Felder | Die ersten 300 Jahre meines Lebens | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 390 Seiten

Felder Die ersten 300 Jahre meines Lebens


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-68995-879-4
Verlag: Trubel & Heller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 390 Seiten

ISBN: 978-3-68995-879-4
Verlag: Trubel & Heller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Er wirkt wie ein Mann Anfang vierzig, lebt jedoch seit nahezu 300 Jahren unter aufeinanderfolgenden Identitäten in ständiger Angst vor Aufdeckung seiner Andersartigkeit. Als er im Netz auf eine Person stößt, die vorgeblich - wie er selbst - um ein Siebenfaches langsamer altert als gewöhnlich, zeigt er sich unentschlossen, ob einem Treffen zuzustimmen klug oder fahrlässig wäre. Die einzige Eingeweihte, seine 92-jährige bettlägrige Tochter, deren Alterungsprozess regulär verläuft, rät ihrem jugendlichen Vater, diese lang ersehnte Gelegenheit der Begegnung mit einem Gleichbeschaffenen unter allen Umständen zu ergreifen. Woraufhin sämtliche Vorbereitungen in die Wege geleitet werden. Doch dann geht alles, aber auch wirklich alles schief, wie man es sich lieber nicht ausgemalt hätte. »Müsste ich die früheren Zeiten in drei Worten zusammenfassen, wären das: Gewalt, Trunksucht und Konformität. Aber vielleicht verrät diese Beschreibung auch mehr über mich als über die früheren Zeiten.« Ein Roman wie eine Autobiografie in Echtzeit. Packend und provokativ, gnadenlos und mit nichts vergleichbar.

Robin Felder lebt und arbeitet in München. Bislang sind von ihm erschienen: »Unsympath« (2010), »Paranoia« (2012), »The Godjob« (2014), »Verzerrte Gesichter« (2020), »Die ersten 300 Jahre meines Lebens« (2025).
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1


Wie ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel, der das Meer ständig nach einem sich nähernden Menschen absucht, durchstreife ich das Internet, seit es das Internet gibt, auf der Suche nach jemandem, der so ist wie ich. Jahrzehnte vergeblicher Recherche und Fährtenlegerei liegen hinter mir. Eine Dauerschleife zermürbender Ergebnislosigkeit.

Und nun?

Das.

Ich klappe meinen Laptop zu. Ist es wirklich möglich, dass ich soeben fündig geworden bin? Nach all der Zeit?

Überfordert und lächerlich weihevoll lehne ich mich im Sessel zurück, mein Blick rast ziellos durch unser Mansardenzimmer mit den weißen Dachschrägen und den weißen Möbeln. Nichts davon nehme ich wahr, ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Einen Augenblick lang frage ich mich sogar, ob ich mir die Nachricht bloß eingebildet habe. Aber – nein.

Jemand hat auf die codierten Begriffe reagiert, die ich in verschiedenen Foren hinterlegt habe. Ich kann mich nicht entscheiden, ob es nach einer Ewigkeit des Dranbleibens eher wahrscheinlich oder eher unwahrscheinlich ist, eine herbeigesehnte Entdeckung dieser Größenordnung zu machen. Mir erscheint beides verdächtig.

Die grelle Herbstsonne knallt mir durch das Giebelfenster ins Gesicht, weil ich versäumt habe, die Jalousien zuzudrehen, bevor ich mich ins Darknet eingeloggt habe. Und jetzt bring ich’s einfach nicht mehr fertig, zum Fenster zu gehen.

Erst hielt ich die Meldung für einen Fehlalarm, da es schon ein paarmal vorgekommen ist, dass mir jemand durch mein digitales Labyrinth entgegengekrochen kam und irgendeinen Bullshit von sich gab. Die üblichen Schwachköpfe, die man auf solchen Portalen auch anzufinden erwartet. Und wenn man ehrlich ist, sind ja längst alle da draußen wahnsinnig geworden. Wir bewegen uns in einer Welt, in der kaum einer mehr die Frage „Wie viele Geschlechter gibt es?“, ohne rumzustottern, beantworten kann. Es ist wirklich nicht leicht, mit dem Kollaps der Gesellschaft Schritt zu halten.

Doch diesmal ist es anders, diesmal ist die Message, die in meinem Postfach liegt, kein eindeutiger Unfug.

Filius_Contemplata nennt sich die Person, die geantwortet hat. So geht’s schon mal los, Latein, ach Gott. Mit Unterstrich auch noch. Niedlich. Aber dann: Who you? Patience as well. Centuries. Cells about seven. How long earth?, lautet die Formulierung der Mitteilung. Und die hat’s in sich.

Klingt meine sinngemäße Übersetzung treffend, oder übersehe ich gerade was? Wer bist du? Ebenfalls Geduld. Jahrhunderte. Zellen um die sieben. Wie lange Erde?

Wirklich clever komprimiert, sofern man weiß, was gemeint sein könnte. Trotz kryptischer Anmutung durchdacht und vielseitig deutbar, für den Fall, dass man in einen Hinterhalt gerät. Eine ganze mutmaßliche Lebensgeschichte, die sich in ein paar sorgfältig hingetupften Sätzen entfaltet. Fast ein bisschen lyrisch.

Oder es ist das Gebrabbel eines Schimpansen mit automatischer Spracherkennung. Kann natürlich auch sein.

Das alles und mehr tuschele ich mit geübter Ungezwungenheit vor mich hin. Ich bin aus dem Alter raus, in dem man glaubt, Selbstgespräche seien verrückt.

Jetzt bloß nicht überhitzen. Komm mal wieder runter. Erst mal Abstand gewinnen, drüber schlafen. Ich bin vollkommen überrumpelt. Was absurd ist, wenn man bedenkt, dass ich exakt dieses Szenario – nämlich irgendwann endlich auf einen Schicksalsgefährten zu treffen – in unzähligen Nächten bis zum Gehtnichtmehr gedanklich durchgespielt habe, nun aber ratlos bin, wie ich mich verhalten soll. Auch wenn sich’s blöd anhört, wünsche ich mir beinah, dass niemand auf meinen Köder angesprungen wäre.

Genug! Ich raffe mich auf, ich kriege es hin und verlasse mein Arbeitszimmer, das den kompletten Dachboden einnimmt.

„Brauchst du noch was?“, frage ich Augusta leise, als ich ihr Zimmer betrete, das einen Stock tiefer liegt. Wir wohnen auf zwei Etagen, der vierten und fünften eines Altbaus. Ich hasse Altbauten. Alt ist immer scheiße, egal in welchem Bezug.

Augusta liegt kurzatmig in ihrem Bett, regungslos, wie für sich selbst unzugänglich, und starrt auf die Decke, aber ich weiß, dass sie mich wahrnimmt. Lediglich das neue Morphinpräparat schränkt ihre Reaktionsfähigkeit ein, vor allem direkt nach Einnahme, das ist alles. Die unerlässliche Umstellerei ihrer Medikation alle paar Wochen haben wir ziemlich dick, da jedes Mal dermaßen viele Nebenwirkungen auftreten, bis sich alles wieder einigermaßen einpendelt, dass man es am liebsten gleich sein lassen würde.

Meine Augusta ist zweiundneunzig, inzwischen erschütternd verhutzelt und verbogen, und hochgradig pflegebedürftig. Ihre Leiden sind so vielgestaltig, dass sich bisweilen nicht mehr entschlüsseln lässt, an welchem Krankheitsbild sie am heftigsten zu knapsen hat. Schwere Osteoporose (früher hätten wir es Knochenfraß genannt), diverse chronisch entzündete Organe, dazu zügig voranschreitende Demenz (Ehrensache), Verdacht auf Parkinson, zwei Krebsherde, ein paar Wucherungen hier und da und obendrein noch ein gutartiger Tumor unter der Schulter, den wir Goodie nennen, na ja. In ihrem Körper ist ganz fürchterlich der Wurm drin.

Vielleicht sind meine Gene an diesem übermäßigen Wirrwarr schuld, wer weiß.

Andererseits: Zwoundneunzig! Da kann man ihre Hebamme auch nicht mehr verantwortlich machen.

Seit etwa vier Jahren ist Augusta bettlägrig, was eine ganz schön harte Nummer für uns beide ist.

Gestaltet sich der Kontrollverlust für sie wie ein nie enden werdender Horrortrip – und jedes weitere Wort dazu wäre überflüssig –, so ist mein Part, sie zu versorgen, für mich ohne jegliche Ambivalenz erfüllbar – weil ich ihr Vater bin.

Ich habe das alles bereits vor rund neunzig Jahren für sie getan. In Teilen. Das Windelnwechseln, das Anziehen, Umziehen, Füttern, den ganzen Betreuungskram. Nachdem Augustas Mutter früh verstarb, war ich alleinerziehender Vater in den 1930ern. Etwas, das mit heute nicht vergleichbar ist. Und damit meine ich nicht, dass man die Windeln seinerzeit noch selbst auswaschen musste. Oder dass man sich einer nicht zu unterschätzenden Aburteilung ausgesetzt sah (in meinem Fall aus den verschiedensten Gründen). Aber das stellte, im Rückblick betrachtet, das geringste Problem dar. Vielmehr war die Welt damals einfach ... anders. Im Gesamten anders. Schwergängiger auf allen Ebenen.

Ist das richtig gesagt?

Müsste ich die früheren Zeiten in drei Worten zusammenfassen, wären das: Gewalt, Trunksucht und Konformität. Aber vielleicht verrät diese Beschreibung auch mehr über mich als über die früheren Zeiten.

Spielt eh keine Rolle. Ich kann mir das Gestern selbst kaum mehr vorstellen. Die Vergangenheit kommt mir vor wie eine weit entfernte, einbalsamierte Idee.

Schwarz-weiß jedoch, wie auf den Fotos und in den Filmen, war sie nicht.

Jedenfalls lässt mich Augustas und meine Tochter-Vater-Beziehung ihren jetzigen Pflegebedarf leichter verkraften, als wenn ich, zum Beispiel, ihr Sohn wäre. Was ich offiziell allerdings seit mehr als zwanzig Jahren bin.

Zuvor gaben wir mich als ihren Bruder aus. Erst als ihren älteren, dann als ihren jüngeren; meine äußere Erscheinung musste stets zu Augustas jeweiligem Alter passen und unser Verwandtschaftsverhältnis entsprechend sukzessive angeglichen werden. Von ihrer Geburt an. Folglich wurde ich – über Augustas bisherige Lebensspanne hinweg – formell von ihrem echten Vater zu ihrem angeblichen Bruder, dann zu einem noch jüngeren Bruder und aktuell eben zu ihrem vorgeblichen Sohn.

Solchen chronologischen Abstufungen nachzukommen, ist nichts Neues für mich.

1934 wurden meine Frau und ich Eltern von Augusta. Sie ist unser beider und auch mein einziges Kind. Genauer gesagt kam Augusta als properes, kerngesundes Mädchen am 2. Januar 1934 zur Welt. Sie war ein putziges Baby, normal eben, und ich sah damals ungefähr wie ein Mann Ende zwanzig aus. Auch ganz normal.

Heute, zweiundneunzig Jahre später, wirke ich wie ein Mann Anfang vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig, Pi mal Daumen. Was bedeutet, dass ich mittlerweile sogar als zu jung erscheine, um Augustas Sohn zu sein!

Ich sehe zu jung aus, um für den Sohn meiner eigenen Tochter durchzugehen. Hat man so was schon mal gehört? Längst rutsche ich optisch in die Enkelrolle, bloß möchte ich nicht schon wieder meine Identität wechseln. Gleichzeitig will ich auch nicht, dass Augusta stirbt (auch wenn es ihr zu wünschen wäre und sich die Sache mit meinem Identitätswechsel dadurch etwas entzerren würde). Genauso wenig ist mir danach, aufzufliegen.

Worauf soll ich also hoffen?

Ziemlich vertrackt. Aber das ist meine ganze Biografie. So vertrackt wie widersinnig. Es schlaucht.

„Mein Flug geht in zwei Stunden, ich muss los. Melanie kommt gleich, die macht dir dann Abendessen. Ist eh wieder bald“, sage ich, als ginge es im Leben nur darum, die Zeit rumzubringen, was wohl auch mehr stimmt als alles andere.

Ich drücke das gekippte Fenster zu, der Himmel draußen ist inzwischen gefärbt mit dem Violett eines sich bald entladenden Gewitters, anschließend stelle ich den Fernseher an und regle ihn auf mittellaut, bevor ich Augusta mit meinem Zeigefinger über die Wange streiche und ihr „Tschau, bis morgen Abend“ zuflüstere, ohne eine Antwort zu erwarten. Im Moment hat sie nicht einmal mehr...



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