E-Book, Deutsch, Band 4, 200 Seiten
Reihe: Offenbach-Krimi
Fiedler Haftbefehl
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-948987-55-8
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Offenbach-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 4, 200 Seiten
Reihe: Offenbach-Krimi
ISBN: 978-3-948987-55-8
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thorsten Fiedler erblickte 1962 in Offenbach am Main das Licht der Welt. Nach den normalen schulischen Stationen mit dem Abschluss Abitur und einer Ausbildung zum Bankkaufmann folgten spannende Semester im Bereich Psychologie und Werbung. Nach mehreren Jahren in der Automobilbranche kam das Engagement in einem mittelständischen Unternehmen, vom Einstieg als Abteilungsleiter bis zum aktuellen Status als Vorstand. Er ist glücklich verheiratet und hat zwei tolle Kinder. Weitere Veröffentlichungen: die Realsatiren 'Der Nomade im Speck', 'Der Sattel im Speckmantel' und 'Scheissendreck Happens'. Die Offenbacher Krimi-Reihe 'Schlusspfiff', 'Nachspielzeit' und 'Abseits'.
Autoren/Hrsg.
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Fast wie im Song „Wo ich herkomm“
Bewaffnete stürmten in die Turnhalle der Schule. Ein Tumult brach aus. Schüsse fielen. Ein Schüler stürzte sich auf den neben ihm stehenden Mann. Mit einem Krachen landete der Gewehrschaft am Kopf des Jungen, der blutüberströmt zusammenbrach. Bevor er das Bewusstsein verlor, fühlte er sich in den Song „Wo ich herkomm“ versetzt, in dem Haftbefehl von Offenbach als 3. Welt sang, in der es kaum mal ein glückliches Ende gab. Alles hier erinnerte ihn daran.
Es herrschte panisches Durcheinander, bis der Anführer der Angreifer mit einer weiteren Salve aus seiner Maschinenpistole die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Plötzlich breitete sich eine beängstigende Stille im Raum aus. Die Schülerinnen und Schüler waren nie zuvor mit einer vergleichbaren Situation konfrontiert worden. Starr vor Angst verharrten sie bewegungslos. Die meisten hörten die folgenden Worte wie durch einen Schleier, da immer noch das Stakkato der Schüsse in ihren Ohren klang. „Wir werden euch alle als Geiseln nehmen. Falls jemand Dummheiten macht, wird er ohne Vorwarnung erschossen.“ Der Mann sprach ein fast akzentfreies Deutsch und seine Stimme ließ erahnen, dass jedes Wort todernst gemeint war. „Und jetzt setzt sich ein Teil von euch dicht an die Eingangstür und der Rest stellt sich vor die Fenster.“
Inzwischen war nicht nur Hessberger mit seinem Team, sondern auch eine komplette Einheit des SEK auf dem Schulhof eingetroffen. Die Szenerie wirkte gespenstisch. Obgleich sich eine Menge Polizisten auf dem Gelände verteilten, war es erschreckend still. Auf den Dächern und Pavillons hatten sich Scharfschützen postiert und warteten auf ihren Einsatz. Die alte Turnhalle, die zu Adis Zeiten noch Aula hieß, verfügte über zwei Eingangstüren, die jeweils zur Hälfte verglast waren. Zusätzlich gab es sechs große und vier kleine Fenster. Im Hof vor den Eingängen standen ein Gerüst und mehrere Bänke.
Adi grüßte Helmut Koch, Leiter des SEK, der sofort die Situation zusammenfasste. „Wir haben es wahrscheinlich mit fünf bis sechs Geiselnehmern zu tun. Sie haben eine große Anzahl Schüler, einige Lehrer, einen OFC-Spieler und eine weitere, nicht bekannte Person in ihre Gewalt gebracht. Alle Geiseln wurden so postiert, dass wir kein freies Schussfeld haben und ein Stürmen der Halle nicht möglich ist. In den nächsten Minuten erhalten wir die Pläne der Schule, mit allen Ausgängen und Kellerräumen.“
„Wer ist der Fußballer?“
„Vetter oder so ähnlich.“
„Scheiße!“
Hessberger war durch die Ereignisse schon mehr als geschockt. Und jetzt befand sich auch noch sein Lieblingskicker Maik Vetter unter den Geiseln. Nachdem er seine Fassung wiedererlangt hatte, wandte er sich an den SEK-Leiter. „Danke für die Zusammenfassung. Bei den Verbrechern handelt es sich um eine Gruppe brutaler Drogendealer, die vor nichts zurückschrecken. Einer der Männer wurde von mir während einer Übergabe angeschossen und liegt schwer verletzt im SANA Klinikum. Die Ermittlungen haben ergeben, dass er das Oberhaupt der Gruppe war. Was schlagen Sie vor, wie wir weiter vorgehen?“
Koch zuckte mit den Schultern. „Wir müssen versuchen, Kontakt aufzunehmen. Wahrscheinlich wollen sie ihren Boss freipressen. Was ist mit den Drogen und dem Geld bei der Übergabe passiert? Habt ihr beides sichergestellt?“ Hessberger nickte.
Die 14-jährige Sandra hatte den Tumult genutzt, um zu entwischen. Trotz ihrer großen Angst bewegten sich ihre Beine fast automatisch, als sie gebückt in Richtung Umkleideräume lief. Einer der Bewaffneten sah, dass das Mädchen sich aus dem Staub machen wollte, und jagte sofort hinter ihr her. Sandra hörte den Verfolger schreien: „Bleib sofort stehen!“
Ihre Furcht trieb sie weiter die Treppe hinauf und sie rannte den Gang entlang. Trotz ihrer Panik nahm sie den an vielen Stellen geflickten Boden wahr. Aus den Augenwinkeln sah sie das Schild A.1.14 und huschte in das offene Klassenzimmer. In dem Raum gab es mehrere Schränke. Sie presste sich in den letzten hinein, schloss die Augen und hielt die Luft an, als könne jeder Atemzug sie verraten.
Die unheimliche Stille wurde durch sich nähernde Schritte durchbrochen. Kalter Schweiß lief ihr den Rücken hinunter und sie glaubte, ersticken zu müssen. Sie wagte nicht, sich auszumalen, was diese Leute wohl mit ihr tun würden. Noch konnte sie nicht genau hören, ob sich schon jemand im Raum befand. Sie versuchte, so leise wie möglich zu atmen, aber es dröhnte wie Lärm in ihren Ohren. Sie machte sich so klein, wie sie konnte, auch wenn das natürlich unsinnig war. Sobald jemand die Schranktür öffnete, würde sie entdeckt werden.
Plötzlich nahm sie ein Geräusch wahr. Ihr Verfolger hatte den Raum betreten. Jetzt war es nur noch eine Frage von Sekunden, bis er sie finden würde. Doch auf einmal erschütterten Pistolenschüsse das Klassenzimmer.
Das Letzte, an das sie dachte, war ihr Lieblingslied „Wo ich herkomm“. Haftbefehl sang darin von Ärzten, von toten Körpern und Leichenwagen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Mittlerweile bewachten zwei der Geiselnehmer die komplette Halle von der hochgelegenen Balustrade aus. Von oben sahen sie in viele erschrockene Gesichter bei Schülern und Lehrern.
Elena Wilde war eine junge und sehr motivierte Lehrkraft. Sie stand trotz ihrer Furcht auf und ging direkt auf einen der Geiselnehmer zu. „Was passiert mit dem Mädchen? Sandra ist vor lauter Angst weggelaufen, ihr könnt doch nicht auf sie schießen! Ihr benehmt euch schlimmer als Tiere!“
Eine Faust traf hart ihr Gesicht, sofort lief ihr Blut aus der Nase. Sie stolperte und wäre zu Boden gefallen, wenn Haftbefehl sie nicht aufgefangen hätte.
„Seien Sie still! Diese Kerle kennen kein Erbarmen, beim nächsten Mal geht es nicht so gut aus“, raunte er.
„Gut? Der Kerl hat mir fast die Nase gebrochen.“
„Mag sein, aber immerhin leben Sie noch. Lehnen Sie sich an die Wand und benutzen Sie das hier!“ Er hielt ihr ein Taschentuch hin.
Das SEK und das Team Hessberger hörten die Schüsse und Adi musste den Einsatzleiter zurückhalten, der die Turnhalle stürmen lassen wollte. „Das gibt ein Blutbad. Wir können auf keinen Fall das Leben der Geiseln riskieren. Vielleicht waren es nur ein paar Warnschüsse, um die Schüler zu beeindrucken. Wir gehen erst rein, wenn die Chance besteht, die Geiselnehmer außer Gefecht zu setzen.“ In diesem Moment hörten sie weitere Schüsse und einen gellenden Schrei.
Sandra hatte kurz das Bewusstsein verloren, aber als der Typ die Tür des Schranks aufriss, tat ihr die Helligkeit in ihren Augen weh. Die Schüsse direkt neben dem Schrank sollten ihr wahrscheinlich Angst einjagen, das hatte funktioniert. Sie fühlte die Nässe ihrer Jeans und die feuchten Flecken unter ihren Armen, aber sie lebte. Ihre Kopfhaut brannte wie Feuer, als er sie an den Haaren packte und aus dem Schrank zerrte. Sie versuchte, ihre Haare zu greifen, und unterdrückte ihre Schreie. Nur noch ein leises Wimmern war zu hören, als er sie durch den Gang und die Treppe hinunter schleifte und zurück in die Turnhalle stieß.
Obgleich Elena noch immer stark aus der Nase blutete, lief sie zu dem Mädchen, legte den Arm um sie und schob sie sanft zur Seite. „Es wird alles gut“, flüsterte sie ihr ins Ohr und streichelte ihr dabei die Wange. Sandra kuschelte sich eng an die Lehrerin und fing heftig an zu weinen.
In der Aula herrschte angstvolle Stille, nur ab und zu wurde das Schweigen durch leise Flüstergeräusche unterbrochen.
„Hier spricht die Einsatzleitung“, meldete sich das SEK per Megafon bei den Geiselnehmern. „Wir möchten mit Ihnen über die Freilassung der Geiseln verhandeln. Außerdem brauchen die Kinder Wasser, etwas zu essen und Decken. Wir legen Ihnen ein Handy vor den Eingang, damit wir miteinander sprechen können.“
Einer der Polizisten legte seine Waffen ab und ging auf den Eingang zu. Das Handy hielt er in die Luft, als böte es die Gewähr, dass kein Schuss fiel. Vorsichtig legte er es ab und bewegte sich wieder zurück in Deckung. Einige Sekunden später öffnete sich die Tür und ein Mädchen hob es vom Boden auf.
Koch wartete einige Minuten, bis er die Nummer wählte.
„Ja“, meldete sich eine harte, unfreundliche Stimme.
„Mein Name ist Helmut Koch, ich bin der Leiter des SEK. Ich möchte nicht, dass jemandem etwas geschieht. Können Sie uns sagen, ob es den Menschen in der Aula gut...




