E-Book, Deutsch, Band 3, 486 Seiten
Reihe: Moor-Trilogie
Finnek Moorteufel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-848-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman | Moor-Trilogie Band 3: Auf der Jagd nach der Wahrheit
E-Book, Deutsch, Band 3, 486 Seiten
Reihe: Moor-Trilogie
ISBN: 978-3-98952-848-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tom Finnek wurde 1965 im Münsterland geboren und ist als Filmjournalist, Drehbuchlektor und Schriftsteller tätig. Sowohl unter dem Pseudonym Tom Finnek als auch unter seinem richtigen Namen, Mani Beckmann, hat er bereits zahlreiche Krimis und historische Romane veröffentlicht. Tom Finnek ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Die Website des Autors: tomfinnek.de Der Autor bei Facebook: facebook.com/tom.finnek.mani.beckmann/ Der Autor auf Instagram: instagram.com/tomfinnek/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Moor-Trilogie mit den Bänden »Teufelsmühle«, »Die Kapelle im Moor« und »Moorteufel«.
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Kapitel 2
Unser Bauernhof bestand neben ein paar Morgen Weideland und einigen Äckern nur aus einem kleinen und altersschwachen Häuschen, dessen Spitzdach mit einfachen Holzschindeln gedeckt war und dessen Wände aus gehärtetem Lehm gefertigt waren. Im hinteren Teil des Hauses befand sich die Wohnstube, die zugleich als Küche, Waschkammer, Wohnraum und Schlafzimmer für die Eltern diente. Zwei kleinere und nicht beheizbare Kammern wurden von uns Kindern als Schlafräume genutzt. Da sich unter dem Dach der Getreidespeicher befand und hier viel Platz nötig war, um Heu und Stroh zu lagern, waren die darunter liegenden Kammern sehr niedrig. Der vordere Teil des Kottens wurde von der Tenne beherrscht, einer großen Diele aus gestampftem Lehmboden, auf dem im Sommer das Getreide gedroschen wurde. An der Längsseite der Tenne befanden sich die Stalltrakte, in dem wintertags die Rinder untergebracht waren. Auch das Pferd hatte hier seinen Holzverschlag. Allein die Schweine hatten einen eigenen Stall auf dem Hof, direkt neben einem kleinen Schuppen für die Werkzeuge und Arbeitsgeräte. Unser Kotten sah aus wie die meisten Höfe der Ahlbecker Pachtbauern, viel zu klein und gänzlich schmucklos, die Beengtheit – vor allem in der Wohnstube – führte zu einem heillosen Durcheinander. Die Wände der Stube waren rußgeschwärzt, und da es damals noch keine Schornsteine gab, musste auch bei bitterer Kälte das Fenster geöffnet werden, um den Rauch abziehen zu lassen.
Wie oft hatte ich die klamme Kälte, die durchdringende Feuchtigkeit und die betäubende Räucherluft in den Kammern verwünscht, wie oft hatte ich davon geträumt, in einem herrschaftlichen Haus oder doch wenigstens auf einem größeren Bauernhof zu leben! Doch so armselig und winzig der Kotten auch war, ich vermag kaum zu beschreiben, wie mein Herz vor Freude hüpfte, als ich an jenem Abend auf meinem Weg aus der Heide endlich am elterlichen Haus anlangte. Der windschiefe Lehmbau erschien mir in diesem Moment wie ein königlicher Palast. Ich wusste nicht genau, wie lange ich in der Dunkelheit herumgeirrt war und wie ich überhaupt zum Kotten zurückgefunden hatte. Mein Kopf dröhnte und schien platzen zu wollen.
Mein Vater wartete bereits vor der Tenne auf mich und versperrte mir den Weg. »Wo kommst du denn jetzt her?«, rief er und packte mich am Schlafittchen. »Verdammtes Blag11, weißt du nicht, wie spät es ist?!«
Er war ein großer und stämmiger Mann von knapp sechzig Jahren mit krausem, nur an den Schläfen ergrautem Haar und buschigen Augenbrauen, unter denen seine dunkelbraunen Augen mich böse fixierten.
Ich stand mit gesenktem Kopf vor ihm auf dem Hof, und die Tränen liefen mir über die Wangen, ohne dass ich recht wusste, wieso.
»Hör auf zu flennen!«, schrie er nur noch lauter. »Das kann dir auch nicht helfen! Godverdori12!«
Dass mein Vater gotteslästerlich fluchte, hätte mich warnen müssen, doch die Ohrfeige, die seinem Wutausbruch folgte, kam so unerwartet und war so heftig, dass sie mich von den Beinen riss und zu Boden schickte.
»Aber Heinrich«, hörte ich die Stimme meiner Mutter, die nun ebenfalls im Tor erschien. »Bist du denn verrückt? Schlägst ihn ja tot!«
»Rede keinen Unsinn, Frau!«, antwortete mein Vater, schüttelte den Kopf und zog eine Grimasse. »Der Bursche soll sich nicht so anstellen. Nichtsnutziger Lausebengel!« Er packte mich am Kragen und hob mich in die Höhe, als wäre ich aus Papier. »Das Vieh kann verhungern und im eigenen Mist versinken«, sagte er und hielt sein Gesicht direkt vor meinem. »Hauptsache, der Herr Sohnemann hat seinen Spaß, was?!«
»Entschuldige, Vater«, sagte ich leise und flehentlich. »Ich habe mich … im Nebel verlaufen … ich war … ich bin …« Verwirrt hielt ich inne, wusste nicht mehr, was ich sagen wollte, und sah meine Eltern ratlos an. »Es tut mir leid.«
Meine Knie schlotterten, und auch das Zittern meines Unterkiefers hatte ich nicht mehr unter Kontrolle. Meine Nase lief und war eiskalt, und meine Augen brannten wie Feuer. Mir war hundeelend, vor Scham und vor Kälte.
»O Gott, Junge! Was ist mit dir?«, sagte meine Mutter, nahm mich in die Arme und führte mich über die Tenne. Der Stallgeruch und die dampfende Wärme der Tiere schlugen mir wohltuend entgegen, ich atmete tief ein, und im gleichen Moment lief mir ein Schauer über den Rücken.
»Du wirst mir doch hoffentlich nicht krank?!«, rief meine Mutter besorgt. »Hast ganz glasige Augen. Lass mal deine Stirn fühlen. Ist ja ganz heiß. Kein Wunder, bist ja klitschnass! Was machst du aber auch für Sachen? Rennst den ganzen Tag im Regen herum, als wärst du nicht ganz richtig im Kopf. Was ist bloß in dich gefahren, Jeremias?«
»Völlig verweichlicht, der Bursche«, lautete der Kommentar meines Vaters. Er knallte das Tennentor zu und schüttelte erneut den Kopf. »Rotzlöffel!« Erst jetzt bemerkte ich den beinahe erleichterten Unterton in seiner Stimme. Es schien, als wäre er nicht so sehr aus Ärger als vielmehr aus Sorge so böse mit mir.
Noch nie war ich ohne Ankündigung so lange und bis weit nach Sonnenuntergang ausgeblieben, und dass ich meine Pflichten auf dem Hof vergaß, sah mir ebenfalls nicht ähnlich. Vermutlich hatten meine Eltern sich ernsthafte Sorgen gemacht, und dies war auch der Grund gewesen, warum mein Vater vor der Tennentür auf mich gewartet hatte.
»Du gehst sofort ins Bett«, befahl meine Mutter, mit strengem Seitenblick zu ihrem Mann, und schob mich in meine Kammer, die direkt neben der Wohnstube lag. »Ab unter die Decke! Ich komme gleich und bringe dir was Warmes. Dann geht es dir morgen schon wieder besser!«
Meine beiden kleinen Schwestern standen in der Tür zur Nachbarkammer und verfolgten die Szene mit einer Mischung aus Neugier und Schadenfreude. Als unsere Blicke sich trafen, kreischte Mechtild, die jüngere der beiden, laut auf und lief aufs Zimmer. Maria, die ältere, sah mich stirnrunzelnd und mitfühlend an, sie schien etwas sagen zu wollen, schwieg dann aber und folgte dem Beispiel ihrer Schwester.
»Und dass mir das nicht noch mal vorkommt«, rief mein Vater mir nach, nun schon merklich ruhiger. »Dann setzt es eine Tracht Prügel!«
»Ja, Vater«, sagte ich und verschwand in meiner Kammer. Nebenan hörte ich die Mädchen kichern und flüstern und erneut kichern. Doch ich nahm kaum noch etwas wahr oder nur wie durch Watte. Ich entzündete die Nachtkerze und warf mich heulend aufs Bett.
Als meine Mutter wenig später mit Milchsuppe und Kräutertee ins Zimmer trat, hatte ich die nassen Sachen ausgezogen, mich bibbernd unter die Wolldecke gelegt und meine Tränen getrocknet. Sonst war ich keine solche Heulsuse, aber im Moment war mir schlicht nach Weinen zumute. Auch als Mutter sich auf die Bettkante setzte und mir die Tasse mit dem Tee reichte, hatte ich Mühe, meine Tränen zurückzuhalten.
»Es ist dieses Mädchen, nicht wahr?«, sagte sie.
Ich stierte sie sekundenlang an, wusste nicht was ich sagen sollte, und nickte schließlich mit dem Kopf. »Woher weißt du?«
»Ich bin auch nicht ganz auf den Kopf gefallen.« Sie tätschelte meine Wange, gab mir einen Kuss auf die Stirn, schaute mich sorgenvoll an und fragte: »Seit wann geht das schon mit euch?«
»Seit ein paar Wochen«, antwortete ich. »Aber wir haben nichts getan, dessen wir uns hätten schämen müssen!«
»Und warum habt ihr es dann heimlich getan? Du bist achtzehn Jahre alt. Glaubst du, wir würden es dir verbieten, dich mit Mädchen zu treffen? Du bist alt genug, um selbst zu wissen, was du tust. Viele Jungs in deinem Alter sind längst verheiratet und haben Kinder.«
»Lotte ist nicht wie die anderen Mädchen«, sagte ich und hielt die Hand meiner Mutter. »Nicht so ein albernes Kicherweib wie die Ahlbecker Trinen. Sie liest Romane und schreibt Gedichte. Wir sind am See spazieren gegangen und haben geredet und uns aus Büchern vorgelesen.«
»Und ihr arrangiert heimliche Treffen in der Wildnis, als wärt ihr selbst aus einem Buch entfleucht«, erwiderte sie, tätschelte meine Hand und ließ sie dann los. »Das wirkliche Leben ist nun mal nicht so romantisch, wie es in den Büchern zu lesen ist. Händchenhalten ist gewiss eine schöne Sache, aber sie macht nicht satt.«
Wieder konnte ich sie nur verwundert anstarren. Schließlich brachen die Tränen wieder hervor, und ich rief: »Es ist nun ohnehin alles vorbei!«
Meine Mutter presste die Lippen aufeinander und sagte: »Wer weiß, vielleicht ist es besser so.«
»Nur weil sie eine Oldendorfsche ist?«, ereiferte ich mich, fuhr im Bett hoch und verschüttete dabei den Tee.
Meine Mutter sprang auf, da ich ihr einen Teil der Flüssigkeit über den Kittel geschüttet hatte. »Ach was, Jeremias, deswegen doch nicht«, sagte sie kopfschüttelnd, während sie sich gleichzeitig die Flecken mit einem Tuch abwischte. »Sie ist eine Boomkamp«, sagte sie mit ernster Miene und ging zur Tür. »Vergiss das nicht! Sie ist die Tochter des Amtmannes, und du weißt genau, was das heißt!«
Ich nickte und legte mich wieder hin. Ich wusste es nur zu gut. Boomkamp war in seiner Eigenschaft als Amtmann zugleich Hauptmann einer Landsturmkompanie. Anders als die im Felde kämpfende Landwehr blieben die Landsturmmänner in der Heimat und dienten dort als Hilfsgendarmen. Eine ihrer Aufgaben bestand darin, die Fahnenflüchtigen dingfest zu machen. So kam es, dass der einst von den Franzosen eingesetzte Amtmann nun dafür zuständig war, die Deserteure ins Gefängnis oder in den Krieg gegen Napoleon zu schicken. Das alles war mir durchaus bekannt, aber ich wollte es nicht wahrhaben.
»Der Krieg wird bald vorbei sein«, beharrte ich deshalb, »und dann wird niemand mehr von der Fahnenflucht reden!«
Diese...




