E-Book, Deutsch, Band 5, 225 Seiten
Reihe: Frankfurt-Krimis
Fischer Paukersterben: Frankfurter Schulkrimi
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-944124-10-0
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kommissar Rauscher 5
E-Book, Deutsch, Band 5, 225 Seiten
Reihe: Frankfurt-Krimis
ISBN: 978-3-944124-10-0
Verlag: mainbook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Autor Gerd Fischer ist der Schöpfer der 'main crime'-Reihe: Krimis um den neuen Frankfurter Kommissar Andreas Rauscher (weder verwandt noch verschwägert mit der Possmann'schen 'Frau Rauscher', aber dennoch dem ein oder anderen Schoppen nicht abgeneigt!). Gerd Fischer wurde 1970 in Hanau geboren. Er studierte Germanistik, Politologie und Kunstgeschichte in Frankfurt am Main, wo er seit 1991 lebt. Weitere Krimi-Veröffentlichungen im mainbook Verlag: 'Mord auf Bali' 2006 (Neuauflage 2011), 'Lauf in den Tod' 2010, 'Der Mann mit den zarten Händen' 2010, Robin Tod 2011
Autoren/Hrsg.
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Montag, 27.9.
1
Konrad Mertens, Hausmeister der Novalis-Schule in Bockenheim, war allergisch gegen Dreck. Wenn er nichts anderes zu tun hatte, was selten genug vorkam, fegte er den Schulhof, den Parkplatz, die Wege, leerte die Mülleimer und räumte unnützes Zeug beiseite. Außerdem war er für alle Fassaden- und Gartenarbeiten zuständig. Der gesamte Außenbereich, der nicht klein war, war sein Revier. Und das seit über dreißig Jahren. Lehrer und Lehrerinnen kamen und gingen, Direktoren wechselten und jedes Jahr ging ein ganzer Schülerjahrgang ab. Nur er blieb. Er war eine Institution. Und das befriedigte ihn.
„Picobello“, sagte er gern, und damit meinte er seine Schule, die in Bockenheim lag, einem der westlichen Stadtteile Frankfurts, dem Herz Hessens.
Die heutigen Schüler, empfand Mertens, waren auch nicht mehr das, was sie mal waren. Den meisten war alles egal. Sie warfen wahllos Müll auf den Boden und er musste ihnen hinterher räumen. Wo sie gingen und standen, sah es danach aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Mertens fragte sich oft, wie sie das hinkriegten. ‚Ihr Deiwel‘ nannte er sie für sich, wenn er einen bei einer Schandtat erwischte. Aber er meinte es liebevoll, denn eigentlich mochte er seine Schüler. Nur wenn es um Sauberkeit und Ordnung ging, kannte er keine Freunde.
Insgeheim war es ihm gar nicht so unlieb, dass sie waren, wie sie waren, denn ansonsten hätte er nur halb so viel zu tun gehabt. Fürs Grobe war schließlich er zuständig. Heute früh zum Beispiel war er wie jeden Tag zur Schule geradelt und hatte vom Rad aus entdeckt, dass es gebrannt hatte. Ein Mülleimer war rußgeschwärzt. Einige verkohlte Fetzen lagen davor. Seine Nackenhaare hatten sich sofort aufgestellt. Es tat weh. Er fühlte tatsächlich so etwas wie körperlichen Schmerz, wenn er das mit ansehen musste. Das war wie eine Beleidigung für ihn und sein Ordnungsempfinden bekam eins über die Rübe.
Sie hatten alles Mögliche probiert: Anzeigen, Sicherheitsdienst, Nachtwächter. Aber die Schüler oder andere Krawallmacher und Rabauken waren nicht in den Griff zu kriegen. Es gab einfach zu viele. Sie konnten ihrer nicht Herr werden.
Für heute hatte Mertens sein Pensum bereits überschritten. Er war ja nicht mehr der Jüngste, hatte das eine oder andere Kilo zu viel auf den Rippen und das Säubern des Mülleimers, mit gefletschten Zähnen, hatte ihn Kraft gekostet.
Dennoch nahm er sich nun den Parkplatz vor. Seine eigentliche Aufgabe für den Vormittag. Die Büsche und Hecken mussten zurückgeschnitten werden, das Grünzeug weggebracht und dann musste er, wohl oder übel, fegen. Er musste es erledigen, sonst würde er nachts kein Auge zubekommen. Es war kurz nach zehn. Um eins wollte er durch sein und seinen freien Nachmittag genießen. Er nahm sich vor, dem Kiosk am Weingarten einen Besuch abzustatten und eine Flasche Ebbelwoi – oder auch zwei –mitzunehmen.
Konrad Mertens stand gerade auf der Leiter und schnitt Äste, als er einen Aufschrei hörte, anschließend ein dumpfes Geräusch und Trippelschritte.
Er setzte die Heckenschere ab und blickte sich um, aber es war niemand zu sehen. Dann meinte er ein Stöhnen zu hören oder ein Wimmern, als sei jemand gefallen und habe sich weh getan.
Er entschied nachzusehen. Auf Leitern klettern und wieder absteigen gehörte wahrlich nicht zu seinen Lieblingsaufgaben, zu beschwerlich und mühsam war es, die Knie machten nicht mehr mit und diese verdammte Schwerkraft zog mächtig, schließlich musste der robuste Leib hinauf und hinab bewegt werden.
Er kam heil auf den Pflastersteinen an und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn. Puhhhh, die Hitze machte ihm schwer zu schaffen. Unnatürlich heiß für Ende September. Sein Biorhythmus hatte sich längst auf Herbst und ruhige Tage eingestellt.
Er legte sämtliche Gerätschaften und Werkzeuge auf einen Haufen, spähte umher und legte eine Hand ans Ohr wie eine Muschel. Nichts zu hören. Hatte er sich getäuscht? War er mittlerweile senil? Nahm er Sachen wahr, die es nicht gab? Das konnte und wollte er nicht glauben und ging weiter, um sich zu überzeugen.
Vom Parkplatz führte ein Weg zum Schulhof. Die Umgebung war nicht einsehbar, hohe Hecken, dichte Büsche und großblättrige Bäume verhinderten einen guten Blick. Das viele Grün mochte er, es war nicht so trostlos grau wie an anderen Schulen der Stadt.
Mertens bog auf den Weg ein und bewunderte die Sauberkeit. Sein Herz schlug höher. Lediglich ein Stück Silberpapier, die Verpackung eines Schokoriegels, störte sein Empfinden. Er hob es auf und steckte es in die Tasche seines Blaumanns. Zufrieden konzentrierte er sich wieder.
Doch je weiter er ging, desto unsicherer wurde er. Da war was. Er hatte sich nicht getäuscht, hielt die Hand an den Mund und rief: „Hallo. Is da wer?“ Ein Vogel antwortete mit Zwitschern, doch das war nicht das, worauf Mertens gehofft hatte. Also rief er wieder: „Hallo. Kann isch helfe?“
Er setzte einen Fuß vor den anderen und ihm wurde etwas mulmig. Es war keine Angst, die er verspürte, aber dennoch packte ihn ein sonderbares Gefühl.
Langsam und bedächtig ging er weiter und hielt die Augen offen. Immer noch war niemand zu sehen. Der Weg machte eine kleine Kurve, durch die er ging, bevor etwas durch die Büsche schimmerte. Dort lag etwas. Auf dem Boden. Es war rot und blau. Mertens rückte seine Brille zurecht, schlich weiter und reckte seinen Hals um die Ecke. Seine Augen weiteten sich. Er erkannte einen Kopf mit blonden Haaren, einen leblosen Körper und starre Augen. Blut blubberte aus einer Wunde. Ein Schrei verpuffte in Mertens‘ Hals.
2
Es war schon fast Mittag als Kommissar Andreas Rauscher von der Frankfurter Mordkommission den Schulhof seiner alten Schule betrat. Das erste Mal nach neunzehn Jahren.
Er fühlte sich sofort jünger. Erinnerungen schwappten hoch und hinterließen eine Gänsehaut. Am letzten Tag vor den großen Ferien zwischen der achten und neunten Klasse hatte er hinter der Turnhalle zum ersten Mal ein Mädchen geküsst. Anja hieß sie. Oder Anne? Er erinnerte sich noch an ihre rosigen Wangen und den Geschmack von Hubba Bubba-Erdbeer. Nach den Ferien hatte sie einen anderen geküsst.
Rauscher schaute sich um. Die Novalis-Schule hatte sich verändert. Die Gebäude waren älter, die Bäume höher, die Schüler größer geworden. So kam es ihm jedenfalls vor. Das Hauptgebäude, in dem die Verwaltung und das Lehrerzimmer untergebracht waren und in dem sich die Aula befand, ragte empor wie eh und je. Säulen zierten den Eingang, die Tür wirkte majestätisch. Es vermittelte den Eindruck einer Einrichtung für klassische Bildung. Rauscher deutete auf den großen Schulhof, den sie gerade hinter sich gelassen hatten.
„Den Basketballkorb gab’s damals noch nicht“, sagte Rauscher zu Jan Krause, Kommissar in seinem Team, der einen braunen Teint aus seinem zweiwöchigen Dänemarkurlaub auf Bornholm mitgebracht hatte. Und auch die eine oder andere Sommersprosse.
Sie liefen weiter Richtung Parkplatz. „Dafür hatten wir einen Bolzplatz mit Toren. Meine glorreichen Zeiten. Drei Dinger hab ich jede Pause gemacht.“ Krause schüttelte den Kopf.
„Wie ich diese Glorifizierung vergangener Zeiten liebe, ne! Schau dich doch mal an: Heute hast du zehn Dinger zu viel ... also Kilo natürlich.“ Rauscher boxte ihm auf den Oberarm.
„Erzähl nicht so einen Mist!“
„Na gut, dann halt neun.“ Er grinste und lief schneller, um Rauschers Schlägen zu entkommen.
Die Szene, die sie dann sahen, holte sie schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie steuerten auf eine Gruppe Menschen in weißen Overalls zu. Die Spurensicherung, allen voran Wolfgang Andres, ging bereits ihrem Job nach. Andres sah die beiden Kommissare und sagte: „Das Opfer heißt Ralf Kramer.“
Rauscher ging um den Toten herum. Er lag bäuchlings in einer Blutlache auf einem Steinweg, der den Lehrerparkplatz mit dem Schulgelände verband. Hohe Büsche und dichte Bäume säumten den Weg, der von rechts und links nicht einsehbar war. Ideale Stelle, dachte Rauscher.
Ein Mann im Blaumann, graue Schläfen und Oberlippenbart, stand etwas abseits und rief: „Unser Vertrauenslehrer, gell!“.
Rauscher drehte sich zu ihm und blickte ihn an. Von der anderen Seite kam Karsten Quast angelaufen. „Vertrauen ist ein großes Wort“, rief der Gerichtsmediziner und Pathologe in die Runde.
„Wer ist denn der Mann mit Schnauzer?“, fragte Rauscher.
„Konrad Mertens, der Hausmeister“, antwortete Andres. „Hat den Toten entdeckt.“
„Aha“, nickte Rauscher, „mit ihm spreche ich gleich“.
„Wo darf ich anfangen?“, fragte Quast, packte seine Handschuhe aus und zog sie über. Andres lotste ihn an die Seite des Opfers.
„Ein Einstich auf dem Rücken. Von der Tatwaffe fehlt bislang jede Spur. Sieht so aus, als sei der Täter von hinten gekommen und Kramer auf dem Bauch gelandet.“
„Na, dann haben wir ja schon das Täterprofil“, meinte Quast, „ein mieses, feiges Schwein! Irgendwelche Einwände?“ Krause erhob seine Stimme: „Kannst du ungefähr sagen, wie lange er schon da liegt?“ Quast ging in die Knie und inspizierte Augen und Haut des Toten.
„Genau nicht, aber der ist noch nicht voll ausgeprägt, also sicher keine sechs Stunden.“
„Der was?“, fragte Krause.
„Die Leichenstarre“, antwortete Rauscher, „kannst mich auch Cäsar nennen!“ Krause zeigte ihm einen Vogel.
„Würden die Herren Kommissare bitte langsam ernst werden?“, stöhnte Quast und sprach weiter: „Ich kann keine Kampfspuren ausmachen. Scheint sich nicht gewehrt zu haben. Oder...




