haben sich zu irgendeinem Zeitpunkt als falsch herausgestellt. Für mich. Das alles gilt nur für mich. Ich muss damals ein querköpfiger Bursche gewesen sein und ziemlich wild, und es geht nicht an, dass man aus meinem Verhalten Rückschlüsse auf meine Freunde zieht, auf meine Partei, auf meine Landsleute. Das bin nur ich. Wenn ich es bin.
Das wird mir nämlich immer zweifelhafter. Ich sage, ich war wild. Ich glaube, wie ich da bei Olga sitze, in ihrem Zimmer, bin ich ganz zahm. Ich sehe auf meine zerbeulten Schuhe nieder. Ich komme mir überflüssig vor.
Ich könnte sagen, das war 1933, im März, in Wien, in einer Wohnung in der Porzellangasse. Ich könnte sagen: Olga war ein schönes Mädchen, für mich war sie überhaupt die Schönste. Ich könnte sie beschreiben, jedes Sinnesorgan und jeden Körperteil. Aber was wäre damit gewonnen? Ich könnte unser Gespräch aufschreiben, obwohl ich mich ganz bestimmt nicht an ein einziges Wort erinnere, das an diesem Nachmittag gesprochen worden ist. Sicher, ich weiß noch, worum sich’s drehte, das weiß ich sogar genau. Aber die Worte? Weiß ich, an welcher Stelle sie Atem holte, wann sie errötete, wann ich erblasste? Ich glaube, errötet ist sie nie, und mir habe ich keinen Spiegel vorgehalten.
Die Zusammenhänge könnte ich erzählen. Dass Heinz nebenan im Bett lag, in einem abgedunkelten Kabinett. Dass Olga mich nicht zu ihm hineingehen ließ – sie sagte, er müsse seine Ruhe haben. Er hatte, glaube ich, eine Gehirnerschütterung, und sein Nasenbein war gebrochen. Sie hatten ihn um die Mittagszeit überfallen, am Franz-Josephs-Kai, mit Schlagringen, zwei Nazis von der Universität. Sie hatten ihn zu Boden geworfen und waren auf ihm herumgetrampelt. Er selbst wusste das nicht so genau, sie hatten ihn nicht einmal angesprochen, er wusste nur, dass er misshandelt worden war. Ein Kleiderhändler, der dort sein Geschäft hatte, erzählte ihm nachher den Vorfall in allen Einzelheiten, ihm und einem Wachmann, der sich inzwischen eingefunden hatte. Es mussten ziemlich viele Leute zusammengelaufen sein, um den Verletzten zu betrachten. Vorher hatten nur ein paar zugeschaut, aus einer gewissen Entfernung. Und Heinz erzählte es Olga, da war er aber noch benommen, und wer weiß, wie viel er seither schon vergessen hatte.
Nun erzählte Olga es mir. Sie hatte mich zu Hause angerufen, ich war gleich gekommen. Dabei hatten wir tags zuvor ausgemacht, wir würden einander nicht mehr sehen. Heinz Rubin war mein Freund, beinahe mein einziger. Durch ihn hatte ich Olga kennengelernt, die beiden waren verlobt. Das waren die Zusammenhänge.
Solche Dinge merkt man sich ja leicht. Ich möchte aber berichten, was ich gesehen und gehört habe, gesprochen, gedacht. Ich weiß es nicht mehr. Ich müsste es erfinden. Obwohl gewisse Tatsachen natürlich bestehen bleiben. Es ist in der Porzellangasse. Nebenan liegt Heinz, vielleicht bewusstlos. Wir hören ihn nicht einmal stöhnen. Ich sitze bei Olga. In ihrem Zimmer.
Da war ein gewaltiges Bild. Angeblich stammte es von Tischbein dem Älteren. Ich glaube, Olga war ziemlich stolz darauf. Es war vielleicht drei Meter lang und gegen zwei Meter hoch und stellte Hektors Abschied von Andromache dar. Andromache hatte einen mächtigen gelben Busen und rote Augen vom Weinen. Wenn ich nicht irre, war auch eine dicke bläuliche Träne zu sehen. Das ist ja ganz verständlich beim Abschied. Ihre Frisur bestand aus sauber geflochtenen Zöpfen, drei-, viermal um den Kopf gewickelt, und ereignet hat sich diese Geschichte vor ein paar Tausend Jahren in Kleinasien. Hektor sah echter aus. Er sah aus wie ein Rabbiner. Er hatte aber keinen schwarzen Hut auf, auch kein schwarzes Käppchen, sondern einen goldenen Helm mit rotem Federbusch darauf. Das Kind in den Armen einer stramm bäuerlichen Amme sah nach gar nichts aus. Ich musste mir immer vorstellen, wie es Speere warf und die Götter ehrte. Aber Olga war nicht erbaut, wenn ich über das ehrwürdige Bild lachte. In einer Beziehung ging das Kind nach der Mutter. Es war blond. Das sollte gewiss einen rührenden Effekt machen. Ich wüsste zwar nicht, warum man schwarzhaarige Kinder nicht ebenso rührend finden sollte oder rothaarige. Jedenfalls ist sicher, dass auch das Christuskind meist blond dargestellt wird.
Wie Homer berichtet, ist Hektor kurz darauf vor der trojanischen Mauer erstochen worden, in der Art, wie man Schweine ersticht. Danach hat man ihn an den Füßen aufgehängt und zwölfmal um die Stadt geschleift oder neunmal oder siebenmal, irgendeine heilige Zahl wird es schon gewesen sein.
Ich möchte mich klar ausdrücken, ich möchte eindeutig sein. »›Bruno‹, sagte Olga«, möchte ich schreiben, »›du machst dir ganz unnötige Gedanken.‹« Vielleicht sagte sie etwas Ähnliches. Ich weiß es nicht. Und Olga weiß es schon gar nicht mehr. Ob sie sich noch an ihr Tischbeinbild erinnert, an diesen Tag im März, einen trüben Tag, an mich, wie ich auf meine deformierten Schuhe schaue? Ich hatte etwas versäumt, ich war nicht dabei gewesen. Ich hatte nicht zuschlagen können, um Heinz zu helfen. Es war nicht schwer, ihn anzufallen. Gewiss, er war groß, aber so dürr, dass er schon im bloßen Gehen einzuknicken schien, und seine Augen hinter den dicken Brillengläsern hatten meist einen ganz verwunderten Ausdruck. Ich bin sicher, er hatte die Schläger nicht einmal auf sich zukommen sehen. Ich hätte mich wahrscheinlich rasch auf sie eingestellt. Ich wog damals um die achtzig Kilo, und ich war im Boxen trainiert, wenn auch ohne Schlagring. Olga meinte, sie wären auf ihn losgegangen, weil er unserer Sozialistischen Jungfront angehörte, aber die zwei Hakenkreuzler hatten ihn ja gar nicht gekannt, sie waren einfach wegen seiner großen, blutlosen, jüdischen Nase über ihn hergefallen. Es musste genug Blut herausgeflossen sein, »der ganze Anzug ist voll«, sagte Olga, »er kann ihn nie mehr anziehen«. Ich saß bei ihr, in ihrem Zimmer. Draußen hörte ich Geschrei: Damen, die zu Besuch kamen. Olgas Mutter hatte ihren »Jour«. Und es roch nach essigsaurer Tonerde.
Ich überlegte vielleicht, wie sie es diesmal anstellen würde, mir Geld zu geben. Und sicher hasste ich auch an diesem Tag die Reichen, schon gar, sobald ich aus dem Vorzimmer dieses Altweibergeheul hörte, ich hasste sie nicht, weil sie Geld hatten, sondern einfach so. Wahrscheinlich, weil sie es alle Welt wissen ließen, sehr laut, sehr frech, oder weil ich nicht reich war. Das ist wohl ein hinreichender Grund zu hassen. Weil sie mich zwangen zu betteln. Olga wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich hier mitteile, dass ich sie in bestimmten Phasen kräftig hasste, die Schöne, denn in der Liebe muss eine gewisse Portion Hass schon Platz haben, sonst wäre an der Liebe nicht viel dran. Dabei war doch sicher nicht sie es, die mich zum Betteln zwang, ich war es, der sich dazu zwang, ihr Geld einzustecken, das von Schweinen stammte. Es war allerdings ziemlich gleichgültig, woher das Geld stammte, es war auf jeden Fall nicht meins. Ihr Vater kaufte und verkaufte Schweine, ganz Wien lebte von seinen Schweinen, und er auch, und Olga auch, sogar ein kleines Taschengeld blieb ihr noch für Kleider und dergleichen und Reitstunden oder was sie sonst Kostspieliges...




