Finnek | Teufelsmühle | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 550 Seiten

Reihe: Moor-Trilogie

Finnek Teufelsmühle

Historischer Roman | Moor-Trilogie Band 1: Spannungsgeladen und abgründig
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-827-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Historischer Roman | Moor-Trilogie Band 1: Spannungsgeladen und abgründig

E-Book, Deutsch, Band 1, 550 Seiten

Reihe: Moor-Trilogie

ISBN: 978-3-98952-827-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein abgelegenes Dorf - eine Gemeinde voller Geheimnisse, so dunkel wie das Moor selbst ... Anno Domini 1535. Die Gewalt regiert im Bistum von Münster, seit der hiesige Bischof mit harter Hand den Aufruhr der Glaubensgemeinschaft der Wiedertäufer niedergeschlagen hat. So auch im abgelegenen Moordorf Ahlbeck, der Heimat des jungen Bauernsohns Ambros Vortkamp. Als dieser auf einen verwundeten Müller trifft, der zur abgebrannten Wassermühle will, kommt er mit abgründigen Geheimissen in Berührung - und tritt eine Reihe von Ereignissen los, die ihn in große Gefahr bringen ... Jahrhunderte später geht der Altertumsforscher Hermann Vortkamp, ein Nachfahre des Bauernjungen, den Ereignissen von damals nach - und macht mehr als eine finstere Entdeckung ... »Ein echter Pageturner ohne literarische Einbußen.« ZittyDer erste Band der historischen Moor-Trilogie (ehemals Band 3) kann unabhängig von den anderen Bänden gelesen werden und wird Fans von Oliver Pötzsch begeistern.In Band 2, der im 17. Jahrhundert spielt, sinnt ein Gaukler auf Rache, nachdem er erfährt, dass er als Säugling in Ahlbeck beinahe ermordet wurde ...

Tom Finnek wurde 1965 im Münsterland geboren und ist als Filmjournalist, Drehbuchlektor und Schriftsteller tätig. Sowohl unter dem Pseudonym Tom Finnek als auch unter seinem richtigen Namen, Mani Beckmann, hat er bereits zahlreiche Krimis und historische Romane veröffentlicht. Tom Finnek ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Die Website des Autors: tomfinnek.de Der Autor bei Facebook: facebook.com/tom.finnek.mani.beckmann/ Der Autor auf Instagram: instagram.com/tomfinnek/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Moor-Trilogie mit den Bänden »Teufelsmühle«, »Die Kapelle im Moor« und »Moorteufel«.
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Erstes Kapitel


Führt durchs Moor und zu den Überresten einer Mühle

Es war im Erntemonat{vii} des Jahres 1535, an einem lauen Sommerabend. Obwohl die Sonne tief und dunkelrot über dem Horizont stand und ein aufkommender Westwind über das Moorland und den nahe gelegenen Schwarzerlenwald wehte, war es immer noch angenehm warm im Ahlbecker Bruch. Vor einem kleinen, backsteinernen Kotten mit niedrigem, schindelgedeckten Dach saß ein Junge von etwa zehn Jahren im Schatten einer Eiche, schnitzte an einem Stück Wurzelholz und pfiff gedankenverloren eine monotone Melodie. Neben ihm lag ein schwarzer Holländerhund mit zotteligem Fell, das an der Schnauze bereits ergraut war.

Die Arbeit des Tages war getan, seit den frühen Morgenstunden war der Junge mit den Schafen in der Heide gewesen und hatte sie am Abend in der Hürde in der Nähe des Galgenbültens eingesperrt. Auch die Kuh war gemolken, und die beiden Schweine hatten ihr Futter erhalten. Der Vater war wie immer keine große Hilfe gewesen, er lag schnarchend im Alkoven neben dem Herd und schlief seinen Rausch aus. Das war auch besser so, dachte der Junge, denn wenn der Alte Wacholderschnaps getrunken hatte, war er unausstehlich, schrie wie besessen und schlug ohne Grund um sich. Eigentlich war er auch unausstehlich, wenn er keinen Schnaps getrunken hatte. Der Junge schloss die Augen und fuhr sich mit der Hand über das sonnengebräunte und sommersprossige Gesicht, als spürte er noch die Ohrfeigen auf seinen Wangen. Die flachsblonden Haare standen ihm wie struppige Borsten vom Kopf ab, seine spitze, mit Staub und Schweiß verschmierte Nase und die buschigen, dunkelblonden Augenbrauen gaben ihm ein keckes, beinahe wildes Aussehen. Gekleidet war der Junge in Hose und Hemd aus grobem Sackleinen, beides zerrissen und vor Dreck strotzend. Auch die nackten Füße waren fast schwarz und vermutlich seit Wochen nicht mit sauberem Wasser in Berührung gekommen.

Plötzlich schlug der Junge die Augen auf und schaute zum Sandweg, der sich unweit des Kottens durch Venn{viii} und Bruchwald schlängelte und in nordwestlicher Richtung zur holländischen Grenze führte. Es schien, als hätte er etwas gehört oder instinktiv gespürt. Auch der Hund hob den Kopf und knurrte leise. Der Junge blickte nach Süden, in Richtung Ahlbeck, und tatsächlich erkannte er einen Einspänner, einen kleinen Kutschwagen ohne Verdeck, der sich dem Kotten näherte. Der Junge schaute skeptisch und zog die Augenbrauen zusammen, was ihm ein noch wilderes Aussehen verlieh. Reisekutschen waren in dieser Gegend so gut wie nie zu sehen, zwar führte der Weg zur Grenze, endete aber an der Landwehr, die das Bistum Münster von der niederländischen Provinz Overijssel trennte. Der holprige und schmale Weg wurde nur von den umliegenden Bauern und Köttern benutzt, aber niemand von diesen besaß oder benutzte eine Reisekutsche. Diesen begegnete man nur auf dem Hessenweg, der alten Handelsstraße, die die Hansestadt Münster mit der holländischen Messestadt Deventer verband. Nur dort, unweit des Schulzenhofes, gab es einen Durchlass durch die Landwehr.

Der Wagen hatte sich inzwischen bis auf wenige Schritte genähert, und der Junge erkannte eine schwarze, männliche Gestalt auf dem Kutschbock. Der Mann war nach Patrizierart gekleidet, er trug eine Schaube{ix}, einen knielangen, weiten Mantelrock mit breitem Kragen und geschlitzten Öffnungen für die Arme, darunter ein steifes Wams und auf dem Kopf ein Barett, alles von schwarzer oder dunkelbrauner Farbe, ohne jegliche Verzierung oder Ausschmückung und für die heiße Jahreszeit gänzlich unpassend.

»Heda, Bursche!«, rief der Mann und winkte den Jungen zu sich.

Dieser reckte zwar den Kopf, bewegte sich jedoch nicht von der Stelle.

»Wie komme ich zur Ahlbecker Mühle?«, fragte der Fremde.

»Da seid Ihr hier falsch, Herr«, antwortete der Junge.

»Das habe ich mir bereits gedacht. Deswegen frage ich ja. Kannst du mir den Weg weisen? Kennst du die Wassermühle?«

Statt einer Antwort fing der Junge krächzend an zu lachen, es klang nicht wirklich belustigt, eher bitter und zugleich überrascht.

»Was gibt’s denn da zu lachen?«, erboste sich der Schwarzgekleidete.

»Das ist eine lange Geschichte, Herr«, antwortete der Junge mürrisch.

Der Mann wartete vergeblich auf eine Erklärung, sprang schließlich vom Kutschbock und ging zum Kotten. Er baute sich vor dem Jungen auf, stemmte die rechte Hand in die Seite und wiederholte seine Frage.

Der Hund knurrte.

»Aus!«, befahl der Junge, der nun aufgestanden war und den Fremden misstrauisch beäugte. Der Mann war etwa vierzig Jahre alt, recht groß und hatte dunkelbraunes Haar, das ein für die Sommerzeit viel zu bleiches Gesicht umrahmte und bis zu den Schultern reichte. Außerdem fiel dem Jungen auf, dass der Mann den linken Arm unter der Schaube versteckt hielt, nur der rechte ragte aus der seitlichen Öffnung.

»Die Mühle ist vor Jahren abgebrannt«, sagte der Junge schließlich. »Es ist bloß eine Ruine übrig. Alles verkohlt.«

»Ich weiß«, erwiderte der Mann. »Deswegen bin ich hier.«

Die hellblauen Augen des Jungen leuchteten neugierig, er reckte das Kinn vor, schwieg jedoch und nickte bedächtig.

»Wie ist dein Name?«, fragte der Mann.

»Ambros Vortkamp, Herr«, sagte der Junge.

»Ambros? Das ist ein seltener Name in der hiesigen Gegend.«

»Meine Mutter war keine Hiesige.«

»Kann ich sie sprechen?«

»Sie ist tot.«

Der Mann senkte den Kopf und fragte: »Und dein Vater?«

»Hm«, machte Ambros, fuhr sich über die geschwollene Wange und sagte: »Das ist keine gute Idee. Dann müsste ich ihn wecken.«

»Willst du dir einen Schilling{x} verdienen?«

Erneut leuchteten die Augen des Jungen für einen kurzen Moment, doch sofort verzog er wieder die Schnute und schüttelte den Kopf. »Der Hof«, sagte er, »der Vater schläft. Das Vieh und so. Und der Hund natürlich. Wenn Ihr versteht, was ich meine.«

Der Mann schien die verworrenen Worte durchaus zu verstehen und erwiderte: »Zwei Schillinge.«

Ambros grinste unmerklich, zuckte mit den Schultern und sagte: »Der alte Trunkenbold wird schon noch ein paar Stunden schlafen. Also meinetwegen.«

»Du solltest nicht so abfällig über deinen Vater reden«, tadelte ihn der Mann. »Ehren sollst du Vater und Mutter, so steht es in der Heiligen Schrift.«

»Die Mutter ist tot, und der Vater macht’s auch nicht mehr lang«, antwortete der Junge. »Ich red, wie’s mir passt. Wenn es Euch nicht gefällt, könnt Ihr ja die Mühle auf eigene Faust suchen. Im Dunkeln wünsch ich Euch viel Spaß dabei. Ihr wärt nicht der erste, der aus dem Moor nicht mehr herausfindet.« Er ging an dem Mann vorbei und betrachtete den Wagen. Das rechte Rad saß schräg auf der Achse, außerdem fehlten zwei Speichen. Ambros runzelte die Stirn, stieg auf den Kutschbock und befahl dem Hund, der freudig aufgesprungen war: »Du bleibst hier, Müntzer{xi}!« Der Hund kniff den Schwanz ein und trollte sich.

»Müntzer?«, wunderte sich der Schwarzgekleidete, setzte sich neben den Jungen und nahm die Zügel. »Ein seltsamer Name für einen Hund.«

»Vater hat ihm den Namen gegeben. Nach dem Bauernführer. Er meint, das wird die Pfaffen ärgern.«

»Da mag er wohl recht haben«, murmelte der Fremde. Er rümpfte die Nase, als nähme er einen strengen Geruch wahr, und schaute den Jungen skeptisch an. »Stinkst du so?«

»Das sind die Schafe«, sagte Ambros und grinste. »Wenn’s Euch nicht passt, könnt Ihr …«

»Ja, ja«, unterbrach ihn der Fremde. »Also, wohin?«

»Eigentlich müsstet Ihr zurück ins Dorf und dort auf den Hessenweg, aber das dauert zu lange«, antwortete Ambros und hielt dem Mann die offene Handfläche fordernd unter die Nase. »Ich kenne eine Abkürzung. Wenn Ihr Euch beeilt, schaffen wir es vor Sonnenuntergang.«

Der Mann kramte an seinem Gürtel nach dem ledernen Geldbeutel, öffnete ihn umständlich mit der rechten Hand und holte einige Münzen heraus. Ambros erkannte große und wie neu glänzende Silbertaler. Wenn er sich nicht irrte, war auf der Vorderseite das Wappen des Bischofs zu sehen: ein achtzackiger Stern im Schild. Es waren die größten Silbermünzen, die der Junge bisher zu Gesicht bekommen hatte. Silbertaler waren sehr selten in der Gegend, üblicherweise wurde im Münsterland mit Gulden gerechnet und bezahlt. Schließlich hatte der Fremde die Kleinmünzen gefunden und gab dem Jungen die versprochenen Schillinge. Wieder fiel Ambros auf, dass der Mann die linke Hand nicht benutzte, und er fragte sich, ob der Mann vielleicht nur einen Arm hatte. Und ob er die viel zu warme Schaube womöglich nur trug, um seine Versehrtheit zu verbergen.

»Wie willst du anschließend zurückkommen?«, fragte der Fremde. »Hast du kein Pferd?«

Wieder lachte der Junge bitter, rieb sich die Nase, drehte den gefundenen Dreck zwischen zwei Fingern und raunzte: »Versoffen hat er den Gaul!« Er deutete mit der Hand nach Westen und sagte: »Da lang!«

»Bist du sicher?«, antwortete der Mann.

»Wenn nicht ich, dann niemand.« Ambros verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte. »Kein Mensch kennt das Moor so gut wie ich«, fügte er prahlerisch hinzu, trat dem Pferd in die Flanke und rief: »Hü!«

Hinter ihnen bellte der Hund. Es klang ein wenig beleidigt.

Die Sonne berührte mittlerweile die Wipfel der Schwarzerlen. Die Kutsche fuhr auf dem sich merklich verengenden und zunehmend holprig werdenden Sandweg in Richtung Grenze. Links und rechts des Weges befand sich nichts als morastige Brache. Das von Torfmoosen und Wollgras bewachsene Hochmoor...



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