Feibel | Like me. Jeder Klick zählt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Feibel Like me. Jeder Klick zählt


13001. Auflage 2013
ISBN: 978-3-646-92514-2
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-646-92514-2
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jana, die Neue in Karos Klasse, ist ein richtiger Jungsmagnet. Außerdem hat sie ein iPhone, ist immer online und auf dem besten Weg, Moderatorin einer neuen Internet-TV-Show zu werden. Dafür muss sie nur möglichst viele Sympathiepunkte in dem Social-Media-Network 'On' sammeln. Karo und ihr heimlicher Schwarm Eddi - der offensichtlich in Jana verknallt ist - helfen ihr dabei, indem sie die verrücktesten Dinge posten. Doch irgendwann wird aus dem Spiel bitterer Ernst - und nichts ist mehr so, wie es schien.

 Thomas Feibel ist der führende Journalist zum Thema »Kinder und digitale Medien« in Deutschland. Er leitet das »Büro für Kindermedien« in Berlin und publiziert in Zeitungen und Zeitschriften. Er hält viele Vorträge, gibt Workshops und hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Für sein Engagement für Leseförderung, Medienkompetenz und Kinderschutz wurde Thomas Feibel mehrfach ausgezeichnet.
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»MACH MIT, SAMMLE FREUNDE, SEI ON SHOW«


Ich muss dir etwas erzählen, aber es darf wirklich niemand erfahren. Nur dir kann ich noch vertrauen. Ich weiß, dass bei dir ein Geheimnis auch ein Geheimnis bleibt – und es nicht gleich die ganze Welt erfährt. Wenn du dich nicht mehr auf deine Freunde verlassen kannst, auf wen dann? Heute frage ich mich allerdings, ob Jana und ich jemals wirklich Freundinnen waren …

Jana kam nach den Sommerferien neu aus Hamburg zu uns in die Klasse. Seitdem sie auf dem freien Platz neben mir saß, sahen plötzlich alle Jungs ständig in unsere Richtung. Einige wagten nur heimliche Blicke, andere starrten und einem Teil schien erst durch Jana aufgegangen zu sein, dass es überhaupt so etwas wie Mädchen an der Joseph-Weizenbaum-Gesamtschule gab. Die Mädels dagegen ahmten sie entweder nach oder hassten sie.

Denn Jana-Maria Wolf sah einfach unglaublich gut aus. Ihre langen blonden Haare stylte sie immer wieder anders: mal offen und glatt, mal lockig, mal hochgesteckt oder mit eingeflochtenen, feinen Zöpfen. Sie schminkte sich jeden Tag und trug immer Schuhe mit hohen Absätzen. Ich schwöre dir: Unter zehn Zentimetern machte es Jana nie. Dabei überragte sie uns alle mit ihren 14 Jahren sowieso schon um einen halben Kopf. Ich dagegen hatte immer die gleiche braune Wuschelfrisur, die gleichen Ringelshirts, Jeans und Turnschuhe. Um eine Sache beneidete ich sie besonders: Während ich noch mindestens bis zu meinem dreizehnten Geburtstag gezwungen war meine feste Stacheldraht-Zahnspange zu tragen, hatte sie von Natur aus perfekt geformte, weiße Zähne, die sie beim Lächeln zeigte. Bloß lächelte Jana fast nie. Ganz im Gegenteil: Meistens wirkte sie total abweisend. Deshalb kam auch anfangs niemand so richtig an sie heran. Obwohl ich tagtäglich an ihrer Seite hockte, wechselten wir nur wenige Worte miteinander. Ein richtiges Gespräch mit ihr war ohnehin kaum möglich, weil sie ununterbrochen mit ihrem iPhone herumspielte, das in einer pinkfarbenen Schutzhülle mit falschen Edelsteinen steckte. Ich selbst besaß nur so eine alte, verschrammte Gurke. Wegen des strengen Handyverbots an unserer Schule lag sie meistens irgendwo ausgeschaltet tief in meiner Tasche vergraben. Aber Jana machte sich nichts aus Regeln. Andauernd ging sie mit dem Ding online. Sogar während des Unterrichts, ohne dabei jemals von einem Lehrer erwischt zu werden. Entweder hatte gerade irgendjemand auf ON etwas gepostet oder sie schrieb selbst ein paar Zeilen. Aber vielleicht hätte ich das ja ebenso gemacht, wenn ich nach einem Umzug meinen alten Freundeskreis vermisst hätte.

Jana und ich kamen uns erst näher, als ich mich zu Hause am Computer meiner Eltern auch auf dem sozialen Netzwerk ON anmeldete. Unter meinem Echtnamen Karo Lipschitz schickte ich ihr meine allererste Freundschaftsanfrage. Zu meiner Überraschung flatterte nur wenige Sekunden später eine Bestätigung von ihr herein. Jana hatte schon über 400 Freunde, während ich nach meinem ersten Tag auf ON gerade mal auf zwölf kam. Cousins und Cousinen, die ich nicht mal sonderlich leiden konnte, bereits mitgezählt. Neugierig klickte ich mich durch ihre endlosen Bildergalerien. Am meisten beeindruckten mich dabei die Fotos von ihrem Zuhause: Jana in einem parkähnlichen Garten mit Anlegeplatz und Segelboot, Jana an einem großen Swimmingpool. Und immer das iPhone in der Hand.

Kurz: Für mich war Jana das perfekte Mädchen, das alles hatte. Es gab in ihrem Leben nur einen echten Schönheitsfehler: Sie war in der Schule nicht gerade gut und in Sachen Mathematik sogar unglaublich schlecht.

»Warum hast du eigentlich keinen Nachhilfelehrer?«, erkundigte ich mich bei Jana nach der Schule.

»Mein Dad will das grundsätzlich nicht«, antwortete sie unkonzentriert und tippte eifrig auf ihrem iPhone herum. Dabei benutzte sie mich wie einen Blindenhund: Sie lief, wenn ich lief, und sie blieb stehen, wenn ich stehen blieb. »Er findet, dass ich es aus eigenem Antrieb schaffen muss. Ehrgeiz geht ihm nun mal über alles.«

»Meine Eltern ticken da völlig anders«, wunderte ich mich. »Die sparen immer an allem, doch sobald ich mit nur einer Drei nach Hause komme, suchen sie mir sofort eine Nachhilfe.«

Ich sah kurz zu Jana rüber. Da sie die ganze Zeit fleißig weiterschrieb, wusste ich nicht, ob sie mir überhaupt zugehört hatte.

»Na ja …«, antwortete sie mit einiger Verspätung, ohne aufzuschauen. »Es kann ihm ja auch als Besitzer einer international erfolgreichen Fotoagentur einfach total peinlich sein, dass seine Tochter nicht bis drei zählen kann.«

Das passte zu dem Angeber im dunklen Anzug, dachte ich insgeheim, der sie ab und zu im silbernen Porsche von der Schule abholte.

»Umso besser«, versuchte ich sie aufzumuntern, »dass wir jetzt unsere eigene Mathegruppe gegründet haben!«

Die Idee war mir kürzlich gekommen, als Jana nachmittags im Chat auf ON mal wieder über die bevorstehende Mathearbeit gejammert hatte. Ivo würde dabei sein und auch Eddi. Mindestens zweimal die Woche wollten wir üben, so jedenfalls unser Plan. Und das allererste Treffen sollte an diesem Tag bei mir stattfinden, da ich am nächsten an der Weizenbaum-Schule dran wohnte.

Jana blieb skeptisch. »Ich glaube ja nicht, dass mir das hilft. Die Welt der Zahlen verstehe ich so wenig wie chinesische Schriftzeichen. Ist es eigentlich noch sehr weit?« Sie schwenkte ihr Telefon in der Luft. »Mein Akku macht gleich schlapp.«

Tschüss Kinderzimmer


Ich war an diesem Tag ehrlich gesagt ganz schön aufgeregt. Noch nie hatte mich Jana besucht. Natürlich konnte mein Zimmer niemals mit ihrem mithalten. Die tollen Fotos auf ON gingen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf: Ihre Eltern mussten ihr das komplette Dachgeschoss der Villa ausgebaut haben. Tja, an Geld schien es Familie Wolf nicht gerade zu mangeln. Meine neue Mitschülerin lebte praktisch in einer eigenen Wohnung voller stylischer Möbel und einem riesigen Bad mit frei stehender Wanne. So etwas kannte ich sonst nur aus den Luxus-Einrichtungszeitschriften im Architektenbüro meines Vaters.

Danach musste ja der anschließende Vergleich mit meinen eigenen vier Wänden vernichtend ausfallen: das reinste Kinderzimmer! Was war mir also anderes übrig geblieben, als meine sämtlichen Spielsachen in Kartons zu packen und sie höchstpersönlich in den Keller zu tragen. Auch hatte ich mich schweren Herzens von der vermutlich größten Katzenpostersammlung der Welt getrennt und anschließend meinen Vater bearbeitet, mit mir zusammen mein Zimmer am Wochenende zu renovieren. Er hatte mir dann sogar einen neuen Schreibtisch, ein Regal und einen bunten Läufer von IKEA spendiert und mir zur Krönung noch sein altes Notebook überlassen, auf das ich schon immer scharf gewesen war. Endlich musste ich weder ihn noch meine Mutter extra fragen und konnte jetzt auch mal unbeobachtet auf ON gehen.

Wie würde Jana jetzt darauf reagieren? Kritisch schaute sie sich in meinem frisch verwandelten Zimmer um, das immer noch ein wenig nach Farbe roch, und schlüpfte aus ihrem Sommermantel. Jana sah richtig elegant aus. Sie kannte jede Menge cleverer Tricks, um auch stinknormale H&M-Klamotten aufzupeppen. Zum Beispiel mit Gürteln, Ketten und Tüchern.

»Unglaublich«, rief sie schließlich und wies auf mein Bett. »Du hast immer noch Kuscheltiere?«

Ich starrte überrascht meinen rosa Hasen mit dem fehlenden Ohr an, der mitten auf dem Kopfkissen thronte. Den musste meine Mutter heute beim Bettenmachen dahin gesetzt haben.

Ich wollte rasch eine witzige, entschuldigende Bemerkung machen, aber bevor ich überhaupt ein Wort herausbringen konnte, machte Jana mit ihrem iPhone ein Foto. Stolz grinsend hielt sie mir den Schnappschuss hin: »Schau dir mal dein Gesicht an!« Zufrieden stöpselte sie ihr Gerät in die Steckdose, um es aufzuladen. »Super. Das Bild kannst du gleich als neues Profilfoto auf ON verwenden.«

Oh Mann, das hättest du sehen müssen: Passend zu den hektischen roten Flecken in meinem geschockten Gesicht leuchtete im Hintergrund mein Stoffhase in schönstem Rosa.

Dann klingelten die Jungs.

Mathe mit Ivo und Eddi


Vermutlich gibt es an jeder Schule diesen einen unglaublichen Schüler, der einfach in jedem Fach den absoluten Durchblick hat. Ihm leuchten selbst die kompliziertesten Dinge ein und oft verblüfft er sogar die Lehrer mit seinem Expertenwissen.

Bei uns hieß dieses Universalgenie Ivo Zlivac. Der 13-Jährige war praktisch Google auf zwei Beinen, was ihn aber nicht unbedingt beliebt machte. Die meisten Mädchen unserer Klasse ignorierten ihn mehr oder weniger, obwohl er an sich ganz okay aussah: dunkle Haare, nicht gerade groß, dafür jedoch durchtrainiert. Denn Ivo spielte Fußball im Nachwuchsverein von Hertha. Mehr Freunde brachte ihm das trotzdem nicht ein. Höchstens mit Eddi ging er ab und zu ins Kino. Er blieb nun mal ein waschechter Nerd ohne jeglichen Sinn für Humor, der immer alles einen Tick zu ernst nahm. Sicher kannst du dir vorstellen, dass es mir nicht leichtgefallen war, Ivo wegen der Mathenachhilfe zu fragen. Und dann auch noch persönlich, weil er sich schon aus Prinzip so Dingen wie ON und anderen sozialen Netzwerken komplett verweigerte. Erstens hatte ich bisher noch nie wirklich mit ihm geredet und zweitens wirkte sein Gesicht oft so ausdruckslos, dass es mich völlig verunsicherte. Ivo hatte mich eine Weile mit seinen dunklen Augen angesehen, die Lippen stumm aufeinandergepresst, bis sie ganz weiß wurden, und dann schließlich genickt. Du wirst lachen, aber so sah wirklich unser allererstes ›Gespräch‹ aus.

»Lasst uns lieber gleich anfangen«,...



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