E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Fitzgerald Der große Gatsby
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70566-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-311-70566-6
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der große Gatsby , the great american novel par excellence, war bei seinem Erscheinen 1925 ein kommerzieller Flop. Auch die Kritiker verkannten die Bedeutung des Romans. Erst nach dem Krieg, spätestens aber 1974 durch die Verfilmung mit Robert Redford und Mia Farrow begann die Renaissance Fitzgeralds und seines Meisterwerks über den sagenhaft reichen Gatsby, der rauschende Partys schmeißt, die nur einem Zweck dienen: Daisy zu ihm zu locken. Daisy, seine große Jugendliebe, die inzwischen mit dem Millionär Tom Buchanan verheiratet ist, der sein Vermögen jedoch geerbt und nicht wie Gatsby auf undurchsichtige Weise erworben hat. Geld und Dünkel regieren diese Welt und die Liebe, die schließlich auf der Strecke bleibt – in einem der größten Liebesromane der Weltliteratur. Die Erstausgabe mit der berühmten Coverillustration von Francis Cugat war noch lange nach Fitzgeralds Tod 1940 lieferbar. Heute bringt ein Exemplar (allerdings nur mit Schutzumschlag!) auf Auktionen über 200 000 Dollar. In diesem Fall inspirierte übrigens der Zeichner den Autor – und nicht umgekehrt. Die Gouache-Zeichnung von Cugat war vor dem Roman vollendet – und Fitzgerald begeistert. In einem Brief an seinen Lektor Max Perkins heißt es: »Benutzen Sie dieses Cover um Gottes willen nicht für ein anderes Buch, ich habe es in meinen Roman hineingeschrieben.«
Weitere Infos & Material
Kapitel I
Als ich noch jünger und um vieles empfindsamer war,gab mir mein Vater einen Rat, der mir seither immer wieder durch den Kopf ging.
»So oft du Lust hast, jemanden zu kritisieren«, sagte er, »erinnere dich, dass nicht alle Menschen auf der Welt ähnliche Chancen gehabt haben wie du.«
Weiter gab er keine Erklärungen, aber da wir seit jeher trotz aller Zurückhaltung ungewöhnlich stark miteinander verbunden waren, verstand ich, dass er noch viel mehr damit meinte, als diese wenigen Worte besagen. Ich enthielt mich von da an jedes Urteils, eine Gewohnheit, die mir viele seltsame Charaktere erschloss und mich natürlich auch nicht wenigen alten Eseln zum Opfer fallen ließ. Der ungewöhnliche Geist wittert diese Eigenschaft nur allzu leicht beim gewöhnlichen Menschen und klammert sich daran. So kam es, dass ich im College ungerechterweise für einen Intriganten galt, weil ich von wildfremden, zwielichtigen Leuten zum Mitwisser ihrer Sorgen gemacht wurde. Die meisten dieser intimen Beichten waren mir lästig – oft, wenn ich an einem unfehlbaren Anzeichen erkannte, dass ein weiteres Geständnis zitternd am Horizont auftauchte, schützte ich Müdigkeit vor oder ich gab mich beschäftigt, oder ich legte eine scherzhafte Leichtfertigkeit an den Tag. Denn die Bekenntnisse junger Menschen sind, zumindest in der Form, in der sie sie wiedergeben, doch nur Plagiate und verräterisch vor allem in dem, was sie verschweigen. Wer sich seines Urteils enthält, kann immer weiter auf die Menschen hoffen. Und ich fürchte immer noch, dass ich mir was zuschulden kommen lasse, wenn ich vergesse, was mein versnobter Vater behauptete und ich ebenso versnobt wiederhole: dass das Gefühl für Sitte und Anstand etwas ist, das bei der Geburt unter den Menschen sehr ungleich verteilt wird.
Nachdem ich mich so meiner Toleranz gerühmt habe, muss ich denn auch zugeben, dass sie nicht ohne Grenzen ist. Mag einer seine Persönlichkeit auf rauen Felsen oder in stickigen Sümpfen gebildet haben, es kommt ein Augenblick, in dem mir das ganz gleichgültig wird. Als ich im letzten Herbst[3] aus dem Osten[4] zurückkam, wünschte ich mir die ganze Welt in Uniform und in einer Art moralischer Habachtstellung. Ich hatte genug von ausschweifenden Ausflügen und intimen Einblicken in die Seelen der Menschen. Nur Gatsby, der Mann, dem dieses Buch seinen Titel verdankt, war von dieser meiner Reaktion ausgeschlossen – Gatsby, der alles verkörperte, wogegen ich eine angeborene Abneigung empfinde. Wenn das Wesen der Persönlichkeit in einer ununterbrochenen Abfolge geglückter Gesten besteht, dann war etwas Blendendes um ihn, eine gewisse erhöhte Empfindsamkeit für die Verheißungen des Lebens. Es war, als hinge er mit einem jener komplizierten Mechanismen zusammen, die auf eine Entfernung von zehntausend Meilen ein Erdbeben anzeigen können. Diese Empfindsamkeit hat nichts mit jener faden Reizbarkeit zu tun, die man gern mit dem Wort »schöpferisches Genie« bezeichnet – es war vielmehr eine ungewöhnliche Kraft zu hoffen, eine romantische Lebensbereitschaft, wie ich sie nie zuvor bei jemandem gefunden habe und wohl nie wieder finden werde. Nein – Gatsby schnitt gut ab am Ende; nur das, was Gatsby so sehr quälte, der Schmutz, den er im Verfolg seiner Träume aufwirbelte, war der Grund dafür, dass ich mich eine Weile den zügellosen Kümmernissen und traurigen Freuden der Menschen verschloss.
Meine Familie lebt schon seit drei Generationen in dieser Stadt des Mittleren Westens – angesehene, wohlhabende Leute. Die Carraways sind so etwas wie ein Clan; der Legende nach stammen wir von den Herzögen von Buccleuch[5] ab. Der eigentliche Begründer unserer Linie aber war der Bruder meines Großvaters, der einundfünfzig hierherkam, einen Ersatzmann in den Bürgerkrieg schickte und den Metallwarengroßhandel ins Leben rief, den mein Vater heute noch betreibt.
Ich selbst habe diesen Großonkel nie kennengelernt, aber man sagt, dass ich ihm ähnlich sehe – wobei man auf das etwas verkniffen wirkende Porträt hinzuweisen pflegt, das im Büro meines Vaters hängt. Ich machte meine Examen 1915 in New Haven,[6] genau ein Vierteljahrhundert nachdem mein Vater sie dort gemacht hatte, und nahm kurz darauf an jener verspäteten germanischen Völkerwanderung teil, die allgemein unter dem Namen Weltkrieg bekannt ist. Und ich fand so viel Gefallen an dem rastlosen Hin und Her, dass ich zu Hause keine Ruhe mehr finden konnte. Der Mittlere Westen war nicht mehr der warme Mittelpunkt der Welt für mich, sondern der gottverlassenste Winkel des Universums – und so beschloss ich in den Osten zu gehen und mich mit Börsengeschäften zu befassen. Alle Leute, die ich kannte, machten damals Börsengeschäfte, und da dachte ich, dass sich ein Mensch mehr gewiss auch noch davon ernähren könnte. Meine Tanten und Onkel besprachen die Angelegenheit, als gelte es, eine neue Oberschule für mich auszusuchen, und sagten schließlich: »Nun ja – warum nicht«, wobei sie ihre Gesichter in ernste und nachdenkliche Falten legten. Mein Vater sagte mir zu, dass er mich für ein Jahr unterstützen wolle, und so zog ich denn, nach mehreren Verzögerungen, im Frühling zweiundzwanzig – für immer, wie ich glaubte – in den Osten.
Es hätte auf der Hand gelegen, eine Wohnung in der Stadt[7] zu beziehen, aber die warme Jahreszeit hatte eben begonnen und ich kam aus einem Land mit weiten Rasenflächen und freundlichen Bäumen. Als mir daher ein junger Mann aus dem Büro den Vorschlag machte, mit ihm zusammen ein Haus in einem Vorort zu suchen, leuchtete mir das sofort ein. Er fand auch das Haus, einen windschiefen Pappdeckelbungalow zu achtzig Dollar im Monat, aber die Firma schickte ihn im letzten Moment nach Washington, und so zog ich allein aufs Land hinaus. Ich hatte einen Hund – allerdings nur ein paar Tage, dann lief er mir davon –, einen alten Dodge und eine Finnin, die mir das Bett machte, das Frühstück kochte und über dem elektrischen Herd weise finnische Selbstgespräche führte.
Einen Tag, vielleicht zwei, fühlte ich mich recht einsam, dann sprach mich eines Morgens ein Mann auf der Straße an, der noch neuer in der Gegend war als ich.
»Wie kommt man von hier nach West Egg Village?«, fragte er ratlos.
Ich sagte es ihm. Und als ich weiterging, fühlte ich mich schon nicht mehr so einsam. Ich war ein Führer, ein Pfadfinder, ein Siedler der ersten Stunde. Er hatte mir soeben das Bürgerrecht des Ortes verliehen.
Und als ich so im Sonnenschein dahinging und auf allen Bäumen die Blätter aus ihren Knospen brachen – wie in Zeitrafferfilmen –, da hatte ich auf einmal die tiefe Überzeugung, dass das ganze Leben mit diesem Sommer einen neuen Anfang nahm.
Es gab natürlich sehr viel zu lesen; gleichzeitig konnte man so viele gesunde Kräfte aus der atemspendenden jungen Luft schöpfen. Ich kaufte mir ein Dutzend Bände über Bank-, Kredit- und Versicherungswesen und sie standen wie frisch geprägte Münzen in Rot und Gold auf meinem Bücherregal und versprachen, mich in all die glänzenden Geheimnisse einzuweihen, die sonst nur Midas, Morgan und Maecenas[8] kannten. Und ich hatte die feste Absicht, noch viele weitere Bücher zu lesen. Ich hatte mich bereits im College literarisch betätigt – ein Jahr lang hatte ich mehrere ernsthaft bemühte Leitartikel für die geschrieben – und nun sollte all das wieder Platz in meinem Leben finden, ich wollte endgültig zu jenem beschränktesten aller Spezialisten werden: dem »vielseitig gebildeten Mann«. Es ist durchaus nicht nur eine Phrase – aber das Leben lässt sich nun einmal am besten von einem Fenster aus betrachten.[9]
Es war Zufall, dass ich gerade in einer der sonderbarsten Gemeinden von Nordamerika ein Haus mieten sollte. Es lag auf jener schmalen, turbulenten Insel, die sich vom Osten New Yorks aus erstreckt, und wo, unter anderen Seltsamkeiten, das Land zweimal eine ganz ungewöhnliche Form annimmt. Zwanzig Meilen von der Stadt entfernt ragen zwei riesige Eier – von gleicher Kontur und nur durch eine Art lange Bucht voneinander getrennt – in den zahmsten Meeresteil der westlichen Halbkugel, in den großen nassen Scheunenhof, der der Sund von Long Island ist. Sie sind nicht ganz oval, sondern, wie das Ei des Kolumbus, dort, wo sie ihre Basis haben, etwas abgeplattet – aber ihre Zwillingsähnlichkeit muss für die Möwen, die darüber hinfliegen, eine Quelle unerschöpflichen Erstaunens sein. Für die Unbeflügelten aber ist der ungeheure Unterschied in allem, was nicht ihre Größe und Kontur betrifft, ein noch viel erstaunlicheres Phänomen.
Ich wohnte auf West Egg,[10] der – nun ja, weniger mondänen der beiden Halbinseln, obwohl dies eine sehr oberflächliche Art ist, um den grotesken, ja geradezu verstörenden Unterschied zwischen den beiden zu beschreiben. Mein Haus lag ganz an der Spitze des Eis, nur fünfzig Meter vom Sund entfernt, und wurde von zwei riesigen Anwesen, von denen jedes für zwölf- bis fünfzehntausend pro Saison vermietet wurde, förmlich eingequetscht. Rechts stand ein in jeder Hinsicht ungeheuerlicher Bau – es war die Kopie eines Rathauses der Normandie, mit einem Turm an der Seite, funkelnagelneu und von einem zarten Efeuflaum bewachsen, sowie einem marmornen Schwimmbecken und mehr als vierzig Morgen Rasen und Garten. Dort wohnte Gatsby. Oder vielmehr, da ich Mr. Gatsby noch nicht kannte: Es war ein Haus, das ein Herr...




