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E-Book, Deutsch, 274 Seiten

Finn Sour Times


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-3796-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 274 Seiten

ISBN: 978-3-7568-3796-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Haveldelta 2058. Gluthitze, Gestank und ein gestrandeter Wal. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Flirt mit RoAdie Adenauer, aber schließlich hat Lina sich ja ein Abenteuer gewünscht. Nur dass die Bergungsmission sich unerwartet als Anfang einer Irrfahrt entpuppt, die sie immer weiter hinein nach Berlin verschlägt, in die von Glut, Flut, Drogen und Straßenkriegen zerstörte Stadt. Hier trifft sie, mal wieder auf der Flucht, auf Quinn, die außergewöhnliche Frau mit der verstörenden Vergangenheit. Und erstmals wird Lina, die immer wieder Gerettete, zur Retterin.

Aidan Finn ist eine echte Berliner Pflanze. Mit Familie und Katze lebt er heute als Lehrer am Stadtrand, liest viel, schreibt nebenher Kurzgeschichten und Romane, verreist gern und durchwandert das schöne Brandenburg.
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1 Something just like this


Der verdammte Wal hätte ruhig näher an Spandau stranden können.
Lina lehnte sich an die Schiffswand, rückte die Wayfarer zurecht, nahm das Basecap ab und pustete.
„Setz das Ding lieber wieder auf.“
Roman ragte vor ihr in den milchigweißen Himmel. Sofort bereute sie, die Mütze abgenommen zu haben. Bestimmt hatte sie Abdrücke auf ihrer Stirn und platte Haare. So konnte sie keinen Blumentopf gewinnen.
„Du siehst gut aus“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Dann plumpste er neben ihr auf das Deck. „Abenteuerlich. Wie Lara.“
„Eine deiner Exen?“
Sein Grinsen vertiefte sich und ein Kribbeln breitete sich in ihrem Unterleib aus. Roman war ein echter Hingucker. Einzig die markante Nase störte die Perfektion des Gesichtes. Andererseits verlieh sie ihm das gewisse Etwas.
„Lara Croft? Tomb Raider?“
Als sie ihn verständnislos anstarrte, lachte er. „Ein Game. Lara war verdammt heiß. Lange Beine, solche Boobs.“ Mit den Händen deutete er ballonartige Brüste an.
„Du stehst also auf Pixelfrauen.“
Er nahm seine Mütze ab und fächelte sich Luft zu. Sein blondes Haar glänzte dunkel vor Schweiß. „Keine Angst. Echte sind mir lieber. Man kann sie anfassen.“ Spielerisch kniff er sie in die Hüfte.
Quiekend wehrte sie ihn ab. Gleichzeitig schoss ein neuer Schwall Hitze in ihren Unterleib. Oh ja. Das hier entwickelte sich definitiv in die richtige Richtung.
Er schnippte gegen ihr Cap. „Setz es wieder auf. Die Sonne ist hart hier draußen.“
„Ich dachte, im Delta riecht es frischer.“
„Da muss eine Million Viecher unter uns sein.“
„Die haben sich doch längst aufgelöst.“
„Tja. Da drüben! Siehst du das Schloss?“
Sie streckte sich neben ihn über den Bootsrand.
Das Gebäude zerfloss in der Hitze. Schwer zu sagen, wo es aufhörte und das Wasser anfing. „Ganz schön groß.“
„Rheinsberg. Ich hoffe, wir sind vor den Trashern da.  Diese Lady bringt es nicht, wenn es um Geschwindigkeit geht.“ Abschätzig klopfte er gegen die Bootswand.
„Sind die Trasher schneller als wir?“
„Ein paar von ihren Plavlots sind nicht schlecht.“
„Und was ist die Regel? Wer zuerst kommt, mahlt zuerst?“
„Es gibt keine Regeln.“
Lina blinzelte. „Sind wir in Gefahr?“
„Pff. Peacer sind besser ausgerüstet als die Mülltrottel.“
„Na ja. Euer Dampfer hat nicht einmal ein Dach.“
„Das sind arme Spinner aus der Stadt. Halb verhungert und zugedröhnt. Wir haben Waffen, sind organisiert und ausgebildet.“
„In was?“
„Einsätzen. Don’t worry. Wir passen auf unsere Mädels auf.“
„Eure Mädels?“
„Du weißt, was ich meine.“ Er boxte ihr auf den Arm. „Wir bergen den Wal und verziehen uns. Heute Abend feiern wir.“
„Hier?“
„Nee. Keine Privatsphäre.“ Er wackelte mit den Augenbrauen, doch diesmal reagierte Linas Unterleib nicht. Besorgt kreisten ihre Blicke über die schillernde Wasserfläche, die halb versunkene Schlossruine, die Bauminseln.
„Östlich von hier gibt’s noch Dörfer. Die Bewohner werden uns keinen Ärger machen. Es hat sich herumgesprochen, dass man sich mit Peacern nicht anlegt.“
„Ironie“, murmelte Lina.
„Hä?“
„Ach, nichts.“
„Setz es lieber auf.“ Romans Stimme wurde sanfter. „Ich würde die gelbe Seite nehmen. Schwarz kocht dein Gehirn weich.“
„Aber es sieht cooler aus als Pinkelgelb.“ Sie seufzte.
Roman lächelte. „Sorry, wenn das alles nicht so ist, wie du es dir vorgestellt hast. Aber ich dachte, du wolltest mal raus, ein Abenteuer erleben.“ Der Satz zerfaserte zweideutig in der Luft.
„Schade, dass der Wal sich ausgerechnet den Sommer ausgesucht hat.“
Beide lachten auf, stießen mit den Schultern zusammen.
„Hey RoAdie!“, unterbrach eine Stimme ihr Gelächter. „Komm mal!“
„On my way!“ Roman seufzte theatralisch.
„Alles gut, RoAdie“, sagte Lina, den Spitznamen betonend. „Ich hab’s mir ja selbst ausgesucht. Und du hast recht: Ich musste mal raus. Überleg schon länger, mich den Peacern anzuschließen.“
„Würde mich freuen. Ein Mädchen wie du wertet eine Unternehmung enorm auf.“ Nun war er eindeutig im Flirtmodus. „RoAdie muss jetzt an die Arbeit“, raunte er und hauchte einen Kuss auf ihre Wange, der eine Hitzewoge durch sie sandte. „Jogga ablösen, bevor er in den Wal hinein rauscht. Er ist nicht gerade der hellste Stern am Firnament.“
„Firma“, sagte Lina, von der Intimität wie hypnotisiert. „Mit m.“
Für einen Sekundenbruchteil verdunkelte sich sein Blick.
„Sorry. Klugscheißerin. Ich arbeite daran.“
Er hob das Kinn zum Abschied und ging zu der metallenen Treppe, die in den Bauch des ehemaligen Ausflugsschiffes führte, wo Jogga hinter dem Steuer stand, Romans Unteroffizier. Unablässig trällerte er Popsongs aus der Zeit der Jahrtausendwende. Überrascht hatte sie feststellen müssen, dass der schmuddelige Bursche eine angenehme Stimme besaß und die Melodien mühelos mitsang. Nur mit den Texten haperte es. Immer wieder verzog sie das Gesicht, wenn er die Verse rein nach Gehör schmetterte.
Sie verlor sich in ihren Gedanken, betrachtete die Umgebung und das Schiff, selbst ein Liedchen in den Ohren.
How much you wanna risk? I’m not looking for somebody with some superhuman gifts.
Ihre Augen wanderten zum Himmel. Warum die Peacer es nicht hinbekamen, wenigstens Tücher gegen die Sonne zu spannen, blieb ihr schleierhaft. Nach unten durfte man nicht gehen, obwohl der Rumpf leer war.
„Bergungsraum“, hatte Jumper, der zweite Unteroffizier, sie angeschnauzt.
„Aber hier ist doch nichts.“
„Nur für Ware und Offiziere.“
„Draußen sind 36 Grad.“
„Ware und Offiziere.“
Verdrießlich war sie den anderen auf das Deck gefolgt.
Kurz nach der Abfahrt war Roman zu ihr gekommen, ein entschuldigendes Lächeln im Gesicht und ein Handtuch auf dem Arm. „Sorry, aber bei Missionen gibt es Regeln. Jumper macht nur seinen Job. Setz dich auf das Handtuch, das Metall wird ziemlich heiß.“
Halbwegs besänftigt hatte sie ihren Hintern gehoben. Seine Hilfsbereitschaft und Zerknirschtheit gefielen ihr, ebenso die Berührungen, als er ihr half, das Tuch unter ihre Beine zu schieben.
Dann war er verschwunden und hatte sie sich selbst überlassen.
Hinter den dunklen Gläsern musterte sie die sieben Passagiere auf dem Deck. Achtern saßen ein Mädchen und zwei Jungen, zweifellos die Jüngsten an Bord. Sie hatten sich ihr in Caputh vorgestellt, wo die Ortsgruppen aufeinandergetroffen waren. Lina hatte ihren Namen gemurmelt und die der drei sofort wieder vergessen. Blöde Nicknames waren es gewesen. Schien bei den Peacern üblich zu sein.
Die Kids saßen mit dem Rücken zu ihr, ließen die Beine vom Deck baumeln und suchten aufmerksam die Umgebung ab. Lina taufte sie die drei Fragezeichen, nach einer Kinderbuchreihe, die sie früher zum Einschlafen gehört hatte.
Ein Stückchen weiter links, auf der ihr gegenüberliegenden Seite, schliefen zwei Männer. Der Größere hieß Feo. Sie fragte sich, ob er sich den Spitznamen selbst gegeben hatte oder ob seine Kumpels das besorgt hatten. Passend war er, denn der Typ war hässlich wie die Nacht. Statt einer Sonnenbrille hatte er die obere Hälfte seines Gesichts mit Motoröl eingerieben. Feos Körperdunst, ein Konglomerat aus Klebstoff, Kotze und kaltem Schweiß, ließ sie verächtlich das Gesicht verziehen. Ein Schnüffler, der vermutlich alles inhalierte, was ihm unter die Nasenlöcher kam. In der City, so hörte man, hatten sich ganze Viertel das Hirn weggeschnieft.
Der Mann neben ihm roch nicht nach Glue. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt, einen Strohhut ins Gesicht gezogen und schnarchte laut. Wie Jumper trug er einen Pullover, auf dem sich Schweißflecken abzeichneten. Im Geiste titulierte sie ihn Sombrero.
Die beiden Frauen, die im Schneidersitz auf der gegenüberliegenden Seite saßen, hatten ihr giftige Blicke zugeworfen, wann immer Roman mit ihr geplaudert hatte. Sie konnte es ihnen nicht verdenken. Von all den Typen an Bord sah Roman mit Abstand am besten aus. Er spielte einfach in einer höheren Liga. Das gute Elternhaus ließ sich nicht verleugnen. Kleidung, Haarschnitt, Umgangsformen, Sprache - all das stellte die anderen in den Schatten. Roman war nicht nur ein Schnittchen, er war ein reiches Schnittchen. Einflussreich, charmant, bekannt. Außerdem war er hier der Boss. Autorität machte sexy, selbst wenn sie sich nur auf ein Dutzend Leute erstreckte.
Ansonsten hatten die Frauen Lina ignoriert, ihre Gesprächsversuche abgeblockt. Lina hatte sie die Schnepfen getauft. Die braune Schnepfe - eine Schädelseite kahl rasiert, die andere mit Zöpfchen verziert - sah aus, als könne sie Linas 57 Kilo einarmig über Bord werfen. Die blonde Schnepfe, deren Arme von Sommersprossen und Leberflecken übersät waren, trug eine Art Doppelgürtel mit zwei Schnallen, Armeehosen und klobige Stiefel mit zu vielen Ösen. Eine Gewichtheberin und eine Soldatenbraut. Lina fand, dass Letztere gut zu Russki passte, dem stämmigen Mann, der nicht aus Russland stammte, sondern aus Holland, allerdings aussah wie ein waschechter Russe.
Sie seufzte und streckte sich. Das Handtuch fühlte sich feucht an. Sie fischte die kleine Tube Sonnenmilch aus ihren Shorts. Höhnisch schauten die Schnepfen zu ihr herüber, als sie die Creme auf Gesicht, Schultern und Armen verrieb.
Lina musterte die Leberflecken der hellhäutigen Soldatin.
Selbst schuld, Hautkrebsmädchen.
Sie hasste die klebrige Schicht, doch wenigstens überdeckte der Duft den Schweißgeruch. Egal, wo sie heute Nacht stranden...



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