E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Reihe: beTHRILLED
Finnek Finsterbusch
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-0884-5
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Münsterland-Krimi. Der fünfte Fall für Tenbrink und Bertram
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Reihe: beTHRILLED
ISBN: 978-3-7517-0884-5
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Beerdigung des jungen Oliver Herzog wendet sich die Mutter des Toten an Heinrich Tenbrink. Angeblich habe Oliver sich umgebracht, nachdem er seine Freundin Anna vom Dach einer alten Ziegelei gestoßen hat. Doch Olivers Mutter glaubt nicht an Selbstmord und bittet den pensionierten Kriminalrat um Hilfe. Eher widerwillig recherchiert Tenbrink im Umfeld der Ziegelei, die inzwischen von einer Künstlerkommune bewohnt wird, und stößt auf einen Jahre zurückliegenden mysteriösen Todesfall. Auch Tenbrinks ehemaliger Kollege und Oberkommissar Maik Bertram ermittelt in dem voller Widersprüche steckenden Fall - und hat es kurz darauf mit einer weiteren Leiche zu tun ...
Während Tenbrink gleichzeitig mit Liebeskummer zu kämpfen hat und Bertram sich Sorgen um die Gesundheit seiner kleinen Tochter macht, stoßen die beiden ungleichen Ermittler auf ein Gespinst von Lügen, Geheimnissen und Verbrechen.
Der fünfte Fall der beliebten Münsterland-Krimis! Bisher sind in der Reihe erschienen:
GALGENHÜGEL
TOTENBAUER
SCHULDACKER
RAUCHLAND
TOTENSANG (Kurz-Krimi)
Stimmen unserer Leser und Leserinnen zur Reihe:
'Die Hauptfiguren der Serie sind mir schnell ans Herz gewachsen und ich hoffe, dass es noch weitere Folgen in der Serie gibt. Und zwar bald, ich kann's kaum erwarten ...' (BrittDreier, Lesejury)
'Tom Finnek hat hier ein ungewöhnliches, sehr sympathisches Ermittlerpaar geschaffen, das durch die bildhafte Beschreibung sofort im Kopf des Lesers haften bleibt. Die beiden agieren glaubhaft und kommen authentisch rüber.' (Ladybella911, Lesejury)
'Ein wunderbarer, mit dezentem Humor gespickter, spannender Regionalkrimi mit einem außergewöhnlichen Ermittlerduo, welches einem schnell ans Herz wächst.' (Honigmond, Lesejury)
'Spannender Plot, interessante Figuren, tolle Atmosphäre' (_inga_, Lesejury)
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung!
Tom Finnek wurde 1965 im Münsterland geboren und arbeitet als Filmjournalist, Drehbuchlektor und Schriftsteller. Er ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und lebt mit seiner Familie in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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Samstag, 19. Oktober
1
Der Finstendorper Friedhof lag verschlafen und beinahe idyllisch am Rand des Dorfes, umgeben von abgeernteten Maisfeldern und immer noch grünen Wiesen. Der morgendliche Hochnebel hatte sich ein wenig gelichtet, und die Sonne stand als blasse Scheibe eine Handbreit über dem Horizont, konnte die Feuchtigkeit in der Luft aber nicht vertreiben. Herbstwetter eben.
Als er die Adresse »Am Sportplatz« auf dem Totenbrief gelesen hatte, waren Heinrich Tenbrink unwillkürlich schlimme Vorahnungen gekommen. Er hatte befürchtet, dass es sich um einen dieser neumodischen und seelenlosen Friedhöfe handelte, die allein nach Zweckdienlichkeit und praktischen Gesichtspunkten gestaltet waren – in Eile aus dem Boden gestampft, weil der alte Totenacker neben der Kirche von der zuständigen Behörde zum Bauland erklärt worden war. Neubaugebiete, so nannte Tenbrink in Gedanken diese meist baumlosen und mit hässlichen Betonskulpturen verunstalteten Friedhöfe, von denen er während seiner Zeit als Kriminalkommissar so viele zu Gesicht bekommen hatte.
Doch der Finstendorper Friedhof war alles andere als neu und auf eine angenehme Weise aus der Zeit gefallen. Riesige Buchen und Erlen beschatteten ein weitgehend naturbelassenes Areal, auf dem die Gräber nicht in Reih und Glied, sondern scheinbar ohne jede Ordnung verteilt waren. Als wäre der Friedhof Stück für Stück und je nach Bedarf mit dem angrenzenden Dorf gewachsen. Familiengräber und prunkvoll bebaute Grüfte befanden sich neben schlichten Einzel- und unscheinbaren Urnengräbern, auch der Bewuchs mit Bäumen, Büschen und Hecken war erfreulich uneinheitlich. In der Mitte des Friedhofs stand eine kleine und altertümlich wirkende Friedhofskapelle, weiß verputzt, mit beinahe quadratischem Grundriss und großem Kruzifix über der Eingangstür. Ein dünnes Glockentürmchen ragte oben wie die Spitze einer Pickelhaube aus dem Satteldach.
»Zu unserem Herrn Jesus Christus beten wir voll Vertrauen für unseren Bruder Oliver.« Der Priester im schwarz-violetten Gewand machte mit dem Weihwassersprengel ein Kreuzzeichen in die Luft. »Erlöse ihn, o Herr!«
»Erlöse ihn, o Herr!«, antworteten die nicht sehr zahlreichen Trauergäste, die sich um das offene Grab versammelt hatten.
»Von aller Schuld!«, rief der Priester mit Nachdruck und schwang erneut das Aspergill, während gleichzeitig der Sarg ins Grab hinabgelassen wurde.
»Erlöse ihn, o Herr!«, wiederholte die Gemeinde.
Schuld und Vergebung schienen bei dieser Beerdigung die beherrschenden Themen zu sein; das war Tenbrink bereits beim Requiem in der Kirche aufgefallen. Den Psalm 103 hatte der Priester sicherlich nicht ohne Grund als Leitmotiv der Trauerfeier ausgesucht: »Er vergibt deine ganze Schuld, heilt alle deine Gebrechen.« Auch wenn der Geistliche dabei womöglich eher an Verbrechen gedacht hatte.
Gertrud Büning drückte Tenbrinks Hand, seufzte tief und lehnte sich gegen ihn, als müsste sie gestützt werden.
»Alles in Ordnung?«, fragte er leise und tätschelte die mit Altersflecken übersäte Hand seiner Schwippschwägerin. »Willst du dich lieber hinsetzen?« Sie hielten sich etwas abseits auf, und nicht weit von ihnen entfernt stand eine Parkbank vor einer Ligusterhecke.
»Geht schon«, flüsterte Gertrud und schüttelte ihre frisch gemachte graublaue Dauerwelle. »Ich bin so froh, dass du mitgekommen bist, Heinrich. Allein hätte ich das nicht geschafft.«
»Ist doch selbstverständlich«, antwortete er achselzuckend. »Dafür ist Familie doch da.« Obwohl Gertrud im Grunde genommen gar nicht mit ihm verwandt war. Ihr verstorbener Mann war der Halbbruder seiner verstorbenen Frau Karin gewesen. Zu viele Verstorbene, dachte er und lächelte Gertrud zu.
»Traurig, oder?«, sagte sie nachdenklich.
»Was meinst du?«
Gertrud deutete mit ihrem Gehstock auf die spärliche Trauerversammlung am Grab. »Ein Junge aus dem Dorf stirbt, und es kommen gerade mal ein Dutzend Leute zum Begräbnis. Kaum Nachbarn, nur wenige Verwandte. Nicht mal seine Mannschaftskollegen sind hier. Die haben drüben vermutlich gerade ein Fußballspiel.« Sie deutete mit dem Daumen über ihre Schulter in Richtung des Sportgeländes, das der Straße den Namen gegeben hatte. »Eine Schande ist das.«
»Samstagmorgen ist eben eine ungewöhnliche Zeit für eine Beerdigung«, erwiderte Tenbrink und kam sich wie ein Heuchler vor. »Wusste gar nicht, dass Bestattungen samstags überhaupt erlaubt sind.«
»Das ist nicht der Grund«, zischte Gertrud so laut, dass einige der Trauergäste sich zu ihnen umwandten.
»Ich weiß.« Er nickte und räusperte sich. Ja, Tenbrink kannte den wahren Grund. Er hieß Anna Ostermann. Sie stammte, wie der heute beerdigte Oliver, aus Finstendorp und lag nur wenige Kilometer entfernt auf der Intensivstation des Altwicker Krankenhauses – mit schwersten inneren und äußeren Verletzungen. Seit Wochen war sie im Koma, wurde nur noch von Maschinen am Leben gehalten. Weil Oliver Herzog, Gertruds Großneffe, sie vom Dach eines Fabrikgebäudes gestoßen hatte. Aus Liebeskummer, wie es hieß. Dass er anschließend Selbstmord begangen hatte und dadurch der irdischen Strafe entgangen war, kam noch erschwerend hinzu. Kein Wunder, dass die Begräbnisfeier so schlecht besucht war. Trauer um den Täter hätte womöglich als Missachtung oder gar Verhöhnung des Opfers gedeutet werden können. Auf so was wurde in kleinen Dörfern streng geachtet.
»Von der Erde bist du genommen, und zur Erde kehrst du zurück!« Der Priester warf mit einer kleinen Schaufel etwas Erdreich ins Grab. Dumpfe Aufprallgeräusche waren zu vernehmen, als die Brocken auf den Sarg fielen. »Der Herr wird dich auferwecken.«
Während der Pastor die Arme ausbreitete und ein Vaterunser anstimmte, fiel Tenbrinks Blick auf den marmornen Grabstein in der Ecke des Familiengrabs. »Leander Herzog«, stand in großen Messinglettern darauf. Olivers Vater, der vor drei Jahren gestorben war. »Im See ertrunken«, wie Gertrud ihm auf dem Weg hierher erzählt hatte. »Die arme Claudia. Erst der Mann und jetzt der älteste Sohn. Beide auf so fürchterliche Weise gestorben. Beide im Wasser.«
Claudia Herzog, Gertruds Nichte, stand neben einem schlaksigen und etwas unbeholfen wirkenden Jugendlichen am Fußende des Grabes und warf nun ebenfalls etwas Erde in die Grube. Ihr Gesicht war durch einen dichten schwarzen Schleier verhüllt, aber an der gebückten Haltung und dem Zucken ihres Körpers konnte Tenbrink erkennen, dass sie von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Der Jugendliche, vermutlich Olivers jüngerer Bruder Tim, hatte sichtlich Mühe, seine Mutter zu stützen und davor zu bewahren, in die Grube zu stürzen. Erst als ein bulliger Mann mit Glatze neben sie trat, seinen Arm um ihre Schultern legte und leise auf sie einredete, schien sie sich ein wenig zu beruhigen. Das heftige Zucken ließ nach, nur die gebückte Haltung blieb. Als würde sie von einer unsichtbaren Macht zu Boden gezogen.
»Herr, gib Oliver und allen Verstorbenen die ewige Ruhe!«, rief der Priester, der sich zur Trauergemeinde umgewandt hatte.
»Und das ewige Licht leuchte ihnen«, antwortete Tenbrink automatisch, machte ein Kreuzzeichen und hakte sich bei Gertrud unter.
»Lass sie ruhen in Frieden!«
»Amen.«
Ein langer Moment der Stille folgte, bevor die Anwesenden sich allmählich gruppierten und eine kleine Schlange vor dem Grab bildeten, um sich von dem Verstorbenen zu verabschieden und den Angehörigen ihr Beileid auszudrücken.
»Blume oder Erde?«, fragte Gertrud, während sie sich am Ende der Schlange anstellten.
»Wie bitte?«
»Wirfst du eine Blume oder Erde ins Grab?«
»Erde natürlich«, antwortete Tenbrink verwundert. »Wieso sollte ich eine Blume ins Grab werfen?«
»Wird doch heutzutage so gemacht.« Gertrud ging in kleinen Trippelschritten vorwärts und seufzte tief. »Oder machen das nur die Frauen? Ist ja auch egal. Er war's übrigens nicht.«
»Wer war was nicht?«, fragte Tenbrink verwirrt.
»Oliver.« Sie wies mit dem Stock zum Grab. »Er hat das Mädchen nicht vom Dach gestoßen.«
»Wer sagt das?«
»Ich sag das. Und Claudia auch.« Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, hob sie wie drohend den Gehstock. »Oliver war ein ganz lieber und sensibler Junge. Nicht so ein Rabauke wie andere in dem Alter. Der hätte so was niemals getan. Nie im Leben. Kannst du mir ruhig glauben.«
Tenbrink wusste es aus Erfahrung besser, beließ es aber bei einem leisen Brummen und einem Augenrollen.
»Brauchst gar nicht so zu gucken, Heinrich!«, empörte sich Gertrud und klopfte mit dem Knauf ihres Gehstocks gegen seine Brust. »Er war's nicht!«
»Wenn du meinst«, erwiderte Tenbrink achselzuckend. »Wir sind an der Reihe.«
Gertrud trat schwerfällig an das Grab heran, nahm eine weiße Rose aus einem...




