E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: LYX.digital
Flanagan How to Love a Rockstar
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7363-1317-0
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-1317-0
Verlag: LYX.digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Im Blitzlichtgewitter sieht die Welt auf einmal ganz anders aus'
Das muss auch Josy erfahren, deren Leben auf einmal Kopf steht, nachdem Cedric, der Leadsänger der Lonely Lions, Irlands angesagtester Band, sie vor laufenden Kameras geküsst hat. Nun denkt die ganze Welt, dass sie seine Freundin ist - eine Lüge, die Cedric gerne aufrechterhalten würde, denn er ist den Presserummel um sein Privat- und Liebesleben gründlich leid! Er will endlich Zeit haben, sich voll auf seine Musik zu konzentrieren. Nur so kann er vergessen, was er zurückgelassen hat, um dahin zu kommen, wo er jetzt ist. Also schlägt er Josy vor, noch eine Weile länger seine Freundin zu spielen. Doch je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto mehr verschwimmen die Grenzen von Spiel und Wirklichkeit ...
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2
»Wie hat sich der Kuss angefühlt?«, wollte Drew wissen, nachdem ich ihr alles erzählt hatte. Wir saßen nach meinem Feierabend bei einem Tee im Fitzgerald’s in Temple Bar. Drew hatte sich ganz schön aufgemotzt für das Konzert, zu dem sie eigentlich mit ein paar Kommilitoninnen hatte gehen wollen, mit denen sie aber sonst nicht viel zu tun hatte. Da ich nun unverhofft zu einem Ticket gekommen war, gingen wir spontan zusammen hin. Seit Monaten freute sie sich darauf, sie sprach seit Tagen von nichts anderem mehr. Und doch saß sie nun wie ein Häufchen Elend vor mir. In ihrem zerknirschten Gesicht glitzerte es überall und riesige Ohrringe umrahmten ihren schlanken Hals. Mit ihren kurzen Haaren, die ihr nicht mal über die Ohren gingen, war sie trotzdem so viel mehr Mädchen als ich. In ihrem Schlafzimmer waren alle vier Wände mit Postern von den Lonely Lions tapeziert. Neben ihrem Bett prangte eine lebensgroße Aufnahme von Cedric. Eigentlich hätte ich ihn allein deshalb schon erkennen müssen, hätte ich nur eine Sekunde lang nachgedacht.
»Drew«, sagte ich eindringlich und schüttelte den Kopf. Mein Blick glitt zum Fenster hinaus, verweilte kurz auf der Wasseroberfläche der Liffey, die durch den grauen Kanal floss, um dann die roten Backsteingebäude auf der gegenüberliegenden Flussseite zu betrachten.
»Nein«, fauchte sie mich beinahe an, »ich will es wissen. Ich will wissen, wie er küsst, wenn ich es schon nicht selbst ausprobieren darf.«
»Na schön. Es war … sehr intensiv.« Ich wusste beim besten Willen nicht, wie ich das überwältigende Gefühl beschreiben sollte. Allein die Erinnerung löste unzählige kleine, heiße Explosionen in meinem Körper aus. Doch ich wusste auch nicht, warum Drew sich selbst so quälte. Kaum hatte ich es ausgesprochen, brach sie schon fast wieder in Tränen aus.
»Ist mein Make-up verwischt?«, fragte sie mit hundselendem Gesichtsausdruck.
»Nein, alles noch gut. Drew, bitte mach dir nicht so viele Gedanken. Cedric ist es nicht wert. Er ist … Na ja, du weißt doch, wie Rockstars sind: eingebildet, arrogant, oberflächlich …«
»Nein«, fiel sie mir mit fester Stimme ins Wort. »Nicht Cedric. Cedric ist kein typischer Rockstar.«
Oje, Drew und ihre rosarote Brille. Nur weil Cedrics Songs sie damals aus ihrer Krise geholt hatten, nachdem ihr Hund gestorben war, glaubte sie, dass er so etwas wie ein Seelenverwandter war. Da er dazu auch noch unheimlich gut aussah, war es Drews größter Traum, Cedric einmal persönlich zu treffen. Sie war immer eine Flirtkanone gewesen, hatte sich von einem Liebesabenteuer ins nächste gestürzt, aber seit sie Cedric verfallen war, hatte kein anderer Mann mehr eine realistische Chance bei ihr gehabt. Als beste Freundin hätte ich mich mit ihr ins Nachtleben stürzen und sie auf andere Gedanken bringen müssen. Das war nur leider nicht meine Welt.
»Er ist Schotte«, fuhr Drew fort, und ich wusste, was jetzt kam. Ich hatte mir ihre Schwärmereien schon oft genug anhören müssen. »Er ist in den Highlands aufgewachsen und hat schon als Kind Musik gemacht. Er schreibt alle seine Songs selbst, nicht irgendeine Plattenfirma. Hast du dir die Texte mal angesehen? Mach das mal, die sind so … hach.« Schwärmerisch verdrehte sie die Augen und legte sich dabei beide Hände aufs Herz. »So tiefsinnig. Und berührend.«
»Mhm«, machte ich. »Nein, habe ich nicht. Ach, aber ich hab ja was für dich!« Froh, dass mir in diesem Moment die Autogrammkarte wieder eingefallen war, holte ich sie aus meiner Handtasche und schob sie ihr über den massiven Holztisch zu. »Sie haben alle darauf unterschrieben«, versuchte ich meine Freundin aufzuheitern.
Drew griff nach der Postkarte und nahm sie in Augenschein. Ich wartete darauf, dass ihre Mundwinkel sich endlich wieder zu einem Lächeln hoben. Zu meinem Erschrecken zogen sie sich in die andere Richtung. Nun übertraten die Tränen, die schon die ganze Zeit über ihre Augen anfüllten, den dicken Kajalstrich und liefen an ihren Wangen hinab. Ihre Schultern wurden von stummen Schluchzern geschüttelt. Hilflos sah ich zu und dachte wieder einmal, dass ihre emotionale Art perfekt zu ihrem Studium, Theaterwissenschaft, passte. Dann wischte sie sich mit der Hand über die Augen.
»Du küsst Cedric und ich bekomme ein Autogramm?«, brachte sie tränenerstickt hervor. Die Schluchzer wurden heftiger.
»Es tut mir leid. Ich dachte, du freust dich.«
Nach einer Weile schien sie sich zu fangen. »Sorry. Ich muss das alles nur erst verdauen. Immerhin hast du an mich gedacht.«
»Natürlich habe ich das.« Ich legte meine Hand auf ihre. »Hör zu. Jedes beliebige andere Mädchen hätte dort an meiner Stelle stehen können. Du hättest es in der Zeitung gelesen und dich vielleicht kurz geärgert, aber dann hättest du es wieder vergessen. Und auch ich werde diesen Kuss wieder vergessen. Und Cedric hat ihn sowieso schon längst vergessen. Seien wir einfach froh, dass ich ihn bekommen habe und nicht eine von diesen widerlichen Gören, die Cedric an den Fersen kleben.«
Drews Atemzüge beruhigten sich. »So habe ich das noch gar nicht gesehen.«
Irgendwie hatte ich geglaubt, über die Schmetterlinge hinweg zu sein, die unser außergewöhnliches Kennenlernen mit sich gebracht hatte, doch sobald ich Cedric auf der Bühne sah, die Gitarre lässig auf dem Rücken hängend, das Mikrofon mit beiden Händen fest umschlossen und die Augen beim Singen gefühlvoll geschlossen, waren sie wieder da. Die Songs der Lonely Lions hatte ich schon ab und zu im Radio und tausende Male bei Drew gehört. Ich hatte ihnen nie etwas abgewinnen können, doch heute Abend gingen sie mir unter die Haut. Cedric hatte eine so selbstbewusste Art, die Bühne zu rocken, als wäre sie sein Wohnzimmer. Und jedes Mal, wenn ich an den Kuss von ihm dachte, spürte ich ein Kribbeln und musste grinsen. Als er sich auf die Knie warf und mit Hingabe ein herzzerreißendes Liebesgeständnis ins Mikrofon sang, ging meine Fantasie mit mir durch, die mir vorgaukelte, ich würde dort vor ihm stehen und seine Worte würden mir gelten. Dass er eine Stimme hatte, von der man Gänsehaut bekommen konnte, hatte ich bereits bei unserem kurzen Gespräch festgestellt, doch als er seine Rockballaden sang, war es um mich geschehen.
Zum Glück merkte Drew von alledem nichts, sie war viel zu sehr mit ihren eigenen Tagträumen beschäftigt. Und auf einmal wurde mir bewusst, dass es nicht nur ihr und mir so ging, sondern allen Mädchen in der großen Halle.
Oder fast allen. So manches Herz mochte auch für den Bassisten, den Backgroundsänger mit der E-Gitarre, den Schlagzeuger oder den Keyboarder schlagen.
Drew und ich standen im hinteren Drittel der Menge, obwohl wir frühzeitig da gewesen waren. Kurz vor Beginn war auf einmal eine fürchterliche Hysterie ausgebrochen. Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, was los war. Mein erster Gedanke war ein Attentat. Erst als aus verschiedenen Richtungen Cedrics Name gerufen wurde, war mir klar, dass es allen nur darum ging, nach vorne zu stürmen und einen Platz in den ersten Reihen zu ergattern. Kreischende Mädchen schoben sich mit Gewalt Richtung Bühne, als ginge es um Leben und Tod. Drew und ich schoben uns in die andere Richtung, denn irgendwie ging es wirklich um Leben und Tod – die wild gewordene Masse war ungefähr so rücksichtsvoll wie ein Tsunami. Geschockt bekam ich mit, wie ein Mädchen umgerannt wurde, andere trampelten über sie hinweg, bis ein Sicherheitsmann ihr aufhalf und sie aus der Gefahrenzone brachte. Weiter vorn zogen die Sicherheitsleute Fans aus der Menge, manche wurden auf Tragen hinausgebracht. Ein Mann auf der Bühne versuchte die Menge mit beruhigenden Worten zu beschwichtigen. Doch vergebens – für ihren Schwarm würden diese Mädchen über Leichen gehen. Nun war ich froh, weiter hinten und damit näher am Ausgang zu stehen. Denn ich fühlte mich plötzlich beobachtet. Ich bemerkte ein paar Mädchen in unserer Nähe, die mit dem Finger auf mich zeigten und andere um sie herum auf mich aufmerksam machten. Sie mussten mich als die Frau auf dem Foto erkannt haben.
»Drew, ich muss gehen«, sagte ich und stieß meine weggetretene Freundin an.
Entgeistert erwiderte sie meinen Blick. »Was?«
»Ich sollte jetzt besser gehen«, wiederholte ich, und im selben Moment stupste mich jemand von hinten an.
»Hey, du bist doch Cedrics Freundin.«
»Soll ich mitkommen?«, fragte Drew jetzt mit etwas mehr Verständnis.
»Nein. Du bleibst hier und genießt das Konzert. Ich nehme mir ein Taxi.«
»Das ist sie«, hörte ich jemanden sagen.
»Nein, das ist eine Verwechslung«, rief ich und rannte Richtung Ausgang. Irrte ich mich, oder war das schon meine zweite überstürzte Flucht an diesem merkwürdigen Tag? Draußen angekommen winkte ich sofort das erste Taxi heran. Normalerweise überquerte ich von Temple Bar aus kommend erst die Half Penny Bridge und nahm mir auf der anderen Flussseite ein Taxi, denn auf dieser Seite mussten sie erst in der Einbahnstraße in die für mich falsche Richtung fahren. Doch heute gönnte ich mir den Luxus und hielt den nächstbesten freien Fahrer an.
Erleichtert, endlich in Sicherheit zu sein, ließ ich mich auf den Rücksitz fallen. Der Taxifahrer las gemütlich den Artikel zu Ende, den er auf seinem Tablet geöffnet hatte, und legte das Gerät dann auf den Beifahrersitz, bevor er sich zu mir umdrehte. Statt etwas zu sagen, zog er nur die Brauen hoch, und ich dachte schon, er wollte mich anbaggern. Für einen Moment fühlte ich mich unbehaglich und überlegte wieder auszusteigen....




