E-Book, Deutsch, Band 4, 386 Seiten
Reihe: Abby
Fischer Abby IV
3. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4423-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die wahre Heimat
E-Book, Deutsch, Band 4, 386 Seiten
Reihe: Abby
ISBN: 978-3-7597-4423-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Los Angeles 1927 Auf der Williams Ranch ist Unruhe eingekehrt, die 16-jährige Tochter Betty möchte nicht länger das einfache Mädchen von der Ranch sein und strebt nach Glanz und Glamour. Da sie einen gefährlichen Weg wählt, nimmt Abby ihre Tochter mit auf eine lange Schiffsreise. Robert dagegen zieht es in seine Heimat, nach Utah, wo er wieder Butch Cassidy sein könnte. Schwierige Entscheidungen müssen getroffen werden, doch das Leben lässt sich nicht immer planen.
Claudia Fischer, geb. 1965, stammt aus einem kleinen Ort in Bayern. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Lange Zeit war sie Realschullehrerin und unterrichtete dort Englisch und Musik, wurde jedoch wegen einer Erkrankung frühpensioniert. Seitdem ist sie Vollzeit-Autorin und Lektorin. Das Schreiben begleitete sie ihr ganzes Leben. Ihre Geschichten spielen vor dem Hintergrund des amerikanischen Wilden Westens, sie ist seit ihrer Jugend davon fasziniert, was sich auch in den Abby-Romanen zeigt, die das Leben der Banditen Butch Cassidy und Elzy Lay thematisieren. Ihr anderes Genre ist Thriller, etwas, das sie schon immer mit Begeisterung las.
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Williams-Ranch
August 1927 Robert Williams rieb sich die Hände und freute sich nach getaner Arbeit auf ein vorzügliches Abendessen zusammen mit seiner Frau Abby und ihrer gemeinsamen Tochter Betty. Gemütlich und zufrieden mit seinem Leben schritt er auf das Wohnhaus zu, das neben den Ställen auf seiner Ranch im Norden von Los Angeles mit seiner Einfachheit kaum auffiel. Weder er noch Abby hatten Wert darauf gelegt, mit ihrem Wohlstand zu protzen, sie lebten so, wie sie es von klein auf gewohnt waren, auch jetzt, nach so langer Zeit und mit den Früchten ihrer erfolgreichen Pferdezucht, verzichteten sie auf Luxus und die Annehmlichkeiten, die eine Stadt wie Los Angeles im Jahr 1927 bot. Sie hatten weder Elektrizität noch fließendes Wasser, was ihre Köchin Teresa oft beklagte, nur zu einem Telefon und zwei Autos hatten sie sich durchringen können, denn das war so weit draußen auch notwendig. Robert wurde wie immer von der munteren Hündin Alice umtanzt, trotz ihrer neun Jahre strotzte sie vor Kraft und nichts war ihr zu viel. Eigentlich hatte Alice Betty gehört, doch die Tochter des Hauses hatte seit längerer Zeit andere Vorlieben entwickelt und interessierte sich nicht mehr für Tiere, wie sie es als Kind getan hatte. So hatte die Hündin Glinda, die im letzten Jahr einen Schlangenbiss nicht überlebt hatte, keine Nachfolgerin bekommen, und Alice bewachte das Haus wieder allein, höchstens von dem eigenwilligen Kater Cheshire begleitet, mit dem sie eine Art Hassliebe verband. Als Robert näherkam, hörte er laute Stimmen und seufzte. Wieder einmal Unfrieden im Haus! Betty war in den letzten zwei Jahren immer unleidlicher geworden, nichts passte ihr mehr, sie empfand ihre Eltern als rückständig und altmodisch. Sie verbrachte daher die meiste Zeit auf dem Filmgelände in Hollywood, wo sie aufregende Menschen kennenlernte und ab und zu kleine Filmrollen ergatterte. Zwar lag ihr wenig an der Schauspielerei, ihr Steckenpferd war das Schreiben, sie verfasste Gedichte und hatte es schon zu einem Roman gebracht, aber sie behauptete, in der Beschränktheit der Ranch würde ihre Kreativität verkümmern. Das war zurzeit ihr Lieblingsargument. Nichts, was Abby oder Robert sagten, konnte diese Tatsache entkräften. Wahrscheinlich ging es wieder darum, dass Betty das Auto haben wollte, um noch nach Hollywood hinüberzufahren, was angesichts ihrer 16 Jahre ein Unding war. Er öffnete die Tür, nahm seinen Hut und zirkelte ihn an die Wand an einen Haken, wie er es immer machte, eine alte Gewohnheit, die er schon in seinen ganz jungen Jahren begonnen hatte. Doch niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit, zu sehr waren Abby und Betty in einen Streit vertieft. Robert nahm sich Zeit, die beiden Menschen zu betrachten, die für ihn das Liebste auf der Welt waren. Abby, seine Frau, trotz ihrer 53 Jahre bot sie immer noch einen schönen Anblick, war schlank und beweglich, die braungrünen Augen blitzten lebhaft wie eh und je aus ihrem sommersprossigen Gesicht, das allerdings ein wenig weicher und faltiger geworden war. Und das lockige Haar war nicht mehr rotblond, sondern eher grau, daher trug sie es meist aufgesteckt. Für Robert war Abby jedoch immer das 16-jährige Mädchen geblieben, das er vor vielen Jahren kennengelernt hatte, und das seitdem untrennbar mit ihm verbunden war. Betty, ihre Tochter, hatte sein etwas breites Gesicht geerbt, ebenso die blauen Augen, und ihre langen Haare waren blond wie seine und viel glatter als die der Mutter. Ihre Formen waren sehr weiblich, sie wirkte rundlich, aber nicht dick. Trotz ihrer jungen Jahre besaß sie jedoch Charakter, der jeden vergessen ließ, dass sie nicht dem Schönheitsideal ihrer Zeit entsprach, und der ihr immer wieder Türen öffnete, die anderen verschlossen blieben. Sie war es auch gewohnt, dass ihre Wünsche erfüllt wurden, denn gerade ihr Vater hatte ihr beinahe immer in allem nachgegeben und ihr kaum etwas abgeschlagen. Abby war machtlos gewesen dagegen. Trotzig lehnte Betty sich seit Wochen vehement gegen das in ihren Augen sinnlose Verbot auf, abends weggehen zu dürfen, wie es ihre Freunde taten. „Alle treffen sich heute!“, schrie Betty gerade ihre Mutter an. „Nur du erlaubst es wieder nicht!“ „Alle? Wer ist alle?“, fragte Abby, auch ihre Stimme war erhoben. „Alle eben. Du kennst sie sowieso nicht, was soll ich dir also Namen sagen. Es interessiert dich ja auch gar nicht, was sich in der Welt tut, hier, im Niemandsland, kein Mensch möchte hier leben, so wie ihr das tut! Ohne jeden Komfort! Die Eltern von Penny haben einen Swimmingpool im Garten, sie haben elektrisches Licht überall, Pennys Poolpartys sind en vogue und ich soll nicht dabei sein? Du willst mich ausschließen?“ Abby erblickte Robert und Erleichterung zeigte sich in ihrem Gesicht. „Deine Tochter möchte das Auto haben, um zu einer Poolparty zu fahren“, erklärte sie ihm. „Sag etwas dazu!“ „Was sind das für Leute?“, fragte Robert. „Ihr kennt sie nicht, sie wohnen in Hollywood, sind erst hergezogen, Pennys Mutter hat eine Rolle in einem großen Film, sie darf noch nicht darüber sprechen, aber es wird ein riesiger Erfolg.“ „Du kannst doch nicht nachts zu Leuten gehen, von denen keiner etwas weiß, Betty, wie stellst du dir das vor?“ „Alle gehen heute hin!“ Betty brach in Tränen aus. „Und ich habe extra das neue Kleid gebügelt, auch wenn es armselig ist im Vergleich zu dem, was Penny trägt!“ „Diese Penny ist mir jetzt schon unsympathisch“, murmelte Abby und fuhr mit lauterer Stimme fort: „Du bleibst zuhause, hörst du? Erst wollen wir wissen, was das für Leute sind, bevor wir dich zu ihnen fahren lassen!“ „Du bist so altmodisch, Mutter, so rückständig! Geh doch zurück in dein Utah, da passt du hin, aber nicht in das moderne Los Angeles!“ Robert räusperte sich. „Was hältst du davon, wenn ich dich hinfahre, mir alles einmal ansehe und dich um zehn Uhr wieder abhole?“ Betty hörte sofort auf zu weinen und fiel ihrem Vater um den Hals. „Oh, Daddy, du bist der Beste! Ich ziehe mich schnell um!“ Sie verschwand nach oben in ihrem Zimmer. Abby schüttelte resignierend den Kopf. „Was soll das, Bob? Warum gibst du ihr immer nach?“ „Ich habe heute hart gearbeitet und will meine Ruhe haben.“ „Die hättest du. Sie würde auf ihr Zimmer gehen und schmollen. Sie ist 16!“ „Wie alt warst du, als …“ „Das tut hier nichts zur Sache, das waren andere Zeiten und andere Umstände. Hier geht es um diese neureichen Leute, die Hollywood übervölkern und jeden verrückt machen. Ich will nicht, dass meine Tochter sich in dieser Gesellschaft bewegt. Sie kommt mit völlig unsinnigen Vorstellungen wieder heim und wer weiß, was für Kerle …“ Robert nahm seine Frau in den Arm. „Wir werden es nicht verhindern können, Abby. Betty muss lernen, auf sich selbst aufzupassen, mit 16 kann man das, du konntest es. Lass ihr die Freiheit, die du dir auch genommen hast! Du hast mit ihr über alles gesprochen, was wichtig ist, sie muss erwachsen werden.“ In diesem Augenblick kam Betty strahlend und geschminkt aus ihrem Zimmer. „Los, wir wollen fahren!“ „Willst du nicht noch etwas essen?“, fragte Abby. „Nein, keine Zeit mehr, es gibt dort Partyhäppchen, die genügen!“ Und sie zog ihren Vater mit sich aus dem Haus. Gleich darauf hörte Abby den Motor des alten Ford Touring dröhnen und sich schnell entfernen. Als alles wieder still war, sank sie auf einen Stuhl und schenkte sich ein Glas Wein ein. Trotz der seit sieben Jahren herrschenden Prohibition, sahen weder Robert noch Abby ein, dass man auf diesen Genuss verzichten musste. Sie hatten ihre geheimen Quellen, bezogen Whisky und Wein aus Mexiko und kannten auch in der Umgebung einige versteckte Bars, in denen unter der Theke Alkohol ausgeschenkt wurde. Die Ordnungshüter sahen größtenteils daran vorbei, niemand war so wirklich glücklich mit dem Gesetz, außer die weltfremden christlichen Puritaner. Mit denen hatte Abby sowieso noch nie etwas anfangen können. Sie war in einem Mormonenhaushalt aufgewachsen, das hatte ihr fürs Leben gereicht. Ihre Gedanken kehrten zu Betty zurück. Vielleicht hatte Robert ja recht, aber wohl war ihr nicht dabei, ihre Tochter zu diesen wildfremden Menschen zu lassen. Sie sehnte sich zurück nach der Zeit, als Betty noch kleiner gewesen war und all ihre Bestrebungen nur ihren Tieren galten. Und wie immer, wenn Abby so allein am Tisch saß, kamen die Erinnerungen. Sie hatte eine aufregende Vergangenheit gehabt, mit 16 war sie von zuhause ausgerissen, hatte sich den Outlaws in Utah und Wyoming angeschlossen, sie hatte Butch Cassidy und Elzy Lay kennengelernt und mit ihnen zusammengelebt. Doch dann hatte sie den Trail verlassen und in San Francisco einen reichen Erben und künftigen Teilhaber einer Kaufhauskette geheiratet. Die Ehe hatte...




