Fischer | Die Fernsehfrauen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Fischer Die Fernsehfrauen

Mit uns beginnt die neue Zeit
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3308-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mit uns beginnt die neue Zeit

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3308-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Stunde der Frauen: Drei Freundinnen erobern das Fernsehen.

Das Fernsehen ist ihre Zukunft, dafür nehmen die drei Freundinnen Ina, Barbara und Alexandra in Kauf, mit den Erwartungen ihrer Familien zu brechen. Doch selbst als Ina eine Anstellung als Assistentin für eine Samstagabendshow findet, Alexandra in die Tanzkompanie aufgenommen wird und Barbara eine der raren Stellen als Ansagerin ergattert, müssen die drei feststellen, dass es nicht leicht ist, sich in der Männerdomäne zu behaupten, denn selbst in dem neuen Medium Fernsehen herrschen noch überkommene Konventionen ... 

Voller 50er-Jahre-Flair erzählt Melanie Fischer, wie das Fernsehen in die Wohnzimmer kam.



Melanie Fischer ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Ihre Leidenschaft war es schon immer, durch die Welt zu reisen und unterwegs Ideen für neue Geschichten zu sammeln. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Brandenburg.
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Kapitel 3

Ina


September 1958

Ina musste die Nachmittagsschicht, wie fast jeden Donnerstag, im Laden ihrer Eltern übernehmen. Dass ihr Vater ihr zutraute, allein im Laden zu stehen, war erst seit einem halben Jahr der Fall. Ina war das lieber so, andernfalls redete er immer rein, was sie alles anders machen sollte. Für ihre Eltern war das die eine Auszeit in der Woche, da am Wochenende das Hauptgeschäft war. Gelangweilt schaute sie sich um, es war bereits alles für den Feierabend vorbereitet. Sie nahm eine alte Ausgabe vom Hamburger Abendblatt, die ihr Vater liegen gelassen hatte, und blätterte lustlos durch die Seiten. Doch da, sie traute ihren Augen kaum, blieb sie an einer Stellenanzeige hängen. Beim Norddeutschen Rundfunkverband suchten sie Leute für eine Fernsehshow mit Frank Laubitz. »Gern Frauen für diverse Assistententätigkeiten gesucht.«

Frank Laubitz, der berühmte Radiomoderator und Theaterschauspieler. Heute um 18 Uhr fand ein offenes Vorstellungsgespräch statt. Doch der Laden war noch bis 18 Uhr geöffnet, aber wenn sie jetzt nicht losging, würde sie es nicht pünktlich zur angegebenen Adresse schaffen. Ihre Eltern würden toben, aber das war eine einmalige Chance, sie musste das machen. Kurzerhand, ohne noch länger drüber nachzudenken, schloss sie die Ladentür ab und stolperte dabei ausgerechnet in Frau Schäfer. Sie erkannte sie sofort an ihrem außergewöhnlichen Hut, den sie immer trug. Ihr Einkaufskorb baumelte an ihrem Unterarm, und sie betrat zielstrebig die erste Stufe.

»Moin, Fräulein Doblin, machen Sie schon zu? Es ist doch noch nicht an der Zeit?«, bemerkte sie verwundert.

»Ja, wichtige Familienangelegenheiten, tut mir leid, aber morgen ab 9 Uhr sind wir wieder für Sie da.«

»Aber, ich brauche …« Weiter kam Frau Schäfer nicht, weil Ina sich an ihr vorbeidrängelte, sich ihr Fahrrad aus dem Kellerraum schnappte und die Straße hinunterfuhr.

Ausgerechnet die Schäfer, dachte Ina. Morgen würde es ein Donnerwetter geben, aber wenn sie die Stelle bekam, musste sie vielleicht sowieso nicht mehr lange im Laden aushelfen.

Völlig verschwitzt kam sie bei den Studios in Lokstedt an. Sie hatte es tatsächlich geschafft, die zwölf Kilometer mit dem Rad in weniger als einer Stunde zurückzulegen. Ina bemerkte erst jetzt, dass sie noch immer ihren Verkaufskittel anhatte. Sie zog ihn aus und stopfte ihn in eine Häuserritze. Ihr Vater würde toben, wenn sie ihn verlieren würde. Das Fahrrad stellte sie daneben, an ein Schloss hatte sie in der Eile auch nicht gedacht. Sie schaute an sich herab und versuchte ihre braunen, schulterlangen Haare zu bändigen. Sie wurde oft um ihr dickes und naturgewelltes Haar beneidet. Es war nicht viel Aufwand, um es gut aussehen zu lassen, aber jetzt hing es strähnig und ohne Volumen herab. Sie hasste das, weil dann ihr rundes Gesicht noch mehr zur Geltung kam. Sie hatte kein bisschen Make-up aufgelegt, obwohl sie gern ihre braunen Augen betonte, wenn ein schönes oder wichtiges Ereignis bevorstand. Sie strubbelte noch einmal durch ihr Haar. Egal, sie hatte keine Zeit, für jetzt musste es reichen.

Punkt 18 Uhr betrat Ina einen großen Warteraum. Hier standen viele Leute, darunter etliche herausgeputzte junge Frauen. Alle mussten sich mit Namen und Adresse in eine nummerierte Liste eintragen und sich eine Nummer auf die Brust kleben. Danach wurden Frauen von Männern getrennt in einen großen Raum geführt, wo sie sich in einer Reihe nebeneinander aufstellen mussten. Jetzt wurde Ina doch unsicher und begann erneut, sich durchs Haar zu streichen. Doch es blieb, was es war, ein ungebändigter Haufen. Niemals würde sie so, wie sie heute aussah, einen Job im Fernsehen bekommen. Andererseits suchten sie doch Assistenten für alles Mögliche, da kam es hoffentlich nicht auf das Äußere an, versuchte sich Ina Mut zu machen und straffte die Schultern. Die Haltung war das A und O. Vielleicht waren die Weisheiten von Frau Bartoll doch zu was nütze. Zwei Herren gingen die Reihe entlang. Der eine musterte die Frauen aufmerksam, während ein anderer sich Notizen machte. Ina war sich nicht sicher, aber sie glaubte Worte zu hören wie »geeignet, kann vorsprechen«, »vielleicht für hinter der Kamera« oder »raus«. Hörte eine der Frauen ein »vor der Kamera«, machte sie einen kleinen Hüpfer. Die anderen wirkten enttäuscht, und die, die gleich weggeschickt wurden, brachen nicht selten in Tränen aus. Schließlich standen die Männer vor ihr. Gerade war die Frau neben ihr ausgeschieden, und Ina war noch ganz geschockt. Sie versuchte zu lächeln, und schon vernahm sie die Bewertung: »Hinter der Kamera. Können Sie nähen und unter Stress arbeiten?«

Wie aus der Pistole geschossen reagierte Ina. »Selbstverständlich!«

»Gut.« Der Mann nickte, der Notizenschreiber machte einen Vermerk, und die beiden wandten sich der nächsten Bewerberin zu.

Schließlich war die Vorstellungsrunde zu Ende, und alle wurden nach Hause geschickt. Man würde sich melden.

Beides war noch da, wenigstens ein gestohlenes Fahrrad und eine verlorene Schürze würde sie zu Hause nicht erklären müssen. Auf dem Weg zurück dachte Ina über die vergangene Stunde nach. Sie konnte es noch nicht ganz glauben, aber ihre Chancen standen gut, eine Stelle im Fernsehen zu bekommen. Auch wenn sie das eben Erlebte als nicht sonderlich schön empfand. Frauen in einer Reihe aufzustellen, die sich dann begutachten ließen, war durchaus fragwürdig, aber in dem Moment hatte sie keinen klaren Gedanken fassen können. Es hinterließ ein komisches Gefühl bei ihr, und sie fragte sich, ob auch die anderen so empfanden. Sie wollte sich die Laune aber nicht verderben lassen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie einen Job beim Fernsehen bekommen würde. Trotz der merkwürdigen Erfahrung in den Studios schwebte sie förmlich nach Hause, und selbst das zu erwartende Donnerwetter trübte ihre Stimmung nicht. Sie konnte es kaum erwarten, Barbara von der Vorstellungsrunde zu erzählen. Die würde staunen und sich für sie mitfreuen, da war sie ganz sicher. In den letzten Wochen hatte sie in Barbara eine Freundin gefunden. Innerhalb kürzester Zeit war sie eine der wichtigsten Personen an ihrer Seite geworden, der sie alles sagen konnte, die zuhörte und die gleiche Leidenschaft wie sie teilte. Es lässt sich nicht erklären, man trifft einen Menschen und weiß, dass er einem guttut. Ihre bedingungslose Offenheit und Freude für Menschen und Situationen, die Ina in Barbaras Gegenwart spürte, versetzten sie oft ins Staunen.

Als Ina zu Hause ankam, war es nach 22 Uhr und ihre Eltern waren untypischerweise noch wach. Sie hatte noch kurz im Laden vorbeigeschaut, um wenigstens die Auslagen in den Kühlraum zu bringen, als sie feststellte, dass das bereits jemand getan hatte. Ina hatte gehofft, dass sie erst morgen das Donnerwetter abbekommen würde, aber sie saßen beide wartend in der Stube auf der Couch. Als ihr Vater sie bemerkte, sprang er von der Couch auf und begann zu brüllen. Es hatte sich sofort herumgesprochen, dass der Laden der Doblins an diesem Tag über eine Stunde früher geschlossen hatte. Das kam nie vor, weshalb besorgte Kunden bei ihren Eltern nachgefragt hatten, ob alles in Ordnung sei.

»Mein liebes Fräulein, kannst du mir mal erklären, wieso der Laden zu war?«, schrie er sie an. »Das ist bares Geld, was wir verloren haben, und deine Mutter hat sich noch hingestellt und alles weggeräumt, was du in der Theke gelassen hast.«

»Das wollte ich gerade machen, aber da war es schon weggeräumt. Ich …«

»Aber davon hat das Fräulein Tochter ja keine Ahnung. Kommt und geht, wie es ihr beliebt«, unterbrach der Vater sie.

»Heute, heute bin ich mal früher gegangen. Es war wichtig, und ich hatte keine Zeit mehr, euch Bescheid zu sagen.«

»Das interessiert mich nicht. Der Laden ist wichtig, sonst nichts. Der Laden bezahlt deine Schule und auch sonst alles. Wie kann man nur so verantwortungslos sein. Da bittet man sie ein Mal um Hilfe.« Wütend tigerte ihr Vater auf und ab. »Trude, sag doch auch mal was«, wies der Vater die Mutter an.

Ein Mal? Sie arbeitete in der Fleischerei, seit sie zwölf war, und natürlich sollte ihre Mutter jetzt auch noch ihre Meinung sagen.

»Das war wirklich verantwortungslos«, sagte ihre Mutter.

»So eine...



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