E-Book, Deutsch, 277 Seiten
Flaake Körper, Sexualität und Geschlecht
1. Auflage 2001
ISBN: 978-3-89806-093-6
Verlag: Psychosozial-Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Studien zur Adoleszenz junger Frauen
E-Book, Deutsch, 277 Seiten
ISBN: 978-3-89806-093-6
Verlag: Psychosozial-Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die sich entwickelnde Körperlichkeit und Sexualität erschüttert nicht nur die jungen Frauen und Mädchen selbst, sondern auch die Erwachsenen ihrer Umgebung. Sie verändert die Beziehungen in der Familie und zu Gleichaltrigen. Das Erleben der Pubertät erweist sich dabei als sozial geprägt und gesellschaftlich vermittelt. Es ist daher sinnvoll genauer hinzuschauen, auf das was passiert, wenn junge Frauen ihre Pubertät durchleben. Und genau das tut Karin Flaake in ihrem vorliegenden Buch und eröffnet neue Einblicke in die Dimension des Prozesses weiblicher Pubertät.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis;6
2;Zur Studie;9
3;Danksagung;13
4;Die erste Menstruation;14
4.1;Erlebensweisen und Gefühle;14
4.2;Bedeutungsgehalte exemplarisch: Katrin Abel;15
4.3;Unterschiedliche Ausgestaltungen und Gewichtungen;23
5;Mütter, Töchter und Menstruation;29
5.1;Bedeutung der Menstruation in der Mutter-Tochter-Beziehung;29
5.2;Mütter, Töchter und Menstruation exemplarisch - Einzelstudien;30
5.3;Mütter, erste Menstruation und die Schwierigkeit, es anders zu machen als die eigene Mutter;54
5.4;Leibliche Bindungen zwischen Mutter und Tochter;60
5.5;Sexualität, Schuld und das Blut der Menstruation in der Mutter-Tochter-Beziehung: Slavenka Drakulic` Roman "Marmorhaut";66
5.6;Erotik und Sinnlichkeit zwischen Mutter und Tochter;68
5.7;Erste Menstruation, Mutter-Tochter-Beziehung und die Verkehrung von Erotik und Sinnlichkeit in Leiden: Audre Lordes Autobiographie "Zami";73
5.8;Kulturelle Hygienegebote und Einschreibungen in den Körper;76
5.9;»Da war nur der unbewußte Drang, mich von ihr zu befreien« – Mütter, Töchter und die Unmöglichkeit einer schmerzlosen Trennung;80
6;Väter, Töchter und die erste Menstruation;86
6.1;Verunsicherungen, Trennungsschmerzen und Neuorientierungen;86
6.2;Sexuelle Wünsche, Phantasien und Ängste der Väter;91
7;Erste Menstruation – Beginn des Weges in ein eigenes Leben: Innere Prozesse und äußere Bedingungen;98
8;Die Schwierigkeiten einer Aneignung des weiblichen Körpers und die Ambivalenz medizinischer Angebote;108
9;Weibliche Körperlichkeit und Schönheitsvorstellungen – Wünsche, Verunsicherungen, Bestätigungen;110
9.1;Körpergefühle und die Bedeutung der Brüste;110
9.2;Gesellschaftliche Bilder weiblicher Körperlichkeit, Selbstbilder und die Blicke des anderen Geschlechts;114
9.3;Mutter-Tochter-Beziehung und der Stolz auf den weiblichen Körper–Möglichkeiten und Verhinderungen;118
9.4;Rivalität in der Mutter-Tochter-Beziehung: Muß eine von beiden die Schönere sein?;121
9.5;Die Bedeutung von Freundinnen;126
9.6;Die Chance von Beziehungen zu anderen Frauen als der Mutter;130
10;Adoleszentes Begehren zwischen homo- und heterosexueller Leidenschaft: Die Sehnsucht nach dem Körper der Mutter und die Verführung durch den Mann in Slavenka Drakulic´ Roman »Marmorhaut«;132
11;Sexualität und sexuelle Beziehungen;137
11.1;Adoleszentes Begehren und veränderte Handlungsspielräume in den letzten Jahrzehnten;137
11.2;Einbettung in Gruppennormen;138
11.3;Erste Erfahrungen;140
11.4;Aktive Beziehungsgestaltung und Vermeidungsstrategien;145
11.5;Das Verbot, sich selbst zu berühren;149
12;Mutter-Tochter-Beziehung und die Sexualität der Tochter;156
12.1;Mütter, Töchter, Sexualität und die Nähe des Zusammenlebens;156
12.2;Mütter und die Lust der Töchter – Ängste, Ambivalenzen und Projektionen;160
12.3;Mütter und die Lust der Töchter – die Schwierigkeit, den Mut zum Ja-Sagen zu vermitteln;166
12.4;Der Mangel an Bestätigungen durch das eigene Geschlecht und die Abhängigkeit vom anderen Geschlecht;172
13;Körperlichkeit und Sexualität in der Vater-Tochter-Beziehung;177
13.1;Vater-Tochter-Beziehung im Beziehungsdreieck Vater-Mutter-Tochter;177
13.2;Vater-Tochter-Beziehung und Familiendynamiken exemplarisch: Familie Berger;178
13.3;Abgrenzungsbedürfnisse gegenüber dem Vater und Verführungsphantasien junger Frauen im Familienkontext;186
13.4;Erotische Vater-Tochter-Spiele aus der Sicht einer Tochter: Alissa Walsers Erzählung »Geschenkt«;193
13.5;Väter und der Körper der Tochter – Abschiedsgefühle und Begehren;199
13.6;Mißlingende Abgrenzungen von der Tochter – Abrupte Distanz und verstrickende Nähe;204
13.7;Die Versuchung, eigene Probleme auf Kosten der Tochter zu lösen;209
13.8;Die ersten Liebesbeziehungen junger Frauen – Einbindung in Vater-Tochter-Dynamiken und ihre Bedeutung für Ablösungsprozesse;216
14;Die Notwendigkeit einer Neuorientierung der Eltern als Paar;222
15;Körper, Sexualität und Geschlecht – Psychische Dynamiken, Beziehungsmuster und gesellschaftliche Einbindungen;225
15.1;Soziale Ausgestaltungen des Körpererlebens;225
15.2;Adoleszenz und die eindeutige Zugehörigkeit zum Geschlecht der Mutter;227
15.3;Adoleszente Aneignungsprozesse und Familiendynamiken;230
15.4;Wege in ein eigenes Leben;236
16;Anmerkungen;240
17;Literatur;264
Mutter-Tochter-Beziehung und die Sexualität der Tochter (S. 155-156)
Mütter, Töchter, Sexualität und die Nähe des Zusammenlebens
Die ersten sexuellen Erfahrungen von Mädchen und jungen Frauen sind eingebunden in ein besonderes Spannungsverhältnis zur Mutter. Einerseits sind sie Ausdruck zunehmender Abgrenzungs- und Trennungsprozesse, andererseits sind weiterhin innere Bindungen an die Mutter vorhanden, durch die ihre Reaktionen und Verhaltensweisen bedeutsam sind. Diese Spannung zwischen wachsender Unabhängigkeit und fortbestehender Verbundenheit wird deutlich in den Schilderungen derjenigen Mädchen und jungen Frauen, die – wie die meisten – betonen, der Mutter nichts von ihren sexuellen Erfahrungen zu erzählen, die aber dennoch auf eine wohlwollende, bestätigende und bei Bedarf unterstützende Haltung der Mutter hoffen, zum Beispiel indem sie, wie Lisa Busch, mit ihr zur Gynäkologin gehen möchten, um sich die Pille verschreiben zu lassen, oder, wie Lena Lutz, gerne ihre Unterstützung hätten bei der Entscheidung, die Pille abzusetzen. Diese Wünsche an die Mutter können auch verstanden werden als Ausdruck von Bedürfnissen nach einer bestätigenden Rückversicherung auf dem Weg in unbekanntes Terrain, vielleicht auch nach einer beruhigenden Spiegelung des Neuen und Verunsichernden im eigenen Inneren, der Erregungen und des Geschehens im innergenitalen Raum.1 Vor diesem Hintergrund haben die Botschaften der Mütter über Sexualität eine große Bedeutung. Sie signalisieren auf dem Wege der Auseinandersetzung mit sexuellen Wünschen, Erregungen und körperlichen Potenzen mehr oder weniger Beruhigung und Unterstützung, mehr oder weniger die Erlaubnis für eine eigene Lust.
Die ersten sexuellen Beziehungen haben bei vielen ihren Ort auch im räumlichen Kontext der Familie und damit in unmittelbarer Nähe zu den Eltern. Nur wenige der jungen Frauen äußern darüber Unbehagen. Nur selten scheint es – wie für Lena Lutz – »nicht der richtige Ort dafür« zu sein. »Es ist eben nicht genügend Intimsphäre hier... und das bringt mich sofort aus der Stimmung«, faßt Lena ihre Bedenken zusammen. Sexuelle Erfahrungen erhalten durch ihre Ein bettung in den familialen Alltag den Charakter des Selbstverständlichen, der angstmindernd wirken kann, zugleich wird Sexualität damit aber auch in die Dynamik der Eltern-Kind-Beziehung eingebunden. Inzestuöse Phantasien können in eine als gefährlich erlebte Nähe zur Realität geraten, die sexuellen Erfahrungen in die Beziehung zu den Eltern eingebunden bleiben. Auf der Ebene der Phantasien gibt es dann keine »Intimsphäre«, das Bedrohliche der zugleich äußeren und inneren Nähe zu den Eltern »bringt... aus der Stimmung«.
Auch für Mütter ist die Nähe zu den sexuellen Erfahrungen der Tochter nicht unproblematisch. In einigen Interviews wird deutlich, wie irritierend es für Mütter ist, mit der Sexualität ihrer Tochter direkt konfrontiert zu werden, wenn der Freund im Zimmer der Tochter übernachtet. So beschreibt Frau Duden ihre Verwirrung: »Da wollte sie gerne, daß ihr Freund bei uns schläft. Ja, dann fand’ ich das erst ganz komisch. Weil, wieso, wieso will der hier schlafen?... Wieso will der hier denn schlafen? Und dann da in deinem Zimmer?« Frau Duden beschreibt eine Situation, in der sie nicht begreifen will, daß Franka eine sexuelle Beziehung hat, daß sie mit ihrem Freund schläft. Das fand sie »erst ganz komisch«. Sie ist sich ihrer Grenzen in dieser Situation bewußt: »Da hab’ ich erst gedacht, stellst dich ja, einerseits stellst du dich ja ganz blöd an, aber andererseits konnt’ ich mir das auch –« Hier bricht Frau Duden ihre Darstellung ab, möglicherweise ließe sich ihre Äußerung ergänzen mit ›nicht vorstellen‹. Die Tochter nicht mehr als Kind, sondern Frau mit eigener Sexualität zu sehen bedeutet eine Erschütterung der bisherigen Beziehung zu ihr, verdeutlicht einen weiteren Schritt weg von der Kindposition und schafft für Mütter die Notwendigkeit von entsprechenden Neuorientierungen. Zugleich können auch hier inzestuöse Phantasien in eine als bedrohlich erlebte Nähe zur Realität geraten. Die – reale oder vermutete – sexuelle Erregung der Tochter kann die eigene sexuelle Erregung stimulieren, Generationengrenzen drohen aufzuweichen, inzestuöse Phantasien und die in einer realen Situation erlebte eigene Lust vermischen sich. Die damit verbundene innere Bedrohung kann Botschaften gegenüber der Tochter nahelegen, die – zum eigenen Schutz – eher lustbegrenzenden, verbietenden denn gewährenden, beruhigenden, unterstützenden Charakter haben. Gunter Schmidt (1986) vermutet einen Zusammenhang zwischen der großen emotionalen Nähe in Familien und den Tendenzen von Eltern, die Sexualität ihrer Kinder zu kontrollieren. »Vermutlich führt die hohe Intimität zwischen Eltern und Kindern zu einer erhöhten Inzestangst...




