E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Ferraro Ámbar
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-86532-902-8
Verlag: Pendragon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-86532-902-8
Verlag: Pendragon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nicolás Ferraro wurde 1986 in Buenos Aires, Argentinien, geboren und studierte Grafikdesign. Heute arbeitet er in der Abteilung für Kriminalliteratur der Nationalbibliothek. Er entdeckte das Noir-Genre für sich und schrieb daraufhin seinen Debütroman »Dogo«, der 2016 veröffentlicht wurde und Finalist beim Extremo Negro Award war. Mit »Ámbar« (2023) gewann er den renommierteren Premio Hammett. Seine Romane wurden ins Portugiesische, Englische, Italienische und Französische übersetzt.
Weitere Infos & Material
2
Ich dachte immer, das Schwierigste wäre, im Sturm Auto zu fahren. Das war es auch, bis ich nachts mit einer geborstenen und blutbespritzten Windschutzscheibe fahren musste.
Papá bestand darauf, dass ich fuhr. Er sagte, er müsse seine Wunde schonen, aber ich glaube, er machte es, damit ich nicht auf der Sauerei sitzen musste, die der Tote hinterlassen hatte. Bevor wir einstiegen, wischte er den Beifahrersitz mit einem Stück Zeitungspapier halbwegs sauber. Die festen Bestandteile – hauptsächlich Knochen und Hirnmasse – fegte er einfach raus, aber das Blut war hartnäckig, es klebte an der Windschutzscheibe und sammelte sich auf dem Boden und der Ablage.
Das größte Problem auf meiner Seite sind die Risse in der Scheibe. Es sieht aus, als wäre die Landstraße verpixelt. Ich versuche, durch das große Loch direkt vor mir zu spähen. Meine Rückenlehne ist komplett von Kugeln zerfetzt und ich frage mich, wo er gesessen hat, dass er nicht durchsiebt wurde. Vom Fahrtwind laufen mir Tränen über die Wangen. Manchmal knallt mir eine Mücke ins Gesicht und ich habe Angst, dass sie mir ins Auge gerät. Ich hätte gerne eine Brille. Wenn das hier vorbei ist, sage ich ihm, er soll mir eine kaufen.
»Wohin?«
»Es ist nicht mehr weit.«
Er rutscht auf seinem Sitz hin und her. Das Blut auf seinem Hemd bleibt am Ledersitz kleben und macht ein schmatzendes Geräusch. Er hält seine 38er zwischen den Knien wie eine alte Frau in der Kirche ihren Rosenkranz.
Ich warte auf eine Erklärung, will eine Erklärung. Ich wüsste gerne, wie es kommt, dass jemand als Lastwagenfahrer losfährt und mit dem Tod auf dem Beifahrersitz zurückkommt. Aber Papá ist ein Mann für Lösungen, nicht für Erklärungen, und das wird sich nicht ändern, nur weil ich es gern so hätte. Sein Blick ist hellwach, die Augen zusammengekniffen, als würde er auf etwas zielen oder es misstrauisch betrachten.
Ständig starrt er in den Rückspiegel oder in die Seitenspiegel, dabei kann man kaum etwas erkennen. Das Mondlicht hilft kaum, es erhellt die Landschaft und die Straße nur minimal. In dieser Gegend gibt es keine Tankstelle oder Autowerkstatt. Nichts dergleichen. Auch keine Restaurants, was laut ihm gut ist, weil dann auch keine Bullen in der Nähe sind. , sagt er.
Der Asphalt ist mit Schlaglöchern übersät, als hätte er Akne gehabt. Ich fühle mich schäbig, weil ich sofort an Yanina Gorostiza denken muss, meine Sitznachbarin in der Schule. haben die anderen sie genannt. und haben ihr den Namen verpasst. Yanina hat zwischen ihren Aknenarben riesige Pickel, die sie aus Angst vor noch mehr Narben nicht anrührt. Manchmal hatte ich Lust, sie auszudrücken. Oder Melina oder Hanna zusammenzuschlagen. Wäre ich ihre Freundin gewesen, hätte ich etwas unternommen.
Ich betrachte meine Haut im Rückspiegel. Zum Glück neige ich nicht zu Pickeln. Narben werde ich wohl trotzdem bekommen.
Meine Hände sind verkrampft, weil ich das Lenkrad so fest umklammere. Im VW gibt es keine Möglichkeit, Musik zu hören. Das Radio hat nie funktioniert und vor Kurzem ist Papás Kassette mit Barboza im Kassettendeck stecken geblieben. Im ersten Moment war ich froh, aber jetzt würde ich liebend gerne diese Akkordeonmelodie mitsummen, die ich in- und auswendig kenne, um zu vergessen, dass im Kofferraum ein Toter liegt, dass Papá verwundet ist und dass jemand hinter ihm her ist, um ihn zu töten.
Das einzig Gute ist, dass wir den VW loswerden.
Endlich.
Als wir hierhergezogen sind, an den Ort seiner Kindheit, haben mir drei Dinge bewiesen, dass wir dieses Mal wirklich bleiben würden, und das sogar als Ámbar und Víctor Mondragón:
Der VW 1500.
Meine Schulanmeldung.
Und dass ich meine Haare rosa färbte.
Der VW 1500 ist das einzige Auto, das er je im Leben gekauft hat. Es war seine Art zu sagen, dass wir von jetzt an nach den Regeln spielen würden. Ein asthmatischer Motor, eine militärgrüne Karosserie und pockennarbige Bezüge. Von allen Autos, die wir je hatten, ist es das Schlimmste. Und wir hatten so einige. Mit was uns Papás Brechstange eben versorgte. Manchmal lackierten wir sie um, tauschten die Nummernschilder aus und waren fertig mit der Sache. Der Lack blieb einem tagelang an den Fingern kleben und dann mussten wir immer sagen, dass wir uns Geld mit Malerarbeiten verdienten. , sagten die Leute, die immer ihre Nase in alles stecken.
Ansonsten kommen wir mit dem aus, mit was uns Méndez eben versorgte. Er ist für mich das, was ich vielleicht am ehesten als Onkel bezeichnen würde. Dann und wann schauten wir bei ihm vorbei, vor allem, wenn wir eine Zeit lang untertauchen mussten, weil etwas schiefgelaufen war. Soll heißen: weil Papá es – mal wieder – verbockt hatte und wir uns in seiner Garage verstecken mussten. Méndez ist um die fünfzig und lächelt ständig, es ist wie ein Tic und kommt vielleicht noch von seiner Zeit als Junkie. Es ist nicht übel, Zeit mit ihm zu verbringen. Im Gegensatz zu den anderen Männern, mit denen Papá sonst so zu tun hat, redet er gern und viel. Méndez spricht in einer Geschwindigkeit, als müsste sein Mund wettmachen, was sein Körper nicht mehr kann. Er zieht sein rechtes Bein nach, als würde er eine Eisenkette mit Kugel mit sich herumschleppen. Ich habe nie erfahren, was passiert ist und habe mich auch nie getraut, zu fragen. Manchmal fasste er sich an den Knöchel und sah Papá mit einer Mischung aus Bewunderung und Angst an und ich fragte mich, ob Papá ihn gerächt hatte oder ob er es gewesen war, der ihm den Knöchel zerschmettert hatte.
Geheimnis meines Vaters Nr. 231.
Das letzte Mal wohnten wir für ein paar Tage bei Méndez, bis das Blut getrocknet war, dann fuhren wir mit einem Wagen weg, den er einen »Klassiker« nannte. . In Wirklichkeit war das Ding eher reif für den Schrottplatz als fürs Museum. . Dieser alte Kerl hätte ums Verrecken keine vernünftige Mahlzeit zustande gebracht, aber mit einem Schraubenzieher und ein bisschen Öl konnte er eine Schrottkarre in einen Fluchtwagen verwandeln. Allerdings muss man dazu sagen, dass alle unsere Autos todlangweilig waren. Sie mussten grau, braun oder bordeauxfarben sein. Niemals rot oder blau. Bloß nichts Auffälliges. Einen 504, einen Ford Escort oder einen Senda. Keinen 206 oder Ford Fiesta. Schon gar nicht einen Alfa Romeo. Alles war zum Wegwerfen gedacht.
Unsere Kleider.
Unsere Identitäten.
Immer wenn wir in ein neues Dorf oder eine neue Stadt kamen, legten wir uns neue Namen zu. Wir wählten sie abwechselnd aus. So waren wir María und Miguel Navarro, Beatriz und Bautista Alcázar, Estefanía und Emilio Molina – das war in der Zeit, die wir unsere nannten. Dann kam die , in der wir die Villaverdes, die Clausens und die Outes waren. Ich suchte die Vornamen aus, nannte mich Aramí, Anyelén und Arely. Papá hieß gerne Raúl – wegen Barboza – und hasste es, José zu sein, besonders, wenn sie ihn Pepe nannten, Aber nichts ärgerte ihn so sehr wie Antonio, denn so hatte der Kerl geheißen, der ihm seine erste Freundin ausgespannt hatte. Das war meine Rache. Er hatte mein einziges Kleid benutzt, um eine Wunde abzubinden. Ich hatte nicht viele Chancen, es ihm heimzuzahlen, aber wenn sich eine bot, dann nutzte ich die auch.
In den meisten Motels, in denen wir unterkamen, zählte einzig und allein, ob das Geld echt war. Kaum jemand wollte unsere Ausweise sehen. Papá ließ mich die Anmeldungen ausfüllen, damit ich Druckschrift übte. Wir aßen immer auswärts oder ließen uns Essen aufs Zimmer kommen. Cola und Milanesas mit Pommes frites. Am liebsten mochte ich Hamburger, aber die hob er für die Gelegenheiten auf, wenn er mal wieder Mist gebaut hatte und sich irgendwie entschuldigen musste. Ich aß ziemlich oft Hamburger.
Das Gute an den Motels war, dass es dort Kabelfernsehen gab, im Gegensatz zu den abgelegenen Häusern, die uns als Unterschlupf dienten. Ich konnte alle Filme gucken, die ich wollte, solange ich den Ton nicht zu sehr aufdrehte und die abgeschlossene Tür mit dem Stuhl unter der Klinke im Blick behielt. Ich sah mir Horrorfilme an oder irgendwas mit Di Caprio oder Johnny Depp. Brad Pitt konnte ich noch nie leiden. Total eingebildet und ein mieser Schauspieler.
Als er mir die Sega kaufte, spielte ich wie verrückt...




