E-Book, Deutsch, Band 3, 284 Seiten
Reihe: Das amerikanische Kind
Fischer Das amerikanische Kind
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-7152-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Flüstern der Rosen
E-Book, Deutsch, Band 3, 284 Seiten
Reihe: Das amerikanische Kind
ISBN: 978-3-8192-7152-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon als Kind war Claudia Fischer von Karl Mays Geschichten fasziniert, konnte gut nachvollziehen, wie er nur mit Hilfe von Landkarten durch die weiten Prärien zog und Abenteuer erlebte. Genau so schrieb sie auch ihre ersten Romane, damals gab es noch kein google maps, nein, allein Bücher, Atlanten und historische Karten beflügelten ihre Fantasie. Inzwischen ist dank Internet alles leichter geworden und bei allen Geschichten, die in ihrem geliebten Wilden Westen spielen, wurde Claudia Fischer die genaue historische Recherche zur Pflicht. Aber auch bei ihren Thrillern achtet sie sehr auf das korrekte Setting und brütet stundenlang über Ortsbeschreibungen und Fakten. Als die Autorin ihre Bücher schrieb, war sie noch voll im Berufsleben als Lehrerin tätig. Inzwischen ist sie wegen einer Krankheit frühpensioniert und nun als Lektorin und Organisatorin der Buchmesse LibeRatisbona in Regensburg mit erfüllenden Aufgaben beschäftigt. Unterstützung erhält sie von ihrem Mann und ihren zwei Söhnen, mit denen sie in einem kleinen Ort nördlich von Regensburg lebt.
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Das Telegramm
San Francisco, 9. Mai 1877
Nach all den aufregenden Erlebnissen hatte sich Jacky Harts Traum von einem normalen Leben endlich erfüllt.
Sie lebte mit ihrem Mann Ben und ihren beiden kleinen Kindern James und Maddie nun seit drei Jahren in San Francisco. Ihr Geschäft blühte, und die Familie hatte ein großes neugebautes Haus in der Jones Street bezogen.
Jacky arbeitete nur noch selten in ihren Läden, zuverlässige Angestellte sorgten für einen reibungslosen Ablauf, und die Leitung hatten ihr Mann Ben und sein bester Freund Jesse übernommen. Sie überprüfte allerdings regelmäßig die Bücher, damit alles in Ordnung war.
Niemand würde bezweifeln, dass der Wohlstand der Familie zum allergrößten Teil Jackys Entschlossenheit und Geschäftstüchtigkeit zu verdanken war. Doch nun fand sie, dass sie genug getan hatte, und kümmerte sich lieber um ihre Kinder und um Ben, der sich nie mehr richtig von den Folgen des Brandes erholt hatte, den Jeff Taylor in ihrem ersten Laden gelegt hatte und der sie beinahe das Leben gekostet hätte.
Jeff Taylor … Jacky schüttelte sich jedes Mal, wenn sie nur an ihn dachte. Er war der Bruder des Mannes gewesen, der einst ihre Familie ermordet hatte, der Bruder des Mannes, den Jacky erschossen hatte, wofür man sie ins Gefängnis gesteckt und nur auf Grund eines Gnadengesuches freigesprochen hatte. Er war derjenige gewesen, der die hochschwangere Jacky entführen ließ, doch sie hatte sich in letzter Sekunde befreien können.
Daraufhin hatte Jeff Taylor in San Francisco selbst zugeschlagen, er hatte Brände gelegt, aber schließlich war es Jacky, Ben und Jesse gelungen, diesen Verbrecher zu töten, als er erneut einen brutalen Anschlag auf Jackys Leben versucht hatte.
Ben hatte bei dem Brand zu viel giftigen Rauch eingeatmet, seine Lunge war schwer geschädigt worden. Er litt unter Kurzatmigkeit und wurde immer wieder von bösen Hustenanfällen gequält, die sich nur besserten, wenn er Stunden am Meer verbrachte.
Jacky selbst hatte in ihrem Leben zwei schwere Schussverletzungen überstanden, die letzte in die Hüfte schmerzte oft, und sie zog das linke Bein leicht nach, ansonsten war sie körperlich unversehrt aus der ganzen Geschichte hervorgegangen.
Sie hatte endlich begonnen, ihr Leben wirklich zu genießen, und war glücklich und zufrieden.
Ihre Tochter Maddie war am 25. Juni 1876 zur Welt gekommen, ein kräftiges kleines Mädchen, das mit ähnlichem Eigensinn gesegnet war wie ihre Mutter.
Viel später erfuhr Jacky, dass der Geburtstag genau der Tag war, an dem General Custer seine große Niederlage im Kampf gegen die indigenen Völker am Little Bighorn erlitten hatte. Jacky war sich sicher, dass zumindest ein Krieger, den sie gut kannte, bei Custers letzter Schlacht dabei gewesen war.
In ihrer Kindheit in Denver war sie von dem Cheyenne Manyeyes mit erzogen worden, seine Lehren hatten ihr über viele Klippen geholfen, die das Leben für sie bereitgehalten hatte. Als sie sich von ihm vor vielen Jahren verabschiedet hatte, hatte er ihr erzählt, dass er nach Dakota gehen würde, in die Black Hills, die schwarzen Hügel, wo man ihnen in Washington ein Gebiet versprochen hätte. Nun war es aber so, dass genau in den Black Hills Gold gefunden wurde, sodass das Versprechen wie so viele andere erneut gebrochen wurde, und General Custer mit seiner Kavallerie auszog, um die dort friedlich lebenden Stämme zu vertreiben.
Niemand hatte daran geglaubt, dass die Cheyenne, Arapaho, Lakota und noch viele andere Stämme sich zusammentun und den Soldaten diese vernichtende Niederlage bescheren würden, doch genau das war geschehen. Custer, der tragische Held, war tot und mit ihm die gesamte 7. Kavallerie.
Das war natürlich ein großer Schock für die junge amerikanische Nation, die die Nachricht über den furchtbaren Ausgang der Schlacht ausgerechnet am 4. Juli erhielt, an dem Tag, als überall im ganzen Land die Feiern zum hundertjährigen Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung stattfanden.
Dass Maddie genau an Custers Schicksalstag, dem 25. Juni, geboren wurde, war für Jacky ein Zeichen, dass es immer noch eine wie auch immer geartete Verbindung mit Manyeyes gab. Als hätte er ihr am Tag des großen Triumphes eine Tochter gesandt.
Im Herzen fühlte Jacky mit den Indigenen, sie hoffte sehr, dass Manyeyes überlebt hatte. Denn danach war es natürlich weitergegangen, die kriegerischen Stämme waren schließlich in einer letzten Schlacht im Januar 1877 vernichtend geschlagen worden und hatten sich in alle Winde zerstreut.
Doch ihre geheimen Gedanken hätte sie einer über den Sieg jubelnden weißen Gesellschaft nie so mitteilen können. Das konnte sie nur ihrem Mann Ben und ihren engsten Freunden Sue und Jesse erzählen.
Nun war Maddie beinahe ein Jahr alt und übte sich mit Ausdauer im Krabbeln, während der fast dreijährige James auf strammen Beinchen durch das Haus rannte und sein Kindermädchen zur Verzweiflung trieb. Alles in allem war es ein gutes Leben und Jacky fand, das hatte sie nach all den Aufregungen verdient.
Als am Nachmittag des 9. Mai ein Telegramm eintraf, wusste Jacky jedoch sofort, dass sich ihr geruhsames Leben schlagartig ändern würde.
Sie war mit den Kindern zuhause im Garten und hörte die Haustürglocke schellen. Um diese Zeit? Das konnte nichts Gutes bedeuten. Besuche wurden im Normalfall angekündigt, niemand würde unangemeldet hereinschneien, das galt als sehr unhöflich.
Und tatsächlich erschien gleich darauf das aufgeregte Hausmädchen mit dem Telegramm und überreichte es Jacky.
„Das wurde gerade gebracht!“, rief das Mädchen atemlos und versuchte, ihre Neugierde zu zügeln.
Jacky riss den Umschlag auf, las und erstarrte.
Sam und Allie Warner waren Jackys Adoptiveltern und lebten immer noch in Denver. Tante Allie war ernsthaft erkrankt? Und wollte Jacky sehen? Das hieß nichts anderes, als dass sie im Sterben lag.
„Etwas Schlimmes?“, fragte das Mädchen mitfühlend.
Jacky kehrte mit einem Ruck in die Wirklichkeit zurück.
„Ja“, antwortete sie. „Ich werde verreisen müssen. Pack einen großen Koffer für mich und die Kinder und schick Anthony zum Hafen, er soll sich nach der nächsten Zugverbindung nach Denver erkundigen.“
„Nach Denver?“
„Ja, nach Denver!“, bestätigte Jacky ungeduldig. „Mach schnell und tu, was ich dir auftrug! Ich werde zu Mr. Hart ins Geschäft laufen und ihm Bescheid sagen.“
„Wird Mr. Hart nicht mit Ihnen fahren?“
Jacky überlegte.
„Ich denke nicht, aber ich spreche jetzt mit ihm. Bereitet alles für die Reise vor. Anna wird mit uns kommen, ich brauche sie für die Kinder.“
Anna war das Kindermädchen, Jacky hatte nicht vor, ihre Kinder allein zurückzulassen, wer wusste schon, wie lange sie in Denver gebraucht würde. Tante Allie krank, Jacky mochte sich das gar nicht vorstellen, wie sollten die Dinge dort ohne sie laufen?
Sie setzte sich einen Hut auf und verließ schnell das Haus, um zur nächsten Kabelbahn-Station zu eilen. Gekonnt schwang sie sich auf das Trittbrett eines Waggons und sprang in der Claystreet ab, dort wo sich immer noch ihr Laden befand, der inzwischen jedoch auf zwei Stockwerke ausgebaut worden war.
Ben blickte überrascht auf, als sie eintrat. Er bediente gerade einen Kunden und Jacky wartete geduldig und mit gezwungen freundlichem Lächeln, bis er fertig war. Dann nickte sie ihm zu und deutete auf einen der Lagerräume. Ben verstand sofort und geleitete seine Frau nach hinten, wo sie ungestört waren.
„Was gibt es?“, fragte er.
Jacky reichte ihm das Telegramm. Ben las und setzte sich erst einmal.
„Du wirst natürlich sofort hinfahren“, meinte er.
„Ja, das werde ich wohl müssen. Und ich nehme die Kinder mit, sie sollen dir nicht zur Last fallen. Du musst hierbleiben, du musst dich um das Geschäft kümmern. Jesse schafft das nicht allein.“
„Mrs. Warner muss sehr schwer krank sein.“
Jacky nickte traurig.
„Ich hoffe, ich treffe sie noch lebend an. Arme Tante Allie, armer Onkel Sam …“
„Da sind aber doch noch zwei Söhne, wenn ich mich nicht irre?“
„Ja, meine Brüder Mike und Fred. Ich weiß nicht, was mit ihnen ist, Onkel Sam schreibt kaum etwas über sie. Ich weiß auch nicht so recht, warum Tante Allie mich sehen will, ich war das schwarze Schaf und habe ihr nur Schande gemacht. Also denke ich, es ist wirklich dringend, sonst hätte sie diesen Wunsch nicht. Ich bin ihr etwas schuldig.“
Er seufzte. „Du bist immer irgendjemandem irgendetwas schuldig, scheint mir, aber diesmal stimme ich dir sogar zu. Du hast eine Verpflichtung gegenüber deiner Familie, gerade weil Sam so viel für dich tat, als es um die Taylors ging.“
„Anthony erkundigt sich bereits nach Zügen, ich werde Anna mitnehmen“, berichtete Jacky mit gerunzelter Stirn. Ihre Gedanken überschlugen sich, so viel war noch zu...




