E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Fiks Raketenkraft und Roboterträume
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-4710-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beiträge zur Geschichte und Gegenwart der Science-Fiction
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7583-4710-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
ist ein Kind des Raumfahrzeitalters. Er war drei Monate alt, als »Sputnik I« seinen ersten Pieps aus dem Weltall auf die Erde funkte. Daran kann er sich ebenso wenig erinnern wie an Juri Gagarin, den ersten Raumfahrer. Umso besser hat er Neil Armstrongs ersten Schritt auf dem Mond im Gedächtnis. Die Faszination für die Raumfahrt brachte ihn zur Science-Fiction. Erst durchstöberte er die Gemeindebücherei nach Weltraumabenteuern, später verjubelte er sein schmales Taschengeld für »Perry Rhodan« und »Terra Astra«. 2018 wurde seine Kurzgeschichte »Das letzte Mammut« für den Deutschen Science-Fiction-Preis nominiert. Norbert Fiks lebt in Ostfriesland und ist im SF-Fandom aktiv.
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Ein Star am Pulphimmel
Der gebürtige Westpreuße Hans Waldemar Wessolowski gehörte in den frühen 1930er Jahren zur ersten Garde und zu den beliebtesten Künstlern der Science-Fiction-Pulpmagazine in den USA. Von Januar 1930 bis März 1933 war er erster Chefillustrator der ASTOUN-DING STORIES OF SUPER-SCIENCE und malte in dieser Zeit alle Titelbilder für das Magazin, das unter dem Titel ANALOG bis heute besteht. In Deutschland ist er weitgehend unbekannt.
Über Wessolowski, vor allem über seine frühen Jahre, gibt es in der Literatur und im Internet verstreut biografische Daten, die zum Teil widersprüchlich sind und für die es oft keine eindeutigen oder überprüfbaren Quellen gibt. Selbst für sein Geburts- und sein Todesjahr sind unterschiedliche Daten überliefert. Ein Teil der Angaben geht auf ihn selbst zurück. Verlässlicher sind dagegen Daten aus offiziellen und offiziösen Quellen wie den alle zehn Jahre durchgeführten US-Volkszählungen und Adressbüchern.
Johannes Waldemar Wesolowski [sic!] wurde am 19. August 1894 als Sohn des Stellmachers Simon Wesolowski und dessen Frau Bertha in Graudenz in Westpreußen, 100 Kilometer südlich von Danzig, geboren. 1920 kam die Stadt an der Weichsel aufgrund des Versailler Vertrags zu Polen und wurde in Grudziadz umbenannt. Deshalb wurde Wessolowski gelegentlich als Pole bezeichnet, er selbst gab als Herkunftsland immer »Germany« an. Er soll einen Bruder und zwei Schwestern gehabt haben. Bei einem Unfall als Kind verlor er das linke Auge, weshalb er ein Glasauge hatte, was in seinen Registrierungsunterlagen für den Militärdienst von 1917 vermerkt ist. Das Formular hielt zudem fest, dass Wessolowski groß war, blaue Augen und braunes Haar hatte.
Ab 1910 studierte Wessolowski angeblich an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin. Gemeint sein wird die Hochschule für die bildenden Künste in Berlin, die seit 1875 Maler und Bildhauer ausbildete und eine Abteilung der Akademie war. Wessolowski war da erst 16 oder 17 Jahre alt. Einen Teil seines Studiums soll er durch den Verkauf von Zeichnungen an die legendäre Satirezeitschrift SIMPLI-CISSIMUS finanziert haben. Es gibt darauf im SIMPLICISSIMUS-Archiv, das alle Schreiber und Zeichner aufführt, allerdings keinen Hinweis. Es erscheint auch reichlich unwahrscheinlich, dass dieses gesellschaftskritische, antiwilhelminisch eingestellte, in München erscheinende Blatt, für das einige der bedeutendsten Karikaturisten und Zeichner der Zeit tätig waren, Zeichnungen eines völlig unbekannten und unerfahrenen Kunststudenten von einer erzkonservativen Kunstschule in Berlin annehmen würde. Eher kommen die illustrierten Berliner Satirezeitschriften ULK, FLIEGENDE BLÄTTER oder KLADDERADATSCH infrage; dort hätte Wessolowski persönlich vorsprechen können. In einem Interview, das Julius Schwartz und Mort Weisinger Anfang 1933 für das Fanzine SCIENCE FICTION DIGEST mit Wessolowski führten, heißt es, dass er für das Studium ein Stipendium bekommen hatte und seine Ausgaben durch »cartoon work« deckte.
Bevor er in die USA einwanderte, fuhr Wessolowski nach eigenen Angaben zwei Jahre lang zur See, wobei er zweimal die Erde umrundet haben will. Ausweislich seiner Einbürgerungsunterlagen von 1944 kam er am 6. Mai 1914 – vermutlich als Besatzungsmitglied – mit der Fürst Bismarck in New Orleans an. Als letzten Wohnsitz in Deutschland gab er Hamburg an.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Anekdote, die Gail Thompson, eine Großnichte seiner späteren Frau Minnie, 2002 zum Besten gab. Danach kam Hans Wessolowski erst einen Monat später, im Juni 1914, in die USA. Er war angeblich in New Orleans vom Schiff ins Wasser gesprungen und an Land geschwommen. Tatsächlich hatte die Fürst Bismarck, ein Passagierschiff der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag), am 7. Juni 1914 New Orleans ohne Passagiere außerplanmäßig angelaufen und drei Tage lang Ladung aufgenommen. Damals war gemutmaßt worden, dass das Schiff Waffen und Munition für das Huertas-Regime in Mexiko transportierte und das Deutsche Reich damit ein Embargo durch die USA umging.
Wessolowski ging nach Missouri. Als Beruf gab er dort bereits 1916 »artist« an. 1917, als die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, wurde er in Kansas City für den Militärdienst registriert, aber nicht eingezogen. Am 18. Mai 1918 heiratete er die gut vier Jahre ältere Minnie Isabella Ross, die aus der Ortschaft Milo 150 Kilometer südlich von Kansas City stammte. Noch 1925 war das Paar in Kansas City gemeldet. Vor der Volkszählung 1930 zogen die Wessolowskis nach New York um. Zwischen 1935 und 1940 verließ das Paar die Stadt wieder und ließ sich in Fairport, Connecticut, nieder. Nur wenige Monate vor seinem Tod kaufte Hans Wessolowski ein Anwesen im benachbarten Westport, in dem seine Witwe bis 1950 wohnte.
In Kansas City war Wessolowski als »commercial artist«, als Werbegrafiker, gemeldet und für die Union Bank Note Company, die Burger-Braid Engraving Company und die
Mit der Ausgabe vom Oktober 1928 der AIR ADVENTURES (links) beginnt Wessolowskis Karriere als Pulp-Illustrator. Rechts sein erstes SF-Titelbild, für AMAZING STORIES vom September 1929.
Ferry Hanly Advertising Company tätig. Im Dezember 1927 trat er erstmals als freischaffender Zeichner in Erscheinung und illustrierte The Apple-Tree Saga von Manuel Komroff für MCCLURE’S MAGAZINE. Das 1893 gegründete Monatsmagazin aus New York gilt als Erfinder des Sensationsjournalismus. Vermutlich lebte Wessolowski da schon in New York. Es folgten Aufträge für CLUES DETECTIVE STORIES, AIR ADVENTURES, THE DANGER TRAIL, THREE STAR MAGAZINE und WIDE WORLD ADVENTURES und andere Pulp-Magazine, wie die auf billigem Papier gedruckten Hefte genannt wurden. Seine ersten Pulp-Titelbilder malte Wessolowski 1928 für die Oktober-Ausgaben von AIR ADVENTURES und DANGER TRAIL aus dem Verlag von William Clayton. Zu sehen sind auf beiden Titelbildern Männer mit einer Waffe in der ausgestreckten rechten Hand – ein Motiv, das Wessolowski so ähnlich immer wieder verwendet hat.
Dann wandte Wessolowski sich der Science-Fiction zu. 1926 hatte der Luxemburger Hugo Gernsback AMAZING STO-RIES, das erste Science-Fiction-Magazin, auf den Markt gebracht. Als dessen Titelbildkünstler und Innenillustrator setzte der gebürtige Österreicher Frank R. Paul Maßstäbe, die für Jahrzehnte das Erscheinungsbild der SF-Pulps bestimmten. Paul hatte praktisch keine Vorbilder, die farbigen Titelbilder waren einmalig. Die wesentlichen Stilelemente waren (wissenschaftlich-phantastischer) Realismus, einfacher Bildaufbau sowie starke Farbkontraste und typische Bildelemente wie Raumschiffe, Roboter, Laboratorien, Planeten und glubschäugige Monster. Das machte die Pulps an den Zeitungskiosken unverkennbar.
Paul blieb Gernsback treu, als dieser 1929 pleite ging, Amazing abgeben musste und mit SCIENCE WONDER STORIES ein neues Magazin auf den Markt brachte. Das machte den Weg bei AMAZING frei für andere Künstler wie Wessolowski. Das erste SF-Cover von Wessolowski und zwei Illustrationen zur Story The Red Peril von S. P. Meek erschienen in der Ausgabe vom September 1929. Sieben weitere Titelbilder und zahlreiche Innenillustrationen für AMAZING STORIES und den Ableger AMAZING STORIES QUARTERLY folgten bis August 1930.
In dieser Zeit muss Harry Bates, der erste Herausgeber von ASTOUNDING, auf Wessolowski aufmerksam geworden sein. Die Premierenausgabe dieses neuen SF-Magazins aus dem Clayton-Verlag mit einem Titelbild von Wesso, wie er seine Werke signierte, erschien im Januar 1930. Dargestellt ist ein Motiv aus The Beetle Horde von Victor Rousseau, einem fleißigen englischen Pulp-Autor, der sich in den USA niedergelassen hatte. Das Bild, »painted in water-color«, zeigt im Vordergrund einen Mann in einer Fliegermontur, der von einem riesigen Käfer angegriffen wird. Links hinter ihm steht eine nur mit einem Negligé (aus Fell?) bekleidete blonde Frau, etwas abseits ist eine weitere Kampfszene dargestellt. Im Hintergrund ist ein in einer Dünenlandschaft abgestürztes Flugzeug zu erkennen. Hier hat ein stereotypisches, immer wieder aufs Neue variierte Pulp-Motiv Premiere: Starke Männer schützen hilflose und vor allem leicht bekleidete Frauen vor Ungeheuern, Aliens oder Robotern (selbst wenn die Szene so in der Story gar nicht vorkommt).
Wesso war außerdem für die Titelbilder der kurzlebigen STRANGE TALES OF MYSTERY AND TERROR zuständig. Dieses Fantasy- und Horrormagazin wurde ebenfalls von Bates herausgegeben.
Der Künstler hat offenbar gut verdient, denn er konnte sich in New York ein Penthouse »way up in the sky« mit Blick auf den Riverside Drive, damals wie heute eine der begehrtesten Adressen in der Stadt, leisten. Dank der Volkszählungsunterlagen von 1930 ist bekannt, dass die Monatsmiete für seine Wohnung in einem neunstöckigen Haus in der 55th Street West in Manhattan 135 Dollar betrug (ob es sich dabei um das Penthouse handelt, ist unklar). Für die Titelbilder zahlten die Pulp-Verlage ab 50 Dollar aufwärts, Top-Künstler bekamen 200 Dollar und mehr. Für...




