E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Amelie von Liebwitz
Fisch Die Ärztin - Eine unerhörte Frau
3. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-1824-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 1, 384 Seiten
Reihe: Amelie von Liebwitz
ISBN: 978-3-8412-1824-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie will Leben retten, um jeden Preis.
Berlin, 1908: Amelie, Tochter eines Arztes und einer Hebamme, hat seit jeher einen Traum: Sie will Ärztin werden. Mit achtzehn nimmt sie als erste Frau in Berlin das Studium der Medizin auf. Schon bald ist sie - begabt und ehrgeizig - den Anfeindungen ihrer Kommilitonen ausgesetzt. Dennoch gibt sie nicht auf. Als dann jedoch einer ihrer Neider versucht, den Ruf ihrer Familie zu schädigen, wird die Liebe zur Medizin für Amelie auf eine harte Probe gestellt.
'In Sabine Fischs Roman wird Geschichte lebendig.' Petra Hartlieb.
Sabine Fisch, geboren 1970, arbeitet seit fast 30 Jahren als Journalistin mit dem Spezialgebiet Medizin. Sie liebt spannende Geschichten, egal ob Biographien, historische Romane oder blutrünstige Thriller. Fisch ist verheiratet und lebt und arbeitet in Wien. 'Die Ärztin - Eine unerhörte Frau' ist ihr erster Roman.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
BERLIN, 15. OKTOBER 1909
Amelie von Liebwitz saß gähnend und zusammengekauert in ihrem Stuhl am Frühstückstisch. Ihre langen Haare waren zerrauft, in ihrem blassen Gesicht zeichneten sich dunkle Ringe unter den Augen ab. Sie griff nach der Kaffeekanne und füllte ihre Tasse bis zum Rand. Eigentlich war der schwarze Zaubertrank noch zu heiß, aber sie nahm trotzdem einen Schluck, verbrannte sich die Zunge, fuhr sich erschrocken mit der Hand an den Mund – und gähnte erneut. »Mein liebes Kind«, sagte ihre Mutter, Luise von Liebwitz, besorgt, »du siehst furchtbar aus. Bist du wieder die ganze Nacht über deinen Büchern gesessen?«
Amelie stellte ihre Kaffeetasse ab, richtete sich ein wenig weiter in ihrem Stuhl auf und blickte ihre Mutter an. »Ich habe die ganze Nacht gelernt«, sagte sie leise. »Und trotzdem habe ich schreckliche Angst vor der Anatomieprüfung.«
Amelie von Liebwitz gehörte zu den ersten weiblichen Studenten an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Seit knapp einem Jahr besuchten sie und ihre beste Freundin Felicitas die ehrwürdige Lehrstätte – und dieses Jahr hatte es in sich gehabt. Nicht nur die Herren Studiosi machten ihnen das Leben schwer, sondern auch viele Professoren. Einer davon war Professor Anton Wronski, ein berühmter Anatom und ausgewiesener Feind des Frauenstudiums.
»Ich weiß nicht, wovor ich mehr Angst habe«, gestand Amelie, griff nach dem Brotkorb und fischte eine frische Schrippe heraus, die sie dick mit Butter bestrich und mehrere Scheiben Schinken darauflegte. »Vor Wronski und seinen Prüfungsmethoden oder vor der Möglichkeit, dass er sich weigert, mir und Felicitas die Prüfung überhaupt abzunehmen.« Tatsächlich hatte Wronski damit gedroht, Felicitas und sie gar nicht zur Prüfung antreten zu lassen.
Ihrem Appetit tat allerdings die Angst vor der Prüfung keinen Abbruch. Sie biss herzhaft in ihr Brötchen und vertilgte es innerhalb kürzester Zeit. Dann führte sie die Tasse mit dem nun abgekühlten Kaffee zum Mund. »Ohne Frau Hallers Kaffee hätte ich die vergangenen Tage wohl nicht durchgestanden«, sagte sie und fuhr sich mit den Händen über die Haare, im vergeblichen Versuch, die rötliche Flut zu bändigen.
»Ich weiß wirklich nicht, wo du das hin isst, mein Kind«, Luise lächelte. Amelie war dünn wie ein Spargel, verdrückte bei jeder Mahlzeit allerdings Portionen, die einem Schwerarbeiter zur Ehre gereicht hätten.
»Lernen macht hungrig«, lachte Amelie und gähnte wieder. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. »Außerdem dauert die Prüfung fast den ganzen Tag. Ich habe keine Ahnung, ob ich dazwischen zum Essen kommen werde.« Ihr Lachen erstarb. »Oder ob ich heute überhaupt zur Universität gehen soll.« Ihre Miene verdüsterte sich.
»Amelie«, hob ihre Mutter an. »Ich weiß, dass du Angst hast, und ich meine, du hast auch allen Grund dazu.«
»Danke, Mutter für deine aufmunternden Worte«, Amelie funkelte ihre Mutter an.
»Aber es hat inzwischen eine Reihe von Situationen gegeben, vor denen du Angst hattest, seit du an der Uni bist – du wirst auch diese meistern, davon bin ich überzeugt.« Lächelnd lehnte Luise sich zurück und nahm ebenfalls einen Schluck von ihrem Morgenkaffee.
Amelie war versöhnt. »Danke, Mama«, sagte sie. »Du hast ja recht, es wäre dämlich, aus Angst jetzt die Waffen zu strecken.«
»Gut so, mein Kind«, sagte Luise zufrieden. »Und heute Abend erwartet dich ein feines Essen und sehr netter Besuch, Eberhard hat sich angesagt.«
»Onkel Eberhard kommt? Wie schön!«
»Ja«, antwortete ihre Mutter. »Er ist ebenso neugierig auf den Ausgang wie der Rest der Familie.«
»Na danke, Mama, es ist schön, dass du so gar keinen Druck auf mich ausübst.« Aber Amelie lächelte ihre Mutter dabei an. »Ich werde pünktlich hier sein, darauf kannst du dich verlassen.«
Als Amelie sich eben vom Frühstückstisch erheben wollte, klopfte es an der Tür. »Herein!«, rief Luise, die breite Flügeltür wurde geöffnet und die Haushälterin, Isabella Haller, trat ein. Ein Sonnenstrahl aus dem Fenster fiel auf ihren silbernen Haarknoten und ließ ihn aufglänzen.
»Guten Morgen, Fräulein Amelie«, sagte sie nun mit ihrer leisen, ein wenig rauen Stimme.
»Guten Morgen«, erwiderte Amelie den freundlichen Gruß. Erst dann erblickte sie die kleine Torte mit der einzelnen Kerze, die Frau Haller in Händen hielt. »Haben wir etwas zu feiern?« fragte Amelie.
»Noch nicht«, antwortete Frau Haller. »Aber ich dachte, die Torte könnte Sie auf Ihre heutige Prüfung einstimmen. Es ist Ihre Lieblingstorte, Amelie, Schokolade mit Sahne.«
Amelie lächelte: »Das ist wunderbar, Frau Haller. Ich nehme das mal als gutes Zeichen für die Prüfung heute.«
»Bitte, setzen Sie sich doch und essen Sie ein Stück Torte mit uns«, forderte Luise Frau Haller auf, die sich nicht lange bitten ließ, die Torte auf dem Frühstückstisch abstellte, Platz nahm und die Tortenstücke verteilte.
Amelie verschlang auch ihr Tortenstück mit drei schnellen Bissen. Luise und Frau Haller blickten sich an und brachen in Gelächter aus. »Das wird sich wohl nie ändern«, prustete Luise. »Niemand vernichtet Schokoladentorte so schnell wie du.« Auch Frau Haller lächelte, nahm einen sehr sittsamen Bissen von ihrer Torte und sagte dann: »Franz lässt Sie auch schön grüßen und wünscht Ihnen viel Glück für die Prüfung heute.«
Franz, das war Isabella Hallers siebzehnjähriger Sohn und der Grund für die Tätigkeit von Frau Haller als Haushälterin im Haushalt derer von Liebwitz. Luise hatte die blutjunge, schwangere Frau eines Abends in einer Hausecke entdeckt, als sie von ihren Hausbesuchen im Scheunenviertel zurückgekommen war. Hochschwanger und halb verhungert hatte Isabella Haller in der Hausecke gekauert und versucht, ein paar Pfennige zu erbetteln. Luise hatte sich ihrer erbarmt und sie mit nach Hause genommen. Isabellas Eltern hatten das siebzehnjährige Mädchen vor die Tür gesetzt, als sie festgestellt hatten, dass ihre Tochter ein uneheliches Kind erwartete. Der Vater des Kindes, ein Soldat der Leibgarde Kaiser Wilhelms, hatte sich aus dem Staub gemacht, als er von seinen bevorstehenden Vaterfreuden erfahren hatte. Isabella stand mittellos in der Welt. Luise hatte das junge Mädchen aufgepäppelt, ihren Sohn auf die Welt geholt und ihr Arbeit und ein neues Zuhause gegeben, etwas, für das Isabella Haller ihrer Ersatzfamilie auf ewig dankbar war. Isabellas Sohn, Franz, der mittlerweile siebzehn Jahre alt war und bei einem Schuster in die Lehre ging, war wie ein zweites Kind im Hause aufgewachsen. Für Amelie, die drei gewesen war, als Isabella Haller ins Haus gekommen war, war Franzi zuerst ein lebendes Spielzeug und dann der geliebte kleine Bruder geworden. Und Franz vergötterte seine große Schwester.
»Wisst ihr noch?«, fragte Luise in die plötzliche Stille hinein, »als wir dachten, jemand wolle Franz ermorden, weil er wie am Spieß geschrien hat?« Die drei Frauen blickten einander an und brachen in lautes Gelächter aus. Die Geschichte hatte sich zugetragen, als Amelie fünf Jahre alt gewesen war. Frau Haller hatte in der Küche das Abendessen vorbereitet, Luise von Liebwitz war eben von ihrer Abendrunde im Scheunenviertel zurückgekommen, als plötzlich markerschütterndes Geschrei das Haus erbeben ließ. Luise hatte Mantel und Hut in die Ecke geworfen, Frau Haller war aufgeschreckt aus der Küche gestürzt. Die beiden Frauen liefen die Treppe in den ersten Stock des Hauses hinauf. »Das Geschrei kommt aus Amelies Zimmer«, sagte Frau Haller, während Luise gleichzeitig sagte: »Das ist doch Franz, der da so brüllt.« Frau Haller stieß die Zimmertür auf und erstarrte bei dem Bild, das sich ihr bot. Luise schob ihre Haushälterin vorsichtig zur Seite und betrat Amelies Zimmer. Mitten auf dem Fußboden saß der dreijährige Franz mit tränenverschmiertem Gesicht und brüllte aus vollem Hals. Frau Haller trat nun ebenfalls ins Zimmer, eilte auf ihren Sohn zu und nahm ihn in ihre Arme. »Aber Franz, was ist denn nur?«, fragte sie besorgt.
»Die Amelie will mich mit der Nadel piksen«, heulte der Kleine. »Sie will mich stechen!« Franzi barg sein tränenverheertes Gesichtchen am Busen seiner Mutter und schluchzte erbarmungswürdig.
»Was soll das heißen – du wolltest ihn mit der Nadel stechen?«, erkundigte sich Luise, an ihre fünfjährige Tochter gewandt, die sich eine riesige weiße Schürze umgebunden hatte und tatsächlich eine Injektionsspritze in der Hand hielt. »Kind, wo hast du denn die Spritze her?« Luise war entsetzt.
»Na, aus Papas Zimmer«, antwortete die Kleine. »Ich wollte Franzi doch nur heile machen, er hat sich das Knie aufgeschlagen.« Amelies Zöpfe hatten sich halb aus ihren Zopfbändern gelöst, die Schürze schleifte über den Fußboden, aber das Kind richtete sich so hoch wie möglich auf und deutete auf den noch immer schluchzenden Franz. »Der Papa gibt immer Spritzen, und dann werden die Leute gesund«, krähte sie. »Und ich will doch ein Arzt werden wie Papa und den Franz heile machen.« Luise musste sich ein Lachen verbeißen. Jetzt galt es, erzieherisch tätig zu sein und sich nicht etwa über die Kapriolen ihrer kleinen Tochter zu amüsieren.
Sie trat zu ihrer Tochter, kniete sich neben sie auf den Fußboden und zog sie in ihre Arme. »Aber Amelie«, sagte sie und strich dem erhitzten Kind ein paar Locken aus dem Gesicht. »Wenn sich jemand das Knie aufgeschlagen hat, gibt Papa ihm keine...




