Fforde | Wie die Karnickel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

Fforde Wie die Karnickel

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910775-36-7
Verlag: SATYR Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 408 Seiten

ISBN: 978-3-910775-36-7
Verlag: SATYR Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In seinem »bisher ernüchterndsten und realistischsten Buch« (The Guardian) spielt der postmoderne Fantasy- und Bestseller-Autor Jasper Fforde alle Mechanismen von Rassismus und Xenophobie klug und unterhaltsam durch, und zwar in einer absurd-komischen Parallelwelt, die - abgesehen von vermenschlichten Kaninchen - der unseren doch erschreckend ähnelt. Das britische Dörfchen Much Hemlock, nah an der walisischen Grenze, war immer ein Hort des Friedens. Sauber. Traditionell. Die Menschen aufrecht und beflissen. Doch dann kommen sie. Mit ihrer seltsamen Religion, ihrer aggressiven veganen Agenda und viel zu vielen Kindern. Zwar geben sie sich ruhig und friedliebend, aber wer weiß, wie lange noch? »Sie« sind eine Familie vermenschlichter Kaninchen - das Ergebnis eines unerklärlichen Ereignisses vor rund einem halben Jahrhundert. Ihr Nachbar, der langjährige Dorfbewohner Peter Knox, muss sich entscheiden: Kann er Zaungast der Entwicklung bleiben und weiterhin eine ruhige Kugel bei der Rabbit Compliance Taskforce schieben oder soll er den neuen Nachbarn beistehen, denen, wie allen anderen 1,2 Millionen Kaninchen im Vereinigten Königreich, die Zwangsumsiedlung nach Wales droht?

Jasper Fforde (geboren 1961) hat zwanzig Jahre als Kameramann im Filmbusinsess gearbeitet, bevor er mit »Der Fall Jane Eyre« einen internationalen Bestseller landete. Sechs weitere Romane um die Buch-Agentin Thursday Next folgten (hierzulande bei dtv), daneben weitere Einzelromane und Roman-Zyklen. Die Jugendbuch-Serie »Die letzte Drachentöterin« wurde für Sky verfilmt. Ffordes Bücher wurden in Deutschland bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht. Zuletzt erschienen »Eiswelt« bei Heyne und »ROT« bei Eichborn. Jasper Fforde lebt und arbeitet in seiner Heimat Wales.
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Weitere Infos & Material


Speed Librarying
Toast und TwoLegsGood
Spotter und Spotting
Fudds und Flopsys
Ross und Rammler
Griswold und Getratsche

Pippa und Pasta
Einen Sonntag später, ein Haus weiter
Erfolglose Suche und Einkauf in der Stadt
Senior-Gruppenleiter
Abendessen und Löwenzahnbrand

Kaninchenfotos
Die Kaninchen-Revolte

Shoppen und Sally Lomax
Tratsch und Toast

Heilige und Hassende
Cops und Kätzchen
Das Abhördrama
Tobys zerrissenes T-Shirt

Doc und Drohungen

Morgenstimmung
MegaWarren

Verkehr und Vernehmung
Der Deal

Die Lockvogelfalle

Hüpfen mit Constance

Abgehörte Langohren

Abendessen und falsche Fährten
Das Ende der Herzlichkeit

Flambierter Fuchs und JVA Leominster

Der Prozess des Lance deBlackberry

Kaninchenkolonie eins

Endspiel

Die Schlacht von May Hill

Nachwehen
Danksagung


Toast und TwoLegsGood


______

RabCoT steht für die Rabbit Compliance Taskforce und hieß ursprünglich »Rabbit Crime Taskforce«, doch da das zu aggressiv klang, wurde der Name stillschweigend geändert, sehr zu Mr Smethwicks Missbilligung. Er hatte mit dem ursprünglichen Namen eine klare Botschaft senden wollen, dass Kaninchenkriminalität nicht toleriert werden würde.

»Mr Beeton ist also einfach umgekippt?«, fragte Pippa am Montagmorgen beim Frühstück. Sie war den gesamten gestrigen Tag und die Nacht unterwegs gewesen. Ich hatte sie nicht nach Hause kommen hören, aber das war nicht ungewöhnlich. Ich gehe gerne früh ins Bett, um zu lesen, und ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Außerdem konnte sie mittlerweile sehr gut auf sich selbst aufpassen. Manchmal ist es besser, nicht zu wissen, wann die eigene Tochter abends nach Hause kommt. Sie war zwanzig, aber auch in dem Alter ist Nichtwissen immer vorzuziehen.

»Jepp«, antwortete ich. »Wie ein Kegel. Wie du weißt, war er aber auch schon 88, insofern kam das nicht allzu überraschend.«

Ich schaute aus dem Küchenfenster auf Hemlock Towers, wo Mr Beeton bis Samstag lange Jahre gelebt hatte. Wir selbst wohnten in den ehemaligen Ställen des alten Anwesens, die im Gegensatz zum Towers jedoch mit den Jahren modernisiert worden waren und inzwischen deutlich mehr Komfort boten.

»Wer das Haus nun wohl übernehmen wird?«, fragte ich mich. Das beeindruckende Gebäude mit den Türmen war das Juwel von Much Hemlocks nicht unbeträchtlicher Sammlung von schönen Häusern. Einige davon stammten noch aus dem 14. Jahrhundert und manch einer behauptete, dass die Dellen in der Fassade von einem unkontrollierten Musketenbeschuss während des Bürgerkrieges stammten. Sollte dem so sein, war die Treffsicherheit der parlamentarischen Kräfte kaum besser als die der Sturmtruppen aus Star Wars, dachte ich.

»Jemand wie Mr Beeton, könnte ich mir vorstellen«, meinte Pippa. »Mit viel Geld und wenig Kälteempfinden.«

»Und mit einem ungesunden Misstrauen gegenüber modernen Sanitäranlagen«, fügte ich hinzu. »Dafür mit einer Vorliebe für Mäuse und aufsteigende Feuchtigkeit.«

Pippa lächelte und reichte mir eine Scheibe Toast mit Marmelade, bevor sie sich selbst noch einen Kaffee einschenkte.

»Ich war gestern Abend bei Toby«, erzählte sie.

»Ah.«

Meine Beziehung zu den Malletts war schon immer angespannt gewesen und hatte sich immens verkompliziert, seit sich Toby Mallett, der jüngste Sohn von Victor, regelmäßig mit Pippa traf. Trotz seiner etwas schwierigen Familie war Toby gut aussehend und zeigte im Großen und Ganzen gute Manieren; dennoch war ich mit ihm nie warm geworden. Politisch gab er sich leidlich liberal, wobei ich das Gefühl hatte, dass er das nur Pip zuliebe tat, denn ich wusste, dass seine Ansichten eher mit denen seines Vaters übereinstimmten. Als das Dorf eine Inszenierung von The Sound of Music auf die Beine gestellt hatte, war es Toby, der sich mit der größten Begeisterung freiwillig für die Rolle von Ralf gemeldet hatte. Er hatte allen erzählt, dass er unbedingt »Sixteen Going on Seventeen« im Duett mit Pippa als Liesl singen wollte, aber mich beschlich der Verdacht, dass er vielmehr die Chance nutzen wollte, sich ungestraft als Nazi verkleiden zu können.

Trotz meines Misstrauens hätte Pippa es schlimmer treffen können. Es hatte sie auch schon schlimmer getroffen. Doch ich hielt mich brav an Tochterregel Nummer sieben: keine unaufgeforderte Meinungsäußerung über den Freund. Lieber auf Nummer sicher gehen und abwarten.

»Hast du gehört, ob irgendwas über Mr Beetons Tod geredet wird?«, fragte ich.

»Niemand gibt dir die Schuld«, antwortete Pippa, wohl wissend, dass die Malletts sie gerne benutzten, um Informationen an mich heranzutragen. »Er hat den Blitz mindestens fünfzehn Mal mitgemacht und wusste, wie stressig und gefährlich diese Art der Bibliotheksarbeit sein kann.«

»Ich hoffe, alle anderen sehen das genauso.«

»Außer bei uns war Mr Beeton nicht allzu beliebt«, meinte Pippa. »Weißt du noch, wie er das Dorf in Aufruhr versetzt hat, als er öffentlich verkündete, die Armen seien doch ›gar nicht so schlecht‹?«

»Dafür habe ich ihn richtig gemocht«, sagte ich und musste ob der Erinnerung lachen.

»Ich auch. Aber in ein paar Wochen ist er vergessen. Das Dorf nimmt seinen Groll sehr ernst. Weißt du noch, wie die alte Granny Watkins ins Gras gebissen hat? Ich schwöre, die meisten Leute sind nur deshalb in die Kirche gegangen, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass sie tot war.«

Pippa setzte sich an den Küchentisch und trank einen Schluck Kaffee.

»Die Malletts haben sich mächtig darüber aufgeregt, dass wir die Kaninchen ihrer Ansicht nach zu wohlwollend behandeln«, fügte sie hinzu. »Und das auch noch in meiner Hörweite, insofern wollten sie, dass ich es mitbekomme und weitererzähle.«

»Ach ja?« Das wunderte mich wenig; irgendwie hatte ich so etwas sogar erwartet.

»Ja. Irgendwas von wegen, dass sie deine linken Ansichten durchaus tolerieren, aber solltest du mit deiner ›Ambivalenz‹ gegenüber unerwünschten Wesen ›Schwierigkeiten machen‹, könnte das Konsequenzen haben.«

Ich wandte mich vom Fenster ab und schaute nun sie an.

»Würdest du meine Ansichten als links bezeichnen, Pip?«

Ehrlich gesagt hätte ich mich bisher der politischen Mitte zugeordnet. Wobei ich eher apolitisch war. Ich hatte keine Zeit für so was.

»Verglichen mit dem Rest des Dorfes«, sagte sie lächelnd, »würde ich dich fast als Marxisten bezeichnen.«

Much Hemlock war schon immer eine Brutstätte für rechte Tendenzen gewesen, was einen starken historischen Hintergrund hatte: Das Dorf hatte die zweifelhafte Ehre, mehr Hexen verurteilt und verbrannt zu haben als jede andere englische Stadt in der Geschichte. 31 waren es insgesamt bis zu jener finsteren Nacht im Jahr 1568, als sie versehentlich eine echte Hexe erwischten und alle Beteiligten hässliche schwarze Pusteln bekamen und innerhalb von 48 Stunden einen ausgesprochen qualvollen Tod starben. Zephaniah Mallett hatte den Prozessen als Richter vorgesessen und leider vor seinem Tod Kinder gezeugt, sodass vier Jahrhunderte später Victor und Norman auf Erden wandelten. Diese führten die Familientraditionen gerne fort, auch wenn das Verbrennen von Hexen aktuell tabu war.

»Aber ich mache keine Schwierigkeiten, oder, Pip?«, fragte ich.

Sie schaute auf, lächelte und ich erkannte ihre Mutter in ihren Augen. Obwohl die nun schon seit zehn Jahren nicht mehr bei uns war, hatte ich mich immer noch nicht daran gewöhnt.

»Du machst keine Schwierigkeiten, Dad. Die Malletts machen Schwierigkeiten. Ich glaube, Victor meinte, dass du den Kaninchen gegenüber unnötig freundlich bist und dass diese Freundlichkeit als Einladung fehlinterpretiert werden könnte. Und du weißt ja, wie wichtig ihnen der Erhalt des kulturellen Herzens des Dorfes ist.«

»Der Erhalt des kulturellen Herzens des Dorfes« war die Leitlinie der Malletts, ihre Mission, Entschuldigung und Rechtfertigung für ihre streitbaren Ansichten in einem. Eigentlich wollten Victor und Norman mit ihrem Gerede über das »kulturelle Herz« nur ihren Wunsch rechtfertigen, unerwünschte Wesen auszuschließen – eine Definition, die so weit gefasst war, dass sie in mehrere Unterkategorien unterteilt wurde, und jede davon zog den Zorn der Malletts auf eine ganz eigene Weise auf sich. Und dabei ging es nicht nur um Ausländer und Kaninchen. Sie hassten alle »Schmarotzer« – und wieder war diese Bezeichnung sehr weit gefasst, sie schloss jedoch praktischerweise alle aus, die eine staatliche Frührente bezogen. »Schmarotzer« waren hingegen alle Gruppen, die ihnen zutiefst suspekt waren, zum Beispiel alle, die einen VW Passat fuhren, »das Auto der selbstgefälligen Linken«. Ebenso zu den Schmarotzern gehörten Vegetarier, Sandalenträger, Männer mit »übermäßig eitler« Gesichtsbehaarung – und Frauen, die Latzhosen trugen, laut sprachen und die unverschämte Frechheit besaßen zu glauben, ihre Meinung sei irgendwie relevant oder, noch schlimmer, korrekt.

»Ich glaube, ich habe Connie das Buch nur ausleihen lassen, um die Malletts zu ärgern«, sagte ich.

»Und dafür verdienst du meinen vollen Respekt.« Pip hielt einen Moment inne und sagte dann: »Woher weißt du ihren Namen?«

»Der, äh, stand auf ihrem Büchereiausweis.«

Die Lüge ging mir recht überzeugend über die Lippen, wobei ich selbst nicht verstand, warum ich unsere Freundschaft so automatisch verleugnete.

»Vermutlich die Kurzfassung von Constance. Die haben oft viktorianische Namen. Das hat alles mit diesem Beatrix-Potter-Chic-Ding3 zu tun.«

Pippa nickte. Plötzlich hupte ein Auto zweimal vor der Tür. Sally Lomax war schon seit der Krabbelgruppe Pippas beste Freundin und sie standen sich näher als Schwestern. Sally ging ebenfalls zur Krankenpflegeschule und nahm Pippa mit, wobei sie Kinderpflege lernte, nicht Pflegemanagement. Pippa trank ihren Kaffee aus und sammelte ihre Sachen zusammen.

»Ich habe bei den Malletts ein gutes Wort für dich eingelegt«, sagte sie und drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Ich habe ihnen gesagt, dass deine anstößige Toleranz lediglich der Einhaltung geltender Bibliotheksregeln geschuldet war, du ansonsten aber genauso wenig ein Freund der Kaninchen bist wie sie selbst.«

»Danke«, sagte...


Jasper Fforde (geboren 1961) hat zwanzig Jahre als Kameramann im Filmbusinsess gearbeitet, bevor er mit »Der Fall Jane Eyre« einen internationalen Bestseller landete. Sechs weitere Romane um die Buch-Agentin Thursday Next folgten (hierzulande bei dtv), daneben weitere Einzelromane und Roman-Zyklen. Die Jugendbuch-Serie »Die letzte Drachentöterin« wurde für Sky verfilmt.

Ffordes Bücher wurden in Deutschland bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht. Zuletzt erschienen »Eiswelt« bei Heyne und »ROT« bei Eichborn.
Jasper Fforde lebt und arbeitet in seiner Heimat Wales.



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