Feldhaus | Hauptstadt Cupcakes | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 290 Seiten

Feldhaus Hauptstadt Cupcakes

Ein Berlinroman über Freundschaft
4. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7565-4350-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Berlinroman über Freundschaft

E-Book, Deutsch, 290 Seiten

ISBN: 978-3-7565-4350-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Marzahnerin Aileen hat den großen Sprung gewagt - gemeinsam mit ihrer Freundin Pami gründet sie ein Cateringunternehmen: Hauptstadt Cupcakes! Aileen ist blass, zynisch und reserviert und stammt aus verkorksten Familienverhältnissen. Pami hingegen ist eine schwarze Schönheit, die sich unerschütterlicher Fröhlichkeit, warmherziger Eltern und ihrer süßen Tochter erfreut. Dass es im Leben des Kindes keinen Vater gibt, gleichen die beiden Endzwanzigerinnen voller Liebe aus. Eines Tages erfährt Aileen aus einem Brief, dass ihr Vater und dessen Mutter noch leben. Ihr Erzeuger ist also gar nicht in den Wirren der deutschen Wiedervereinigung umgekommen? Und sie hat noch eine Oma? Entschlossen begibt sie sich auf die Suche ...

Claudi Feldhaus, anno 1987 im Berliner Umland, hat, bis sie mit ca. 7 schreiben konnte, Bildergeschichten gemalt. In ihren wilden Teenagerjahren zeichnete sie Comics und Mangas. Dann kamen die Romane und sind bis heute ihr Medium. Mit Anfang 20 absolvierte sie ein Belletristikstudium, es folgten mehrere Romanveröffentlichungen, erst in Verlagen, dann im Selfpublishing. Sie veröffentlicht zeitgenössische Berlinromane und Fantasy und, unter ihrem anderen Pseudonym Amalia Frey, feministische Romance und Herstory. Claudi Feldhaus lebt, liebt und trinkt Kaffee in Berlin.
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9


Am nächsten Morgen kam Pami wie immer rüber und half mir, die Waren für das »You’re welcome«, das dreißig Cupcakes, zwei zuckerfreie Sandkuchen, zwei Torten und zehn Fruchtörtchen – alles vegan – bestellt hatte, in den Wagen zu verstauen. Ich wollte meinen Hintern gerade auf den Fahrsitz wuchten, als sie vorschlug, dass sie die Lieferung übernehmen könne. »Wäre toll, wenn du dich an ein paar neue Flyer und an ein Dauerangebot für das ›welcome‹ setzen würdest. Vielleicht fällt dir ja auch eine Marketingaktion ein. Du hast immer so tolle Ideen.«

Büroarbeit war wirklich nicht Pamis Sache, aber natürlich glaubte sie mich sicherer, je weiter weg ich von Steglitz war. Wäre die Lieferung nach Pankow oder Weißensee gegangen, hätte ich sie gewiss machen dürfen. Ich beschwerte mich nicht, sondern ließ sie fahren. Pfeifend brachte ich das Vehikel nach oben, band mir einen Schal um, knöpfte den Mantel zu und ging wieder hinunter.

Auf der Treppe zum S-Bahnhof Springpfuhl lauerte mir Lina auf. »Was machst du denn hier? Müsstest du nicht in der Schule sein?«

»U-Und was m-machst du hier?«, fragte sie scherzhaft anklagend zurück.

»Ich muss nicht zur Schule!«

»Und w-wohin willst du?«

Wir guckten uns doof an, dann lachten wir. Als wir uns zu den Gleisen wandten, nahm sie meine Hand.

»Wenn deine Mutter rauskriegt, dass du schwänzt …«

»W-wenn deine P-Partnerin r-rauskriegt, d-dass du deine O-Oma besuchen fährst …«

» Du bist ziemlich schlau, weißt du das?«

Ich kaufte mir eine Club Mate und für Lina einen Früchtetee und einen Nussring am »Star Backshop« auf dem Bahnsteig. Die S 7 fuhr ein, wir setzten uns nebeneinander entgegen der Fahrtrichtung.

Ich fragte Lina interessehalber: »Und wie läuft es mit den grobschlächtigen Sechstklässlern?«

»A-Ach, m-mach dir k-kein Kopf!«, erwiderte sie, ehe sie am abgekühlten Tee nippte, »m-meine Fr-Freunde Anh und Xuan w-weichen mir nicht von der Seite!« Die Tran-Zwillinge waren ihre besten Freund*innen, nicht nur weil sie mit ihr Kampfsport lernten und mit ihr ihre Krabbenchips teilten, die Pami verboten hatte.

Wir fuhren bis zum Ostkreuz und krochen tiefer in unsere Schals, als uns beim Aussteigen ein scharfer Windzug erwischte. Nachdem wir den Müll ordnungsgemäß entsorgt hatten; Papier und Plastik getrennt, die leere Club Mate unter neben dem Abfalleimer, damit Flaschensammelnde sie finden konnten, nahm ich wieder Linas Hand. Der Berufsverkehr war offenbar noch nicht abgeklungen und die Menschen drängten sich hektisch über den Bahnsteig. Die Rolltreppe zur Hochbahn war mal wieder defekt, deshalb mussten wir die steilen Treppen erklimmen.

Auf einmal stoppte die Masse, dann bekam ich mit, dass auf dem unteren Drittel eine Frau stehen geblieben war. An der Art, wie sie die Taschen in eine Hand nahm, um die andere auf ihren Bauch zu legen, erkannte ich, dass sie schwanger war und die vielen Stufen ihr große Mühe bereiteten. Die Passierenden drängten genervt an ihr vorbei, und als wir sie erreichten, fühlte sich gar ein Mittvierziger bemüßigt, sie anzupflaumen: »Halt nicht den ganzen Verkehr auf, du Fesselballon!«

Sofort war ich auf 180. »Halt bloß die Klappe, du Schlappschwanz! Du würdest die Verantwortung, die sie hier unter dem Herzen trägt, nicht einen Tag aushalten!«

Er sah mich verdattert an und öffnete seinen Mund. Doch er bemerkte, was auch ich spürte: Um mich und die werdende Mutter herum formierte sich eine entschlossene Gruppe von Frauen, die ihn böse anguckte. Geschlagen zog er von dannen. Eine Dame, die hinter mir stand, fragte unseren Schützling, ob sie ihr mit den Taschen helfen dürfe. Die Schwangere nickte sprachlos und lächelte. Ich versicherte mich, dass alles okay bei ihr war, und zog Lina dann schnell die Treppe hinauf, damit nicht noch mehr Leute aufgehalten wurden.

»D-Du bist e-echt toll, w-weißt du das?«, hauchte Lina, als wir oben ankamen.

Ich lächelte und winkte ab.

Die S 41 fuhr vor, wir stiegen ein und suchten uns einen Platz nebeneinander.

»So, wir sind jetzt ’ne Weile unterwegs«, erklärte ich. »Willst du über irgendwas reden?«

»Er-Erzählst du w-was von d-deiner Oma Susann?«

Ich überlegte. Lina war erst sechs, als meine Großmutter mütterlicherseits starb. Davor war sie aber schon jahrelang krank gewesen. Ich hatte sie gut drei Jahre gepflegt, neben diversen Jobs als Köchin, Kellnerin oder Kantinenfrau. »Du warst noch so klein, als sie die Diagnose Lungenkrebs bekam. Erinnerst du dich überhaupt an sie, an Susann, die Walküre vom Helene-Weigel-Platz?«

»Nur ei-ein bisschen. Ich w-weiß noch, dass sie immer viel ge-gesungen hat, wenn sie gr-gerade nich r-redete. Sie h-hatte ’ne tiefe Stimme, e-echt rau. Kam be-bestimmt vom vielen Rauchen früher!«

Ich lachte. »Allerdings! Und darauf war sie auch noch stolz!«

Ich ließ Lina an meinen Erinnerungen teilhaben. Meine Oma war eine rechthaberische, runde und sehr große Frau gewesen. Mit gut einem Meter achtzig und in ihren Spitzenzeiten an die hundertzwanzig Kilo, flößte sie den Leuten schon von weitem Respekt ein. Kochen konnte sie wie eine Sterneköchin, arbeiten wie ein Pferd, reden wie ein Wasserfall, fluchen wie ein Seemann. Aber sie war auch sehr sanft, wenn es darauf ankam. Ich konnte bei ihr immer Trost und teuren Rat finden. Wir stritten auch, vor allem als ich in die Pubertät kam. Ich glaubte, Oma hatte Angst, dass ich zu jung schwanger würde.

Meine Mutter hatte mit sechzehn eine Abtreibung, mit neunzehn bekam sie mich. Da ich aber bei Weitem nicht so beliebt war, wie die anderen beiden Vastner-Mädels es gewesen waren, bestand da keine Gefahr. Meinen ersten, romantischen Kuss bekam ich mit achtzehn und war bestens aufgeklärt.

»Sie hatte eigentlich immer einen festen Freund, meine Oma«, erzählte ich weiter. »Kaum hatte sie den einen über, standen wieder Herren jeden Alters und jeder Gewichtsklasse bei ihr Schlange. Mein Opa starb, als Bea gerade fünfzehn war. Ich glaube, der beachtliche romantische Erfolg von Susann hat sie maßgeblich beeinflusst. Susann war nie Single, weil sie immer gute Männer hatte. Bea war nie Single, weil sie für die Männer gut sein wollte. Oma pflegte oft zu sagen: «

Lina hörte zu und bekam feuchte Augen, als ich von der Zeit ihrer Geburt zu erzählen begann.

»Auf dich hat Susann sich sehr gefreut. Endlich wäre wieder ein Kind im Haus. Ich verbot ihr, zu rauchen, wenn Pami da war, und sagte auch gleich, dass das Baby nicht in unsere Wohnung käme, wenn es dort weiterhin so verqualmt wäre. Weißt du, was sie dann gesagt hat?«

Lina zuckte mit den Schultern.

» Ich höre die Worte immer noch, und du glaubst nicht, wie ich sie ausgelacht habe. Allerdings hatte Susann vorher niemals so etwas geschworen. Und sie schaffte es tatsächlich! Erst drosselte sie den Konsum, rauchte nur noch auf dem Balkon, und als du da warst, war sie clean. Sie hatte sogar die Wände neu tapezieren, alle Teppiche und Polster reinigen und neues Linoleum verlegen lassen, nur damit sie dich ab und zu bei sich haben konnte.« So waren wir sehr oft bei Susann, und sie kochte für uns, während ich mit Lina spielte und Pami sich von den anstrengenden Nächten erholen konnte.

»D-Das klingt echt l-lieb«, stellte Lina leise fest. »Sie w-war immer für d-dich da, stimmt’s?«

»Das ist sie auch heute noch manchmal …«

»W-Wie meinst du d-das?«

»Ach, schon gut!«, sagte ich schnell.

Mein Herz tat vor Kummer weh. Ich vermisste Susann schrecklich. Zum Glück fuhr die S-Bahn in dem Moment in den Bahnhof Bundesplatz ein. Draußen nahm ich ein paar Atemzüge von der kalten Herbstluft und fühlte mich leichter. Auch Lina war nach meiner Erzählung schweigsam geworden. Wir stiegen die Stufen hinab zur U-Bahn und nahmen die U 9 Richtung Rathaus Steglitz. Es waren nur wenige Stationen, also verzichteten wir auf einen Sitzplatz.

An der Endstation fragte Lina: »W-Wohin müssen w-wir jetzt?«

Ich war noch nie am Rathaus Steglitz ausgestiegen und musste mich orientieren. Auf den Schildern war unsere Buslinie ausgewiesen, und wir folgten den Pfeilen – X 83 Richtung Clayallee. Endlich an der Station angekommen, stellten wir fest, dass hier gebaut wurde, und wir mussten noch mal die Straße überqueren, um die Ersatzhaltestelle zu erreichen.

»Sandwich?«, fragte Lina, als wir auf den Bus warteten. Sie reichte mir ein in Butterbrotpapier eingewickeltes Päckchen, das sie aus ihrem Rucksack gezaubert hatte.

Ich konnte etwas zu essen gut vertragen und biss fröhlich in Pamis berühmtes Mais-Sesam-Brot, belegt mit Gurke und Ziegengouda. Auch Lina ließ sich eines ihrer Pausenbrote schmecken. Ich checkte mein Telefon. Pami hatte noch keinen Kontrollanruf vorgenommen. »Sie vertraut mir wirklich! Ich hab ein schlechtes Gewissen.«

»W-warum? S-Sie sagte, du sollst dich beruhigen u-und dann erst Bea oder den Typen anrufen. Sie s-sagte nich, du darfst nich nach Steglitz fahren, um zu gucken, o-ob diese Frau w-wirklich deine Oma ist.«

»Sie dachte wohl nicht, dass ich so wagemutig vor Verrücktheit bin!«

»Der W-Wagemut der v-vaterlosen Lämmer!«, rief Lina mit einer theatralischen Armbewegung. »Davon v-versteht sie nix.«

In diesem Moment fuhr unser Bus vor, und wir retteten uns ins Warme. Ich war immer noch mit meinem dünnen Mantel unterwegs, und der hielt ohne dicken Pulli...



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