E-Book, Deutsch, 261 Seiten
Federn Anklagen gegen Deutschland
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-500-1
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 261 Seiten
ISBN: 978-3-95676-500-1
Verlag: OTB eBook publishing
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Karl Federn (* 2. Februar 1868 in Wien, † 22. März 1943 in London) war ein österreichischer Jurist, Übersetzer und Schriftsteller. Er emigrierte 1933 nach Dänemark und ging 1938 nach London, wo er sich einen Namen als Kritiker des Marxismus machte. Sein Buch “Hauptmann Latour” wurde in Deutschland von den Nationalsozialisten verboten. (Auszug aus Wikipedia)
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I. Die deutschen Imperialisten
Das Buch «J'accuse»
Die Vorgeschichte des Krieges Die Ausführungen des Verfassers gelten zunächst «unsern Imperialisten». Unter dieser Ueberschrift erwähnt er Schriften von Frobenius, Treitschke und Bernhardi und kennzeichnet damit bereits sein Vorgehen, denn von diesen Schriften hat er diejenige, die er an erster Stelle nennt: «Des Deutschen Reiches Schicksalsstunde», von Frobenius, ohne Zweifel nie gelesen, sonst hätte er sie hier nicht erwähnt. Denn in den 88 kurzen Seiten dieser Schrift findet sich nicht eine Stelle, die man selbst mit Zwang und Drehung als imperialistisch auslegen könnte. Frobenius schildert darin die englischen, russischen und französischen Rüstungen und zwar ruhig, sachlich, mit reichlichem Material, und warnt das deutsche Reich vor drohender Gefahr, eine zweifellose Pflicht jeden Mannes, der solche Gefahr sah oder auch nur zu sehen glaubte, – aber von irgendwelchen Zielen deutscher Politik, von Eroberungen, Kolonien, Vorherrschaft – und das versteht man doch wohl unter Imperialismus – kein Wort! Im Gegenteil, an der einzigen Stelle, an der er von Gebiets- und Machterweiterungen, nicht etwa Deutschlands, sondern überhaupt, spricht, auf Seite 81, führt er aus, wie nötig gerade hier gegenseitige Konzessionen und eine Einigung der Völker im Interesse Europas wäre! Dem Verfasser ist also gleich die erste Sache, über die er schreibt, unbekannt. Vermutlich hat der Titel der Schrift ihn irregeführt und ihn bewogen, sie hier zu nennen. Aus dem vielerörterten Buch Bernhardis führt er eine Reihe von Stellen an, in denen der Krieg verherrlicht und als in einem gegebenen Augenblick notwendig für Deutschland hingestellt wird. Diese Stellen, wie etwa ähnliche Bemerkungen in anderen Büchern, beweisen natürlich nur, dass die Verfasser dieser Bücher und vermutlich ein Teil ihrer Leser solcher Ansichten waren. Und gerade die Leser des Buches von Bernhardi waren in Deutschland sehr wenig zahlreich, da beim Ausbruch des Krieges nur etwa viertausend Exemplare davon verkauft waren; das sagt der Verfasser nicht; wahrscheinlich weiss er es nicht. Wenn der Verfasser nichts weiter sagen wollte als: «seht, solches wurde im deutschen Reich gedruckt und gelesen!» – denn dass diese Bücher für die Entschlüsse der Reichsregierung im Sommer 1914 massgebend waren, versucht er gar nicht zu beweisen – wenn er nur ein Verdachtsmoment anführen wollte, so wäre dagegen nichts einzuwenden. Das für sein Vorgehen kennzeichnende liegt darin, dass er vollkommen verschweigt, dass ebensolche Bücher und viel, viel Schlimmeres in den Ländern der Entente gedruckt und gelesen wurde. So müsste er, wenn er das Buch von Frobenius gelesen hätte und ihm an der Wahrheit gelegen wäre, sogleich sagen, dass es durch ein amerikanisches, aber für England geschriebenes Buch veranlasst wurde, Homer Leas «The day of the Saxon», in dem die Vernichtung Deutschlands als für Englands Sicherheit unbedingt nötig erklärt wird! Der Autor weiss davon nichts und ebensowenig von den Schriften Conan-Doyles und anderer in England, noch von denen Aubœufs, Déroulède's, Mangins und vieler anderer in Frankreich, vor allem aber nichts von den viel schlimmeren, weil viel verbreiteteren Zeitungsartikeln des «Matin», des «Temps» und anderer Pariser Blätter, nichts von den gehässigen illustrierten Sonntags-Beilagen dieser Blätter, die den Hass gegen Deutschland mit allen Mitteln schürten. Davon wird später noch die Rede sein. Vor allem aber weiss er nichts von der Tätigkeit der «Times» und der «Daily-Mail» und ihres Herausgebers Lord Northcliffe. Ich will ein englisches Zeugnis anführen: in dem berühmten offenen Brief, den der Herausgeber der «Daily News», A. G. Gardiner, am 1. Dezember 1914 an Lord Northcliffe richtete, wirft er ihm vor, dass er in beiden Blättern, – den verbreitetsten Englands – seit Jahren als «Brandstifter» gewirkt, und nichts anderes getan als Hass gepredigt und « den Krieg vorbereitet habe ...» «Wir», – die Daily News – sagt Gardiner, «haben für den Frieden gearbeitet, und das war undankbar, denn es trägt nichts, wenn man gegen die volkstümliche Strömung schreibt». Wir haben in diesen Worten das offene Zugeständnis eines der angesehensten englischen Journalisten, dass die volkstümliche Strömung in England, wenn nicht geradezu für den Krieg, so doch jedenfalls eine hassvolle und dem Frieden nicht günstige war. Wenn dem Autor all dies unbekannt ist, wie durfte er über die Vorgeschichte des Krieges schreiben? wenn es ihm bekannt ist, wie durfte er es unerwähnt lassen? Wir haben in Deutschland gar keinen neueren Dichter, der den Krieg verherrlicht hätte, wie es Kipling in seinen «Barrackroom-Ballads» getan hat, oder Paul Déroulède in seinen «Chants du soldat» mit ihren blutrünstigen Illustrationen, wo auf jeder dritten Seite Soldaten in preussischen Uniformen niedergesäbelt werden. Verherrlicher des Krieges! Der friedliche Anatole France schreibt: «Plus j'y songe et moins j'ose souhaiter la fin de la guerre ... Supprimez les vertus militaires et toute la société civile s'écroule. Mais cette société eût-elle le pouvoir de se reconstituer sur de nouvelles bases, ce serait payer trop cher la paix universelle que de l'acheter au prix des sentiments de courage, d'honneur et de sacrifice que la guerre entretient au cœur des hommes». «Je mehr ich darüber nachdenke, dosto weniger wage ich das Ende des Krieges zu wünschen ... Unterdrückt die militärischen Tugenden, und die ganze bürgerliche Gesellschaft bricht zusammen. Aber auch wenn die Gesellschaft sich auf neue Grundlagen wieder aufbauen könnte, der Weltfrieden wäre zu teuer bezahlt, wenn wir ihn um den Preis des Mutes, des Ehrgefühls, der Opferfähigkeit erkaufen müssten, die der Krieg in den Menschenherzen lebendig erhält.» Anderes hat auch Bernhardi nicht zum Lob des Krieges gesagt. In Italien schrieb Scipio Sighele, ein Mann, der in den letzten Jahren nur zu grossen Einfluss geübt hat, in seiner Schrift «Der Nationalismus und die politischen Parteien«: «Im Bewusstsein des Bürgers müssen die Tugenden des Krieges die erste Stelle einnehmen und die des Friedens die zweite, denn der Krieg ist die Lebensbedingung der Nation», ... «der Krieg ist nicht nur eine Notwendigkeit, sondern er ist eine Pflicht». Und zwar ist hier nicht von einem bestimmten Krieg, sondern ausdrücklich vom Krieg an sich, vom Krieg im allgemeinen die Rede. Aehnlich äussert sich Maurizio Maraviglia in seiner Schrift «Ueber den italienischen Nationalismus«: «Wir wollen, dass der Krieg die Seele des Volkes erfülle!» Aehnlich Enrico Corradini in «Der Wille Italiens». Und alle diese Schriften sind nicht etwa jetzt während des Krieges, sondern lange vorher, in den Jahren 1910 und 1911 erschienen. Alle, welchem Lande sie auch angehören, beweisen durchaus nicht die Schuld der französischen oder irgend einer Regierung, so wenig als die Schriften Tolstois die Unschuld der russischen Regierung beweisen. Sie beweisen nur, dass es in England wie in Frankreich und Italien Schichten und Institutionen gab, die den Krieg wünschten, und einflussreiche Schriftsteller, die ihn verherrlichten. Und sie beweisen vor allem die Unkenntnis, oder, wenn er sie absichtlich verschwieg, die Illoyalität des Autors, der das Buch «J'accuse» geschrieben hat. In allen Ländern, also nicht nur in Deutschland, gab es unter Offizieren, Politikern und in der Presse eine Kriegspartei, in allen gab es einen Imperialismus und Imperialisten. Der wesentliche Unterschied ist der, dass im Lauf der letzten vierzig Jahre die Imperialisten Frankreichs, Englands und Russlands, selbst Italiens, eine Reihe von Eroberungskriegen durchzusetzen vermocht hatten, – Eroberungszüge gegen Madagaskar und Marokko, den Burenkrieg, den russisch-türkischen und den russisch-japanischen, den libyschen Krieg, um nur die grössten zu nennen, – in Deutschland aber in derselben Zeit nicht einen einzigen! Das spricht nicht gerade dafür, dass sie hier entscheidenden Einfluss hatten. Der Autor des Buches verschweigt dies, obwohl es doch das einzig Massgebende ist; dafür weiss er uns zu sagen, dass die deutsche Kriegspartei in einflussreichen Kreisen in den letzten Jahren mächtig geworden ist und den gegenwärtigen Krieg erzwungen hat. Diese Behauptung haben wir von allen Seiten, selbst aus Amerika gehört. Wir warten auf die Beweise. Der Verfasser weiss weiter, dass der deutsche Kronprinz das «einflussreiche Haupt und der Sturmbock dieser Bewegung gegen den ursprünglich friedliebenden kaiserlichen Willen gewesen ist». Auch diese Behauptung ist nicht neu; als Beweis führt der Autor, an dieser wie an spätern Stellen, Aeusserungen des deutschen Kronprinzen an, die dessen militärische und kriegerische Neigungen bestätigen sollen. Die Frage ist aber nicht, welche Anschauungen der deutsche Kronprinz bei dieser oder jener Gelegenheit geäussert hat, sondern, ob er diese Anschauungen in den entscheidenden Tagen vertrat, und vor allem, ob er den Einfluss besass, sie auch durchzusetzen. Nun ist nicht anzunehmen, dass der Verfasser am deutschen Hof verkehrt hat und darüber eigene Beobachtungen machen konnte; er macht auch nicht den geringsten Versuch, sei es eigenes, sei es fremdes Wissen in Anspruch zu nehmen; ihm genügt es vollkommen, ein verbreitetes Gerücht nachzusprechen; damit ist für «Historiker» solchen Schlages, wie für gläubige Leser der Beweis geliefert. Wir haben jedoch ein vollgiltiges Zeugnis über diesen Punkt; denn ein anderer Mann, der durch zwei Jahre am deutschen Hof und im Auswärtigen Amt verkehrt hat, der in den...




