E-Book, Deutsch, 314 Seiten
Ferdinand Im Schatten der Vergangenheit
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-0484-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 314 Seiten
ISBN: 978-3-7448-0484-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christine Ferdinand ist 1985 in Niedersachsen geboren. Neben der Rolle als Mutter, Ehefrau und technische Beraterin, schlägt ihr Herz leidenschaftlich für das Schreiben von Büchern. Auf der Internetseite www.chris-ferdinand.de könnt ihr mehr über ihre bisherigen Werke erfahren.
Autoren/Hrsg.
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Sarah
Ohne es zu wissen, begann heute ein Tag, den ich nie vergessen werde. Da ich hiervon natürlich nichts ahnte, machte ich mich, wie jeden Tag, für die Arbeit fertig.
„Seh zu das du hier wegkommst!“, rief eine schrullige Stimme aus dem Flur. Ich zuckte schon nicht mal mehr zusammen. Es war fast täglich das meine Nachbarn, egal ob über, unter oder neben mir, schreiend durch das Haus riefen. Doch das war das übel, endlich auf eigenen Beinen stehen zu wollen. Eine Ein-Zimmer-Mini Wohnung, mit Mauerblick und wöchentlich verstopfter Toilette, in der besten Arbeitswohnlage, die es gab. Mehr konnte ich mir jedoch mit
meinem einfachen Büro Job derzeit nicht leisten. Ich stand, wie sagte man so schön, ganz unten auf der Gehaltsliste. Bei Bugs & Newman musste man sich, je nachdem wie lange man dort überlebt hatte, hocharbeiten. Und da dies erst mein dritter Monat war, gab es noch eine Menge Luft nach oben. Um mir überhaupt
zwischendurch mal etwas leisten zu können und auch mal ein Taxi anstatt die U-Bahn zu nehmen, ging ich jeden Samstag zusätzlich noch Hunde ausführen. Hoffentlich würde es dieses Wochenende nicht schon wieder in Strömen regnen. Obwohl das zu dieser Jahreszeit, leider fast an der Tagesordnung war.
Verträumt sah ich noch immer in den Spiegel. Meine dunklen Haare band ich mir schnell zu einem Knoten zusammen, der von hinten fast aussah als würde er gleich explodieren. Auch ein Friseurbesuchwurde leider bald mal wieder fällig. Ich stolperte aus dem Badezimmer, griff mir meinen Pumps und zog diese noch im laufen an. Für heute hatte ich mir extra meinen blauen Blazer rausgesucht, da wir mit ein paar Kollegen noch in eine Bar wollten. Das taten wir ungefähr einmal im Monat. Ein Glück, denn mehr konnte ich mir auf keinen Fall leisten. Und die Männer waren auch nicht mehr das was sie mal waren. Die Emanzipation der Frauen war ja schön und gut, aber das hatte gravierende Folgen für die wenigen Gentlemen die noch frei rum liefen.
Ohne es zu wollen schweiften meine Gedanken zu meinem letzten Freund. John. Wir hatten über vier Jahre ein ON-OFF Beziehung. Die endgültige Trennung war mir tatsächlich erst gelungen, als ich aus unserer Kleinstadt in der Nähe von Morristown wegzog und hier in Manhattan ein neues Leben anfing. Wieso es uns immer wieder zueinander gezogen hatte, war mir bis jeher ein Rätsel gewesen. Vermutlich, weil er tatsächlich einer der letzten Gentleman war? Zumindest wenn wir zusammen aus waren, bestand er darauf zu zahlen oder meinen Mantel zu halten. Den Stuhl vorrücken und über jeden noch so kleinen Witz von mir zu lachen. Er war sehr aufmerksam. Doch ich war nicht die einzige die diesen Gentleman erleben durfte. Auch dutzende andere Frauen, wie mir viel zu spät mitgeteilt wurde, hatte er an der Hand. Mir drehte sich der Magen um, wenn ich daran zurück denken musste. Ich legte mir die Hand auf den Bauch. Zwar brachte auch der Gedanken an John meinen Bauch ins Schwanken, aber die Klarheit, das ich wieder mal nichts gefrühstückt hatte, tat ebenfalls seinen Beitrag. Kurzer Hand überquerte ich die Straße, um den nächsten Coffeeshop anzusteuern.
Die Tür klingelte leise, als ich sie aufmachte. Es war kaum zu hören, denn es waren so viele Leute in dem Laden das ein lautes Gemurmel alles andere übertönte.
So gut es ging, drängelte ich mich durch die Masse.
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, eins, zwei, drei, vier...“, murmelte ich vor mir hin. Es war einen art Tick von mir das ich, wenn ich irgendwo warten musste, die Leute vor mir zählte. Daraus ließ sich einigermaßen ableiten, wann ich dran kam.
„Eins, zwei, drei“, ich stoppte. Irgendetwas nahm ich aus dem Augenwinkel wahr und erweckte meine Aufmerksamkeit. Es war ein junges Pärchen. Sie kicherte leise vor sich hin. Strich immer wieder eine Strähne von ihrem schwarzen Haar hinter das Ohr. Fast war es peinlich, wie sie sich verhielt, doch als ich sah warum, wusste ich, was sie fühlte. Der Mann, welcher ihr gegenüber saß, bestand darauf zu Zahlen. Er war gut gekleidet, trug einen grauen Anzug, hatte einen Vollbart und kurz geschorene dunkle Haare. Sie zog die Rechnung mit ihren grazilen Händen, wo die rot lackierten Nägel nur so aufloderten, die ganze Zeit zu sich herüber. Doch er nahm zärtlich ihre Hand runter und drückte sie zurück. Dabei setzte er ein unglaublich tolles und zugleich bedrohliches lächeln auf. Auch wenn er einen Vollbart trug, sah man das Blitzen seiner Zähne, und das Funkeln in den Augen. Er meinte es ernst. Tod ernst. Das wusste auch die Frau mit den roten Fingernägeln. Am Ende gab sie sich geschlagen und überließ ihm die Rechnung.
„Tschuldigung, gehts mal weiter?“, drängelte der Mann mit unruhigem Schritt hinter mir. Ich sah nach vorne. Nur noch zwei Leute vor mir.
„Natürlich“, sagte ich kurz und schloss die Lücke. Ein letztes Mal warf ich einen Blick zur Seite. So unauffällig wie möglich drehte ich meinen Kopf, um noch etwas mitzubekommen. Das Pärchen von eben war auf dem Weg nach draußen. Er ließ ihr den Vortritt, hielt aber noch schnell die Tür auf. Ich war tatsächlich auf einen der letzten dieser aussterbenden Art gestoßen. Ein echter Gentleman.
Benommen drehte ich mich zurück nach vorne, nahm meine Bestellung entgegen und verließ ebenfalls den Coffeshop. Dieses Mal lag allerdings ein weiteren komischen Gefühl der leere in mir.
Doch nicht in meinem Magen, sondern in meinem Herzen. Der Mensch war einfach nicht dafür gemacht alleine zu sein. War das vielleicht der Grund wieso wir andauern zu John zurück ging?
Kopfschüttelnd lief ich weiter die Straße hinab zur nächsten U- Bahn-Station.
„Sarah, hast du das schon fertig bearbeitet?“ Nancy stand nervös vor mir. Ihr blondes schulterlanges Haar wippte hin und her.
Schnell kramte ich die Mappe raus und drückte sie ihr in die Hand.
„Ja alles fertig“, sagte ich und schenkte ihr ein Lächeln.
„Oh danke!“ Wie ein Rettungsboot krallte sie die Mappe fest an sich. „Du bist meine Rettung. Ansonsten hätte ich das nie geschafft.
Wenn du erst mal soweit bist, dann frag mich später auch ruhig. Ich werde dir dann helfen.“
„Miss Hawener!“ Die Worte flogen so hart durch den Raum, das beinah etwas kaputt ging.
„Komme!“, rief Nancy und sauste los.
Mein Lächeln verstummte, denn mein Magen machte sich erneut bemerkbar. Der Cookie von heute früh hatte leider nicht lange vorgehalten. Wie ein Verbrecher sah ich mich um. In unserem Büro, wo zu Spitzenzeiten fast sechzig Leute gleichzeitig durch die Gegend liefen, war auch heute gut gefüllt. Und da Mr. Winchester mit Nancy beschäftigt war, erlaubte ich mir fünf Minuten eher in die Mittagspause zu gehen. So unauffällig es ging, schleuste ich meine Handtasche mit nach draußen. Erst als die Fahrstuhltür sich schloss, entwich die ganze Luft aus meinen Lungen. Die Anspannung, so groß wie Backsteine, viel von meinen Schultern.
Unten angekommen, war ich dankbar das mein Lieblings- Coffeeshop einer großen Kette angehörte. Direkt auf der anderen Straßenseite unserer Firma gab es ebenfalls eine Filiale davon.
Das vertraute klingeln ertönte. Viel besser zu hören als heute Morgen. Es war noch lange nicht so viel los.
Ich lief quer durch den Laden. Auf halbem Weg konnte ich meinen Augen nicht trauen. Der Gentleman von heute Morgen saß dort an einem Tisch mit einer Frau. Aber Stopp. Diese Frau war blond und hatte keine feurig roten Nägel. Das einzige was sie gemeinsam hatten, waren eine Model-ähnliche Figur. Fassungslos und unglaublich wütend auf diesen Mann, obwohl ich ihn überhaupt nicht kannte, schnaubte ich verächtlich. Wohl etwas zu laut. Der Möchte-gern-Gentleman-ich-kann-jede-haben, sah auf der Stelle zu mir hoch. Diese gefährlichen Augen von heute Morgen fixierten mich. Fast legten sie mir Fesseln an und ich war mir sicher das es ein kurzes auffunkeln von Zorn darin gab. Automatisch drehte ich mich weg. Meine Wangen glühten. Rot wie eine Tomate gab ich direkt meine Bestellung auf. Ohne auch nur einen weiteren Blick zu wagen, nahm ich meine Tüte, den Kaffee und verließ den Shop, so schnell es ging. Die Straße überquerte ich zum Glück ohne Schaden.
Als sich die Fahrstuhltür gerade schloss, atmete ich stoßartig aus.
Mein Kopf viel mir in den Nacken. Es wurde wirklich zeit das es Wochenende wurde.
„Tschüss!“, riefen ein paar Leute im Vorbeigehen.
„Tschüss“, erwiderte ich. Endlich Feierabend. Heute war ich stolz auf mich. Trotz des Gefühlschaos zwischendurch, hatte ich wirklich viel Arbeit schaffen können.
„Kommst du endlich?“ Emma und Nancy hatten schon ihre Mäntel übergezogen.
„Ja“, sagte ich und sprang auf. Zu dritt gingen wir in Richtung Fahrstuhl. Als die Tür aufging, standen schon mehrere Leute drin.
Wir suchten uns eine Ecke, um nicht den ganzen Weg laufen zu müssen. Die Tür schloss sich.
Emma schubste mich am Arm. Dann beugte sie sich zu...




