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E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Fitsch Die Vision von Patmos
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-417-22971-4
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Offenbarung des Johannes neu entdecken
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-417-22971-4
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ernst Gerhard Fitsch (JG. 1947) hat Theologie in Hamburg und Göttingen studiert, war Baptistenpastor in Berlin, Worms und in der Schweiz in Bülach und ST. Gallen. Er lebt im Ruhestand in Freiburg im Breisgau.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I.
Einleitung in die Offenbarung
Die Offenbarung des Johannes beginnt mit einer kompakten Einleitung, bei der jedes Wort beachtet sein will. Denn diese Einleitung gibt entscheidende Hinweise, um was für eine Buchgattung es sich handelt und wie es gelesen und verstanden werden soll. Man überliest sie nicht ohne erhebliche Folgen.
Der Charakter des Buches
Apokalypse
„Offenbarung (griech.: apokálypsis) Jesu Christi“ (1,1)9
Apokalypse lautet die griechische Bezeichnung für Offenbarung. Apokalypse bedeutet Enthüllung von Verborgenem; von dem, was unserem Erkennen und Verstehen sonst verborgen bliebe. Die Apokalypse stellt keine Vermutungen oder Prognosen an. Sie ergeht sich nicht in Spekulationen über die Zukunft, sondern sie enthüllt aus göttlicher Eingebung, was unserem Denken und Prognostizieren verborgen ist.
Die Apokalypse zeigt, „was geschehen muss in einer Schnelle“ (1,1). Das ist ein Unterschied zwischen Apokalypse und Prophetie: Prophetie kündigt Dinge an, um zur Umkehr zu rufen. Findet Umkehr statt, kann das Angedrohte zurückgenommen werden. Klassisch wird das im Buch Jona beschrieben. Apokalypsen zeigen dagegen Ereignisse, die unausweichlich sind. „Es muss geschehen“ (Offenbarung 1,1). So heißt es auch in der Endzeitrede Jesu (Matthäus 24,6; LUT 17): „Seht zu und erschreckt nicht. Denn es muss geschehen.“ Bei den Gerichten der Offenbarung handelt es sich also nicht um zu verhindernde, sondern um notwendige Ereignisse.
Prophetie
„Glücklich, wer liest und hört die Worte der Prophetie.“ (1,3)
Die Offenbarung wird hier mit „Worte der Prophetie“ charakterisiert. Es handelt sich also um ein prophetisches Buch. Prophetie bedeutet weit mehr als ein Blick in die Zukunft. Prophetisches Reden ist Reden aus Eingebung aus göttlicher Inspiration. Dieses Reden kann sich auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beziehen. Zum Charakter prophetischer Worte gehört, dass sie der Auslegung bedürfen.10
Wenn die Offenbarung ein prophetisches Buch ist, dürfen wir sie nicht einfach als Reportage zukünftiger Ereignisse lesen; auch nicht als vordergründige Beschreibung geschichtlicher Abläufe. Sondern wir haben es mit Prophetie zu tun, die zu deuten und auszulegen ist. Auffallend und typisch für den Stil dieses Buches sind zum Beispiel die Zahlen11: In diesem prophetischen Buch handelt es sich dabei nicht um bloße arithmetische Zahlen, sondern um Zahlen mit tieferer symbolischer Bedeutung.12
Prophetische Begriffe, Zahlen und Bilder bedürfen der Deutung. Dabei ist es zum Beispiel möglich, an die goldenen Leuchter zu denken, die Johannes in Kapitel 1 schaut. Sie sind nicht bloße Illumination, sondern stehen für die Gemeinden, deren Wesen und Berufung es ist, Licht der Welt zu sein. Die Sterne in der Hand des Erhöhten werden ebenso in Offenbarung 1,20 vorbildhaft gedeutet. Solche Auslegung und Deutung, die die Offenbarung am Anfang selbst gibt, braucht es bei vielen Begriffen, Bildern und Zahlen der Offenbarung. So etwa auch, wenn gegen Ende des Buches von 1000 Jahren die Rede ist. Diese Zahl wird in „Endzeitdarstellungen“ oft einfach als arithmetische Zahl genommen. Wenn wir bedenken, dass es sich um ein prophetisches Buch handelt, kann uns das vor vordergründigen Fehldeutungen bewahren.
Es gibt eine breite Tradition von Schriften über die Endzeit, die den prophetischen Charakter des Buches nicht beachtet und darum zu abenteuerlichen Auslegungen kommt, vor allem in amerikanischer Tradition. Solche sensationellen Bücher, die die Offenbarung als bloße Geschichtsdarstellung lesen, lassen sich gut an neugierige Leser verkaufen.
Ein Grund, warum sie die Offenbarung wie ein Geschichtsbuch lesen, ist, dass sie die Bibel einebnen und alle Bücher gleich behandeln, als handle es sich bei der Bibel um ein einziges Buch, bei dem jede Aussage gleichen oder ähnlichen Charakter trage. Dabei werden die unterschiedlichen Stile und Gattungen übersehen, die ein je eigenes Verständnis brauchen.13
Wenn wir aber den prophetischen Charakter des Buches beachten, kommen wir in vielem zu ganz anderen Konsequenzen. Dann suchen wir in der Offenbarung keine sensationellen Szenarien und lesen keinen Endzeitfahrplan heraus, der die vordergründige Neugier befriedigt und der ständig umgeschrieben werden muss. Wir dürfen nach meiner Überzeugung die Bibel nicht einebnen. Zwar handelt es sich bei ihr wirklich um ein Buch, das aber aus 66 ganz unterschiedlichen Büchern mit ganz eigenem Charakter besteht. Nur wenn jedes Buch für sich angemessen gehört wird, entfaltet sich der Chor der verschiedenen Stimmen zu einem vielstimmigen Gesamtklang von umso größerer Schönheit.
Die Charakterisierung „prophetisch“ kann uns vor einer platten Deutung bewahren. Wir brauchen vielmehr einen wachen Sinn und die Hilfe des Heiligen Geistes zum Verständnis und zur Deutung, nämlich den „Geist der Weisheit und der Offenbarung“, um den Paulus in Epheser 2,17 betet.
„Glücklich, wer liest und hört die Worte der Prophetie.“ (1,3)
„Lesen und Hören“ verweisen auf den Umgang mit dem Buch in den Gemeinden zur Zeit des Johannes. Die einzelnen Christen hatten noch nicht das Privileg, ein eigenes Buch in den Händen zu halten. Es gab von biblischen Büchern nur kostbare Abschriften, die der Gemeinde vorgelesen wurden.
Aber die Verheißung des Lesens und Hörens gilt auch uns: „Glücklich, wer liest und hört die Worte der Prophetie.“ Es kommt bei der Offenbarung nicht zuerst auf lückenloses Verstehen an, sondern zunächst auf das Lesen und Hören. Auch die Leser und Hörer damals haben sicher viele Dinge nicht gleich verstanden.
Ein Beispiel kann hier Maria sein. Sie verstand nach der Geburt Jesu die Bedeutung der Worte der Hirten noch nicht, als sie von der Erscheinung der Engel und ihrer Botschaft berichteten. Aber „sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ (Lukas 2,19; LUT 17). Es folgten für sie Höhen und Tiefen und schmerzliche Missverständnisse, bis sie die Bedeutung der Worte mehr und mehr verstand.
So tun wir gut daran, die Offenbarung zunächst einmal aufmerksam zu lesen und uns die Worte einzuprägen und im Herzen zu bewegen. Die Zeit kommt, sowohl in unserem Leben als auch in der Geschichte der Kirche und der Welt, in der nach und nach vieles deutlicher wird.
Für das Verstehen der Offenbarung des Johannes gilt auch, was Daniel gesagt wird (Daniel 12,8-10; LUT 17): „Ich hörte es, aber ich verstand’s nicht und sprach: Mein Herr, was wird das Letzte davon sein? Er aber sprach: Geh hin, Daniel; denn es ist verborgen und versiegelt bis auf die letzte Zeit. Viele werden gereinigt, geläutert und geprüft werden, aber die Gottlosen werden gottlos handeln; alle Gottlosen werden’s nicht verstehen, aber die Verständigen werden’s verstehen.“
Daniel betete und fragte Gott um Verständnis und bekam Antwort (Daniel 9,1-3.18ff). Daniel rang in Flehen, Selbstprüfung und Schuldbekenntnis um Verständnis und Erfüllung von prophetischen Worten. Entscheidende Einsichten liegen nicht auf der Hand und erschließen sich nicht allein durch Zeitgeschichte und Sekundärliteratur; sie müssen uns gegeben werden. Wie bei Daniel kommt es auf die geschichtliche Stunde an; und auf die Bereitschaft zu beten und zu empfangen, manchmal verbunden mit Fasten, Tränen und Schuldbekenntnis. Gründliches Studieren kann das Offenbaren durch Gott selbst nicht ersetzen, sondern braucht es vielmehr.
Beim Lesen schwer verständlicher Passagen geht es uns manchmal wie beim Essen von Fisch. Die Gräten sind oft ein Hindernis, den Fisch zu genießen. Manche meiden aus diesem Grund das Essen von Fisch. Andere ärgern sich so an den Gräten, dass ihnen die Freude am Fisch vergeht. Doch wer es lernt, mit den Gräten richtig umzugehen und den Fisch zu kosten, der möchte ihn nicht mehr missen. Beim Lesen der Offenbarung stoßen wir auch auf manche „Gräten“. Doch statt sich an den schwer zugänglichen Stellen zu stören und womöglich das Buch ganz zur Seite zu legen, können wir uns auf das konzentrieren, was wir verstehen.
Wer allerdings die Offenbarung tiefer verstehen möchte, der kann Kommentare zur Hilfe nehmen. Dort finden sich Erläuterungen aus der Zeitgeschichte, Worterklärungen aus dem Grundtext und viele wertvolle Hinweise zum Verständnis und zur Auslegung. Ein solches Studium der Offenbarung ist kein Spaziergang, eher eine Bergwanderung mit einem erfahrenen Bergführer, die zu erhabenen Ausblicken und neuen Perspektiven führen kann.
Noch etwas gehört zum Verstehen. Wir lesen im ersten Vers: „Seinen Knechten zu zeigen, was in Bälde geschehen muss.“ Knechte sind Diener, die den Willen ihres Herrn tun. Wenn die Offenbarung „seinen Knechten“ gegeben ist, dann bedeutet das auch: Sie ist denen gegeben, die Gottes Willen tun und ihn nicht bloß erkennen wollen. Die Offenbarung ist uns nicht gegeben, um zu spekulieren und lediglich im Studierzimmer nach „Erkenntnissen“ zu forschen; sondern wenn wir sie lesen, um den Willen Gottes darin zu erkennen und zu tun, wird sie sich am ehesten erschließen. Diesen Schlüssel zum Verständnis hat Jesus selbst gegeben: „Wenn jemand dessen [Gottes] Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede.“ (Johannes 7,17; LUT 17) Nicht als neugierige Zuschauer, sondern als Mitarbeiter Gottes werden wir die Offenbarung angemessen verstehen.14
EXKURS: Zum Verständnis der Zeit in der Offenbarung
„(…) denn...




