E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Fitzner Mallorca, Feng Shui und zwei halbe Orangen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96215-428-8
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-96215-428-8
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
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Thomas Fitzner, geb. 1960, ist ein österreichischer Schriftsteller und Journalist. Er lebte in Mexiko, arbeitete als Reporter im Zweiten Golfkrig und war als Offizier für mehrere UN-Missionen in Nahost und Nordafrika tätig. Später arbeitete er hauptsächlich als Werbetexter und Übersetzer. Über viele Jahre hinweg schrieb er auch Artikel und Kolumnen in der Mallorca Zeitung. Sein erster Roman wurde 1998 veröffentlicht. Fitzner ist mit einer Spanierin verheiratet und lebt heute in einem kleinen Dorf auf Mallorca.
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1.
Edgar versucht locker zu schlendern und Oskar ahnt Schlimmes
Wenn Oskar zurückdachte, war das, was Faber die „mallorquinische Affäre“ nannte, bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar gewesen. Aber wer denkt schon im Voraus zurück?
Faber mochte Oskar, wahrscheinlich, weil er in ihm seine Träume verwirklicht sah. Wann immer Faber den bumsagilen Vierziger auf der Straße sah, fasste er ihn am Ärmel und sagte: „Komm doch heute Abend vorbei und erzähl uns von deiner letzten Reise“, oder: „He, Abenteurer, wohin geht‘s diesmal?“
Island, sagte Oskar verlegen, glücklich, wenn mal ein weniger spektakuläres Reiseziel anstand. Oder: Südafrika. Und Faber verdrehte die Augen, riss den Mund auf und sagte: „Aaah.“
„Warum fliegst du nicht auch nach Island?“ fragte Oskar. „Oder Südafrika?“ Dann zuckte Faber die Achseln und sagte: „Das ist wahnsinnig weit weg.“
„Ach was“, widersprach Oskar. „Reisen sind heutzutage hervorragend organisiert.“
„Genau“, sagte Faber und verzog das Gesicht. „Organisiert. Ich hasse organisierte Reisen. Du fliegst zwölf Stunden, und dann geben sie dir zwanzig Minuten für eine Kathedrale, in der du vor Staunen nicht zum Beten kommst.“
„Dann flieg einfach los“, riet Oskar. „Organisiere nichts.“
„Das sagt sich so einfach“, entgegnete Faber. „Und wenn etwas passiert?“
Oskar grinste. „Hast du Flugangst?“
„Nur auf neuen Strecken.“
Der Fotograf zuckte die Achseln. Faber war das geborene Publikum, glücklicher Zuhörer und Zuseher. Ein Genießer in Gedanken. Faber hatte es gar nicht nötig, in die Ferne zu schweifen. Er ließ einfach Oskar auf Tour gehen und anschließend erzählen.
Dann lachte Oskar und versuchte sich loszureißen, doch Faber klammerte sich noch fester an seinen Ärmel und sagte: „Oskar, ich habe Familie, ich kann mir das nicht mehr leisten. Du, ja du ...“
Und in diesem „Du, ja, du“ verbargen sich, spürte der so Angesprochene, romantische Vorstellungen vom Leben als einsamer Wolf. Eine Braut in jedem Hafen, keine Probleme mit aufsässigen Kindern, die große Freiheit.
Wenn sie in Fabers Haus zusammensaßen und Inge Faber mit all ihrer mütterlichen Energie und Liebe aufkochte, für den einsamen Wolf, der daheim nur Tiefkühlgerichte verschlang und dauernd in Restaurants aß – das konnte auf Dauer nicht gesund sein –, versuchte Oskar manchmal, das Bild zu korrigieren. Haarscharf am Rand von Selbstmitleid und Melodram schilderte er seine Reisen als eine Abfolge schwieriger Momente, obwohl sich das, was ihn am schwersten bedrückte, nicht in Worte fassen ließ. Nicht gegenüber Johann und Inge Faber. Der einsame Abend in einem Hotelzimmer in einer unbekannten Stadt, Filmrollen auf dem Bett verstreut, Arbeit bis Mitternacht, und dann um fünf Uhr los für das am Vortag ausgekundschaftete Motiv, das sich nur am frühen Morgen aufnehmen ließ. Das einsame Abendessen in einem drittklassigen, überteuerten Hotelrestaurant, umgeben von fröhlichem Volk und unaufmerksamen Kellnern. Das alles war aufregend beim ersten Mal. Noch ganz witzig beim zweiten, Routine schon beim dritten und ermüdend beim vierten Mal. Nach vierzig Malen galt es, gegen eine Depression anzukämpfen.
Natürlich machte ihm seine Arbeit noch immer Spaß, doch der war teuer erkauft, mit exotischen Magenerkrankungen, ewigen Stunden in Bahnhöfen, Flugplätzen und Vorzimmern, und vor allem mit Einsamkeit.
Einsamkeit – wann immer er das Wort trotz aller Hemmungen in den Mund nahm, lachten die Fabers und sagten: „Jaja, dich kennen wir doch“. Dabei hatte er nicht einmal hier, in Maringen, wo er seit zwölf Jahren in einem geerbten Haus wohnte, eine Freundin. Die jungen Frauen und Mädchen der Kleinstadt kicherten über ihn, weil er als seltsam galt, und die einzigen diskreten Schlafzimmerblicke kamen von verheirateten Frauen, die nach Abwechslung suchten.
Nicht mit mir, hatte er sich geschworen. Nicht hier. Maringen war zu klein für diese Art von Abenteuer.
Um das Thema zu wechseln, fragte er Johann Faber dann, wie es im Beruf so gehe – Danke, wie immer –, und wohin es dieses Jahr auf Urlaub gehe – Mallorca, wie immer. Dabei verkrampften sich seine Gastgeber, sie duckten sich wie unter drohendem Beschuss, warteten auf das abschätzige Lächeln des Weitgereisten, der heute in Arabien, morgen in Mittelamerika unterwegs war; doch Oskar lächelte nicht, und wenn doch, nie abschätzig. Das war wohl der eigentliche Grund, warum sie gute Freunde waren. Johann, der biedere Bankangestellte, der Mallorca-Urlauber und Briefmarkensammler, und Oskar, der vermeintliche Marlboro-Mann. Worüber sollte er auch lächeln? Bestünde die ganze Welt nur aus freiberuflichen Fotoreportern, wäre sie nicht mehr auszuhalten. In einer solchen Welt würde er den Beruf wechseln. Und wie Faber in einer Bank arbeiten, zum Beispiel.
Wie ein Tourist schlenderte Edgar über den Paseo del Borne und dachte: Etwas läuft hier falsch, ich darf nicht gedankenlos schlendern, ich muss schreiten, zielbewußt, kräftig, entschlossen, als ob dieser Boden bereits mir gehörte, oder ich ihm, sonst schickt mich die Insel nach den obligatorischen zwei, drei Wochen wieder nach Hause.
Neben ihm schlenderte Helene. War sie sich der Gefahren bewusst, die ihnen lauerten? Nichts war mehr egal. Die Zeit der Reisen, der Ferien war vorbei. Aus Kuriositäten und kleinen Ärgernissen, die man beim Heimflug abschütteln konnte und die zu Hause bestenfalls für Anekdoten gut waren, wurden auf einmal lebensbestimmende Faktoren, aus seltsamen Zwergen wurden turmhohe, grimmige Titanen, denen man sich stellen musste.
Es war Zeit, erwachsen zu werden, dachte Edgar und seine Hände, die noch immer urlauberhaft schlenkerten, ballten sich zu Fäusten. Komme, was wolle. Er hatte eine Frau, er hatte Geld, er hatte Zeit. Nur die Sintflut konnte ihn jetzt noch aufhalten.
Aber die war hier unwahrscheinlich. Der prächtige Paseo del Borne, über den das Pärchen von der Uferpromenade Richtung Stadtzentrum schritt, war heute kein Flussbett mehr, dessen braune, zerstörende Wassermassen sich genährt von tobsüchtigen Regenfällen in den Bergen durch die Altstadt von Palma de Mallorca fraßen wie im denkwürdigen Jahr 1403, Häuser mit sich reißend, gnadenlos eine Bresche mitten durch die Stadt schlagend, streng der Schwerkraft folgend. Die Schneise, die seither die Ober- von der Unterstadt trennte, war nie geschlossen, viele Gebäude nie mehr wiederaufgebaut worden. Aus dem Flussbett war eine Kloake geworden, und später, als der Riera-Fluss endlich an der Stadtmauer außen entlang ins Meer geleitet worden war, bot der so enstandene leere Raum inmitten des engen, mittelalterlichen Stadtkerns Platz und Plätze für festliche und weniger festliche Anlässe. Wie zum Beispiel Hinrichtungen. Die letzte Hexenverbrennung Spaniens hatte hier, am Paseo del Borne stattgefunden, der eine Zeitlang nicht ganz unpassend – wenn man an die braune Flut der Vergangenheit dachte – Franco-Boulevard genannt worden war.
Nicht übertreiben, rief Edgar sich zur Ordnung. Zuviel Dynamik wurde leicht als Arroganz ausgelegt. Er wollte niemanden schockieren. Er wollte sich einfügen, die neuen Regeln lernen. Vielleicht sollte er den Alltagstrott üben. Sein zielgerichtetes, kräftiges Schreiten ging in ein bemüht einheimisches Schlendern über – kein offenmäuliges Begaffen historischer Bauten und rätselhafter Abzweigungen, kein lautes Ablesen vermeintlich lustiger Aufschriften, kein nervöses Ausschauhalten nach Taschendieben. Er wollte eins werden mit der Insel und ihren Bewohnern, er wollte mit der Menge verschmelzen.
Dass die Menge trotz der frühen Stunde hauptsächlich aus Deutschen bestand, konnte er der Insel verzeihen. Er hatte sich vorgenommen, tolerant zu sein.
„Hier haben sie früher Leute hingerichtet“, hörte er sich sagen. „Griesler hat’s mir erzählt.“
„Wer ist Griesler?“
„Urlaubsfreunde. Haben mich über die Insel gefahren, wenn ich vom pausenlosen ‚Entspannen’ meiner Eltern die Schnauze voll hatte. Die lagen nur herum und sagten einander alle fünf Minuten, wie schön es hier sei, aber gekannt haben sie gerade den Weg vom Hotel zum Strand.“
„Vergangenheit“, sagte die Frau neben ihm und griff nach seiner Hand. „Lass sie ruhen. Reden wir von was anderem.“
Edgar bemerkte, dass sie noch immer wie eine Touristin schlenderte.
„Schau“, sagte sie, „eine Bank.“
Er nickte und fingerte wieder nach seinem Geldgurt. Alles da.
Oskar kannte Edgar seit zwölf Jahren. Schmächtige zehn war der Knirps gewesen, als Johann Faber den Fotografen erstmals zu sich nach Hause eingeladen hatte, zunächst, um einige Details der Erbschaftssteuer zu besprechen, wahrscheinlich auch, um den offensichtlich gut verdienenden Freiberufler als Stammkunden für die Bank zu gewinnen.
„Neu in der Stadt, wie?“ hatte Faber Oskar bei seinem Antrittsbesuch in der Bank begrüßt und sich ohne Aufdringlichkeit um seine Freundschaft bemüht.
Vor zwölf Jahren war „die Affäre“ noch nicht absehbar gewesen. Edgar war klein und schmal und still und machte es seinen Eltern immer recht, und Vater Faber konnte...




