Feinmann Die Verbrechen des van Gogh
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86034-548-1
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-86034-548-1
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
José Pablo Feinmann wurde 1943 in Buenos Aires geboren. Der Romancier, Journalist, Drehbuchautor und Philosoph ist Leitfigur einer Generation jüngerer argentinischer Schriftsteller. Neben zwölf Romanen schrieb er zahlreiche Essays und philosophische Abhandlungen, er ist Kolumnist der Tageszeitung »Página 12« und moderiert seit 2010 die vielbeachtete Fernsehsendung »Filosofía aquí y ahora«. Er hat mit prominenten Regisseuren zusammengearbeitet, darunter Eduardo de Gregorio und Hector Oliveira; zwei seiner Romane wurden verfilmt.
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Über dieses Buch
Kapitel I: Erstes Ohr
1. Die Wirklichkeit erschaffen
2. Jack the Ripper
3. Das Auge der Marion Crane
4. Doña Clara Castelli, Witwe
5. Der Todeskuss
6. Mütterchen die Treppe hinunterstoßen
7. Nelly
8. Eine Frage von Jack the Ripper
9. Die Phantasie der Schriftsteller
10. Eine merkwürdige Unterhaltung
11. Blutige Pläne
12. Seitensprünge
13. Whisky im Gesicht
14. Nicht nur ein Heft
15. Fernandos Notizen
16. Frage, was lieber
17. Ein Gesicht des Teufels
18. Der Tod macht seine Aufwartung
19. Rickys Tricks
20. Ein Schüler des Rippers
21. Fernandos Notizen
22. Die Serie des Serienmörders
23. Lupe Quintana
24. Das erste Verbrechen
Kapitel II: Zweites Ohr
1. Mary Ann Nichols
2. Kommissar Pietri
3. Nelly, Fotomodell
4. Fernandos Drehbuch
5. Adiós, Tim Cruise
6. Der Verrückte will auf sich aufmerksam machen
7. Ana Espinosa
8. Diese übergeschnappte Hexe
9. Ana, ein neuer Star
10. Fernando schwankt
11. Der Himmel wartet
12. Der Clown-Mörder
13. Ein Geschenk für Ana
14. Erwachsene Alpträume
15. Die letzten Tage von Pompeji
16. Neue Erfahrungen
17. Der Schatz der alten Dame
18. Ein unerwarteter Besuch
19. Fragen und Antworten
20. Einen allerletzten Satz
21. Guten Abend, unartige Ana
Kapitel III: Drittes Ohr
1. Die Medien belagern Pietri
2. Fernandos Notizen
3. Die nächste Beerdigung wird Ihre eigene sein
4. Ana Espinosa fordert erneut heraus
5. Ein schlechter Tag für Fernando
6. Das Blitzen der Klinge
7. Schon wieder der Clown
8. Weitere Fragen und Antworten
9. Literatur von vorgestern
10. Nur gute Freunde
11. Gekniffen wird nicht
12. Ein gemeinsames Grab
13. Die Politiker
14. Einen Schurken für Harrison Ford
15. Nelly und Teresa, Verschwörerinnen
16. Fernandos Drehbuch
17. Colombres ermorden?
18. Nur nichts überstürzen
19. Ein tödlicher Ricky Mintrone
Kapitel IV: Viertes Ohr
1. Der Ripper mag keine Ravioli
2. Fünf Buchstaben mit Blut
3. Der Mörder der Demokratie
4. Die neunziger Jahre
5. Die Massenmedien im Rausch
6. Ich bin nicht van Gogh
7. Eine Erzählung von Borges
8. Elementar, Holmes
9. Eine Differenz bleibt
10. Ay, Carmela!
11. Greta Toland in der Bredouille
12. Die drei Pfeifen
13. Noch drei Verbrechen
14. Ein 40er Mercury
15. Ein Revolutionär
16. Nichts steht geschrieben
17. Eine so gute Geschichte hätte Borges nie geschrieben.
18. Der verräterische Satz
19. Fragen ohne Antworten
Kapitel V: Fünftes Ohr
1. Ein monströser Kater
2. Der Sieg über die Inflation ist nicht alles
3. Verliebt
4. Colombres wird modernisiert
5. Sie lieben sich
6. Sie ist das Kino
7. Fernandos Drehbuch
8. Dunkel und buschig
9. Noch einmal die Massenmedien
10. Ein Blick
11. Intelligente Frauen
12. Fernandos Notizen
13. Teresa
14. Fliehen und wieder auftauchen
15. Das große Finale
16. Das Böse ist unendlich
17. Pressekonferenz im Hyatt
18. Abschiedstango
Bibliographie
Kapitel II
Zweites Ohr
1. Mary Ann Nichols
Er ging bis zur Ecke Lafinur und Las Heras. Dort gab es eine Bar. Jemand erwartete ihn. Er trat ein.
Die Bar war fast leer.
Ein Kellner kam auf ihn zu.
»Ich hätte gern einen Tisch am Fenster«, sagte Fernando.
»Selbstverständlich, der Herr«, sagte der Kellner. »Wäre dieser Ihnen recht?«
Am Tisch saß Jack the Ripper. Fernando setzte sich ihm gegenüber. Jack rauchte seine Pfeife und betrachtete ein wenig zerstreut die mächtigen Bäume auf dem Bürgersteig vor dem Botanischen Garten.
»Einen Milchkaffee«, bestellte Fernando. »Und einen Gin, bitte.«
Der Kellner verschwand.
Fernando schaute Jack an. Er sagte:
»Das war’s.« Er machte eine Pause. Er wollte seinem Satz Gewicht verleihen. Nicht jeder kann einen Mord planen und nach der Tat eiskalt sagen: ›Das war’s.‹ Er setzte hinzu: »Wenn der Anfang das Schwerste ist, habe ich das Schwerste hinter mir.«
Jack hörte auf, sich für das schattige Blattwerk der Bäume auf dem Bürgersteig vor dem Botanischen Garten zu interessieren. Er schaute Fernando an und fragte:
»Was hast du mit ihr gemacht?«
»Ich habe ihr die Kehle durchgeschnitten. Wie ich es von Ihnen gelernt habe, Jack. Mit einer einzigen, schnellen Bewegung. Dann habe ich ihr ein Ohr abgeschnitten. Es ist in meiner Tasche. Wollen Sie es sehen?«
»Nein, Fernando. Das sind doch Kinkerlitzchen. Außerdem, vermute ich, würdest du den Kellner überraschen. Sieh mal, da ist er schon.«
Der Kellner stellte den Milchkaffee und ein Gläschen Gin auf den Tisch. Er hatte die Bestellung prompt erledigt.
»Wollen Sie vielleicht einen Whisky, Jack?«, fragte Fernando.
»Nein danke«, winkte Jack ab.
Etwas überrascht fragte der Kellner:
»Warten Sie noch auf jemanden?«
»Nein«, sagte Fernando, »ich bin in bester Gesellschaft.«
Der Kellner lächelte verständnisvoll.
»Manchmal ist man sich selbst die beste Gesellschaft, nicht wahr?«, war sein Kommentar.
Fernando betrachtete ihn halb gleichgültig, halb verächtlich.
»Ich bin nicht allein«, sagte er.
»Natürlich«, pflichtete ihm der Kellner bei. »Ganz wie Sie meinen.«
Und er ging zum Tresen, wo er dem Barmann zuraunte, der Typ am Tisch vor dem Fenster sei nicht ganz richtig im Kopf.
»Wollen Sie das Ohr wirklich nicht sehen, Jack?« Fernando ließ nicht locker.
»Es wird dir nicht gelingen, mich zu beeindrucken, Fernando«, sagte Jack. Dann setzte er hinzu: »Erinnerst du dich? Mein erstes Opfer hieß Mary Ann Nichols. Eine Prostituierte natürlich. Ich ermordete sie am 31. August 1888. Ich ermordete sie in Whitechapel, einem von käuflichen Frauen und arbeitslosen Arbeitern bevölkerten Vorort Londons.« Gemächlich stieß er den Rauch seiner Pfeife aus. Seine grauen Augen starrten in die Fernandos, so als schauten sie durch ihn hindurch, als besäßen sie die Macht, in die Vergangenheit zu schauen. Er hob wieder an: »Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihr ein Ohr abgeschnitten hätte. Ich habe ihren Leib vom Brustbein bis zum Schambein aufgeschlitzt. Habe den linken Leberflügel entfernt. Und, ganz vorsichtig, die rechte Niere. Was die Gebärmutter betrifft …«
»Genug, Jack«, fiel Fernando ihm ins Wort. »Ich habe keine Lust, mich über solche Dinge zu unterhalten.«
Jack the Ripper lächelte. Ein väterliches Lächeln. Und sagte:
»Gute Güte, Fernando. Über solche Dinge unterhalten sich Mörder. Wie ich. Und … wie du.«
Fernando leerte sein Glas Gin in einem Zug.
2. Kommissar Pietri
Bruno De Santis, der Besitzer des Annie Malone, ein dickes, pockennarbiges Männchen, das seine Glatze unter einem üppigen Toupet versteckte, betrat die Garderobe von Lupe Quintana. Man hatte ihm bereits gesagt, was ihn erwartete: Lupe war tot, lag auf dem Boden, in ihrem eigenen, reichlichen Blut. Don Bruno rief die Polizei, zündete sich eine Zigarre an und blieb in der Garderobe, wo er den Sportteil der Abendzeitung las. Der Tod beeindruckte ihn nicht. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass im Annie Malone jemand starb. Vielleicht war es Schicksal.
Dennoch sollte er in dieser Nacht eine Überraschung erleben. Es kamen einige Polizisten, die gelangweilt den Leichnam und höchst interessiert den Schriftzug auf dem Spiegel, van Gogh, betrachteten, der sogar Bruno De Santis aufgefallen war. »Dass mir niemand etwas anfasst«, lautete der vorhersehbare Befehl des Beamten, der als Erster diese schon auf den ersten Blick makabre Garderobe betrat, und dann hörte Don Bruno ihn etwas sagen, das eigentlich nicht vorhersehbar war, denn der Beamte sagte zu einem seiner Untergebenen:
»Du wirst nicht glauben, wer gleich kommt. Kaum hatte er von dem Schriftzug am Spiegel erfahren und seine Chance gewittert, hatte er auch schon den Finger oben. Der lässt nichts aus.«
Wer sollte das sein?, fragte sich Don Bruno und las weiter seine Zeitung: Racing hatte mal wieder verloren. Null zu drei gegen San Lorenzo. Konnte es auf der ganzen Welt ein größeres Unglück geben?
Eine halbe Stunde später traf der Mann ein, auf den alle warteten. Er betrat die Garderobe und sagte:
»Alle raus hier.« Sein Blick fiel auf De Santis. Er sagte: »Sie bleiben da.« Er richtete einen furchteinflößenden Zeigefinger auf ein schmächtiges Männlein, das mit ihm hereingekommen war. »Sie auch, Méndez.« Und wiederholte: »Alle anderen raus. Wird’s bald? Na los.«
Bruno De Santis wollte seinen Augen nicht trauen. Er war es wirklich. Er war:
»Kommissar Pietri!«, rief er. »Sie sind doch Kommissar Pietri, oder?«
Kommissar Pietri war groß, schlank, sehr schlank, und rauchte eine Zigarette in einer langen Zigarettenspitze.
»Ich bin Pietri, ja«, sagte er. »Überrascht Sie das?«
Don Bruno wedelte mit den Händen. Sein Gesicht glänzte.
»Natürlich«, sagte er. »Dass Sie, kein Geringerer als Sie, eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Landes, sich mit dem Tod einer armen Frau wie Lupe befassen. Caramba, schon überraschend, wie?«
»Es gibt keinen Tod erster oder zweiter Klasse«, sagte Pietri. »Ein Tod ist immer ein Tod. Jeder von ihnen zählt. Er blickte Don Bruno scharf an. Sein Blick war furchteinflößend. Auch wenn er ihm nur eine professionelle Note zu geben versuchte. Er fragte: »Name der Verstorbenen?«
»Lupe Quintana.«
»War das ihr richtiger Name?«
»Keine Ahnung. Obwohl, ich glaube schon. Ich glaube, sie kam aus Mexiko.«
Pietri, den Kopf leicht zur Seite geneigt, blickte über die Schulter zu seinem Untergebenen.
»Méndez!«
»Ja, Herr Kommissar.«
»Notieren Sie. Name der Verstorbenen: Lupe Quintana.« Er wandte sich wieder Don Bruno zu. »Beruf?«
Erneut wedelte Don Bruno etwas hilflos mit den Händen.
»Nun, Sie wissen ja«, erklärte er. »Die Mädchen in diesem Haus …«
»Beruf?« Pietri blieb hart.
»Tja, als sie hier anfing, das ist schon ein paar Jährchen her, tanzte sie ein bisschen, Striptease und so. Später dann, in reiferem Alter, nicht wahr?, fing sie an, Tangos zu singen.«
»Notieren Sie, Méndez: Prostituierte.« Er beugte sich über den Leichnam und begann ihn zu untersuchen. Méndez wartete mit Notizblock und Bleistift auf seine Angaben. Pietri sagte: »Tiefer Schnitt in der Kehle. Von einer Seite zur anderen. Sie hat viel Blut verloren. Armes Ding. Trauriges Schicksal. Na, wollen wir mal sehen. Notieren Sie, Méndez, notieren Sie. Man hat ihr das linke Ohr abgeschnitten.«
»Das linke Ohr, Herr Kommissar?« Méndez wirkte nervös.
»Sagte ich das rechte?«
»Nun, offen gestanden …«
»Das linke, habe ich gesagt! Ich sagte, man hat ihr das linke Ohr abgeschnitten. Notieren Sie, na los, notieren Sie.« Er beendete die Untersuchung des Leichnams und erhob sich. Sein Blick fiel auf den Spiegel. »Ca-ram-ba!«, rief er aus. »Das ist allerdings sehr interessant. Wissen Sie, wer van Gogh war, Méndez?«
»Ein Maler, der sich ein Ohr abgeschnitten hat, Chef.«
Pietri warf ihm einen flüchtigen, bewundernden Blick zu.
»Glückwunsch, Méndez. Sie überraschen mich.«
»Ihre Überraschung rührt mich, Chef.«
Pietri richtete seinen furchteinflößenden Blick erneut auf die Schrift am Spiegel. Er sagte:
»Ganz recht. Van Gogh war ein verrückter Maler, der sich ein Ohr abgeschnitten hat.« Er drehte sich unvermittelt zu Méndez um und befahl: »Rufen Sie einen Krankenwagen. Und der Gerichtsmediziner soll kommen.«
Mit fast panischem Gehorsam verließ Méndez den Raum.
Pietri rückte seine Krawatte zurecht. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Dann wandte er sich zur Tür. Don Bruno folgte ihm.
»Sie gehen, Herr Kommissar?«
»Für heute.«
»Würden Sie mir ein Autogramm geben?« Don Bruno hielt ihm ein kleines Heft und einen Kugelschreiber hin. Zerstreut kritzelte Pietri etwas hinein. Don Bruno fragte: »Was macht Ihre Romanze mit Viviana Sandrelli?«
»Lassen Sie den Quatsch, che. Ich bin im Dienst.«
Er verließ die Garderobe und ging zu dem Wagen, der vor der Tür auf ihn wartete. Er war begeistert: ›Ein Mörder, der seinen Opfern die Ohren abschneidet und mit van Gogh unterschreibt. Wunderbar. Wenn das kein Fall für Kommissar Pietri ist.‹
Er schnippte die Zigarette aus seiner langen Spitze und stieg in den BMW.
3. Nelly, Fotomodell
Hätte jemand gesagt, dass eben erst der Morgen graute, dass es noch nicht Tag geworden, die Sonne noch nicht aufgegangen war, Colombres hätte ihm zugestimmt. Nur hätte Nelly...




