E-Book, Deutsch, 106 Seiten
Fischer Der Sturz des Fürsten in Rom
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-4099-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurzkrimis und Gedichte
E-Book, Deutsch, 106 Seiten
ISBN: 978-3-7693-4099-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beate Fischer ist Autorin, freie Lektorin, Texterin, Biografin und Schreibcoach. Sie liebt die Abwechslung im Beruf, aber das Schreiben muss immer dabei sein. Sie schreibt vor allem Kurzgeschichten und Gedichte und hat bisher rund 25 Texte in Anthologien veröffentlicht. Website: www.schreibgewandt.online
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Der Sturz des Fürsten in Rom
Die Mohnblüten hingen wie nasse Waschlappen an ihren Stängeln. Auf den zerzausten Grashalmen perlten übrig gebliebene Regentropfen. Das nächtliche Gewitter hatte ganze Arbeit geleistet. Manche der zarteren Gebilde waren etwas lädiert, doch die Pflanzen hatten die Feuchtigkeit dankbar aus dem frisch getränkten Boden gesaugt.
„Jetzt reiß dich mal zusammen, Lulu, gleich geht es weiter.“
Lilo Kramer hatte sich von der Flora an der Böschung abgewandt und senkte den Blick Richtung Straße, wo ihre wahre Leidenschaft kroch.
„Ist das tatsächlich …“, murmelte sie. „Ja, ich glaub es nicht. Was für eine elegante Schnirkelschnecke! Linksgewunden. – Sitz, Lulu. Gib doch endlich Ruhe.“
Sie zog die Kamera aus der Tasche ihrer Regenjacke und ging in die Knie. Als sie kurz das Gleichgewicht verlor, nutzte Lulu diesen Moment gnadenlos aus. Übermütig kläffend stürzte sich die Malteserin die Straße hinab. Lilo konnte endlich ohne das dauernde Gezerre an der Leine mit ruhigen Händen dieses außergewöhnliche Exemplar in ihren Speicher bannen.
Doch der Hund war schon wenig später zurück. Er quirlte hin und her, vor und zurück, jaulte, japste, schnappte nach dem Saum ihrer Regenjacke. „Heidenei, was soll denn des!“
Lilo wurde nun richtig sauer. Sie schnellte in die Höhe.
„Du Sauvieh, du bleds“, blaffte sie das Hündchen an, das sich schon wieder auf den Weg den Berg hinunter machte. „Zum Glück kann ich dich heute Abend wieder zu deinem Frauchen bringen.“
Neugierig wurde Lilo aber doch. Normalerweise konnte sich Lulu ganz gut benehmen. Was brachte sie heute nur so aus der Ruhe? Lilo nickte der Schnirkelschnecke bedauernd zu und folgte dem Hündchen mit energischen Schritten.
Keine Minute später wusste sie, warum es seine Fassung verloren hatte.
„Om Goddeswilla. Do liegt jo oiner“, murmelte sie. „Und wohl auch schon länger.“
Der Mann war pitschnass. Sein schütteres Haar triefte, sein Schädel war über dem rechten Ohr ungesund eingedellt und aufgesprungen. Zwischen den weit gespreizten Fingern seiner rechten Hand hatte ein Weberknecht begonnen, sein Netz zu spinnen. Doch das störte den Mann wohl nicht mehr. In einer höchst unbequemen Haltung klebte er an der Mauer am Fuß der Brücke, über die fünf Meter höher die Bundesstraße führte. Die Autos brausten ungerührt darüber hinweg. Aus dem Gestrüpp ragte das Hinterteil eines Fahrrads.
„War wohl zu schnell unterwegs, der Gute. Und ohne Helm.“ Lilo rieb sich die Schläfe. „Da ist nichts mehr zu machen.“
Sie stapfte zurück zur Straße, auf der sich – wie gerufen – ein kleiner, roter Flitzer näherte. Breitbeinig, einen Arm wie ein Stoppschild ausgestreckt, stellte sie sich ihm entgegen. Der Fahrer legte eine Vollbremsung hin.
„Geht’s noch?“, keifte er, nachdem er die Scheibe hinuntergelassen hatte. „Das ist gefährlich, was du da machst, Oma.“ Er ließ seinen Motor aufheulen. „Und jetzt geh aus dem Weg, ich hab’s eilig.“
„Zum einen bin ich nicht Ihre Oma, junger Mann, und zum anderen: Sind Sie landwirtschaftlicher Verkehr? Oder Anlieger? Und schneller als 50 waren Sie auch unterwegs. Wir sind hier innerorts. Ich könnte Sie anzeigen.“
Der junge Mann verdrehte die Augen. „Weg da, alte Schachtel, sonst steige ich aus.“
„Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an. Mein Kampfhund wartet schon auf Sie.“
Auf ihren Wink schoss Lulu aus dem hohen Gras, in dem sie sich vergnügt hatte, und sprang am Auto empor. Der Fahrer schlug sich an die Stirn, doch die Scheibe fuhr er sicherheitshalber hoch. Lilo stützte sich auf seine Motorhaube. Wer wohl früher blinzelte?
Der Schnösel verlor.
„Was wollen Sie überhaupt von mir?“, tönte es gedämpft aus dem Fahrzeug.
„Ihr Telefon“, gab Lilo lässig zurück. „Da liegt eine Leiche.“ Sie deutete mit dem Daumen über ihre Schulter. „Wir brauchen die Polizei.“
***
„Sie haben also den Toten entdeckt?“
„Jawoll, Herr Kommissar. Liselotte Kramer mein Name. Lokalredakteurin im Ruhestand.“
„Sie haben uns aber nicht angerufen.“
„Nein, das war so ein junger Verkehrsrowdy, der diese Landwirtschaftsstraße als Abkürzung genutzt hat. Ich habe ihn danach wieder weggeschickt. Es ging ihm nicht so gut. Das Fitzelchen Gehirnmasse auf den Margeriten hat ihm wohl den Rest gegeben. – Seinen Namen, seine Telefon- und seine Autonummer habe ich selbstverständlich notiert.“
„Sie haben hoffentlich nichts durcheinandergebracht. Wobei – der Fall scheint mir eindeutig. Zu schnell gefahren in der Dunkelheit, vielleicht hatte es schon begonnen zu regnen. Dazu noch ohne Helm. Einmal kurz versteuert oder verbremst und zack …“
Der Kommissar beschrieb mit seinem Arm einen Bogen und zuckte dann mit den Schultern. „Manne, wie sieht’s aus? Wissen wir schon, wie lange er hier liegt?“
„Seine Uhr ist um 22.53 Uhr stehengeblieben“, rief der Mitarbeiter der Spurensicherung und setzte hinzu: „Eine gute alte Armbanduhr. Ich schätze, sie hat den Unfall auch nicht überlebt.“
„Und die Identität?“
Manne kramte in einer Brieftasche, die er aus dem Rucksack des Toten gefischt hatte.
„Rudolf Fürst. Wohnhaft Strawinskystraße in Kernen. – Das ist in Rom, äh, ich meine Rommelshausen, in dem Wohngebiet gleich da oben. Da sind die ganzen Komponisten versammelt.“
Der Kommissar wandte sich wieder an Lilo. „Haben wir Ihre Personalien schon?“
Sie nickte. „Hat Ihre junge Kollegin schon aufgenommen.“
***
Lulu hechelte neben Lilo den Hügel hinauf. Die Aufregung hatte der Kleinen nicht gutgetan. Und das Warten schon gleich gar nicht.
Ohne Frühstück. Auch Lilo knurrte der Magen. Sie lupfte die Malteserin, die sich sofort in ihren Arm schmiegte und fiepte.
„Am besten, du frisst jetzt was Leckeres und machst dann ein Schläfchen bis heute Abend“, flüsterte Lilo ihr zu. „Du gehst mir nämlich ganz schön auf die Nerven. – Was muss dein Frauchen auch diese aushäusige Weiterbildung machen. Jetzt noch dieses neue Buchhaltungsprogramm zu lernen ... in ihrem Alter. Ist doch schon bald Zeit für die Rente. Aber wenn der Chef es so will … – Huch, ist das nicht ihr Wagen?“
Lulu begann zu strampeln und hechtete sich Richtung Boden. Tatsächlich, Lilos Nachbarin war zurück und stammelte etwas von „Referentin krank … Seminar abgebrochen … Lulu-Liebes, na, wie geht’s denn meinem Spatzi … Danke, das war für eine Weile der letzte Hundesitter-Dienst, ich verspreche es dir.“
Dann verschwand sie im Haus und stieß die Tür mit der Ferse zu. Vor Lilos Nase.
Lilo atmete auf, als sie ihr kleines Reich betrat. Was für eine himmlische Stille. Sie war einfach nicht gemacht für eine Wohngemeinschaft mit einem Felltier. Einmal kräftig lüften, Hundehaare vom Mobiliar fegen, Wasserschale wegräumen. Zum Glück hatte sie die Dose mit dem Futter noch nicht geöffnet.
Der Gestank dieses gulaschartigen Gemischs drückte ihr jedes Mal die Galle in die Kehle. Und erst die Namen: Saftiges Huhn mit zarter Ente an Möhrchen und Hirse. Oder: Leckeres Rind an gekochten Kartoffeln mit knackigen Erbsen. War das daneben oder war das daneben? Sie schüttelte den Kopf, packte die Büchse mitsamt allem Zubehör in ein Körbchen und stellte den Krempel vor Doris‘ Wohnungstür.
„Ach“, Lilo klatschte in die Hände, „fast hätte ich die Fotos vergessen.“
Sie schloss ihre Kamera an den Laptop an und überspielte die Bilder. Mohn, Disteln, Gräser, Schnirkelschnecken, verrenkte Beine, verbogene Speichen, ein angerissenes Ohrläppchen, starrende Augen, ein geplatzter Schlauch, ein paar Scherben, Lulu, eine Blutspur an der Mauer.
Warum fuhr ein Mann, der sicher auf die 60 zuging, im Finsteren bei strömendem Regen und zuckenden Blitzen mit dem Fahrrad diesen Weg hinunter? Fort von seinem Wohnhaus?
Dieser Rudolf Fürst wohnte keine 200 Meter von ihr entfernt. War sie ihm vielleicht schon einmal über den Weg gelaufen? Sein Gesicht kam ihr vage bekannt vor. Sie würde am Nachmittag einen kleinen Spaziergang durch die Strawinskystraße unternehmen. Vorher war jedoch eine Runde Recherche dran. Ihre Quellen waren noch nicht versiegt. ***
„Veterinäramt. Lebensmittelüberwachung. Na, da kann man ganz schön Ärger kriegen, Frieder.“
Lilo saß auf ihrer Lieblingsbank unter der Trauerweide auf dem Waiblinger Friedhof, ganz hinten, fast an der Mauer, und wiegte den Kopf. „Und der Rudi Fürst hat erst neulich das Restaurant vom alten Dittrich dichtgemacht, diesem Remstäler Quadratschädel, der nur sein eigenes...




