E-Book, Deutsch, 562 Seiten
Fischer Das verbotene Tagebuch einer Kammerzofe - England 1786
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-3877-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Memoires dune femme de chambre 1786
E-Book, Deutsch, 562 Seiten
ISBN: 978-3-6957-3877-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Horst Fischer ist ein literarischer Hobbyarchäologe von Lost Books. Er widmet sich der Suche nach vergessenen oder unbekannten Werken vergangener Jahrhunderte und macht sie für moderne Leserinnen und Leser wieder zugänglich. Seine Leidenschaft gilt historischen Druckwerken aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die er sammelt, erforscht und sorgfältig neu aufbereitet. Durch geduldige Transkription, moderne Lesbarmachung und behutsame Kommentierung erweckt er Texte zu neuem Leben, die ohne seine Arbeit im Schatten der Geschichte geblieben wären. Viele seiner Funde stammen aus kleinen Privatbibliotheken, vernachlässigten Konvoluten, Einzelbänden unbekannter Herkunft oder kaum dokumentierten Offizindruckereien. Aus solchen Quellen formt er eigenständige Neueditionen, die historische Authentizität mit heutiger Lesbarkeit verbinden. Neben seinen Rekonstruktionen verlorener Literatur arbeitet Horst Fischer an mehreren eigenen Buchreihen, darunter naturkundliche Kinderbücher, literarische Erzählungen und kulinarische Projekte, die historische Kochkunst in die Gegenwart übertragen. Seit 2025 veröffentlicht er kontinuierlich neue Werke und baut ein wachsendes Gesamtwerk auf, das Forschung, Kreativität und die Bewahrung kultureller Vergangenheit vereint. Sein Ziel ist es, verschüttete Geschichten, seltene Drucke und lange übersehene Stimmen aus alten Zeiten wieder sichtbar zu machen.
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(Original Titelseite Band 2)
Das verbotene Tagebuch einer Kammerzofe England 1786
Band 2
Ich verließ Madame L…n, um in den Dienst von Lady J…n zu treten; diese Dame, deren Schönheit zwar weniger strahlend, deren Würde und feiner Anstand jedoch nicht minder bemerkenswert waren, nahm mich mit einer Güte auf, die mich schon am ersten Tag spüren ließ, dass sie weder harte Befehle noch kalte Distanz kannte.
Obwohl ich erst kurze Zeit bei ihr war, wurde ich bald zu ihrer Vertrauten und zurjenigen, der sie all ihre kleinen Sorgen, ihre Gedanken und Launen anvertraute; ja, ich war diejenige, die sie am liebsten um sich hatte, die sie bevorzugte, wenn es darum ging, ihr engstes Umfeld zu bestimmen.
Während dieser ersten Wochen, in denen ich ganz in ihrem Dienst stand, begleitete ich sie eines Tages zum Bad am Meer, und es ergab sich dabei eine Gelegenheit… Es war unmöglich, sich ihrem Anblick zu entziehen, ohne in jenes leise Staunen zu verfallen, das uns überkommt, wenn die Natur selbst ein Meisterwerk hervorbringt, das weit über die kühnsten Versuche der Kunst hinausreicht.
Lady J…n besaß eine Schönheit, die nicht nur aus einzelnen, wohlgeformten Zügen bestand, sondern aus einem vollkommenen Gleichmaß, einer Harmonie, die sich weder fassen noch beschreiben ließ.
Die Bildhauer der Antike hatten ihre Götter aus Marmor erschaffen und ihnen die berühmtesten Proportionen verliehen – doch selbst ihre gefeierten Statuen, die in den Salons der Kenner bewundert wurden, konnten sich nicht mit der lebendigen Eleganz messen, die Lady J…n allein durch ihre natürliche Haltung ausstrahlte.
Wenn man sie betrachtete, begriff man unweigerlich, dass in der Natur immer ein unaussprechlicher Rest an Wahrheit, an vibrierender Lebendigkeit blieb, den kein Meißel, kein Pinsel, kein noch so erfahrener Künstler jemals einzufangen vermochte.
So oft ich ihr Haar kämmte – ein Haar, das weich wie Seide und zugleich schwer wie Gold war – überkam mich das Gefühl, nicht einer gewöhnlichen Frau zu dienen, sondern einer Gestalt, wie sie nur in Mythen beschrieben wird.
Ich stellte mir vor, dass selbst die Göttin Venus, als sie einst aus dem Schaum der Wellen emporstieg, nicht strahlender, nicht vollkommener hätte sein können als Lady J…n an jenem Morgen.
An diesem besonderen Tag wählte sie ein Gewand, das zugleich das leichteste, verführerischste und anmutigste war, das sie besaß:
ein Kleid, das mehr andeutete, als es verbarg, und das sich bei jeder ihrer Bewegungen wie eine zweite Haut an sie schmiegte.
Ich war erstaunt über den kunstvollen Geschmack, mit dem sie die zartesten Stoffe auswählte, mit welchem Instinkt sie jede Schleife, jede Borte, jede noch so kleine Falte ordnete, als würde sie aus sich selbst heraus wissen, welchen Zauber sie auf ihre Umgebung ausübte.
Und doch ahnte ich nicht, dass all diese sorgfältigen Vorbereitungen, all diese leichten, beinahe spielerischen Raffinessen eines Tages ihre Erklärung finden würden.
Ich sollte schon bald – viel früher, als ich glaubte – die Gelegenheit erhalten, dieses Rätsel zu durchschauen …
Kaum war ihre aufwendige Toilette vollendet, erhob sich Lady J…n mit jener mühelosen Anmut, die jede ihrer Bewegungen begleitete, und begab sich in ein kleines Kabinett, das zum Garten hinaus lag.
Es war einer jener Räume, die man heute kaum noch antrifft – ein zärtlich geformtes, kunstvoll ausgestattetes Boudoir, geschaffen nicht für repräsentative Zwecke, sondern einzig für jene süßen, verschwiegenen Stunden, in denen eine Frau sich selbst gehört.
Schon beim Eintreten umfing uns ein Duft von Rosenöl und von jenen seltenen Hölzern, aus denen die eleganten Möbel gefertigt waren.
Die Wände waren mit feinen Gravuren verziert, Szenen der Mythologie, zarte Darstellungen von Nymphen, die in waldigen Lichtungen ruhen, Götter, die sich unter Efeu beugen, und Liebende, die einander begegnen in jener Mischung aus Unschuld und Verlangen, die den Künstlern jener Zeit so teuer war.
Es war ein Raum, der – allein durch sein Dasein – an den Tempel der Liebe erinnerte.
Alles darin schien geschaffen, um die Sinne zu bezaubern:
die weichen Teppiche, die feinen Farben des Gemäldes über dem Kamin, selbst das gedämpfte Licht, das durch ein halb verhangenes Fenster fiel, ließ die Luft warm und träge werden.
Ich verspürte eine unbeschreibliche Ungeduld, denn ich brannte darauf zu erfahren, wie diese vollkommene Frau ihre Stunden in diesem verführerischen Rückzugsort verbrachte.
Die Mittagswärme war drückend, und Lady J…n, die sehr empfindlich auf Hitze reagierte, zog die Vorhänge halbherab, um die zudringlichen Strahlen der Sonne auszusperren.
Ein weiches, goldenes Zwielicht füllte nun den Raum und verwandelte ihn in ein stilles Reich der geheimen Gedanken.
Sie löste langsam die Schleifen an ihrem Gewand, ein Vorgang, der so beiläufig wirkte, dass er doch zugleich die eindringlichste Aufmerksamkeit verlangte.
Ihr Haar, das sie kunstvoll hochgesteckt hatte, begann sich in einzelnen Strähnen zu lösen; diese glitten über ihre Schultern wie feine, dunkle Seide.
Ich stand unwillkürlich still, gebannt von diesem Anblick.
Noch ahnte ich nicht, dass sich in diesem Augenblick der erste Schleier ihres Geheimnisses heben würde…
Kaum hatte Lady J…n die feinen Bänder ihres Korsetts gelöst und das leichte Rascheln des Stoffes verklang, ließ sie sich mit einer Mischung aus Müdigkeit und wollüstiger Erschöpfung auf den weichen Sopha sinken.
Der Duft der Blumen aus dem Garten wehte durch das halb geöffnete Fenster, und das gedämpfte Licht hüllte ihren Körper in eine zarte Wärme, die sie beinahe vollständig zu umfassen schien.
Ein süßer, halb traumhafter Schlummer schien sich ihrer Sinne zu bemächtigen.
Ihr Atem wurde unregelmäßig, ein sanftes Auf und Ab, wie die Bewegungen einer Brust, die von einer geheimen Sehnsucht bewegt wird.
Ihre Lippen öffneten sich leicht, und in jener winzigen Spalte entwich ein Laut – halb Seufzen, halb Wort, unverständlich und doch voller Bedeutung.
Ihre Wangen hatten die Farbe des lebendigsten Inkarnats angenommen, und ihr Gesicht glühte wie das einer Frau, die in ihren Träumen einem Gefühl nachgegeben hat, welches sie im Wachen kaum zu gestehen wagt.
Plötzlich, als stiege ein Rest ihres Traums in ihr Bewusstsein auf, flüsterte sie mit bebender Stimme:
„Ja… Sie lieben mich…“ Die Worte kamen stockend, unterbrochen von Seufzern, als würde ihr Innerstes nach außen dringen und die Zartheit ihres Herzens preisgeben.
Dann, fast klagend, fast flehend:
„Wie könnten Sie daran zweifeln… geliebt zu sein…?“
Was darauf folgte, waren mehrere Laute, eine Folge von zärtlichen Beschwerden, so leise, so vermischt mit Atemzügen, dass ich sie nicht zu unterscheiden vermochte; sie hatten die weiche Unklarheit von Worten, die mehr empfunden als gesprochen werden.
Nach einer Weile öffnete Lady J…n langsam die Augen.
Sie sah sich um, verwirrt, wie eine Frau, deren Seele noch zwischen Traum und Wirklichkeit schwebt.
Ihr Blick war schwer, erfüllt von einer Mischung aus Zärtlichkeit und einer Art süßer Scham, wie sie nur jene Empfindungen hervorbringen, die man im Schlaf preisgibt, ohne sie lenken zu können.
Ihre Augen atmeten reine Empfindsamkeit.
Ein zarter Schleier von Wärme und Verlangen lag darüber, als habe ihr Traum die letzten Funken eines verborgenen Feuers entfacht.
Als sie aus ihrem tiefen, von geheimnisvollen Bildern durchwehten Schlummer allmählich in die Wirklichkeit zurückkehrte, schien es mir, als erwache nicht bloß ihr Körper, sondern als ringe auch ihre Seele mit jenem zarten, beinahe schmerzlichen Gefühl des Verlustes, das ein süßer Traum hinterlässt, wenn er sich verflüchtigt, bevor das Herz begreift, dass er nur ein Schatten war; denn ihre Augen, noch halb verschleiert vom Schlaf, irrten suchend im Raum umher, als wollten sie die Gestalt wiederfinden, die ihre Fantasie eben noch umarmt hatte, und in diesem unruhigen Schweifen lag etwas so rührend Verletzliches, dass ich augenblicklich spürte, wie ihre Gedanken noch ganz von den Bildern erfüllt waren, die ihr Geist im Traum erschaffen hatte und die sie, wie eine zarte Erinnerung an ein verbotenes Glück, festhalten wollte, obwohl sie bereits im Begriff waren, sich im Licht des Tages aufzulösen.
Die lebhafte, beinahe glühende Kraft, die kurz vor ihrem Schlummer in ihren Augen aufgeflammt war, jener Ausdruck von Verlangen, den sie vergeblich zu verbergen versucht hatte, war nun einer süßen, tiefen Mattigkeit gewichen – einer milchigen Weichheit, die ihrem Blick etwas Unendlich-Verführerisches, ja fast Schicksalhaftes verlieh und sie, wie ich mir eingestand, noch reizvoller und bezaubernder machte, als sie es in ihrem bewusst wachen...




