E-Book, Deutsch, 330 Seiten
Flaubert "Ich schreibe gerade eine kleine Albernheit"
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-908778-84-4
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ausgewählte Briefe 1832–1880
E-Book, Deutsch, 330 Seiten
ISBN: 978-3-908778-84-4
Verlag: Dörlemann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gustave Flaubert, geboren 1821 in Rouen, studierte zunächst auf Drängen des Vater Jus, gab das Studium jedoch krankheitsbedingt 1843 auf und unternahm 1847 seine erste große Reise in die Bretagne mit seinem Freund, dem Literaten Maxime Du Camp. Die beiden beschlossen, gemeinsam einen Reisebericht zu verfassen, bei dem Flaubert die ungeraden Kapitel übernahm.
Weitere Infos & Material
An Jules Duplan
[Croisset,] Donnerstag [29. Juli 1869]
Lieber Alter,
Dein armer Riese hat eine gewaltige Kopfnuss bekommen, von der er sich nicht wieder erholen wird. Ich sage mir: »Wozu jetzt noch schreiben, da er nicht mehr da ist!« Nun ist Schluss mit den schönen Brüllereien, den gemeinsamen Schwärmereien, den zusammen erträumten zukünftigen Werken.
Man muss »Philosoph und ein Mann von Geist« sein wie Bandole, aber das ist nicht leicht.
Die Einzelheiten erzähle ich Dir, wenn wir uns sehen. Jetzt sollst Du erst einmal wissen, dass er als Philosoph gestorben ist und kein einziger Kirchenmann sein Domizil besudelt hat.
Das Schlimmste für mich war meine Reise von Paris nach Rouen; ich dachte, ich krepiere vor Durst. – Und vor mir hatte ich ein Flittchen, das lachte, sang und Zigaretten rauchte! etc.
___________
Es hat sich eine Kommission gebildet, um ihm ein Denkmal zu setzen. Man wird ihm ein kleines, anständiges Grab machen und eine Büste, die ins Museum kommt. Man hat mich zum Präsidenten dieser Kommission ernannt; ich schicke Dir die erste Liste der Unterzeichner.
Das Odéon hat mir zwei sehr schöne Briefe geschrieben, am 12. August treffe ich mich mit den Direktoren.
Ich bin im Besitz all seiner Papiere; er hinterlässt einen sehr schönen Gedichtband, den ich ein paar Tage nach der Aufführung von Aissé herausbringen möchte.
___________
Ich hatte nicht die Kraft, meinen Roman noch mal zu lesen, umso mehr als die Anmerkungen von Maxime mich ärgern, so richtig sie sein mögen. Ich fürchte, sie allesamt zu akzeptieren oder alles zum Teufel zu schicken.
___________
Was für ein Verlust für die Literatur, mein armer Alter! Was für ein Verlust! – und von allem anderen nicht zu reden.
Und Du bist also immer noch krank! Mach ihm das nicht nach, um Gottes Willen! das fehlte mir noch.
Ich umarme Dich.
Der Deine.
An George Sand
[Croisset, 3. August 1870]
Wie denn, lieber Meister? Sie auch entmutigt, traurig? Was soll dann aus den Schwachen werden?
Ich bin in einer Weise niedergeschlagen, die mich zum Staunen bringt. – Und ich kreise in einer bodenlosen Melancholie, trotz der Arbeit, trotz des guten Saint Antoine, der mich ablenken sollte. Ist das die Folge meiner wiederholten Kümmernisse? Mag sein. Aber vor allem liegt es am Krieg. Mir scheint, wir kommen ins Pechschwarze?
Das ist also die Natur des Menschen! Stellen Sie jetzt Theorien auf! Preisen Sie den Fortschritt, die Aufklärung, den gesunden Menschenverstand der Massen und die Sanftmut des französischen Volkes. Ich versichere Ihnen, dass man hier totgeschlagen würde, wenn man auf die Idee käme, Frieden zu predigen.
Was auch geschieht, wir sind für lange Zeit zurückgefallen.
Vielleicht werden die Stammeskriege von Neuem beginnen? Wird man noch vor Ablauf eines Jahrhunderts erleben, dass sich mehrere Millionen Menschen in einem einzigen Waffengang gegenseitig umbringen? Der ganze Orient gegen das ganze Europa, die alte Welt gegen die neue! Warum nicht? Die großen gemeinsamen Projekte wie der Suezkanal sind vielleicht in anderer Form Andeutungen und Vorbereitungen dieser monströsen Konflikte, von denen wir keine Vorstellung haben?
Vielleicht erntet Preußen auch eine ordentliche Tracht Prügel, die der Vorsehung gut in den Plan passen würde, um das europäische Gleichgewicht wieder herzustellen? Dieses Land hat dazu geneigt, sich krankhaft aufzublähen, wie Frankreich es unter Louis XIV und Napoléon getan hat. Die anderen Organe fühlen sich bedrängt. Daher eine allgemeine Unruhe. Wäre ein gewaltiger Aderlass da von Nutzen?
Ach, wir Büchermenschen! Die Menschheit ist weit entfernt von unserem Ideal! Und unser riesiger Irrtum, unser unheilvoller Irrtum ist zu glauben, sie sei wie wir, und entsprechend mit ihr umzugehen.
Der Respekt, der Fetischismus, den man dem allgemeinen Wahlrecht entgegen bringt, empört mich mehr als die Unfehlbarkeit des Papstes (welche, in Klammern, ihre Wirkung soeben hübsch verfehlt hat. Armer Alter!). Glauben Sie, es wäre so weit mit uns gekommen, wenn Frankreich, statt letztlich von der Menge regiert, unter der Herrschaft von Mandarinen stünde? Hätte man, statt die unteren Klassen zu unterrichten, für die Bildung der oberen gesorgt, hätte man nicht erlebt, wie Monsieur de Kératry die Plünderung des Herzogtums von Baden vorschlägt, eine Maßnahme, die das Publikum sehr richtig findet.
Studieren Sie den Spießbürger in diesen Zeiten? Er ist ungeheuerlich! Er bewundert Le Rhin von Musset und fragt, ob Musset »noch mehr geschrieben hat«? Da haben wir nun Musset als Nationaldichter! der Béranger verdrängt! Was für eine riesige Posse … das Ganze!
Aber keine sehr lustige Posse.
Die Armut verspricht groß zu werden. Alle sind knapp bei Kasse, angefangen bei mir! Aber wir waren vielleicht zu sehr ans Behagliche und Ungestörte gewöhnt. Sind wir im Materiellen versunken? Man muss zurück zu der großen Tradition, nicht mehr am LEBEN, am GLÜCK, am Geld noch an irgendetwas zu hängen; das sein, was unsere Großväter waren, leichtlebige, luftige Gestalten.
Früher verbrachte man sein Leben damit, vor Hunger zu krepieren. Die gleiche Aussicht zeigt sich am Horizont. – Entsetzlich, was Sie mir über das arme Nohant berichten! Hier hat das Land weniger gelitten als bei Ihnen.
Übermorgen fahre ich nach Dieppe, wo meine Mutter bei ihrer Enkelin ist. Sie wird in erschreckend zunehmender Weise älter und schwächer. – Auch auf der Seite ist die Zukunft für mich nicht lustig.
Montag bin ich in Paris. Schreiben Sie mir also in die Rue Murillo 4, wo ich ungefähr eine Woche bleiben werde. Ich muss wissen, was aus Aissé und aus Bouilhets Gedichtband wird. – Das zwingt mich, diesen vortrefflichen Michel Lévy wiederzusehen – und wir, wann sehen wir uns wieder?
Liebe Grüße und Ihnen meine zärtlichen Gedanken.
Croisset, Mittwoch 3. August.
An seine Nichte Caroline
[Croisset,] Dienstagabend [27. September 1870]
Meine arme Loulou,
Ich bin wieder bei Kräften, denn ich bin zu allem entschlossen; zu allem, sage ich. Seit Sonntag, als wir die Bedingungen erfuhren, die Preußen uns allein für einen Waffenstillstand auferlegen wollte, hat sich bei allen ein Sinneswandel ereignet. Jetzt ist es ein Duell auf Leben und Tod. Der alten Formel entsprechend muss man »siegen oder sterben«. Die größten Feiglinge haben Mut gefasst. Morgen schickt die Nationalgarde ihr 1. Bataillon nach Vernon. In zwei Wochen wird ganz Frankreich in Waffen stehen. In Rouen sah ich heute Mobilgardisten aus den Pyrenäen! Die Bauern aus Gournay ziehen gegen den Feind. – Insgesamt ergeben die Nachrichten, dass wir in allen Scharmützeln, die rund um Paris stattgefunden haben, im Vorteil waren. – Trotz der Panik der Zuaven von Général Ducrot. – Aber ich vergesse, dass Dein Mann Dir jeden Tag Le Nouvelliste schickt.
Heute beginne ich mit meinen Nachtpatrouillen. – Ich habe »meinen Männern« eine väterliche Ansprache gehalten, in der ich ihnen angekündigt habe, dass ich dem Ersten, der zurückwiche, meinen Säbel in den Wanst schöbe, und sie gleichzeitig aufgefordert habe mich abzuknallen, wenn sie mich fliehen sähen. Dein alter Blender von Onkel hat sich zu epischem Ton aufgeschwungen! Was ist das Hirn doch für ein sonderbares Ding, und vor allem das meine! Kannst Du glauben, dass ich jetzt fast fröhlich bin! Gestern habe ich wieder angefangen zu arbeiten und habe auch wieder Appetit!
Alles nutzt sich ab, selbst die größte Angst.
Dein Onkel Achille bringt mich zum Staunen, denn er will seine Kranken verlassen und zum Gewehr greifen.
Édouard Peley, der vor einer Woche noch zitterte, steht jetzt mit gepacktem Tornister bereit und will nur noch losmarschieren; jeder spürt, dass es sein muss. Die Zeit der Klagen ist vorüber! Gott befohlen! Sei’s drum!
Vielleicht bin ich verrückt? Aber im Augenblick habe ich Hoffnung. – Wenn die Armee von der Loire oder die aus Lyon die Preußen von der Bahnlinie abschneiden kann, sind wir gerettet. – In Paris stehen sechshunderttausend mit Chassepots bewaffnete Männer und elftausend Artilleristen von der Marine. – Nicht gerechnet gewaltige Geschütze und eine Kannibalenwut, die alle antreibt.
Aber sprechen wir von Dir, meine arme Caro! Wie ich mich gräme, Dich nicht zu sehen! Juliet schreibt mir heute, dass Du Dich an das Leben in London gewöhnst. Stimmt das wirklich? Ich empfehle Dir dringend ausgiebige Besuche im British Museum und in der National Gallery sowie in Kensington. Warst Du in Kew und in Kensington? Die Spaziergänge an der Themse sind zauberhaft, nicht wahr? Der Ort, den ich in London am meisten liebe, ist der Rasen von Greenwich. Du hast mir nicht geschrieben, wie es Putzel geht? Hatte sie guten Erfolg?
Was sagst Du zu Julie, die glaubt (was man ihr auch erklärt), dass man immer noch und trotz allem auf »der oberen Landstraße« nach Paris fahren kann?
Deiner Großmutter geht es gut, aber sie ist weiterhin böse auf die alte Lebret, ohne...




