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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 908 Seiten

Reihe: Die Dran'bara Schriften

Finn Eisinsel

Erster Band der Dran'bara Schriften
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-5801-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erster Band der Dran'bara Schriften

E-Book, Deutsch, Band 1, 908 Seiten

Reihe: Die Dran'bara Schriften

ISBN: 978-3-7557-5801-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Dann schrie Kian. Sein Schrei gellte voller Angst und Entsetzen und fuhr Akim durch die Knochen." Im Inselreich Dran'bara verschwinden Kinder, geraubt von Wesen, die den Legenden der Alten Völker entstiegen zu sein scheinen. Eine Sumpfjägerin und ein Wüstenläufer begeben sich auf die gefahrvolle Suche. Ihre spärlichen Spuren führen sie zueinander, zu neuen Gefährten und schließlich auf die geheimnisumwitterte Eisinsel Drahórsul.

Aidan Finn lebt mit Familie und Kater als Lehrer am Berliner Stadtrand, liest viel, schreibt Kurzgeschichten und Romane und durchwandert gern das schöne Brandenburg.
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2


Der Junge am Eingang der Hütte hieß Akim. Er war mager und klein. Der Nahrungsmangel ließ seinen Körper nur langsam wachsen. Oft saß er so wie jetzt am Boden, rupfte Halme aus dem Sandboden und zerkaute sie bedächtig. Wenn er Glück hatte, fand sich ein verirrtes Insekt zwischen den Grashalmen.
Die Stimme seiner Mutter drang sanft aus der gegenüberliegenden Ecke. „Früher gab es im Winter kein Gras mehr“, wies sie auf den Stängel in Akims Mundwinkel.
„Warum nicht?“
„Weil Schnee es bedeckte.“
„Schnee?“, fragte er, warf den zermalmten Stängel beiseite und schlang die schmächtigen Arme um seinen Speer.
„Wo kam der Schnee her?“, erklang die Kinderstimme seines Bruders aus der Dunkelheit.
„Aus dem Himmel, Kian-dol.“
„Wie sieht er aus?“
„Weiß wie eine Hühnerfeder. Tausende Federn. Er fällt vom Himmel und bedeckt alles Land.“
Mit gerunzelter Stirn lugte der Kleine zum Strohdach, durch das die Sterne funkelten. „Tut er nicht weh auf dem Kopf?“, fragte er und Akim liebte ihn für seine Ernsthaftigkeit.
„Nein, er ist sanft. Wie meine Finger auf deinem Kopf“, lächelte die Mutter, Kians schwarze Locken aus der Stirn streichend. Ihre Bewegung war so zart, dass sie Akim schmerzte. Vor Jahren war er Akim-dol gewesen, hatte sich im Schutz der Hütte in den Schlaf wiegen lassen. Nun war er Akim-fal, ein Fährtensucher und Fallensteller, der hoffte, in zwei Monaten mit einer der Salzkarawanen in die Hauptstadt ziehen zu dürfen. Längst schlug er sein Lager allein am Eingang der Unterkunft auf.
Bald würde er mit Gradh aufbrechen. Allerdings würden sie nicht gemeinsam wandern. Der in die Jahre gekommene Fährtenleser würde den Spuren seines Schülers folgen, ostwärts über die Dünen bis ans große Wüstenbecken. Die Ausbildung verlangte, dass Akim die Sandhölle allein durchquerte, während die Vegetation mit jedem Tag spärlicher wurde. Sträucher, Flechten, verkrüppelte Bäumchen, die kaum Schatten spendeten. Die letzte Prüfung seiner Lehrzeit. Gras würde ihn nur einige Zeit ernähren. Bald war er auf seine Vorräte und auf das, was er erbeuten konnte, angewiesen.
Anderthalb Tagesmärsche nach Ranand kam der Sand. Glühend heiß. So fein, dass er sich in jede Pore des Körpers grub. Er würde Durst leiden, über Tage, Wochen hinweg. Das jagte ihm am meisten Angst ein. Er durfte nur Tropfen trinken, musste seinen Urin auffangen, Schweißperlen von seinem Leib lecken. Am Ende des Großen Beckens lag Puard, die größte Oase Berlens, mit einem Dach aus Houssa-Palmen. Erst dort würde er Gradh wieder treffen.
„Wer macht den Schnee?“, drang Kians schläfrig gewordene Stimme aus dem Inneren der Hütte.
„Die alten Götter. Sagt man.“
„Warum?“
Akims Mutter schloss die Augen, grub in ihren Erinnerungen nach den Geschichten, die sie von ihrer Mutter gehört hatte, als sie in Kians Alter gewesen war.
„Man sagt, das Land der Madif war vor vielen Zeiten nicht überall von Sand bedeckt, sondern von Erde und Gras wie die Oasen. Wenn die Götter den Madif gnädig waren, sandten sie ihnen das Himmelswasser, damit alle, Mensch, Tier und Pflanze, davon trinken konnten.“
Akim sah die nächste Frage seines Bruders kommen. „Warum schicken die Götter keinen Regen mehr?“
Seine Mutter seufzte. „Die Madif müssen die Götter verärgert haben, denn der Regen wurde immer weniger, bis er ausblieb. Zuerst verdursteten die Pflanzen, später die Tiere, die sich von ihnen ernährten. Wenige blieben übrig. Die Madif zogen sich in die vier Oasen zurück. Außerhalb der Wasserstellen ist alles Leben erloschen.“
„Nicht alles. Es gibt Gras, Flechten auf Steinen, Sandwürmer, Skorpione.“ Akim rezitierte aus dem Gedächtnis. Er kannte das Leben jenseits Ranands nur aus den Erzählungen seines Lehrmeisters. Weiter als bis zur Warad-Düne im Osten, der Huoun-Hügelkette im Norden und Westen und dem ausgetrockneten Barlag-See im Süden war er bisher nicht gekommen. Diese Landmarken bildeten die Grenzen seiner Heimat.
„Du hast gut gelernt“, lobte seine Mutter. „Bloß kann man Flechten kaum Leben nennen.“
Akim schwieg. Sein Bruder war der Unterhaltung aufmerksam gefolgt. „Warum trinken wir nicht das Wasser aus dem Meer und begießen die Pflanzen damit?“, fragte er neugierig.
Akim lächelte. Als er in Kians Alter gewesen war, hatte er dieselben Fragen gestellt.
Auch seine Mutter schmunzelte. Akim konnte das Weiß ihrer Zähne aufblitzen sehen. „Es ist Salz im Wasser. Das Salz macht krank.“
„Aber die Karawanen schaffen es in die Hauptstadt“, wandte Kian ein. „Die Menschen dort essen es.“
„Darüber könnt ihr morgen reden. Es ist spät“, sagte die Mutter.
Akim entbot Mutter und Bruder eine angenehme Nacht. Er begab sich nach draußen, um eine letzte Runde durch das Dorf zu drehen, bevor auch er sich zur Ruhe legte. Während er in der Dunkelheit herumwanderte und seinen Gedanken nachhing, hielten seine Augen Ausschau nach Skorpionen und anderen Gifttieren. Gleichzeitig reagierten seine Ohren auf jedes Geräusch. Seine Nase hatte er in die Nachtluft gereckt wie die Wildtiere, die die Bodensenken außerhalb Ranands bewohnten.
„Er riecht den Wind eines Fuchses, noch bevor dieser den Leib verlässt“, pflegte Gradh über seinen Zögling zu berichten. „Hört, wie zwei Sandwürmer sich unter der Düne paaren.“ Letzteres erzählte er erst nach mehreren Bechern Sarou, wenn seine Augen in Tränen schwammen und seine Stimme vor unbestimmter Sehnsucht triefte.
Mühelos unterschied Akim die Töne der Menschen in ihren Verschlägen. Atmen, Schnarchen, Stöhnen, Winseln, Husten. Die schleichenden Tritte der Männer, die eine Kontrollrunde drehten. Das Scharren der Ziegen. Das schläfrige Gackern der Hühner. Das Säuseln der Grasstängel in der Nachtbrise, das Knacken der Feuer, das Klappern der Sarou-Becher, das Knistern des Strohs. Zahllose andere mehr.    In seinem Herzen nistete Sorge. Schnee, Regen, Wasser, sinnierte er, den Blick auf die Sterne gerichtet. Der lange Marsch nach Osten. Wie gelegen ein einziger Regenguss ihm auf dieser Reise käme!
Der Arm schoss ohne Vorwarnung aus dem Dunkeln. Der Junge hörte die Bewegung der Luft, noch bevor er etwas sah. Zeitgleich roch er den Schweiß im Nacken des Angreifers und duckte sich. Der Arm schwang über seinen Kopf hinweg. Akim ließ sich auf seine Hände fallen, rammte beide Füße gegen die Beine des Mannes, spürte den Schmerz des Aufpralls bis in seine Oberschenkel. Er verlor den Halt und stürzte der Länge nach in den Sand. Der Gegner ächzte und schwankte, doch er fiel nicht. Starke Hände krallten sich in Akims Kopftuch und in seinen Umhang. Verzweifelt keuchend versuchte er, sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. Vergeblich. Hilflos fühlte er sich hochgehoben und durch die Luft gewirbelt. Unsanft landete er auf dem Hintern.
„Du bist klein. Du bist schwach. Was tust du, wenn jemand dich aus dem Hinterhalt angreift?“
„Gradh!“, rief Akim, verdrossen und erleichtert zugleich.
„Antworte!“
Akim hörte, dass sein Lehrmeister enttäuscht war. „Ich greife nicht an“, brachte er heraus. „Ich flüchte. Bringe mich in Sicherheit. Überlege mein Vorgehen aus dem Abstand heraus.“
„Was hast du getan?“ Gradhs zerfurchtes Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf, sein Atem nach Sarou riechend. Akim nahm nicht mehr wahr als einen Becher. Betrunken war der Alte nicht.
„Ich griff an“, sagte Akim beschämt. Er hatte aus Instinkt, ohne Überlegung, gehandelt. Dabei hatten sie so oft die Strategie besprochen! Gesäß und Beine schmerzten, die Niederlage noch mehr.
„Ein stärkerer Mann hätte mich zu Fall gebracht. Mich überwältigt“, gab Gradh zu. „Deine Beine sind schwach. Trainiere sie, sobald du die Möglichkeit hast, ausreichend zu essen. Genug Essen gibt genug Kraft.“
„Wie Ihr meint“, stimmte Akim kleinlaut zu.
„Deine erste Reaktion war richtig. Ducken, wegrollen, weglaufen. Haken schlagen. Du bist nicht der schnellste Läufer, aber flink, wendig und ausdauernd. Greife niemals einen stärkeren Gegner direkt an. Ich bin alt und meine Kraft ist verbraucht, aber ich hatte keine Mühe mit dir.“
Akim schluckte. Gradhs Worte verletzten seinen Stolz, doch tief in seinem Inneren wusste er, dass sie sein Leben retten konnten.
„Weshalb warst du unaufmerksam?“ Gradhs Lehrmeisterton wechselte zu sanfter Neugier.
„Meine Mutter berichtete vom Himmelswasser und ich dachte, welch Segen es wäre. Ich weiß, dass diese Gedanken dumm sind, meines Bruders würdig. Unangebracht für einen fal.“
„Wünsche und Träume sind nicht dumm“, erwiderte Gradh nach kurzem Nachdenken. „Ihnen blind nachzurennen vielleicht. Der Gedanke an Regen mitten in der Wüste kann dich retten, weil er letzte Kräfte in dir weckt. Genauso kann er dich töten, indem er dich in den Wahnsinn treibt.“
„Wie weiß ich, wann ich den Gedanken abwehren muss?“
„Du musst in der Situation die Wahl treffen. Immer aber musst du aufmerksam sein. Niemals darfst du zulassen, dass Nachdenken deine Sinne ausschaltet oder schwächt.“
Akim nickte und rappelte sich vom Boden hoch.
„Gradh“, fragte er, während sie zu dem Rund der Hütten zurückgingen, „habt Ihr schon einmal Schnee gesehen? Auf einer Eurer Reisen?“
„Man sagt, dass es auf einer Insel weit oben im Norden Schnee und Eis gäbe. Doch ich war nie dort. Meines Wissens gibt es nur sehr wenige Menschen im Dran’bara, die einen Fuß auf sie gesetzt haben. Noch weniger kehrten zurück, um von ihr zu berichten. Außerdem existieren Geschichten über Schnee auf Kaadaa. Dort ragt ein Gebirge in den Himmel, so hoch, dass die Gipfel nicht mehr zu...



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