Fischer | Spät lieben gelernt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Fischer Spät lieben gelernt

Mein Leben
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8270-8054-7
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mein Leben

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-8270-8054-7
Verlag: Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Solange wir noch lesen können, leben wir!« 1. Januar 1943. Im englischen Exil der Eltern kommt Erica Fischer zur Welt. Die ersten Lebensjahre stehen im Schatten einer entwurzelten Familie, die gegen den Willen der jüdischen Mutter 1948 nach Wien zurückkehrt. Die Eltern denken modern, können ihren Kindern aber keine Geborgenheit geben. Ein beeindruckendes, bewegendes Frauenleben Durch Intelligenz, Charme und Lebenshunger gelingt Erica der Sprung in die Freiheit: Sie wird eine der Gründerinnen der österreichischen Frauenbewegung und eine gefeierte Autorin. Die Geschichte einer vielseitigen Lebenskünstlerin, die sich für Entrechtete einsetzt und ihre Lebenslust dabei nie verliert. Die Autorin des Weltbestsellers Aimée & Jaguar istein kluges und inspirierendes Role Model

Erica Fischer wurde 1943 in St Albans bei London geboren, wohin die Eltern aus Wien geflüchtet waren. Sie wuchs in Wien auf und studierte am Dolmetschinstitut der Universität Wien. 1972 war sie eine der Mitbegründerinnen der autonomen Frauenbewegung in Wien. Sie arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Übersetzerin. Ihr Buch »Aimée & Jaguar« wurde zum Weltbestseller.
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Ersticken


Ich liege im Bett. Draußen scheint die Sonne und dringt durch das geöffnete Fenster. Auf der Straße spielen die Kinder, ich höre sie lachen. Ich schreie und strample die Decke weg. Aber ich muss liegen bleiben, denn ich bin krank – nicht im eigentlichen Sinn, ich habe nur Asthma. Unser Hausarzt Dr. Sommers ist ein österreichischer Emigrant, dem meine Eltern vertrauen, weil er wie sie vor den Nazis nach England geflohen ist. Er hat mir Bettruhe verordnet. Aber Asthma ist unheilbar, egal, wie lange ich das Bett hüte, es wird nicht vergehen. »Es ist unheilbar!«, wiederholte meine Mutter achtzig Jahre später ein ums andere Mal, als das Asthma auch ihr die Luft zum Atmen nahm, sie aber keinen Facharzt aufsuchen wollte. Am Ende half nur Cortison, das sie unansehnlich aufquellen ließ.

Aber vorerst glaubte sie noch Dr. Sommers. Und der war es wohl auch, der meinen besorgten Eltern empfahl, mich zur Erholung ans Meer zu schicken. Also wurde ich nach Devon im Westen Englands verfrachtet, an einen Sommerfrischeort in der Nähe von Bidefort mit dem eigenartigen Namen Westward Ho!, heute etwa fünf Eisenbahnstunden von London entfernt. Bekannt ist der Ort für seinen ungewöhnlichen Namen, der von dem 1885 veröffentlichten Roman Westward Ho! von Charles Kingsley herrührt. Das Buch, dessen Handlung in Bidefort spielt, wurde ein Bestseller und trug dazu bei, den Tourismus in der Gegend anzukurbeln. Deshalb nannte man ein Familienhotel »Westward Ho!-tel«, und bald schon hieß das ganze Dorf Westward Ho!. Auf das Ausrufezeichen wurde großer Wert gelegt.

Die kräftigende Brise des Atlantischen Ozeans sollte mein Asthma lindern, so war es gedacht. An die drei Monate muss ich in Westward Ho! gewesen sein. In das Kinderheim, in dem ich untergebracht war, durften keine Eltern zu Besuch kommen. Meine Mutter weinte, weil ihr das geschwätzige Töchterchen fehlte. Auch meiner Therapeutin traten viele Jahre später Tränen in die Augen, als ich ihr davon erzählte, denn sie wusste, dass das Erinnerungsvermögen eines Menschen erst ab etwa dem vierten Lebensjahr einsetzt. Ich muss drei gewesen sein, als ich mich in Westward Ho! erholen sollte, und bei meiner Rückkehr waren mir Mutter und Vater fremd geworden. Mein Kinderzimmer hätte ich nicht mehr erkannt, haben mir meine Eltern später erzählt. In meiner Abwesenheit hatte mir der Vater eine Puppenküche gebaut. Vielleicht sollte das helfen, mich wieder heimisch zu fühlen.

Bild 1: Mit meiner Mutter, September 1943

Das Asthma aber konnte Westward Ho! nicht heilen, und die sporadisch auftretenden Anfälle von Atemnot begleiteten meine gesamte Kindheit. Ich hatte einen Inhalator, ein bauchiges Glasfläschchen mit Mundstück, das ein bisschen wie eine Ente aussah. Daran war ein roter Gummischlauch mit einer Pumpe befestigt. In das Glasfläschchen kam eine bräunliche Flüssigkeit, die beim Pressen der Pumpe als Nebel in den Rachen drang. Ein tiefer Atemzug, und schon ging es mir besser. Meine Eltern bewahrten das Gerät in einem zylindrischen Metallbehälter auf. Die hellbraune Flüssigkeit, die »Asthminal« hieß, wurde in einer verschweißten Glasampulle geliefert, deren schmal zulaufende Spitze mit einer winzigen Säge gekappt werden musste. Durch Kontakt mit der Luft färbte sich das Medikament mit der Zeit dunkelbraun und malte einen verkrusteten Rand an die Glaswand. Dann war es Zeit, eine neue Ampulle anzubrechen. Heute sind die angebotenen Sprays kleiner, handlicher und luftdicht verschweißt. Auf Reisen hatte ich, als ich schon längst kein Asthma mehr hatte, immer noch eine kleine Flasche dabei, für alle Fälle. Sie war lebensrettend.

Wenn ich heute darüber schreibe, spüre ich noch immer eine beklemmende Verengung der Atemwege. Die Angst vor dem Ersticken ist mir geblieben. Als wir schon in Wien lebten, kam manchmal ein an Asthma leidender Mann zu Besuch, der wie meine Eltern aus der englischen Emigration zurückgekehrt war. Wir wohnten in einem Neubau im ersten Stock. Schon diese paar Stufen waren ihm zu viel. Wenn wir die Wohnungstür öffneten, hörten wir, wie Doktor Spitzegger am ersten Treppenabsatz schwer atmend stehen blieb, um sich mithilfe des Inhalators Luft zu verschaffen. Hörte ich dieses Geräusch, bekam ich sofort Atemnot.

Die englischen Ärzte ließen meine Eltern hoffen, mein Kinderasthma würde in der Pubertät von allein vergehen. So war es dann glücklicherweise auch. Stattdessen entwickelten sich schon früh eine Pollen- und eine Katzenhaarallergie. Selbst die Jacke meiner Mutter aus Wildkatzenfell ließ mich als Teenager nach Atem ringen.

In unserer Nachbarschaft in meinem englischen Geburtsstädtchen St Albans wohnten zwei ledige Schwestern mit ihren zahlreichen Katzen. Mich diesem Haus auch nur zu nähern war mir strengstens verboten. Obwohl ich mich als Kind gern in unserer Wohngegend herumtrieb und unsere Nachbarinnen mit meinen munteren Fragen von der Hausarbeit abhielt, nahm ich dieses Verbot ernst. Doch in meinen Tagträumen kamen sie häufig vor, die beiden »Hexen«. Im verbotenen Haus waberten Geheimnisse, ich stellte mir eine von Katzen mit glühenden Augen belagerte Gespensterhöhle vor, die mich gleichermaßen anzog wie abschreckte.

Bild 2: Die Kathedrale von St Albans

Bild 3: St Albans, Juli 1945

Als lebensbedrohliche Situation ist mir eine Nacht in Erinnerung, in der ich nach Luft rang, das Asthminal für meinen Inhalator aber zu Ende gegangen war. Zudem hatte ich hohes Fieber. Ob das Drama sich noch in England oder schon in Wien abspielte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schien ich bereits zu wissen, was sterben bedeutet. Ich flehte meine Eltern an, mich nicht sterben zu lassen. Im Haus herrschte Alarmstimmung. Zu guter Letzt machte mein Vater eine Apotheke ausfindig, die nachts geöffnet hatte, fuhr mit dem Taxi hin und kehrte mit dem Medikament zurück. Augenblicklich öffnete mir der Zerstäuber die Bronchien, und die Gefahr war gebannt. Ich konnte wieder atmen. Und leben.

Einer der Gründe, warum sich meine Eltern nach zehn Jahren in der englischen Emigration 1948 entschieden, nach Wien zurückzukehren, war das englische Wetter, der Nebel. Das trockenere Klima in Österreich sei besser für mich, empfahl Dr. Sommers. Ich besuchte in England sogar schon die Schule und erinnere mich an hohe Fenster, durch die helles Licht in unser Klassenzimmer drang. Ich habe sie auf einer Zeichnung festgehalten. Da ich oft krank war und meine Eltern sich endgültig entschlossen hatten, nach Wien zurückzukehren, schickten sie mich in den Monaten vor unserer Abreise nicht mehr zur Schule.

Rückblickend wäre ich lieber in England geblieben, und auch meine jüdische Mutter hätte ihr Fluchtland auf jeden Fall dem naziverseuchten Österreich vorgezogen, aber mein Vater wollte unbedingt zurück. In Österreich wurde er geboren, und dort waren sein Vater und seine beiden Brüder. Er wollte auch zurück, um nach der Niederlage des Faschismus mitzuhelfen, ein besseres Land aufzubauen. Meine Mutter hat ihm diese Rücksichtslosigkeit ihren Ängsten gegenüber nie verziehen. Und auch wir Kinder nicht. Zeit unseres Lebens blieb uns eine sentimental verklärte Sehnsucht nach England. Freunde meiner Eltern schickten mir eine englische Schuluniform, einen dunkelblauen Trägerrock mit tiefen Falten, der über einer hellen Bluse getragen wurde. Während diese Schuluniform bei den englischen Mädchen gewiss verhasst war, trug ich meine voller Stolz.

Bild 4: Vor unserem Haus in St Albans, Ramsbury Road 51, 1948

Vielleicht ging es mir in Österreich gesundheitlich tatsächlich besser, nur die Sonntagsausflüge in den Wienerwald machten mir zu schaffen. Hügeliges Gelände, das beim Aufstieg meine Bronchien verengte, strengte mich an, und in der Schule genoss ich das Recht, beim Turnunterricht auszusetzen, wenn mir eine Übung zu viel wurde. Was ich bald erkannte, war, dass mir neben körperlicher Anstrengung auch psychische Belastung nicht guttat. Schon als Kind lernte ich, mich im Bett zu entspannen, die Hände über die Decke zu legen und mit ruhigen Zügen zu atmen, also eine Art autogenes Training.

Als das Asthma...



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