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E-Book

E-Book, Deutsch, 178 Seiten

Fischer Alternativlos?

Europäische Christen auf dem Weg in die Minderheit
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-290-17208-4
Verlag: TVZ Theologischer Verlag Zürich
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Europäische Christen auf dem Weg in die Minderheit

E-Book, Deutsch, 178 Seiten

ISBN: 978-3-290-17208-4
Verlag: TVZ Theologischer Verlag Zürich
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Die öffentliche Debatte zur Religion und ihren Zukunftsperspektiven bewegt sich zwischen Grabgesängen und Auferstehungshymnen. Dabei wird oft kaum unterschieden zwischen persönlicher Religiosität und ihren institutionalisierten Formen. Doch Entfremdung von der Kirche muss nicht Verzicht auf das Religiöse bedeuten. Helmut Fischer klärt die diffusen Begriffe und erhebt ein Religionsverständnis aus dem elementaren Zusammenhang von Menschsein, Sprache und Selbstreflexion. Das Potenzial des christlichen Glaubens speist sich nicht aus der Kirchlichkeit des Kults, nicht aus den Lehren der Kirche über Gott oder aus moralischen Forderungen. Christlicher Glaube hat dort Zukunft, wo er im Sinn der Liebesbotschaft Jesu als Lebensmöglichkeit verständlich und erfahrbar wird.

Autor/-in Helmut Fischer, Dr. theol., Jahrgang 1929, war zuletzt Professor am Theologischen Seminar in Friedberg/Hessen und während vieler Jahre dessen Direktor, seit 1991 im Ruhestand, ist er heute in der Lehrerfortbildung tätig, in der Erwachsenenbildung sowie als Autor und als Lehrer für Ikonenmalerei.
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2 Religion als eigenständiger Forschungsgegenstand


2.1 Wofür das Wort »Religion« heute stehen kann


Im volkstümlichen Sprachgebrauch wird alles der Religion zugerechnet, was etwas mit einer höheren Macht, mit übernatürlichen Vorgängen, mit Innerlichkeit, mit Gebet, mit Frömmigkeit, mit Kult, Ritualen und Kirche zu tun hat. Der Sammelbegriff ist so vielschichtig und zugleich so vage, dass eine Verständigung vorab, eine Begriffsklärung hilfreich sein wird. Vollständigkeit ist dabei nicht angestrebt.

2.1.1 »Religion« im allgemeinen Sprachgebrauch


In der Alltagssprache zählt zur Religion alles, was im eigenen Erfahrungshorizont als irgendwie religiös gewertet wird. Der kirchlich Sozialisierte spricht aus einem anderen Erfahrungshorizont als der in einem atheistischen Umfeld Aufgewachsene. Beide reden auf sich zentriert von Religion, aber mit verschiedenen Vorgaben und mit entsprechend unterschiedlichen Wertungen. Was der eine als göttliche Offenbarung, Wahrheit und Gebet verstehen mag, sieht der gelernte Marxist als jene Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, »deren Besonderheit in einer verzerrten, verkehrten Widerspiegelung der Natur und Gesellschaft im Bewusstsein des Menschen besteht« (Klaus in: Philosophisches Wörterbuch II, 1046f). Was der eine als normale kultische Praxis betrachtet, wird der andere vielleicht als archaischen Aberglauben verhöhnen. Die alltagssprachliche Verwendung des Wortes »Religion« ist für eine kultivierte Verständigung über Religion nicht brauchbar. Selbst in der gehobenen Diskussion scheint die Verwirrung groß. Der Sprachphilosoph Fritz Mauthner, Zeitgenosse Ernst Haeckels, schreibt in seinem Wörterbuch der Philosophie von 1910: »Es gilt als unanständig, gar kein bisschen Religion mehr zu haben; … selbst unsere |30| Monisten legen Wert darauf, das, wovon sie selbst nichts wissen, als eine monistische Religion zu bezeichnen.« (Mauthner in: Wörterbuch der Philosophie II, 311)

Religion begegnet uns in Europa in erster Linie in Gestalt von religiösen Institutionen, Organisationen, Gemeinschaften, Vereinigungen, Sekten, New Age-Angeboten u. a. m. Jede Religion als institutionell organisierte und gelebte Lebensform ist eine Ganzheit aus Glaubenswissen und Weltverständnis, aus gemeinsamen Werten, Verhaltensweisen und Riten, denen sich die Mitglieder verbunden und verpflichtet wissen und die sie identifizierbar und von anderen religiösen Gemeinschaften unterscheidbar machen. Religion in institutionell pluraler Form gibt es im christlichen Europa erst seit der Reformation in der Gestalt unterschiedlicher Konfessionen oder Kirchen. Die Pluralität unterschiedlicher Religionen ist in unserer Gesellschaft heute das Normale.

Kirche ist die Form, in der sich im 2. Jahrhundert die aus der Botschaft Jesu hervorgegangenen christlichen Gemeinden organisiert haben. Aus den zunächst losen regionalen Zusammenschlüssen in regionalen Synoden entstand in der lateinischen Welt die römisch-katholische Kirche und entwickelte sich zu einer hierarchisch gegliederten und streng zentralistisch geleiteten Organisation. Christliche Kirche auf dem Boden des Oströmischen Reiches organisierte sich in Patriarchaten. Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen haben das hierarchische und zentralistische Prinzip zurückgenommen oder ganz ausgeschieden und verstehen sich wieder von den Gemeinden her.

Kirche darf nicht mit Religion gleichgesetzt werden. Sie ist nur eine Äußerungsform von Religion. Judentum und Islam sind weniger institutionalisiert und weniger organisiert. Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus und Hinduismus sind in ihren verschiedenen Richtungen eher Lebenswege als religiöse Großorganisationen. |31|

Religion (Singular) als Sammelbegriff, der möglichst alle religiösen Erscheinungsformen umfasst, ist ein wissenschaftliches Konstrukt und eine Art »Suchraster«. Dieses Verständnis von Religion als ein Ganzes, das in den konkreten Religionen stets nur in unterschiedlichen Ausdrucksformen vorzufinden ist, entstand erst in der Spätaufklärung. Diese Sicht auf das Gemeinsame in allen Religionen ist ein Spezifikum, das aus der historisch-kulturellen Entwicklung des Abendlandes hervorgegangen ist und in anderen Kulturen kaum eine Entsprechung hat. Der Blick auf das allen Religionen Gemeinsame kann sich auf zwei Schwerpunkte richten.

a) Das substanzielle Verständnis fragt nach den gemeinsamen Inhalten der Religion, nach dem Wesen, das allen zugrunde liegt. Dabei ist man bisher über die allgemeine Aussage, dass sich alle Religionen mit dem menschlichen Sein befassen, noch nicht hinausgekommen. Mit der europäischen Unterstellung, dass »Religion die Auseinandersetzung des Menschen mit einer geheimnisvollen Macht bezeichnet« (Bertholet 504), die wir »Gott« nennen, werden bereits eine Reihe von Religionen ausgeschlossen. Das gilt erst recht für Günther Kehrers Feststellung, dass »alle substanziellen Definitionen von Religion in der einen oder anderen Weise darauf hinauslaufen, dass Religion der Glaube an übernatürliche Wesen sei« (Kehrer 1988, 23).

b) Das funktionale Verständnis fragt nach dem, was Religion tut, bewirkt, leistet, d. h., welche Funktionen sie ausübt, und zwar für den Einzelnen, für die Gesellschaft und für die Kultur. Die Frage nach der Funktion von Religion ist ergiebiger als die Frage nach deren Inhalt und Wesen. Das zeigen die Forschungsergebnisse der Religionsgeschichte, der Religionspsychologie, der Religionssoziologie, der Religionsethnologie und der Kulturgeschichte, von denen noch die Rede sein wird. |32|

2.1.2 Gott, das Heilige, das Andere


Aus abendländischer Sicht wird Religion »durch die existenzielle Wechselbeziehung zwischen Mensch und Gott« (Lanczkowski 33) oder übernatürlichen Wesen konstituiert. Diese eurozentrische Sicht von »Ohne Gott keine Religion« hat Geradus van der Leeuw mit der Feststellung relativiert, dass Gott ein »Spätling in der Religionsgeschichte« sei (van der Leeuw 103).

Der Theologe und Religionsphilosoph Rudolf Otto hat anstelle des personal vorgestellten Gottes das nichtpersonale »Heilige« als die allen Religionen zugrunde liegende Bezugsgröße ins Gespräch gebracht. So konnte z. B. von Gustav Mensching Religion umschrieben werden als »erlebnishafte Begegnung des Menschen mit der Wirklichkeit des Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen« (Mensching 103).

Die Elemente der Begegnung, Interaktion und Wechselwirkung zwischen den Menschen und dem wie immer bezeichneten »Anderen« gehören zum Wesen der Religion. Der personale Gott ist in dieser Sicht nur eine von vielen Ausdrucksformen für jenes Andere, Heilige, Größere, Transzendente, Umgreifende, Letztgültige, das nur in unser Bewusstsein treten kann, indem wir unser Leben zu ihm ins Verhältnis setzen, uns ihm aussetzen und uns mit ihm auseinandersetzen. Zugespitzt ließe sich sagen: Ohne Mensch kein Gott.

2.1.3 Religiosität


Religiosität dagegen bezeichnet das Verhältnis von Distanz und Nähe der Religionsgemeinschaft mit ihrem Wertegefüge, den Verhaltenserwartungen und Wertedeutungen auf der einen Seite und dem Bewusstsein und dem Teilnahmeverhalten des Einzelnen auf der anderen Seite. Zum Thema wird Religiosität erst, wenn Religion von einer öffentlichen zu einer privaten Angelegenheit wird und der Einzelne sich von der Religion, der er angehört, in eigener Entscheidung entfernen kann. Die Religiosität |33| des Einzelnen lässt sich demnach nur im Verhältnis zu einer bestimmten Religion oder zu einem Religionsverständnis beschreiben oder messen. Ohne Bezugsgrößen ist Religiosität weder messbar noch aussagbar.

Der weltweite »Religionsmonitor 2008« hat in der katholischen Kirche den Gottesdienstbesuch und das persönliche Gebet als die Kerndimensionen katholischer Religiosität hervorgehoben und im protestantischen Bereich das Interesse und die Teilnahme an jenen kirchlichen Angeboten ausgemacht, in denen es um Sinnfragen, um Deutungen des Lebens, um Bewältigung von Lebenskrisen geht. Religiosität ist auch außerhalb konfessioneller Prägungen in vielgestaltigen Transzendenzerfahrungen gegenwärtig.

2.1.4 Spiritualität


Der Begriff »Spiritualität« taucht zwar bereits im 5. Jahrhundert auf, wurde aber erst im 20. Jahrhundert zum »Modewort religiöser Gegenwartskultur« (Bochinger in: Metzler Lexikon Religion III, 360). Seit den 1960-er Jahren wurde das französische spiritualité durch katholische Theologen auch in der deutschen Sprache üblich, um eine kontemplative Lebensform zu charakterisieren. Im Englischen wird mit spirituality seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die freie Haltung in religiösen Dingen bezeichnet, die sich im Gegensatz zu einem »blinden Dogmenglauben« sieht. Erst die New-Age-Bewegung hat »Spiritualität« im deutschen Sprachraum populär gemacht.

Inhaltlich verbindet sich mit dem Wort »Spiritualität« »direkte, unmittelbare persönliche Transzendenzerfahrung« (Knoblauch 730). In diesem Verständnis wird der Begriff sowohl von pfingstlerischen und charismatischen Bewegungen in und am Rande der Kirchen in Anspruch genommen, aber in noch höherem Maße von den vielen Zweigen des New Age, wie z. B. von Gruppen, die keltische und germanische Rituale und schamanische Techniken wiederbeleben und asiatische Meditationsformen |34| praktizieren, sich Okkultismus, Magie und Esoterik aller Art widmen. Für die einen ist »spirituell« und »religiös« identisch, für die anderen ist gerade der Gegensatz wichtig. Die spirituellen Transzendenzerfahrungen können theistischer, pantheistischer oder mystischer Art sein....



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