E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Fernández Space Invaders/ Chilean Electric
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-903061-65-1
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Kurzromane
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-903061-65-1
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nona Fernández, wurde 1971 in Santiago de Chile geboren und ist seit ihrer Schauspielausbildung als Drehbuchautorin, Schauspielerin und freischaffende Schriftstellerin tätig. Ihre in diversen Erzählbänden veröffentlichten Kurzgeschichten sind, wie auch die Romane Mapocho und Av. 10 de julio Huamachuco, preisgekrönt. Die Arbeit an Drehbüchern für Fernsehserien und -filme, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreitet, beeinflusst ihre literarische Schreibweise dahingehend, als dass sie ökonomisch mit Sprache umgeht und in ihren Erzählstrukturen eindeutig den Dialog bevorzugt. Nicht zuletzt dadurch erzeugt Nona Fernández Bilder von kinematografischer Aussagekraft. Sie zählt zu den führenden Schriftstellern Chiles sowie gesamt Südamerikas. Sie empfing sowohl 2003 (für Die Toten im trüben Wasser des Mapocho) als auch 2008 (für Die Straße zum 10. Juli) den chilenischen Literaturpreis PREMIO MUNICIPAL DE LITERATURA in der Kategorie Bester Roman. Selbigen Preis erhielt unter anderem auch Roberto Bolaño posthum.
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Erstes Leben
I
Santiago De Chile. 1980. Ein Mädchen im Alter von zehn Jahren betritt an der Hand seines Papas eine Schule des Stadtviertels Avenida Matta. Es trägt eine Schultasche aus Leder, die es um die Schulter gehängt hat, die Schnürsenkel seines rechten Schuhs sind offen. Draußen auf der Straße befinden sich immer noch die herumliegenden Überreste einer Feier, von der einige über die Bürgersteige verteilte Pamphlete, leere Flaschen und Abfall zurückgeblieben sind. Die neue von der Militärjunta vorgeschlagene Verfassung ist gerade von einer breiten Mehrheit verabschiedet worden. Der Hausmeister der Schule fegt den Schmutz vor dem Eingang weg, während sein Blick zu dem Vater des Mädchens wandert. Der Mann zieht sich die Polizeimütze vom Kopf, um sich von seiner Tochter zu verabschieden. Er gibt ihr einen Kuss auf die Wange und flüstert ihr ein paar Worte ins Ohr. Das Mädchen lächelt und läuft dann mit seinem geöffneten Schnürsenkel, diesen über die Bodenfliesen schleifend, den Gang hinunter. Vor der Statue Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel kniet es sich hin und küsst deren Daumen.
II
Manchmal träumen wir von ihr. Von unseren Matratzen aus, die am Puento Alto, in La Florida, am Hauptbahnhof oder in San Miguel verstreut herumliegen, von unseren schmutzigen Laken aus, die unsere aktuelle Bleibe definieren, von den Feldbetten aus, in die wir geflüchtet sind, damit sie unsere müden Körper tragen, die arbeiten und arbeiten; nachts und manchmal sogar auch tags träumen wir von ihr. Unterschiedliche Träume träumen wir, so wie unsere Köpfe unterschiedlich sind und unsere Erinnerungen unterschiedlich sind und wir unterschiedlich sind und unterschiedlich aufgewachsen sind. Aus unserer Traumunterschiedlichkeit heraus kommen wir einstimmig zu dem Schluss, dass jeder sie auf seine Art und Weise sieht, so wie er sie erinnert. Acosta sagt, dass sie ihm in seinen Träumen als Mädchen erscheine, so wie wir sie kannten, in ihrer Schuluniform, das Haar zu einem Paar langer Zöpfe geflochten. Zúñiga sagt Nein, dass sie nie Zöpfe getragen habe, dass sie ihm mit offenem Haar erscheine, mit schwarzen kräftigen Haaren, die ihr Gesicht einrahmten, einer Haarpracht, an die nur er sich erinnert, denn Bustamante hat ein anderes Bild und Maldonado ein anderes und Riquelme ein anderes und Donoso ein anderes und alle und jedes einzelne sind verschieden. Die Frisuren und die Haarfarben variieren, über die Gesichtszüge wird man sich nicht einig, die Formen verschwimmen und es gibt keine Möglichkeit, sich zu einigen, weil man in den Träumen wie in den Erinnerungen eben keinen möglichen Konsens haben kann noch darf.
Fuenzalida träumt von dem ersten Mal, als sie sie sah. Wenn sie aufwacht, erinnert sie sich nicht so genau an ihre Frisur und deshalb mischt sie sich in die Diskussion der restlichen Klasse gar nicht erst ein, denn für Fuenzalida sind das Wichtige in Träumen die Stimmen, nicht die Frisuren. Fuenzalida träumt von vielen Kinderstimmen, die im Unterrichtsraum der fünften Klasse tuscheln und von dem Lehrer, der die Liste durchgeht: »Acosta?« – »Anwesend!« – »Bustamante?« – »Anwesend!« Die Stimme eines jeden einzelnen Kindes antwortet in genau demselben Tonfall, wie er gewesen ist, denn wenngleich sich Stimmen mit der Zeit auflösen, vermögen Träume sie doch wieder zum Leben zu erwecken. »Donoso?« – »Anwesend!« – »Fuenzalida?« – »Anwesend!« Und dann ist sie dran, ihr Name wird unter dem schwarzen Schnurrbart des Lehrers ausgesprochen. »González?«, hallt es im Raum, und von einer einzelnen Bank in der letzten Reihe antwortet die neue – oder vielleicht gar nicht mehr ganz so neue – Schülerin: »Anwesend!« Es ist sie. Es ist unwichtig, wie ihr Haar aussieht, ihre Hautfarbe oder ihre Augen. Alles ist relativ außer dem Klang ihrer Stimme, der, wenn es sich um Träume handelt, laut Fuenzalida dasselbe ist wie ein Fingerabdruck. González’ Stimme hängt uns aus Fuenzalidas Traum nach und nimmt unsere eigenen Bilder ein, unsere eigenen Versionen von González, und dort nistet sie sich ein und bleibt, um uns Nacht für Nacht Gesellschaft zu leisten. In manchen Nächten besucht sie Acostas Kopfkissen, in anderen Maldonados Matratze, in wieder anderen Donosos zerrissene Laken. Und so sind die Nächte die Endlosschlaufe einer Anwesenheitsliste, ein ewiger Durchgang, der uns nicht in Ruhe schlafen lässt. Jahre sind vergangen. Zu viele Jahre. Unsere Matratzen haben sich wie unsere Leben über die ganze Stadt verteilt, bis wir allmählich den Kontakt zueinander verloren haben. Was ist aus jedem Einzelnen geworden? Das ist ein Rätsel, das zu lösen wenig wichtig ist. Über die Entfernung teilen wir Träume. Zumindest einen, mit weißem Faden auf den Kragen einer karierten Kittelschürze gestickt: Estrella González.
III
Sie haben uns in einer langen Reihe angeordnet, einen vor dem anderen in der Mitte des Innenhofs der Schule. Neben uns steht eine weitere lange Reihe und dort vorne eine andere und da hinten eine weitere. Wir bilden ein perfektes Quadrat, eine Art Spielbrett. Wir sind Spielfiguren, wir wissen nur nicht welches Spiels. Wir halten Abstand, wir legen den rechten Arm auf die Schulter des Vordermannes, um den angemessenen Raum zwischen uns anzuzeigen. Unsere Schuluniform sitzt korrekt. Der obere Knopf des Hemdes ist zugeknöpft, die Krawatte ordentlich gebunden, das dunkle Kleidchen geht über die Knie, die blauen Strümpfe sind straff hochgezogen, die Hosen perfekt gebügelt, das Schulemblem auf der Brust aufgestickt, auf der richtigen Höhe, ohne abstehende Fäden, die Schuhe frisch poliert. Die sauberen Nägel herzeigen, die Hände ohne Ringe, das muntere Gesicht, die gezähmten Haare. Jeden Montag zur ersten Stunde die Nationalhymne singen, sie schmettern wie ein jeder nur kann, schrill und verstimmt, mit einem Krächzen, unsere Stimmen, die fast schon ein bisschen grölen, die enthusiastisch den Refrain wiederholen, während einer von uns beginnt, die chilenische Flagge zu hissen, dort vorne, wo jemand anders sie in seinen Armen hält. Das Sternchen aus weißem Stoff steigt und steigt in die Höhe hinauf, bis es den Himmel erreicht. Die Flagge kommt endlich oben am Mast an, flattert über unseren Köpfen, im Takt zu unseren Stimmen, und wir blicken zu ihr hoch aus der Sicherheit ihres dunklen Schattens heraus.
IV
Maldonado träumt von Briefen. Es sind alte Briefe in der Handschrift eines Mädchens im Alter von zehn Jahren. Briefe, die González und sie sich mit der Post schickten, als ob sie sich nicht jeden Tag im Klassenzimmer gesehen hätten, als ob sie so weit voneinander entfernt gewesen wären, wie sie es jetzt sind. Maldonado sagt, dass González’ Handschrift nicht schön sei, aber dass die Buchstaben mit Mühe gemalt seien, mit Disziplin. Sie scheint in den Briefen eine andere zu sein, nicht die Ruhige und Schüchterne aus der letzten Reihe. Maldonados Träume sind die Lektüre all dieser Briefe. Träume, die sich aus Wörtern speisen, sich durch Buchstaben und Sätze ausdrücken. Absender, die in Schönschrift mit blauer Tinte geschrieben wurden, und Adressen und Unterschriften und herzliche Grüße und freundliche Grüße und verabschiedet sich herzlich und ich erwarte Deine Antwort und hör nicht auf, mir zu schreiben, Freundinnen für immer, vergiss mich bitte nicht.
Fuenzalida sagt, ein jeder träume, wie er könne. Dass während sie Stimmen höre und andere nur Bilder sähen, Maldonado jedes Recht darauf habe, dass ihre Träume aus Worten bestünden. Jeder Baustein ist ein Verb, ein Artikel, ein Adjektiv, und so wächst der Bau heran, zieht Treppen hoch und verwandelt sich in einen hohen Tunnel, der mit dem Himmel und der Hölle kommunizieren kann. Maldonado träumt blaue Worte, die von der Hand eines Mädchens geschrieben wurden. Das Wort, das sich am häufigsten wiederholt, ist ihr Name. Er steht auf jedem Absender und unter jedem Brief. Neben ihm die Abbildung eines Sterns, mit Tinte gezeichnet, wie eine Art persönliches Markenzeichen, wie ein Zeichen, das von einer Flagge herabgefallen ist.
Hallo, liebe Freundin! Wie geht es Dir und Deiner Familie? Ich hoffe gut, ich war jedenfalls ein bisschen erkältet und hatte ein paar Probleme. Erinnerst Du Dich an den Brief, den Du mir geschickt hast? Ich habe Dir noch nicht darauf geantwortet, aber ich muss Dir darauf antworten, weil das sonst heißen würde, dass wir keine guten Freundinnen sind, und ich glaube schon, dass wir gute Freundinnen sind, auch wenn Du mir im Unterricht manchmal keine Beachtung schenkst. Dir kann man vertrauen. Du weißt nicht, wie viel ich Dir zu erzählen habe. Geheime Dinge, die nur Du wissen darfst, Dinge, die ich niemandem erzählen kann, Dinge, die ich nicht einmal gesagt oder geschrieben oder gedacht habe. Viele Dinge. Dinge, die nichts mit Zúñiga zu tun haben, damit, was mich an ihm stört, mir nicht gefällt. Es sind andere Dinge, wichtigere und geheime Dinge, von denen ich Dir erzählen muss. Aber dieses Blatt Papier ist so klein und ich habe eine so große, fette Schrift. Mein Papa sagt, dass ich ein bisschen kleiner schreiben und auf der Linie bleiben soll, aber es ist nicht so einfach, irgendetwas einfach kleiner zu machen und auf der Linie zu bleiben, die Linien sind schmal und kaum zu sehen. Wenn ich auf meinen Papa hören würde, könnte ich Dir jetzt mehr erzählen, aber es gelingt mir nicht, die Buchstaben kleiner zu machen und sie in die schmalen Zeilen zu pressen, also muss ich weniger Worte schreiben. Ich sollte wenigstens versuchen, auf meinen Papa zu hören. Das...




