Fink | Ein gebranntes Kind | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 262 Seiten

Fink Ein gebranntes Kind

40 Jahre hinter dem Eisernen Vorhang
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-6398-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

40 Jahre hinter dem Eisernen Vorhang

E-Book, Deutsch, 262 Seiten

ISBN: 978-3-6951-6398-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Verfasser beschreibt die sozialen und politischen Verhältnisse in Rumänien nach dem Zweiten Weltkrieg, unter der Besatzungsmacht Sowjetunion. Auch in Rumänien entwickelte sich bald die Nomenklatura, eine neue Ausbeuterklasse, bestehend aus Funktionären von Partei und staatlicher Verwaltung. Das Buch zeigt erstmalig für Rumänien, wie und in welchem Maße die Mitglieder der Nomenklatura ihre Vorrechte wahrnahmen. Dem Diktator Nicolae Ceausescu sind mehrere Abschnitte gewidmet. Der Aufstand, der zu seinem Sturz führte (die sogenannte Revolution), traf die Bevölkerung unvorbereitet. Gut vernetzte Mitglieder aus der zweiten Reihe der Nomenklatura rissen sich danach Teile des Volksvermögens unter den Nagel. Heute sind die Vermögensunterschiede in Rumänien größer als vor dem Krieg. Der Text ist gewürzt mit politischen Witzen, für die der Verfasser seinerzeit eingesperrt worden wäre.

Hans Fink ist ein rumäniendeutscher Journalist und Publizist. Er studierte Germanistik und Rumänistik und arbeitete viele Jahre als Journalist in Bukarest. Seiner Themenfelder waren Erziehung und Unterricht.
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Das Vorwort


Ich bin im Mai 1942 geboren, mitten im bisher größten Krieg. Dessen wahre Geschichte hat mir niemand erzählt, als ich schon verständig genug war, um sie zu begreifen. Die erwachsenen Familienmitglieder, die jene Geschichte auch nur bruchstückweise kannten, hielten sich zurück, damit wir Kinder nicht vielleicht politisch bedenkliche Einzelheiten ausplaudern. Und in der Schule wurde eine aus dem Blickwinkel der Rumänischen Kommunistischen Partei zurechtgeschneiderte (übrigens auffällig kurze) Version mitgeteilt. Mehr durften die Lehrer nicht sagen.

Dass die Deutschen nach dem 23. August 1944 aus Rumänien vertrieben werden sollten (wie die Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei) und nachher, als das nicht gelang, übers ganze Land verstreut werden sollten, kam selbstverständlich nicht zur Sprache. Diese zwei Vorhaben waren längst tabuisiert.

Als Stadtkind ohne nahe Verwandte auf dem Lande wusste ich lange Zeit nichts von dem vielgestaltigen Elend der deutschen Dorfbevölkerung: Die abenteuerliche Flucht vor der Roten Armee. – Die erzwungene Rückkehr unter erniedrigenden Bedingungen. – Ihre Enteignung durch die Bodenreform. – Die Einquartierung von sogenannten die sich als Herren aufführten. – Die Unterkunft in ausgeplünderten, z.T. zerstörten Häusern.

Ich bin ein gebranntes Kind, weil ich vierzig Jahre lang im kommunistisch regierten Rumänien gelebt habe, in einer als Demokratie ausgegebenen Diktatur, nämlich vom Jahre 1948 an, als ich eingeschult wurde, bis zum Jahre 1989, als die sogenannte stattfand, die bei Licht besehen ein Staatsstreich war. Zudem gehörte ich der deutschen Minderheit an, einer sogenannten Davon gab es offiziell sechzehn. Die Fibel wurde ursprünglich in mehr als einem Dutzend Sprachen gedruckt. Die Erklärung für dieses Phänomen liegt auf der Hand: Der Schüler Rumänien hat die Nationalitätenpolitik vom Lehrer Sowjetunion übernommen. Es dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben, dass die bis zum August 1944 illegale Rumänische Kommunistische Partei zu ihren Mitgliedern zahlreiche Nicht-Rumänen zählte. (Im Jahre 1933 setzte sie sich wie folgt zusammen: 440 Ungarn, 375 Rumänen, 300 Juden, 140 Bulgaren, 100 Russen, 70 „Moldauer“, 70 Ukrainer und 170 Personen anderer Herkunft.1) Im Jahre 1948 waren die Ungarn und die Juden in den Führungsgremien der RKP stark vertreten. Die Ungarn – Angehörige der offiziell größten, aber nach dem Ersten Weltkrieg stark benachteiligten Minderheit. Die Juden – Angehörige einer mehrsprachigen, verleumdeten, während des Krieges der Ausrottung preisgegebenen Minderheit.

Nur für die in mehrere Stämme zersplitterten Zigeuner, ebenfalls eine umfangreiche Minderheit, gab es keine Fibel, weil sie keine Schriftsprache besaßen.

Zur allgemeinen Überraschung wurden auch Kindergärten und Schulen mit deutscher Unterrichtssprache eingerichtet, von der Grundschule bis zum Lyzeum2. Für die Deutschen? Die den Krieg begonnen haben? Die Mörder sind? Die man enteignet hat? Die keine staatsbürgerlichen Rechte mehr besitzen? Viele Rumänen legten den Finger an die Stirn.

Wahr ist, dass ein Teil der Rumäniendeutschen sich von der Nazi-Ideologie hatte anstecken lassen, ja: sich frenetisch zu ihr bekannt hatte. Im faschistischen rumänischen Staat unter der Fuchtel von Marschall Antonescu war die von Berlin aus gesteuerte ab 1940 die einzige zugelassene politische Organisation. Die meisten deutschen Männer hatten als Soldaten der Waffen-SS am Krieg teilgenommen und waren – ob sie wollten oder nicht – an schrecklichen Gräueltaten beteiligt gewesen, beginnend mit den Kämpfen in Jugoslawien. Wie sollte man die weißen Schafe von den schwarzen unterscheiden? Zunächst war das gar nicht beabsichtigt. Die Kommunistische Partei machte zunächst keinen Unterschied zwischen a) den aktiven Nazis, b) den Mitläufern, die betrogen und erpresst worden waren, c) den Verweigerern und d) den aktiven Gegnern des Regimes, die für ihre Haltung eingekerkert und misshandelt worden waren. Am Vorabend der Aushebung der Deutschen für die Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion im Januar 1945 überbrachte der neugebackene KP-Kreis-Sekretär Mihai Dalea den im Reschitzaer Arbeiterheim versammelten deutschen Antifaschisten (von denen viele erst paar Monate vorher aus der politischen Haft entlassen worden waren) folgende Weisung des Zentralkomitees: „Ihr geht. Alle. Und als Erste. Drüben sagt ihr dann den anderen: Seht euch das an. Das haben wir gemacht. Was wir zerstört haben, müssen wir jetzt aufbauen.“3 Als ob die Antifaschisten der Volksgruppe angehört hätten! Eine groteske Szene!

Ebenso wenig wurde zwei Monate später, bei der Agrarreform im März 1945, ein Unterschied gemacht, als die Regierung die deutschen Bauern von Feld, Haus und Hof enteignete. Die Regierung konnte sich auf das Volksgruppen-Gesetz vom November 1940 berufen: Laut offizieller Lesart gehörten der Deutschen Volksgruppe sämtliche rumänischen Staatsbürger deutscher Nationalität an (weil damals auch keiner gefragt worden ist). Das Volksgruppen-Gesetz diente den rumänischen Politikern als Handhabe, um praktisch alle Deutschen als Kollaborateure einzustufen. Von der Enteignung wurden nur Familien ausgenommen, deren Oberhaupt nachweislich nicht Mitglied der Deutschen Volksgruppe war oder nach dem 23. August 1944 in der rumänischen Armee gekämpft hat.

Aus der Sicht eines Teils der Mehrheitsbevölkerung blieben die deutschen Mitbürger für immer Faschisten bzw. Hitleristen. Als Ministerpräsident Ion Gheorghe Maurer in den fünfziger Jahren seinen Sohn Jean in die Bukarester Deutsche Schule einschreiben ließ (die offiziell anders hieß), soll Parteichef Gheorghiu-Dej ihn gefragt haben: „Warum schickst du deinen Sohn zu den Faschisten?“ Worauf Maurer geantwortet haben soll: „Damit sie ihm Disziplin beibringen.“4 – Mein Freund Rudolf Kastel, geboren 1940, wurde als Student der Temeswarer Maschinenbaufakultät von manchen rumänischen Kollegen als angesprochen: „Ce faci, hitleristule?“ [„Was machst du noch, du Hitlerist?“] Im großen Amphitheater Saal 115 hieß die Bank an der Fensterseite ganz links, in der die fünf deutschen Studenten seines Jahrgangs zu sitzen pflegten, die .5 – Als die Geheimpolizei im Herbst 1975 Mitglieder der „Aktionsgruppe Banat“ verhaftete, die davon träumten, den real existierenden Sozialismus zu reformieren, hat sie diese als beschimpft.6

Die deutsche Minderheit bestand aus mehreren, über das Landesgebiet verstreuten Gruppen. Die größten davon waren die deren Vorfahren ab dem 12. Jahrhundert ins Siebenbürgische Hochland eingewandert sind, als jenes Gebiet zum Königreich Ungarn gehörte, und die deren Vorfahren im 18. Jahrhundert von den Wiener Kaisern im Süden der Theißebene angesiedelt wurden, nachdem deren Heere die Türken zurückgedrängt hatten.

Inzwischen sind die Rumäniendeutschen von der Bühne abgetreten. Nach der sogenannten des Jahres 1989 nahmen die meisten der noch im Lande weilenden deutschen Familien, noch etwa 200.000 Seelen, die Gelegenheit wahr, um in die Bundesrepublik auszureisen. Vorher hatte der rumänische Geheimdienst auf Anweisung des Diktators Nicolae Ceausescu im Laufe von zwanzig Jahren (1968-1989) nach und nach 226.000 Personen an die Bundesrepublik verkauft – d.h. gegen eine immer wieder neu verhandelte Abfindungssumme ausreisen lassen.7 Im Rahmen der seit 1958 laufenden Aussiedlung (die unter der Bezeichnung stattfand) konnten bis zum Sturz Ceausescus 242.326 Rumäniendeutsche in der Bundesrepublik Aufnahme finden.8 Wer die Geduld verlor und Mumm in den Knochen hatte, versuchte sein Glück an der sogenannten Allein in der ersten Hälfte des Jahres 1970 wurden an der rumänisch-jugoslawischen Demarkationslinie 51 deutsche Jugendliche beim Versuch des illegalen Grenzübertritts verhaftet.9

Die Rumäniendeutschen waren praktisch bereits in den Kulissen der Geschichte verschwunden, als Herta Müller sie mit dem Roman „Atemschaukel“ im Jahre 2009 auf die Bühne zurückholte. Herta Müller, 1953 im Banat geboren und dort aufgewachsen, 1987 in die Bundesrepublik ausgereist, wurde im selben Jahr 2009 mit dem Nobel-Preis ausgezeichnet, dadurch rückte der Roman „Atemschaukel“ weltweit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es wird geschildert, was der junge Siebenbürger Sachse Leopold Auberg, der zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden ist, im Laufe von fünf Jahren erlebt. Die Autorin hatte den Stoff in Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden gesammelt. Auch...



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