E-Book, Deutsch, 152 Seiten
Feldhorst Oma Krawutke ermittelt
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-3983-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminelle Kurzgeschichten
E-Book, Deutsch, 152 Seiten
ISBN: 978-3-7504-3983-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anja Feldhorst - geboren 1965 im Auto auf der Fahrt ins Saarbrücker Krankenhaus, seit 1984 in Berlin und seit 2013 in der Prignitz zu Hause. Schon als Kind liebte sie es kriminell - ihr Lieblingsmärchen war "Der Räuberbräutigam", in dem eine findige Prinzessin einem Serienkiller (damals noch Räuber genannt) entkommt und ihn mittels eines abgeschnittenen Fingers überführt. Heute liebt sie es nicht weniger kriminell, aber deutlich weniger blutrünstig. Sie schreibt humorvolle Krimis und hat bereits zahlreiche Kurzgeschichten und einen Kriminalroman veröffentlicht. Seit 2015 gibt sie auch Schreibkurse. Sie eröffnete 2018 den Prignitzer Schreibsalon, um Schreibwütigen in Onlinekursen und in der analogen Welt das kreative Schreiben näher zu bringen. Sie ist Mitglied der Mörderischen Schwestern e. V. und im VS - Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. www.anja-feldhorst.de www.prignitzer-schreibsalon.de
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Tiffanys Herz
»Det wird furchtbar. Ick weeß et.« Tiffany starrte seit einer halben Stunde aus dem Zugfenster. Sie warf den sanft geschwungenen Hügel des Kantons Thurgau, an denen der Zug vorbeisauste, einen letzten finsteren Blick zu und streckte den braunen Kühen die Zunge heraus. Dann ließ sie sich in ihren Sitz zurücksinken und zog einen Flunsch.
Oma Krawutke sah kurz zu ihrer Urenkelin hinüber. »Nu hör uff zu maulen, Püppi. Een jeschenkten Gaul kiekt man nich in‘t Maul.« Dann vertiefte sie sich wieder in ihr Kreuzworträtsel.
Aber Tiffany haderte immer noch mit ihrem Schicksal. »Nächstet Mal machste aber det Preisrätsel inne Zeitschrift von Mallorca, nich ausse Schweiz, Oma.«
»Jaja«, brummte es hinter dem Rätselheft hervor.
»N Schützenfest.« Tiffany zog das Wort wie Kaugummi in die Länge. »Un denn ooch noch ne janze Woche.«
»Det is doch jut, da könn we mal so richtig uffn Putz haun. Als ick siebenunddreißig det erste Ma uff so wat war, ick sag dir …«
»Is ja jut, Oma. Aber wie klingt denn dette: Ick war im Urlaub in Frauenfeld beim Schützenfest. Die lachen sich doch tot uff Arbeit.« Tiffany seufzte. Gedankenverloren strich sie ihrer kleinen Tochter Sarah Michelle, die auf ihrem Schoß schlief, über das Haar und zupfte liebevoll an den Zöpfchen. »Du hastet jut, Mäusi. Du musst dir über so wat noch keene Jedanken machen.« Sarah Michelle, die von der Zupferei ihrer Mutter unsanft aus dem Schlaf gerissen worden war, antwortete mit lautem Gebrüll.
»Siehste, det haste jetz von deine Maulerei. Warte Püppi, Oma guckt mal, ob se nich ne Schokolade für dich hat.«
*
Schnaufend stellte Oma Krawutke ihren Koffer ab und legte ihre große, beige Kunstledertasche auf den kleinen Eichentisch. »Vorsicht Oma, nich dass die Kiste kaputtjeht. Denn muss ick se noch ersetzen.« Tiffany kramte die Zigarrenkiste, die sie in Zürich für ihren Chef abgeholt hatte, hervor und schob sie vorsichtig in das oberste Schrankfach. Sie schloss die Schranktür und ließ den Blick angewidert über die schweren Eichenbetten, die verblichene Tapete und den wackligen Schrank gleiten.
Oma Krawutke hatte inzwischen fertig ausgepackt. »Mach nich son Jesicht, Püppi. Jetz jehn we ne Runde um die Häuser un kieken, wo hier die Post abjeht.«
*
Die nächsten Tage waren weit schlimmer, als Tiffany es sich vorgestellt hatte. Oma Krawutke trieb sie von einem Albtraum zum nächsten: Füße plattstehen beim großen Festumzug, Kunsthandwerksstände begaffen auf dem Stadtfest. Und die Musikgruppe »Harmonica Express« zu deren Volksmusikgejaule ihre Oma den nächstbesten Schweizer unterhakte und zum Schunkeln zwang, gab Tiffany beinahe den Rest. Aber der schlimmste Moment kam, als Tiffany, Oma Krawutke und Sarah Michelle als Gewinnerinnen des Preisrätsels im großen Festzelt einen Kasten Schützengarten-Bier entgegennehmen mussten.
Dass »Grüzi mitanand« so was wie »Hallo« hieß, hatte Tiffany inzwischen begriffen, aber der Rest des Gefasels, das der Moderator zum Besten gab, klang für Tiffany nur nach irgendwas, was verdammt heiser war. Erst als Oma Krawutke ihr den Ellenbogen in die Seite stieß, wurde ihr klar, dass der Moderator sie etwas gefragt hatte.
»Äh, wat? Is echt voll krass hier. Ick freu mir sowat von wahnsinnig, dass ick hier bin. Det werd ick nie vajessen, echt nich.« Für einen kurzen Moment herrschte beinahe so etwas wie Stille im Festzelt, bis der Moderator irgendetwas sagte, das vermutlich »Danke« heißen sollte, dann setzte ein zaghafter Applaus ein und Tiffany wünschte sich nichts sehnlicher, als sich in ihrem Hotelzimmer auf die durchgelegene Matratze zu werfen und das ganze Theater zu vergessen.
*
Sie stiegen gerade die schmale Treppe zum zweiten Stock hoch, als Tiffanys Handy unvermittelt den Schnappi-Sound durch die Flure plärrte.
»Een Zeichen ausse Zivilisation. Ick bin jerettet«, jubelte Tiffany, während sie hektisch in ihrer Tasche kramte.
»Ick jeh schon ma un bring die Kurze ins Bett.« Oma Krawutke nahm Sarah Michelles Hand und marschierte los. Sie hatte gerade die Schuhe ausgezogen und die Beine hochgelegt, als die Tür aufflog. »Oma, die schmeißen mir raus, die Schweine. Die ham mir einfach schamlos ausjenutzt. Aber nich mit mir. Die mach ick fertig, wenn ick …«
»Jetz reg dir nich so uff. Wo fliegste raus?«
»Na, ausse Arbeit. Claudi hat den Chef jehört, wie der zu seine Olle jesagt hat, dass er mir kündigt, wenn die Förderung vont Jobcenter wegfällt. Dabei hab ick mir so bemüht.« Der Rest von Tiffanys Lamento ging in lauten Schluchzern unter.
»Ach Püppi, da jehste zu‘t Amt, die könn da bestimmt wat machn.«
»Wenn die mir nich wolln, denn will ick ooch nich mehr«, heulte Tiffany weiter.
Oma Krawutke seufzte. Schwerfällig erhob sie sich vom Bett und holte ihrer Urenkelin eins der gewonnenen Biere. »Un ick latsch ooch noch zu den Heini da in Zürich un hol dem Chef seine ollen Lungentorpedos.« Die Schluchzer waren inzwischen weniger, Tiffanys Stimme dafür wieder lauter geworden.
Oma Krawutke wunderte sich, dass Sarah Michelle die ganze Aufregung verschlief.
»Mit die Zijarren sagste wat. Da könnt ick jetz eene von jebrauchen.« Sie kicherte leise, während sie die Kiste aus dem Schrank holte und öffnete.
»Biste varückt, Oma. Da krieg ick doch Ärjer – ach, mach ma. Is ja jetz ooch ejal.«
Oma Krawutke nahm eine der Zigarrenhülsen aus der Kiste. »Die sin aus Ecuador. Sone hatt ick ooch noch nich.« Vorsichtig schraubte sie den roten Verschluss der Aluminiumkapsel auf. Sie drehte die Öffnung nach unten und hielt ihre Hand darunter. Keine Zigarre plumpste heraus. Sie schüttelte den Behälter, aber ihre Handfläche blieb leer.
»Det is ja komisch. Jib mal.« Tiffany nahm die Alu-Kapsel und hielt die Öffnung ins Licht. »Irgendwat is da aber drinne.« Sie begann, mit ihren pink lackierten Fingernägeln in der Öffnung herumzustochern.
Zehn Minuten später lagen siebzehn ecuadorianische Zigarren und sechzig Fünfhunderteuroscheine auf dem Tisch. »Det is Schwarzjeld, Oma. Un ick sollte dem det über die Grenze schmuggeln. Un als Dankeschön setz det Schwein mir vor die Tür.« Tiffany strich fassungslos die Scheine glatt, die sich sofort wieder zusammenrollten.
»Nu sei nich traurig, Püppi. Weeßte wat? Morgen jehn we erst ma schön davon einkoofen in Zürich. Det soll der uns ma nachweisn, dass wir dem sein Schwarzjeld ham.« Oma Krawutke lehnte sich auf ihrem Sessel zurück und paffte zufrieden kleine Rauchkringel in die Luft.
*
Nachdem sich Tiffany einmal quer durch das Frühstücksbuffet des Hotels Coronado im Zentrum Zürichs gefuttert hatte, war sie bereit, sich den Herausforderungen exzessiven Konsums zu stellen. Viele Stunden, Geschäfte und Café-Aufenthalte später schlenderten sie die Züricher Bahnhofsstraße entlang Richtung Hotel. Plötzlich blieb Tiffany stehen.
»Oma, kiek mal. Det Jeschäft heeßt wie icke. Wat isn dette?« Entschlossen lenkte sie Sarah Michelles Buggy durch die Menschenmassen auf dem Bürgersteig.
Oma Krawutke hatte Mühe ihr zu folgen. »Det isn Juwelier. Kennste nich den schönen Film mit Odree Häpbörn?«, schnaufte sie, als sie ihre Urenkelin endlich eingeholt hatte.
»Hör uff mit die ollen Kamellen, Oma. Kiek ma, is det nich süüüß?« Zärtlich strich Tiffany über die Schaufensterscheibe, die ein mit Steinen übersätes großes Weißgoldherz vor ihren gierigen Fingern schützte. »Wenn ick det haben könnte … det würde so jut zu meine neue rosa Jeans passen.«
Oma Krawutke sah von ihrer Urenkelin zum Schmuck und wieder zu ihrer Urenkelin. »Püppi, det hat schon Märrelinn jewusst: ›Deimonts aar ä Görls best Frennt.‹ Da haste wat für‘t Leben. Komm.«
Tiffany ließ sich das nicht zweimal sagen und stieß mit dem Buggy die Tür auf. Ein beflissener Verkäufer eilte ihr zu Hilfe. »Lottogewinn«, raunte ihm sein Kollege im Vorbeigehen ins Ohr, nachdem sein Blick über Tiffanys Woolworth-Shirt und die billigen Plateausandaletten bis zu den Diesel-, Benetton- und Esprittüten gewandert war, die Sarah Michelle in ihrem Buggy unter sich begruben. Der Verkäufer verzog keine Miene.
»Das Schmuckstück ist mit sechsundzwanzig Brillanten besetzt, lupenrein, Farbe River, zusammen fünf Komma zwei Karat. Der rosa Saphir in der Mitte hat zwei Komma zwei vier Karat. Baguetteschliff. Passend dazu eine fein gearbeitete Weißgold-Schlangen-Kette, achtzehn Karat.«
Tiffany ließ die filigrane Kette durch ihre Hände gleiten. »Nee. Bei det wertvolle...




