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E-Book, Deutsch, 287 Seiten

Felder Der Held des Tages Conrad Peng

Aktualisierte Neuauflage des 2012 unter dem Titel 'Paranoia' erschienenen Romans
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98995-176-1
Verlag: Trubel & Heller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aktualisierte Neuauflage des 2012 unter dem Titel 'Paranoia' erschienenen Romans

E-Book, Deutsch, 287 Seiten

ISBN: 978-3-98995-176-1
Verlag: Trubel & Heller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Neuauflage des Romans »Paranoia« von Robin Felder, nun aktualisiert und versehen mit seinem ursprünglichen Titel »Der Held des Tages Conrad Peng«. Es sind phasenweise Aussetzer, die dem einunddreißigjährigen Conrad Peng zunehmend zu schaffen machen. So wenig er sich anschließend an das Geringste erinnern kann, so unmöglich lässt sich sein überhitztes Verhalten erklären. Inzwischen in vollem Bewusstsein, die Kontrolle zu verlieren, schlittert der karrieresüchtige Ressortleiter eines großen Consultingunternehmens von einem selbstzerstörerischen Ereignis zum nächsten, und verursacht dabei nicht zuletzt auch drastische berufliche Schäden. Bis er, durch eine Verkettung surrealer Unwahrscheinlichkeiten, eine Frau vor dem sicheren Tod bewahrt und daraufhin medial zum großen Retter avanciert - während zeitgleich sein Patenschaftskind und einziger emotionaler Anker, der achtjährige Vollwaise Fynn, immer tiefer in einen Gewaltstrudel innerhalb seines Umfelds gesogen wird. Weshalb Conrad Peng die folgenschwere Entscheidung trifft, einzugreifen.

Robin Felder lebt und arbeitet in München. Bislang sind von ihm erschienen: »Unsympath« (2010), »Paranoia« (2012), »The Godjob« (2014), »Verzerrte Gesichter« (2020), »Die ersten 300 Jahre meines Lebens« (2024).
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01


Wo bin ich? Meine Augen halb geöffnet, wandert mein Blick ziellos suchend umher. Wo bin ich? Wenn ich erst mal weiß, wo ich mich befinde, werde ich bestimmt auch erfahren, wie ich hierhergekommen bin.

In dem grauen Satinkissen hinterlasse ich eine Mulde, als ich meinen Kopf leicht anhebe und auf das Nachtkästchen schiele. Neben zwei flachen Tablettenpackungen und einem Restaurantführer entdecke ich mein Handy und greife nach ihm. Ich richte meinen Oberkörper auf, klappe das Display hoch und prüfe die Uhr. Die Welt bekommt einen zeitlichen Rahmen. 10 Uhr 36.

Geweckt wurde ich eben von einem Traum. Meinem altbekannten Falltraum. Ich stürze kopfüber von der Bahnsteigkante eines S-Bahnhofs, nächtliche ländliche Gegend. Und bevor ich in dem Schotter der Gleise lande – zack –, kurz vor dem Aufprall, wache ich auf. Habe ich jede Nacht mindestens einmal. Richtig ruhig kann ich nur tagsüber schlafen.

Ich reibe mir die Augen, das hilft aber auch nichts. Ich würde sagen, ich bin in einem desolaten Zustand. Mit einem Ruck bringe mich auf der Bettkante in Sitzposition, meine nackten Zehen berühren den kalten Estrich-Fußboden. Erst der linke Fuß, dann der rechte. Abergläubisch bin ich nicht. Das Zimmer ist hell. Was heißt Zimmer? Ein riesiger Raum, grau in grau, hellgraue Betonwände, steingraue Decke. Eher ein Loft. Eine grauweiße Kochnische weit entfernt am anderen Ende der Wand, an der auch eine schmale Couch steht. Grau. Ein wandfüllendes Ölgemälde ohne Rahmen. Modern, abstrakt, die Grundfarbe ist gleichzeitig das Motiv. Der Titel: Asche im Nebel. Ist geraten.

Stilbruch lässt sich dem Innenarchitekten nicht vorwerfen. Die Kundenvorgabe könnte gelautet haben: bewusstes Understatement, inszenierte Lässigkeit, heruntergekommene Atmosphäre. So jedenfalls ist es gedacht gewesen. Siehe auch: Es war sicher teuer, es so billig aussehen zu lassen.

Weiter drüben steht eine fahrbare Kleiderstange mit wenigen farblosen Fetzen, die wie schlaffe Liliputaner an dünnen Drahtbügeln hängen. Daneben ein Standspiegel, zu dessen Rollenfüßen zwei tischtennisballgroße Hausstaubknäuel liegen. In der Mitte des Raums, auf einem weiß getünchten Sockel, der Blickfang: Die lebensgroße Skulptur eines halbnackten Römers im Lendenschurz, der zum Diskuswurf ansetzt.

Durch die eins, zwei, drei, vier Fenster kann ich erkennen, dass Vormittag ist. Das stimmt mit der Uhrzeit schon mal überein. Die knapp unter der Decke endenden Scheiben geben den lautlosen Blick frei auf vorbeieilende Sneakers, Stiefel, Lederslipper, Knöchel, Socken und Hosenbeine ansonsten körperloser Passanten. Menschen vom Schuh bis zum Knie. Ich befinde mich also in einem Souterrain-Loft.

Warm ist es. Und etwas feucht.

Langsam drehe ich meinen Kopf um neunzig Grad, dabei kratze ich mich am Nacken. Nicht, dass es gejuckt hätte.

Wen haben wir denn da? Auf der anderen Seite der französischen Kingsize-Matratze liegt eine brünette Gazelle, so dürr, dass es sich bei ihr entweder um eine dem Tod Geweihte oder ein Model handelt. Hohe Wangenknochen, fein gemeißelte Züge, fast wie retuschiert. Einen Meter zweiundachtzig groß. Mindestens. Kategorie A-Mensch. Grundsätzlich finde ich ja, dass dünne Frauen angezogen und fülligere Frauen ausgezogen am besten aussehen. Ich werde ein wenig wacher.

Sie tut so, als würde sie schlafen. Macht sie gut. Würde sich ihr Brustkorb nicht minimal heben und senken, könnte man auch annehmen, sie sei kürzlich verstorben. Auf die Weltbevölkerung umgesetzt, begehen statistisch gesehen, von einhunderttausend Menschen fünf Frauen Selbstmord – dem stehen neunzehn Männer gegenüber. Dabei wählen Männer konsequentere Methoden, wie Erschießen und Erhängen, wohingegen Damen lieber eine Überdosis Schlafmittel einwerfen. So viel dazu.

Ich stiere die Bohnenstange vorsichtig an, um sie mit meinem Blick nur ja nicht aufzuscheuchen. Ihre Körperhaltung vermittelt einen bewusst zur Schau gestellten Eindruck, wie jemand, der ziemlich stolz auf seine äußere Erscheinung ist.

Phänomen der Jetztzeit: Stolz auf Dinge sein, für die man nichts kann.

Und strenggenommen kann man für nichts was.

Innerhalb des Spielraums, den ein hübsches Gesicht hat, erkenne ich eine Neigung zu Kombilippen: volle Unterlippe, aber dünne Oberlippe. Eben in dem Rahmen, der die Attraktivität nicht beeinträchtigt.

Jetzt stellen sich mir also drei Fragen. Erstens, wo bin ich? Zweitens, wer ist die da? Drittens, was ist geschehen? Na ja, und viertens, seit wann? Das stumm geschaltete Handy zeigt neunundzwanzig entgangene Anrufe und achtzehn Nachrichten an. Das ist nicht ungewöhnlich und lässt keinen genauen zeitlichen Rückschluss zu. Könnte sich innerhalb eines halben Tages oder dreier Tage angesammelt haben.

Wie bin ich nur in diesen Schlamassel geraten? Vertagung der Frage. Aufstehen? Nach sehr kurzer Überlegung tue ich genau das.

Mein erster nüchterner Gedanke kommt angeflogen, während ich mich im Stehen mit hochgereckten Armen ausgiebig strecke und mir nicht die Mühe mache, meine raushängenden Eier wieder in die Unterhose zu stecken: Ja, richtig, ich bin frischgebackener Partner bei Lutz & Wendelen Consulting, weltweit drittgrößte Unternehmensberatung, Nummer eins in Deutschland. Endlich. Die Visitenkarten sind bereits gedruckt, meine neue Bezeichnung lautet Vice President. Daran werde ich mich nicht lange gewöhnen müssen. Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es jemals anders gewesen ist. Entsprechend folgt mein zweiter nüchterner Gedanke auf dem Fuße: Ich finde an meiner Beförderung weniger Gefallen, als ich müsste. Denn bedauerlicherweise bin ich unersättlich. Sobald ich ein bestimmtes Ziel erreicht habe, erhöhe ich sofort meine Erwartungen und finde keine Ruhe, bis auch diese erfüllt sind. Was sich dann natürlich als herb enttäuschend herausstellt und nach einer weiteren, noch höheren Wunschsetzung verlangt. Und so fort.

Die Bettwäsche raschelt. Das Mädchen bewegt sich, rückt einen Arm zurecht. Immer noch wie für ein Foto posierend, das niemand macht. Meine Augenbrauen ziehen sich automatisch nach oben. Sacht bewege ich mich auf meine verkrumpelt in einer Ecke liegende Anzughose zu. Ich greife danach. Ein Bein angewinkelt in die Höhe haltend, ringe ich mit dem Hosenbein, stoße schließlich zur Hälfte mit dem Fuß durch. Plötzliche beträchtliche Gleichgewichtsschwankungen zwingen mich, in dieser grotesken Stellung zu verharren, auf einem Bein zu hüpfen und einen Zappeltanz zu veranstalten, der mich aussehen lassen dürfte wie einen Einbeinigen, dem man die Krücken versteckt hat. Mit jedem Sprung senkt sich die hochgereckte Sohle, und ich erwarte, augenblicklich festen Boden unter ihr zu spüren und meine Statik wiederherzustellen. Wie sich jedoch herausstellt, hat die glatte Estrichfläche andere Pläne. Eben noch springe ich umher. Und einen Moment später befinde ich mich auf meinem Hintern und spüre den harten Beton unter den Pobacken. Peinlich berührt und schmerzverzerrt vergewissere ich mich, ob die anorexische Gastgeberin durch meinen Crash aufgescheucht wurde. Immer noch nicht. Obwohl ich nicht sehr laut war, hätte der Krawall ausreichen dürfen, sie zu wecken. Da ist was oberfaul. Ihre künstliche Leichenstarre könnte also sehr wahrscheinlich heißen: Der Besucher soll bitte keine Spuren hinterlassen und möglichst bald verschwinden. Einverstanden.

Ich hieve mich wieder auf die Füße. Die Welt taumelt ein bisschen, während ich meinen Bauch einziehe, um den obersten Knopf der Hose zuzumachen. Ich ziehe die Socken über und stopfe meine Fersen in die dunkelbraunen Schuhe. Beim Bücken komme ich beinahe wieder ins Straucheln. Als ich das schwere Parfum der Gazelle einatme, fühle mich auf einmal entsetzlich einsam. In meiner Brust gefriert etwas zu Eis. Ich erinnere mich an nichts, aber es sieht ganz danach aus, als ob mit der da was lief. Aber was? Nicht besonders viel, vemute ich. Die Antwort spielt im Grunde auch keine Rolle. Ich hab’s einfach nicht so mit jungen Mädchen.

Ich sehe sie an, als erwarte ich einen Einwand. Und verabscheue mich ein bisschen mehr als üblich.

Mit den Fingern kämme ich mir die Haare, und während ich wie auf Stelzen zur Tür schleiche, stülpe ich mir unordentlich mein weißes Hemd über und stecke meinen rechten Arm in mein anthrazitfarbenes Sakko. Ich drehe die rechte Manschette um ein paar Grad. Dann die linke. Meine Krawatte lege ich mir wie ein Handtuch um den Hals. Auf das Binden des zweifachen Windsorknotens, den ich zu dunklen Anzügen und einfarbiger Krawatte bevorzuge, verzichte ich. Zugunsten raschen Verschwindens. Verabschiedend schaue ich Barbarella noch mal aufmerksam an, um sie für immer zu vergessen. Ihren Namen werde ich wohl nie erfahren.

Die Klinke ist traumhaft leise. Ich ziehe die Tür auf. Die beiden Staubballen unter dem Standspiegel zucken und kriechen in den Luftwirbel. Ich wende mich ab, Blick in Fluchtrichtung.

Der Bordstein liegt genau auf Höhe meiner Augen. Noch mehr Schien- und Wadenbeine laufen im herbstlichen Nebel an mir vorbei. Diesmal mit Klanguntermalung. Die Schrittgeräusche, das Klackern der Absätze, alles klingt seltsam differenziert. Als könnte ich jeden auftretenden Schuh einzeln zuordnen. Ich bin draußen. Nichts wie weg. Langsam schließe ich die Tür, die in entgegenkommend geräuschlosen Angeln hängt. Kurz bevor das Schloss einschnappt, ballen sich meine Kiefermuskeln. Durch den...



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