E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten
Reihe: Maria Ammon
Fink Sündentag - oder: Dreikampf
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-657-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman | Maria Ammon 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 264 Seiten
Reihe: Maria Ammon
ISBN: 978-3-98952-657-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sabine Fink, geboren 1969 in Dortmund, lebte in Köln, Braunschweig und Hongkong. Sie war in der Erwachsenenbildung tätig, bevor sie mit dem Schreiben von Romanen begann. Heute hat Sabine Fink ihre Wahlheimat in Mittelfranken gefunden, einem besonderen Landstrich, der sie auch zu ihren Büchern inspirierte. Ganz besonders angetan hat es ihr dabei der typisch fränkische Charme der Bewohner und deren Geschichte(n), die immer wieder für eine Überraschung gut sind. Bei dotbooks veröffentlichte Sabine Fink ihre Reihe um Kommissarin Maria Ammon mit den Krimis »Kainszeichen«, »Judasbrut« und »Sündentag«.
Autoren/Hrsg.
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AUFWÄRMEN
Es.
Es. Wacht auf.
Es. Ist gefesselt. An den Händen. An den Füßen.
Es. Muss die Augen schließen. Nicht öffnen. Niemals.
Es. Zittert.
Es. Hat Angst. Immer Angst.
Es. Hat Schmerzen.
Warum. Muss. Es. Leiden?
Es. Darf nicht schreien. Verboten! VERBOTEN!
Es. Will nicht. Leiden.
Es. Muss. Muss da sein.
Es. Muss. Weiteratmen. Aushalten. Durchhalten.
Damit. Es. Überlebt.
Es.
Ist.
Jetzt.
Am.
START.
***
Ich weiß nicht, wie alt ich damals war.
Es war Sommer und es war mitten in der Nacht. Der Vollmond stand am sternenklaren Himmel. Wie in einem alten Schwarz-Weiß-Schinken beleuchtete er Ronnies Gesicht, auf dem sich ein dämliches Grinsen breit gemacht hatte. Er stand ungefähr zwei Meter neben mir, während ich auf der Wiese saß. Der Nachtwind strich über meinen Kopf, auf dem sich jedes einzelne meiner kurz geschorenen Haare aufstellte. Ich fröstelte. Hinter mir erhob sich dunkel der Wald und vor mir spiegelten sich Mond und Sterne im Wasser des kleinen Badesees. Ronnie bückte sich, um eine Zigarettenschachtel aus seiner am Boden liegenden Hose zu nehmen. Er war ein Jahr älter als ich. Größer, stärker, mehr Muskeln als Fett. Außerdem waren wir beide nackt. Und nass, denn wir waren im Wasser gewesen, als es passierte. Klebriges Blut blieb an meinem Handrücken haften, als ich mir vorsichtig über die Nase wischte. Unscheinbar war es, grau, wie die nächtliche Welt um uns herum.
»Stell dich nicht so an«, sagte Ronnie gerade. »Gebrochen ist deine Nase nicht.«
»Ich weiß.« Meine Stimme klang unsicherer als beabsichtigt.
»Mann, du bist echt strunzdumm. Hättest halt deinen Arsch einfach still gehalten, bis ich fertig war.«
»Du hattest deinen Arm um meinem Hals. Ich hab fast keine Luft gekriegt.«
»Ach.« Lässig winkte er ab. »So kurz vorm Ersticken gibt es einen extra geilen Kick.«
»Hast du das schon selbst ausprobiert?«
»Quatsch.«
»Woher weißt du das dann?«
»Dreimal darfst du raten.« Seine Zähne leuchteten weiß in der Dunkelheit.
»Oh.« Natürlich. Von ihm.
»Hmhm. Ich soll mal vorbeikommen, hat er gesagt. Dann zeigt er mir noch viel geilere Sachen.«
Ich wusste genau, was er Ronnie zeigen würde. Ich sah ihn nicht an, sondern betrachtete das Blut auf meinem Handrücken. »Hat es dich angemacht, dass ich mich gewehrt habe?«
»Ja«, gab er schulterzuckend zu. »Ey, hab dich nicht so. Ich war gar nicht brutal und außerdem hat es dir ziemlich gut gefallen.«
»Hat es das?« Das Blut hatte eine lange, schmale Spur hinterlassen. Spitz zulaufend, wie die Klinge eines Dolches, kopfüber auf meiner Hand skizziert.
»Ja klar, sonst hättest du doch nicht so gestöhnt. Ohhh, ahhh, jaaaahhh.« Übertrieben ekstatisch verdrehte er dabei die Augen, während er mit dem Becken eindeutige Bewegungen machte.
»Ich hab gesagt, hör auf!«
»Das hast du doch gar nicht so gemeint. Morgen tut dein Arsch nicht mehr weh und deine Nase hört gleich schon auf zu bluten.«
Ich stieß einen Laut aus, nicht ganz ein Knurren.
»Hier, zieh mal, dann kommst du wieder runter.« Ronnie reichte mir die glühende Zigarette.
Ich schüttelte den Kopf. Schneller, als ich ausweichen konnte, hatte er mit der glühenden Spitze meine Wange gestreift. Mit einem Schmerzlaut fuhr ich zurück. Er wieherte vor Lachen.
»Jetzt nimm schon.«
Kurz und viel zu heftig sog ich an der Zigarette. Ein Hustenanfall überrollte mich.
»Sei leise«, fauchte Ronnie. »Sonst kriegt noch einer mit, dass wir hier sind. Du hast ja gerade schon genug Lärm gemacht.«
»Das Dorf ist doch weit genug weg.«
Außerdem kannte uns hier sowieso niemand, denn es waren über zwölf Kilometer, die wir mit unseren Fahrrädern bis hierher gefahren waren. Es war mein Vorschlag gewesen, nachdem Lili mir gesagt hatte, welche abstoßende Neigung er unter der launigen Fassade verbarg, die er den anderen gegenüber zeigte. Sie sagte, Ronnie würde nicht unterscheiden, an wem er es ausprobierte. Sie hatte recht behalten.
Ich nahm noch zwei Züge und unterdrückte das Husten, als ich Ronnie die Zigarette zurückgab. Mein Herz pochte heftig und mein Atem ging schnell. Das lag nicht am Nikotin. Es war pures Adrenalin, das mich fest im Griff hatte. Adrenalin, das in einem Sekundenbruchteil meinen Blutdruck in die Höhe schnellen ließ, meinen Puls beschleunigte, um meinen Körper mit der Energie zu versorgen, den er benötigen würde, um das Wild zu jagen. Nur, dass hier am See gar kein Wild war, sondern nur Ronnie.
Ronnie.
Er war brutal gewesen. Zu brutal für einen Jugendlichen, aus dem bald ein Mann werden würde. Ein großer, starker Mann, mit einer Vorliebe, die eines Tages grausame Auswüchse annehmen würde. Den letzten Beweis hatte er mir gerade geliefert.
Ich kroch auf meinen Kleiderhaufen zu, Ronnie beachtete mich gar nicht. Der Griff des Springmessers schmiegte sich fest in meine Hand. »Ich geh noch mal schwimmen. Kommst du mit? Oder ist dir zu kalt?« Meine Stimme klang immer noch viel zu hoch.
»Mir? Im Leben nicht!«
Er drückte die halb gerauchte Zigarette am Steg aus und steckte sie zurück in die Schachtel. Dann stieg er in das dunkle Seewasser. Silbrige Wellen breiteten sich um seinen Körper aus. Als ich ihm nicht gleich folgte, drehte er sich zu mir um.
»Wem ist jetzt kalt?«
Neben ihm ließ ich mich vom Steg ins Wasser gleiten. Langsam. Ein bisschen lasziv. Der Badesee war nicht tief, man konnte überall stehen. Zwischen meinen Zehen quoll der Schlamm auf.
»Machen wir ein Wettschwimmen«, schlug ich vor.
»Du verlierst doch sowieso. Wobei, Fett schwimmt ja eigentlich oben.« Er gackerte. »Ich gebe dir Vorsprung. Aber wenn ich zuerst an der Insel bin, dann hältst du deinen Arsch noch mal für mich still. Diesmal bin ich auch ganz sanft.« Er zuckte vielsagend mit seinen Augenbrauen.
Ich sah ihn an. Und schüttelte den Kopf. »Das brauchst du nicht.«
»Wusste ich’s doch!«, sagte er im Brustton der Überzeugung. »Wolltest du vorhin nur nicht zugeben.«
Ich zog meine Mundwinkel nach oben, dann holte ich tief Luft und machte die ersten Schwimmzüge. Brustschwimmen. Das war das Einzige, was ich konnte. Natürlich hatte ich keine Chance gegen Ronnie, dem die Kraulzüge so einfach gelangen wie anderen das Gehen. Aber das machte nichts. Langsam. Langsam. Ich hatte keine Eile. Und Ronnie hätte auch keine Eile gehabt, wenn er geahnt hätte, was ihn erwartete. Als er näherkam, wandte ich mich um, suchte mit meinen Füßen Halt im schlammigen Boden des hüfttiefen Wassers und fletschte die Zähne. Vielleicht hielt er es für ein Lächeln.
Er sah es nicht, sah nicht das Messer in meiner Hand.
Einen Sekundenbruchteil schien es, als wolle er mir etwas sagen, doch er kam nicht mehr dazu. Aus seinen weit aufgerissenen Augen schrie mir seine Panik entgegen. Selbst schreien konnte er nicht. Er brachte nur ein Gurgeln zustande. Mit den Händen am Hals versuchte er das Blut zu stoppen, das unaufhaltsam aus seiner zerfetzten Kehle sprudelte. Es war dunkler als das Wasser, das er mit seinen Bewegungen zu einer monochromen Sinfonie aus glitzernden Wellen aufwühlte und dabei zappelte, wie ein Fisch im Netz. Es dauerte nicht lange, bis seine Beine nachgaben und er ins Wasser sank. Behutsam fing ich ihn auf, hielt seinen Kopf und erklärte ihm flüsternd, warum ich keine andere Wahl gehabt hatte. Ich küsste seine Stirn, während sein Blick brach, und schloss ihm anschließend sanft die Lider.
Verloren, Ronnie.
Die nächste Zeit verbrachte ich damit, durch das stille Wasser des Sees zu waten, um den Adrenalinschub langsam abflauen zu lassen, Ronnie dabei mit mir ziehend. Seinen Kopf hielt ich möglichst tief unter Wasser, damit die Schwerkraft dabei half, das Blut aus ihm heraus zu spülen. Kreuz und quer glitt ich umher, verteilte das Blut im Seewasser, sodass am nächsten Tag nichts mehr davon zu sehen sein würde.
Auf der kleinen Insel kletterte ich schließlich aus dem Wasser und zog seinen Körper ein Stück auf die kühle Erde. Im Schneidersitz ließ ich mich nieder. Der Wind trieb mir eine Gänsehaut über den Rücken, aber jetzt war mir nicht kalt.
Auch ohne das helle Licht des Vollmonds hätte ich die erhabenen Hautstellen gefunden, die sich auf meiner Brust befanden. Mit der Spitze des Messers zog ich die Linien nach, gerade tief genug, dass Blut hervorquoll. Zu Hause würde ich sie mit Zitronensaft und Vaseline einreiben und mit einer Zahnbürste bearbeiten, damit sich die Wunden nicht zu schnell schlossen.
Sie hatten mich zu dem gemacht, der ich war.
Am Himmel erscheint das Schwert des Herrn. Seht her, es fährt auf Edom herab, auf das Volk, das der Herr im Gericht dem Untergang weiht.
Meine Fingerspitzen glitten über Ronnies Gesicht, über die bleichen Gesichtszüge mit den hohen Wangenknochen, die von surrealer Schönheit waren. Die klaffende Wunde an seinem Hals störte das Bild nicht, sondern gab ihm eine Note expressionistischer Anmut.
Ich wünschte, ich hätte ihn so zeichnen dürfen, festhalten für die Ewigkeit. Doch es war zu gefährlich. Aber ich konnte dieses Bild in meinem Gedächtnis bewahren.
Für immer würde ich Ronnie dann bei mir haben. Mit zwei Fingern straffte ich die Haut, um präzise mit dem Messer meine Zeichen auf seine Brust zu ritzen. Vorsichtig entfernte ich die oberste Hautschicht zwischen den Umrissen. Ronnie blutete nicht. Nicht mehr.
»Tut mir leid, Kumpel«, sagte ich leise, als ich fertig war, und meinte es auch so.
Aber Ronnie hatte die Saat des Bösen in sich getragen. Er hatte sie Ronnie...




