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E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Filler Leckerbissen

20 rabenschwarze Häppchen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86357-096-5
Verlag: fe-medienvlg
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

20 rabenschwarze Häppchen

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-86357-096-5
Verlag: fe-medienvlg
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zwanzig rabenschwarze Häppchen, bei denen das Lachen im Halse steckenbleibt. Stories zum Kichern, Stories zum Gruseln, Stories vom Feinsten, die im Reigen von Sterneköchen und Spritzgebäck, Zigeunern und Pädagogen, Eheberatern und Schwäbischen Austern, Zeitreisen und Neurotikern die komische Absurdität des Lebens auf die Spitze treiben. Eine makaber-amüsante Mischung ausgewählter Leckerbissen, garniert mit überraschenden Pointen.
Ulrich Filler, Jahrgang 1971, hat als Baumwollpflücker, Versicherungsagent, Skilehrer, Walfänger und Bergführer noch nie gearbeitet. Er lebt auch nicht zusammen mit seiner Frau, vier Kindern, zwei Katzen und dem Hund Max in einem liebevoll renovierten alten Bauernhof im Bergischen. Er mag keine Kleintiere und kümmert sich nicht um seine Zimmerpflanzen. Filler arbeitet im Rheinischen Braunkohlerevier, hat Beerdigungen lieber als Hochzeiten und versucht seit Jahren vergeblich, als Bauchredner zu reüssieren. Dies ist seine erste Sammlung sehr kurzer Kurzgeschichten. Guten Appetit!

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Erik Blutaxt


Erik Blodøks trug voller Stolz seinen Ehrennamen, der „Blutaxt“ bedeutet. Siehe: Nachdem er seinem Vater Harald auf den Thron folgte, erschlug er 17 seiner Halbbrüder mit der Axt, denn sie waren minderen Blutes – nur er selbst stammte, über seine Mutter nämlich, von Gorm, dem Alten, ab. Und nur er sollte herrschen. Doch siehe: Großmütigen Sinnes verschonte er den achtzehnten Bruder, zu seinem Schaden. Jener nämlich floh nach Engelland und kehrte später mit verräterischem Herzen und voller Heimtücke wieder, ihn zu vertreiben. Und Erik zog aus, ein neues Reich zu erobern. Und siehe: Der Meeresgott war mit ihm und seine Schiffe richteten ihre Drachenköpfe gen Engelland. Und Erik eroberte sich ein neues Reich, in dem er herrschte, bis er kämpfend fiel. Und siehe: Die Walküren geleiteten ihn in Odins Halle, wo er sich zu den ruhmreichen Kriegern und seinen heldischen Vorvätern gesellte und seine Taten besungen werden.

(aus dem Runen-Buch der Hallmdjöll-Saga 13, I, 4)

Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;

Doch der den Augenblick ergreift,

Das ist der rechte Mann.

(Goethe, Faust I, 2016 ff.)

„Was hast du jetzt vor? Wie sehen deine Pläne aus?“ Onkel Antonius konnte nicht aufhören, mich zu nerven. Ich schloß meine Augen und wußte genau, wie die Tirade weitergehen würde: „Mein Junge, du mußt doch etwas machen aus deinem Leben. Ein Ziel vor Augen haben. Meine Güte, ich darf gar nicht daran denken: Die Welt steht dir offen, freie Bahn dem Tüchtigen, du kannst alles, was du willst: reisen, studieren, ferne Länder sehen, neue Menschen kennenlernen, Erfahrungen sammeln. Und was tust du, was tust du den lieben, langen Tag?“ An dieser Stelle pflegte er seine Stirn in sorgenvolle Falten zu legen. „Nichts tust du, gar nichts. Du sitzt nur vor dieser Kiste und starrst auf die Mattscheibe!“ Mit der „Kiste“ meinte er meinen Computer. Daß er mit seinen siebzig Jährchen davon nichts mehr kapiert, kann ich ja verstehen. Und daß es in seiner bürgerlichen Welt keinen Platz gibt für achtzehnjährige Schulabbrecher, die erst mal so ein, zwei Jahre ein bißchen chillen und abhängen wollen, bevor sie sich in die Knochenmühle irgendeines beschissenen Jobs zwängen lassen, ist mir eh klar. Was mich aber aufregt, ist sein moralinsaures Gehabe. Da thront er, ganz Familienpatriarch, mit seinem weißen Bart und seiner stinkenden Pfeife vor der riesigen Bücherwand in einem prächtigen Lehnsessel und macht einen auf betrübt, weil sein einziger Neffe in seinen Augen nicht nur ein schulischer Versager ist, sondern sich außerdem auch völlig desinteressiert zeigt an dem, was seiner Meinung nach das Leben schön und wertvoll macht: Literatur, Kunst, klassische Musik. Das ganze Zeug kann mir gestohlen bleiben, genauso wie der Alte und seine Sprüche: „Ein jeder lernt nur, was er lernen kann; doch der den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann“, pflegt er bedeutungsschwer zu sagen, oder: „Bedenke wohl, mein Lieber: Ehre ist der Tugend Lohn!“ Ich lümmel mich dann nur in meinem Sessel, stelle die Ohren auf Durchzug und warte das Ende der Predigt ab. Ich könnte auch aufstehen und gehen und eigentlich wäre dies das einzig Vernünftige, aber leider ist es so, daß Onkel Antonius in unserer Familie das Geld hat, und nicht mal schlecht, und da muß der einzige Neffe also die beiden Stockwerke zu der geräumigen Mansardenwohnung hinaufstiefeln und seine Anstandsbesuche machen, damit wir „am Ende nicht mit leeren Händen dastehen“, wie meine Mutter immer sagt.

„Mein Junge, mein Junge, ich verstehe dich nicht!“ Mit diesen Worten endete seine heutige Predigt. Onkel Antonius verstummte und sog an seiner Pfeife, daß es zischte und gurgelte und seine hagere Gestalt in dichten Dampfwolken verschwand.

Stunden später – ich hatte den Anstandsbesuch wieder einmal hinter mich gebracht – saß ich endlich vor dem Rechner, um den Spielstand zu checken: Alles soweit normal, keine unangenehmen Überraschungen. Gerade bei diesem Game durfte man sich nie zu sicher sein. Früher bin ich ständig auf die Nase gefallen und gestorben – ich spielte jetzt schon meinen fünften Charakter –, aber langsam hatte ich den Dreh raus. Und jetzt lief es gerade ziemlich gut. Mit Børe Urkasson, meinem nächsten Nachbarn, hatte ich mich verbündet und den Stinkstiefel Furka „den Schmächtigen“ hatte ich vor zwei Tagen bei einem kleinen Überfall gemetzelt, ha!

VIKING ist echt das geilste Onlinegame aller Zeiten, allerdings bestimmt auch das schwierigste! Das fängt schon bei der Anmeldung an, da wird nicht jeder genommen, da haben nur echte Daddler eine Chance. Natürlich braucht man auch etwas Zeit: VIKING spielt man nicht mal eben zwischendurch, VIKING wird immer gespielt, Tag und Nacht, es ist wie ein zweites Leben, das parallel läuft! Selbst wenn du nicht online bist, geht es weiter. Dein Charakter wird gespielt, du kannst einige Parameter eingeben, die festlegen, wie du auf bestimmte Situationen reagieren willst, und mußt das Beste hoffen. Es ist eigentlich wie im richtigen Leben, und man kann sich echt gut in die Zeit der Wikinger versetzen. Die ganze Welt steht dir offen: Wenn du erst mal schön langsam eine gute Basis aufgebaut hast – ich hatte bereits drei große Höfe, seit vorgestern keine Feinde mehr in der Nähe und zwei ausgerüstete und vollbemannte Langschiffe, die zum Auslaufen bereit waren –, kannst du machen, was du willst: Du kannst Land gewinnen und bestellen und ein reicher Bauer sein oder versuchen, König zu werden. Doch am geilsten ist es, die Segel zu setzen und in eine neue Welt aufzubrechen, die nur darauf wartet, erobert zu werden!

Während ich routiniert meine Erzgruben und Silberminen checkte, dachte ich über Onkel Antonius nach. Eigentlich hat er Unrecht, fand ich. Ich habe sehr wohl Energie, Ehrgeiz und eine starke Willenskraft, nur richten sie sich bei mir nicht auf ein Abiturzeugnis oder auf das, was er einen „anständigen Beruf“ nennen würde. Meine Ziele sehen anders aus: England erobern! Die Normandie plündern! Mit einem wohlbewaffneten Schiff bis nach Spanien vordringen! Das sind meine Ziele, und es gibt auf der ganzen Welt genug Online-Spieler, die meine Ziele teilen und, wie ich finde, schon so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft bilden. Gemeinsam wollen wir etwas ganz anderes vom Leben, etwas, das Onkel Antonius sich nicht im entferntesten vorstellen kann! Natürlich kann man so leben, warum denn nicht? Wenn du gut genug bist, kannst du sogar als Progamer, also als professioneller Spieler dein Geld verdienen. Aber mir geht es in erster Linie um das Spiel selbst, um die Erregung, die dich packt, wenn du länger als eine halbe Stunde nicht in deiner „richtigen Welt“ bist, und um die Befriedigung, wenn deine Pläne aufgehen und du Erfolg hast.

Seit ungefähr einem Jahr war ich mehr oder weniger ständig in der VIKING-Welt präsent; ich war ein echter vic, so nennen wir ernsthaften Spieler uns selbst. Und ich glaube, ich hatte mir in dieser Zeit schon so etwas wie einen Namen gemacht: Rolf Krake, so hieß mein Charakter, hatte sich nach und nach Achtung und Anerkennung verdient. Ich versuchte, meinem Vorbild und Namensgeber, dem berühmten dänischen König aus der Wikingerzeit, gerecht zu werden. Und nach den ersten Anfängerfehlern hatte ich, wie gesagt, den Bogen schon ganz schön raus.

Mein Traum war es, einmal zum Holmgang, zum Zweikampf nach Walhall, eingeladen zu werden. Eine solche Einladung erhalten nur die besten und erfolgreichsten Spieler! Walhall ist so eine Art Hall of Fame, und wer sich dort mit den größten und besten Kämpfern erfolgreich messen kann, erhält einen eigenen Thronsitz und ein neues Wappen. Die meisten der großen Anführer und Schlachtenlenker in der VIKING-Welt haben den Holmgang in Walhall bestanden, hinter ihrem Banner scharen sich die anderen Spieler, denn sie sind wirklich die Besten der Besten!

Plötzlich blinkte eine Alarm-Meldung auf meinem Bildschirm. Ich hatte einige Silberbarren in ein Frühwarnsystem investiert: An den Grenzen meines kleinen Besitzes waren an strategisch wichtigen Stellen Truppen postiert, die das Nahen fremder Truppen oder Schiffe schon von Weitem bemerkten und Alarm gaben. Wie gesagt, nicht ganz billig, aber es hatte sich schon mehrmals bezahlt gemacht.

Ich zoomte mich an die entsprechende Stelle der Karte: Hier näherte sich ein großes Kampfschiff, langsam fuhr es in den Fjord ein, den Friedensschild und nicht den Drachenkopf am Bug aufgesteckt. Das ist auch wieder typisch für dieses Spiel: Man hält sich an die Regeln, es ist eine Sache der Ehre! Ich würde niemals mit aufgestecktem Friedensschild einlaufen, wenn ich einen Hof oder einen Hafen überfallen will. Und so halten es auch die anderen. Ich beobachtete neugierig das Langschiff, das jetzt am Ufer festmachte. Absolut realistisch, eine geniale Grafik, man sieht genau, wie die Bugwelle in sich zusammenfällt, wenn der Anker geworfen wird und das Schiff langsamer wird. Ein mächtiger Wikinger, ein Hüne von Mann, überbrachte mir eine Botschaft, die sich langsam auf dem Bildschirm entfaltete: Rolf Krake, Herr über drei Höfe, zwei Langschiffe und gerüstete Truppen! Odins Raben berichten, daß Du ein wagemutiger Kämpfer bist, ein Freund dem Freunde, ein Schrecken dem Feinde. Vernimm die Botschaft, die Dich nach Walhall ruft, zum ehrenhaften Holmgang, den dir ausrichten wird Erik Blodøks, auf die Probe zu stellen Deinen Mut und Dein Geschick, ob Du würdig bist einzugehen in die ehrenvolle Halle und das neue Banner zu empfangen aus Seinen Händen....



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