E-Book, Deutsch, 481 Seiten
Feldhaus Schwesterchen & Brüderchen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7575-9762-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 481 Seiten
ISBN: 978-3-7575-9762-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claudi Feldhaus lebt, liebt und trinkt Kaffee in Ostberlin. Es erschienen von ihr als Claudi Feldhaus und als Amalia Frey mehrere Werke in den Genres Herstory, Berlinroman, Noblebright Fantasy und Krimi. Weitere Werke sind in Arbeit. Schwesterchen & Brüderchen ist eine Hommage an ihre liebsten Märchen und die Heimat ihrer Kindheit.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 7
Amira berappelte sich, konnte aber noch immer nichts sagen, auch Marwan hielt es für das Beste, zu schweigen.
Die Schönheit vor ihnen lächelte süffisant und sagte schließlich: »Ich bin Tahani, Königin der Wälder. So nennen meine Schwestern mich. Ihr müsst entschuldigen, ihr verbannten Kinder. Wir haben selten Besuch.«
Die Zwillinge schluckten hart, als ihr Gegenüber den Tiger am Ohr kraulte und sagte: »Ist es nicht so, Laerke? Normalerweise kommen sie, um sich unserer Schwesternschaft anzuschließen oder uns zu töten.«
Das Raubtier schnappte sich einen Zipfel des Musselinumhanges und begann purpur zu leuchten. Amira riss die Augen auf und Marwan wich hinter ihren Rock zurück. Purpurne Aura hatte in ihrem Leben nie etwas Gutes bedeutet, ureigene Ängste brachen sich in ihrem Verstand Bahn und lähmten sie vollends. Da verwandelte sich das Tier in eine muskulöse Person mit dunklem Haar, der Umhang der Erdmagierin verdeckte die Blöße vor Brust und Unterleib. In einer geübten Bewegung löste die Große den Verschluss um ihren Hals und die Tigerperson bedeckte damit ihre rötlich-braune Haut.
»Die wenigsten verhalten sich so rücksichtsvoll«, entgegnete Laerke, »normalerweise bleibt uns gar nicht die Zeit, uns vorzustellen, geschweige denn, uns einen Reim auf unser Gegenüber zu machen.« In einer überspitzten Geste mit Kratzfuß verneigte sich Laerke. »Keine Angst vor dieser Formwandlerin, Kinder.« Sich so untadelig in ein Tier zu verwandeln, zeugte von großer Macht. Vor ihnen stand ein weiteres herausragendes Talent. Laerke wirkte indes völlig anders als Nida. Das verspielte Lächeln, das kurze Haar. Nun in Menschengestalt ging von ihr keinerlei bedrohliche Energie mehr aus.
Endlich fand Amira die Sprache wieder. »Sind wir auf Eurem Land, in Eurem Haus? Ist dem so, so verzeiht. Wir hielten das Haus für unbewohnt und frei für uns.«
»Unbewohnt? Das liegt wohl im Auge der Betrachterin!«, erwiderte Laerke lachend.
»Du verstehst nicht, was vor sich geht«, stellte Tahani fest. Sie hob einen Arm und nickte zu ihrer Linken. Um sie alle herum schimmerte es grünlich-braun für Erdzauber, violett für Formwandel und dunkelblau für Mondmagie. Als wäre in der Luft eine Barriere, als würde ihre Umgebung schmelzen, fiel ein unsichtbarer Vorhang und die Zwillinge standen nicht mehr auf einer friedlichen Waldlichtung neben einem einzelnen verfallenen Haus, sondern mitten in einem Dorf.
Ausgetretene Pfade, von Blumen und Pilzen gesäumt, führten von Holzhaus zu Holzhaus. In Bäumchen hingen Energiekristalle. Gut fünfzig Menschen jeden Alters standen zwischen den Häusern. Verblüfft klappte Amira der Mund auf und dem Rehlein entschlüpfte ein überrascht blökender Laut. Die Dorfgemeinschaft brach in schallendes Gelächter aus, dann kamen ein paar von ihnen auf Amira und Marwan, der sich an ihr Bein drängte, zu. Dem Mädchen wurde auf die Schulter geklopft, das Reh ein wenig gestreichelt, beide belächelt, ehe Tahani das Wort ergriff und alle innehielten.
»Wir hatten lange keine wie dich unter uns. Möchtest du bei uns bleiben, kleine Windmagierin?«
Amira und Marwan erfuhren, dass sie schon die ganze Zeit in Laerkes Haus lebten. Es war das einzige Gebäude des Dorfes, das für sie, in einer heruntergekommenen Version, unter Zusammenwirkung von Formwandel, Erd- und Mondmagie sichtbar gelassen worden war. In der Siedlung wohnten etwa sechzig Personen, fast alle magisch, die meisten erwachsene Frauen. Es gab ein paar Kinder und einige Greisinnen. Zum Dorf gehörten Hochbeete, Obstbäume und Tiere. Hühner, Katzen, mittelgroße Hunde und Kaninchen bewegten sich frei und lebten friedlich miteinander. Einige Ziegen wohnten in einem Gatter neben Laerkes Haus und nun, da der Schleier der Täuschung gefallen war, roch Amira sie.
»Wünschtest du dir nicht Ziegen?« Die Formwandlerin lächelte wissend. »Und danke, dass du den Schornstein gereinigt hast, das schiebe ich seit dem Frühjahr vor mir her!«
»Das hast du schon viel länger ignoriert«, warf eine rundliche Wassermagierin mit kurzem hellbraunem Haar, einer Brille auf der Stupsnase und honiggoldener Haut ein. Sie kam in ihrem knöchellangen, weiten Kleid auf nackten Füßen auf sie zu. Statt eines rechten Armes wies sie einen verwachsenen Stumpen auf. »Deswegen kommst du auch immer zu mir zum Essen.«
Sprach’s und bildete mit Wasser an ihrer rechten Schulter einen langen Tentakel, mit dem sie Laerke einen liebevollen Klaps gab.
Die rieb sich die nasse Stelle an ihrem Hintern, machte einen Satz und war bei ihr. »Ach Quartilla, Tillchen mein Liebes«, sie schlang den Arm um ihre vollen Hüften, »als genießest du nicht jede Minute mit mir.«
Die Zwillinge saßen mit einigen der Bewohnenden an der kreisrunden Zisterne, aus der Quartilla frisches Grundwasser sprudeln ließ, in der Mitte eine Statue aus hellem Stein, die Tahani darstellte. Auf Amiras Schoß lag ihre dritte Scheibe Brot, dick belegt mit Käse und Gemüse. Die ersten beiden hatte sie innerhalb von Sekunden verschlungen und nun merkte sie, wie ihr Magen sich endlich wieder füllte und sie mit jedem Happen klarer denken konnte. Zwischen den Bissen schöpfte sie Wasser in eine Tasse und trank gierig. Schließlich atmete sie aus, Durst und Hunger gestillt, das Reh in Sicherheit an ihrer Seite.
»Komm, bist du bereit für eine Führung?«, fragte Laerke und zog Amira auf die Beine, ohne ihre Antwort abzuwarten. »Das dort, das ist Tahanis Haus.« Sie zeigte auf ein Gebäude mit einem oberen Geschoss, das die anderen Häuschen überragte. »Von dort aus leitet sie unsere Schwesternschaft. Ja, als eine solche leben wir, wenngleich es hier nicht nur Frauen gibt.«
»Es ist eine Einstellung«, sagte Ridvan, eine Person, die Amira als Feuermagier*in vorgestellt worden war, »uns schlossen sich lange keine Jungen oder Männer an, die bereit waren, das abzugeben, was sie in der anderen Welt macht.«
Amira nickte und Marwan lächelte unmerklich. Sie folgten den Magier*innen, überwältigt von der Gesellschaft, die sie nun sehen konnten, staunend über alles, was ihnen gezeigt wurde. Im unteren Bereich von Tahanis Haus war eine schlichte Halle, wo Versammlungen und Feste abgehalten wurden. Im oberen Stock befand sich neben Tahanis kleiner Wohnung ein Raum, der mit weichen Kissen, dicken Decken sowie Sitz- und Liegeflächen ausgestattet war und den Hexen als Ruheraum während ihrer Tage diente. Gleich daneben war ein Häuschen komplett aus Stein gebaut, der Waschraum für alle, eine Wasser- und eine Feuermagierin sorgten für warmes Badewasser zu jeder Jahreszeit. Jetzt im Sommer standen beim größten Brunnen des Ortes Tische und Bänke aufgereiht. Hier aßen alle gemeinsam und unterhielten sich meist bis spät in die Nacht miteinander, wie sie ihr erklärten.
So auch an diesem Abend, Amira und das Rehlein in ihrer Mitte, eine Schüssel mit frischem Salat und Gemüse vor ihm. Laerke, noch immer nur mit dem Musselinumhang bedeckt, schlug vor. »Ich denke, ihr könnt mein Haus bewohnen. Amira führt einen eigenen Haushalt viel besser als ich.«
»Und du haust in deiner Unordnung weiter bei mir, futterst mir die Haare vom Kopf, und machst dich in meinem Bett breit.« Quartilla lachte mit einem zärtlichen Unterton.
Vor allem beim letzten Teil glitzerten Laerkes Augen. Sie nahm eine der Katzen, die sich zu ihnen gesellt hatten, auf den Schoß und küsste das Köpfchen, während sie Quartillas Blick hielt.
»Sie hat noch nicht gesagt, ob sie bleiben will.« Tahani kam aus ihrem Haus zu ihnen herüber. Für die abendliche Zusammenkunft hatte sie sich umgezogen, und ein Ensemble in goldbraun gewählt, das wunderbar zu ihrer reinen Haut passte, lange Hosen, die ihre Prothese fast gänzlich bedeckten, darüber ein Überkleid und einen Umhang aus warmem Stoff. Einer der Terrier lief fröhlich neben ihr her.
Laerke beabsichtigte offenkundig nicht, sich mehr anzuziehen, Amira konnte nicht anders, als immer wieder die schlanken, stark behaarten Beine anzusehen. Dermaßen entblößt war ihr noch keine Frau begegnet.
fragte sich Amira, sie ließ den Blick gleiten,
Sie sah zu Tahani, die sich zu ihnen setzte, der Hund legte sich ihr treu zu Füßen. Amira quälten so viele Fragen: Wie hatten sie die Häuser, den Brunnen, all das bauen, die Felder anlegen und so lange überleben können, ohne Männer? Woher kamen die kleinen Mädchen, die offenbar Kinder einiger der Hexen waren? Waren sie wirklich die Hexen, von denen erzählt wurde, dass sie zum Fürchten sein sollten? Aber Amira verspürte keine Angst. Auch wenn diese Frauen mächtig waren, strahlten sie Freundlichkeit und Frieden aus. Der ganze Ort fühlte sich anders an, als alles, was sie von außerhalb des Waldes kannte. Sie blickte zu Marwan, der neben ihr saß, von den Kindern dargereichte Leckereien wie Apfelstücke oder getrocknete Pilze annahm und erst nach einigen Momenten bemerkte, dass sie ihn ansah.
Er schluckte den Bissen herunter und schaute mit schief gelegtem Köpfchen zurück, während Amira sich fragte, ob sie seine Identität vor den Hexen geheim halten sollte, oder er denn verbergen konnte, wer er war. Wenn die Schwesternschaft sie die ganze Zeit beobachtet hatte, mussten sie Marwan sprechen gehört haben.
Wieder begegnete sie Tahanis Blick und fragte schüchtern: »Was steht zur Wahl? Wenn ich nein sage, jagt ihr mich davon oder bestraft mich oder beides?«
...



