Federn | Abenteuer und Magie. Band I | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 388 Seiten

Federn Abenteuer und Magie. Band I


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-502-5
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 388 Seiten

ISBN: 978-3-95676-502-5
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Karl Federn (* 2. Februar 1868 in Wien, † 22. März 1943 in London) war ein österreichischer Jurist, Übersetzer und Schriftsteller. Er emigrierte 1933 nach Dänemark und ging 1938 nach London, wo er sich einen Namen als Kritiker des Marxismus machte. Sein Buch “Hauptmann Latour” wurde in Deutschland von den Nationalsozialisten verboten. (Auszug aus Wikipedia)

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Der Pfau von Irville
Als Antoine von Chamillac – von den Cloré-Chamillac, die sich seit langem für die erste Familie von Aix hielten, – die Tochter des Marquis von Irville als Gattin heimgeführt hatte, wuchs sein Stolz über die Maßen. Er war sonst ein tapferer und rechtschaffener Mann, wohlgebildet und, bis auf seinen Hochmut, von feinen Sitten, und er vergötterte den Boden, den die Füße seiner schönen jungen Frau betraten. Ihr zu Ehren hatte er den Landsitz, auf dem sie den größten Teil des Jahres wohnten, gleichfalls Irville genannt und mit Terrassen und Gärten verschönt. Zwischen meist im Grün versteckten Mauern zog sich der Park mit den wundervollen Blumen und Büschen des Südens hin; der Duft der Rosen und des Jasmins, und wieder der Zitronen- und Orangenblüten erfüllte die warme Luft, und wenn Marguerite von Irville, ihr in weiße Seide gekleidetes Söhnchen an der Hand, die Sommerwege entlang ging, so hatten alle, die es sahen, ihr Wohlgefallen daran. Antoine von Chamillac war freigebig und gastfrei und seinen Leuten kein ungütiger Herr, und es fehlte ihm nicht an Freunden. So lebte er im dreifachen Genuß der Liebe, des Reichtums und höchsten Selbstgefühls. An einem heißen Sommernachmittag schritt er, vom Präsidial kommend, seinem Parktor zu. Er war allein, denn er hatte seinen Diener in einem Auftrag vorausgeschickt; die Straße, die sich zwischen langen, von Efeu und Lorbeer überwachsenen Mauern hinzog, war menschenleer. Am Tage zuvor war er in Valdogne gewesen, wo er seine Weinberge hatte. Er war in den weiten kühlen Kellern gewesen, in denen die mächtigen Fässer lagen, er hatte auf einer Steinbank unter den Rosenbüschen sitzend aus einer Zinnkanne den schweren süßen selbstgekelterten Wein getrunken und mit frohen Augen die rebenschweren Holzgestänge gesehen und die eine neue üppige Ernte verheißenden Gewinde, die sich an Steingängen, Pfeilern und Mauern hinzogen. Er dachte auch mit Vergnügen daran zurück, daß die kleineren Edelleute des Tals ihm entgegengeritten waren und ihn eingeholt hatten, und fast hätten zwei davon sich um die Ehre geschlagen, ihn an ihrem Tische bewirten zu dürfen. Wenn der Erzbischof oder der Statthalter der Provinz gekommen wäre, sie hätten es nicht anders halten können. An all dies dachte er mit hoher Befriedigung, dann kam ihm der Erlaß zu Sinn, den er soeben beim Präsidial diktiert hatte, und laut vor sich hinsprechend wiederholte er: »Wir, Antoine Cloré, Herr von Chamillac, Baron von Valdogne und von Châteaurenard, Herr von Irville, Rat am Parlament ...«; er wollte mit seinen Titeln und Würden fortfahren, als ein tiefes stoßweises Lachen, ein höhnisches »Hü, hü, hü!« störend und ärgerlich in seinen Traum tönte. Unwillkürlich sah er empor, aber sein Blick traf nur das dichte Grün und die Mauer des Nachbargrundstücks. Er hatte den Degen schon halb gezogen; vor ihm war die schweigende Mauer, der alte Diodati, der Narr, der sich seinesgleichen dünkte, obwohl er von Luccheser Kaufleuten stammte, war es, der Stimme nach zu urteilen, nicht gewesen, ebensowenig der junge Edmond, auch keine der Frauen und Mädchen; wenn es ein geringerer gewesen war, konnte er ihn nur von seinen Leuten prügeln lassen, das heißt, wenn er ihn entdeckte; aber es schien kaum denkbar, daß ein Geringerer ihn so zu verhöhnen wagte. In seine fröhliche Laune war ein Tropfen Bitterkeit gefallen; unmutig ging er weiter, schritt durch das Tor seines Parks, und stieg, vom Verdruß getrieben, zu einer erhöhten Terrasse empor, von der er einen Teil des andern Grundstücks übersehen konnte: die vergitterten Fenster an der Rückseite des mächtigen steinernen Hauses und die niederen Wirtschaftsgebäude, die sich zu beiden Seiten herüberzogen. Dazwischen lag ein großer viereckiger, rings mit Bäumen bepflanzter Hof, auf dem der Diodati ungezähltes Geflügel hielt. Da gab es Gänse und Enten, buntfarbige Hühner von jeder Größe und Art, schlankhalsige graue Perlhennen, blaue Truthühner und fette Kapaunen, die vor jedem Hahn, der sie vom Futter drängte, feige die Flucht ergriffen; ein Kranich schritt flügelschlagend und gebieterisch zwischen den anderen Tieren und biß die Hähne, die nicht nach seinem Willen taten; ein alter Uhu saß grämlich in einem dunkeln Käfig, und an jeder Ecke war an einem Brett ein ausgebälgter Habicht angenagelt, den Räubern zur Warnung. In einem besonders abgegitterten Teil saß ein kostbarer rotgoldener chinesischer Fasan und andere Wundervögel. All dies sah Herr von Chamillac mit Verdruß, denn das unaufhörliche Geschrei, Gackern, Kollern und Gekreisch, das stets herübertönte, machte diesen Teil des Parks und die Terrasse fast unbenutzbar. Aus seinem Garten scholl jetzt das fröhliche Händeklatschen und Jauchzen seines Söhnchens herauf, da auf dem Mauerrand ein blauer gekrönter Pfauhahn erschien und sein wundervolles Rad in der Sonne entfaltete. Eine Weile ging der Pfau, die Brust wiegend, der Mauer entlang, den langen, wieder geschlossenen Schweif hinter sich herschleppend, dann senkte er sich mit einem Flügelschlag in den Park hinab, lief über den Weg und scharrte mit Schnabel und Füßen in den Beeten, nach Gewürm suchend, wobei er Lilien, Verbenen und Rosen zertrat, Blumentöpfe umwarf und in die Pracht der Beete häßliche Lücken riß. Zornig stieg Chamillac von der Terrasse nach dem Garten hinab: es war nicht das erstemal, der Gärtner hatte schon mehrmals Klage geführt; jetzt stand der alte Mann unten im Garten und warf einen Stein nach dem Tier. Ärgerlich und geschreckt entfloh der Pfau über den Weg und auf die Mauer, wo ein zweiter Stein dicht neben ihm aufschlug, und zornig schreiend verschwand er hinter der Steinwand. Chamillac besah den Schaden: der Gärtner machte ihn auf frühere Zerstörungen aufmerksam; eifrig die Sache besprechend, gingen sie auf das Parktor zu; ein Karren mit Vorräten wurde eben davor abgeladen und ein ungeschickter Küchenjunge hatte einen Korb mit Fischen umgestoßen; ein großer breiter Brachs lag zappelnd auf dem Boden und sein glatter weißleuchtender Bauch bedeckte sich mit rötlichem Staube; der Haushofmeister, der daneben stand, zog mit seinem Stabe dem Jungen eins über, der laut aufschrie, und Chamillac nickte befriedigt. Da sah er seine Gattin kommen; er wollte ihr seine Verdrießlichkeiten erzählen, und fand, daß sie nur unaufmerksam zuhörte. Er folgte ihren Blicken: wo vorher der Karren gehalten hatte, nur ein wenig entfernter, stand draußen vor dem Parktor, wartend und jetzt ehrerbietig grüßend, der junge Edmond Diodati, wie unschlüssig, ob er eintreten sollte oder nicht. Mit starken Schritten ging Chamillac ans Tor, trat auf die Straße, und den Hut flüchtig hebend, sagte er so laut, daß man es auch im Garten hören konnte: – er kannte den andern, seitdem er ein kleiner Knabe gewesen, – »Edmond, sage deinem Bruder, daß, wenn sein Pfau mir noch einmal in den Garten fliegt und meine Blumen beschädigt, ich ihm den Hals umdrehen lasse! ... dem Pfau!« setzte er noch hinzu; Zorn und Stimme waren im Sprechen heftiger geworden. Das hübsche Gesicht des jungen Mannes wurde ein wenig blasser, während das Chamillacs sich gerötet hatte; aber ein warnender und bittender Blick der Dame, die aus dem Park nach ihm sah, ließ ihn sich bezwingen; so verbeugte er sich und sagte nur: »Gut, mein Herr, ich werde es bestellen«, zog nochmals vor Frau von Chamillac tief den Hut und entfernte sich. Als Chamillac zurückkam, glaubte er im Gesicht seiner Frau einen leisen Vorwurf zu lesen, und das ärgerte ihn wieder. Sie sahen einander an, dann wendeten sich beide dem Hause zu, erst schweigend und dann von gleichgültigen Dingen redend, und gingen auseinander. Als sie sich beim Abendessen wiedersahen, lag es noch wie ein verstimmender Druck über ihnen; Chamillac versuchte zu scherzen, aber seine Worte klangen wie ins Leere und erheiterten niemand. Seine Frau war von eigenen Gedanken bedrückt: seit Tagen wollte sie eine Bitte an ihren Mann richten, eine große heimliche frauenhafte Bitte, und hatte es nicht gewagt, weil sie des Erfolgs so ungewiß war. Dann war er einen ganzen Tag fortgeblieben und erst tief in der Nacht zurückgekehrt, war des Morgens wieder seinen Geschäften nachgegangen, und als sie sich endlich entschlossen glaubte, war er in so unglücklicher Laune wiedergekommen. Auch sie war stolz auf ihren Rang und ihren Namen, aber seine Ansprüche und Empfindlichkeiten schienen ihr in letzter Zeit übertrieben, und aus ihren Gedanken heraus fragte sie: »Waren Sie nicht ein wenig zu schroff gegen Edmond, mein Freund?« Damit brachte sie seinen Zorn ins Lodern. »Zu schroff?« rief er, »zu nachsichtig!! ... Wenn Sie wüßten! ...« Wieder wollte er ihr erzählen, aber sowie er begann, fühlte er, daß die Beleidigungen, die seinem Sinn mit jeder Stunde größer und unerträglicher erschienen, sowie er sie in Worte fassen wollte, zusammensanken und zu belanglosen Kleinigkeiten zu zerflattern drohten, so daß er sich ins Unrecht gesetzt hätte, wo er im Recht war. Daher schwieg er, und seine Frau schwieg auch, weil sie fühlte, daß sie nichts sagen durfte. Und sogleich wuchs das Vorgefallene in seinem Gemüt wieder zu seiner früheren Gewalt empor. So gingen beide zu Bett, ohne von dem, was ihnen auf der Seele lag, gesprochen zu haben. In dieser Nacht wehte ein heißer Südwind, der übers Meer aus der Wüste gekommen war. Bald schlug er mit plötzlichen Stößen an die Scheiben, und die Zweige der Bäume bogen sich unter ihm, bald war eine tiefe Stille, dann kam es wieder wie ein breiter erstickender Strom. Die Menschen schliefen schlecht in dieser Nacht, mit unruhigen Träumen, oder lagen wach, mit schmerzenden Köpfen. Durch alle Ritzen und Fugen...



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